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Polytheismus

Es handelt sich um Religionsformen, in denen das Handeln mehrerer personaler Götter angenommen wird. Dieses Handeln wird dargestellt als aufeinander bezogen, …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Grundstruktur
  2. 2. Historische Einordnung und Forschung
  3. 3. Abgrenzungen und verwandte Formen
  4. 4. Polytheismus in der Antike
  5. 5. Gegenwart und regionale Ausprägungen

Begriff und Grundstruktur

Polytheismus oder Vielgötterei bezeichnet Religionsformen, in denen mehrere persönlich vorgestellte Göttinnen und Götter verehrt werden und als handelnde Wesen gelten. Ihr Handeln bezieht sich aufeinander, richtet sich auf die Welt und betrifft die Menschen. Entscheidend ist nicht allein, dass mehrere voneinander unabhängige Götterkulte vorhanden sind. Eine polytheistische Religion besitzt vielmehr ein Pantheon, also eine geordnete Götterwelt mit einer festen Binnenstruktur, zugeteilten Aufgaben und Regeln.

Die Götter übersteigen das menschliche Maß, etwa durch größere Macht, umfassenderes Wissen oder einen stärkeren Willen. Zugleich werden sie als Persönlichkeiten mit typischen Eigenschaften, nachvollziehbaren Zielen und logisch erscheinenden Handlungen dargestellt. Dadurch können Mythen und Dramen ihre Zusammenarbeit und ihre Konflikte an menschliche Erfahrungen anknüpfen.

Göttliches Handeln ist in eine übergeordnete Ordnung eingebunden. Besonders häufig werden Kämpfe zwischen Göttern verwendet, um den Zustand der Welt zu erklären. Grundlegende göttliche Rollen sind beispielsweise die Mutter oder der Heiler als Sinnbilder für Sorge und Wiederherstellung, der Herrscher oder Schöpfer als ordnende und erschaffende Macht sowie der Kämpfer und gerechte Gott als Instanz moralischer Ordnung.

Ein Pantheon umfasst meist 10 bis 20 Hauptgötter. Diese Begrenzung erleichtert das Zusammenspiel der Götter und die Erhaltung eines einheitlichen Weltbildes. Auch Tempelbetrieb und Kultpflege setzen wirtschaftliche Grenzen. Zugleich bleibt das System dadurch flexibel genug, unterschiedliche Ereignisse zu deuten. Gegliedert werden Pantheons unter anderem nach Geschlecht, Verwandtschaft, Rang, Funktion, Ort, Alter oder Epoche. Diese Ordnungsprinzipien überschneiden sich häufig.

Historische Einordnung und Forschung

Ältere Forschung stellte Polytheismus und Monotheismus häufig als Stufen einer linearen Entwicklung gegenüber. David Hume vertrat 1757 die These, der Polytheismus sei die ursprüngliche Religion der Menschheit und der Monotheismus eine spätere rationale Entwicklung. Im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert nahmen viele Wissenschaftler einen Fortschritt vom magischen Denken und Animismus über den Polytheismus zum Monotheismus an. Unter dem Einfluss christlicher Wertungen galt Monotheismus dabei oft als kulturell, ethisch und religiös höherstehend.

Neuere Forschung kritisiert diese Wertung. Inschriften aus Khirbet el-Qom und Kuntillet ʿAdschrud, die unter anderem auf die Verehrung Ascheras als Gemahlin JHWHs sowie auf Kulte von El und Baal verweisen, führten zu einer Neubewertung antiker Religionen. Eine wachsende Zahl von Forschenden hält den scharfen Gegensatz zwischen Polytheismus und Monotheismus für anachronistisch, also für eine nachträgliche Übertragung späterer Kategorien auf die Antike. Die Gottesvorstellung muss für die Selbstbeschreibung antiker Religionen nicht so zentral gewesen sein, wie es eine monotheistisch geprägte Einteilung voraussetzt.

Raffaele Pettazzoni betrachtete Polytheismus als historischen Normalfall und monotheistische Religionen als Sonderfälle, die aus religiösen Revolutionen hervorgingen. In vielfältigen Lebenswelten ermöglichten mehrere Götter mit eigenen Persönlichkeiten, je nach Ort, Zeit und Anliegen unterschiedliche Gottheiten zu verehren.

Das antike Konzept der Theologia tripartita beschreibt ein System ergänzender religiöser Ausdrucksformen: Kult, Mythos und Drama sowie philosophische Spekulation. Seit Xenophanes im 5. Jahrhundert v. Chr. konnte darin auch die Vorstellung eines über der menschlichen Welt stehenden göttlichen Wesens oder eines „Allgotts“ Platz finden. Polytheistische Systeme konnten damit monotheistisches Denken als ein Element integrieren. Ihre grundlegenden Leistungen waren Integration und Abgleichung durch Selektion. Dies erklärt sowohl ihre Offenheit für monotheistische Elemente als auch ihren Widerstand gegen den universalistischen Anspruch monotheistischer Religionen.

Abgrenzungen und verwandte Formen

Polytheismus steht dem Monotheismus gegenüber, der von nur einem Gott ausgeht. Monolatrie ist eine Zwischenform: Verehrt wird ausschließlich eine einzelne Gottheit als „Spezialgott“, obwohl daneben weitere Götter der jeweiligen ethnischen Götterwelt anerkannt werden. Der Glaube an mehrere Götter bedeutet daher nicht automatisch, dass eine Person alle diese Götter kultisch verehrt.

Eine weitere Form ist der Henotheismus. Henotheisten glauben an mehrere Götter, erkennen aber zeitlich begrenzt oder regional einen höchsten Gott an. Es wird angenommen, dass monotheistische Religionen aus dem Henotheismus entstanden sind. In monotheistischen Kosmologien können die unterschiedlichen Funktionen polytheistischer Götter als Eigenschaften des einzigen Gottes erscheinen oder auf untergeordnete übernatürliche Wesen wie Engel und Heilige übertragen werden.

Auch die Einordnung heutiger Religionen verlangt solche Unterscheidungen. Der Hinduismus ist nur in einzelnen Ausprägungen polytheistisch und wird in Fachkreisen als henotheistisch eingeordnet. Der vedische Hinduismus von etwa 1200 bis 600 v. Chr. war rein polytheistisch; später entwickelte sich ein Monismus, also die Vorstellung einer grundlegenden göttlichen Einheit. Die Upanishaden behandeln diese „Einheit in der Vielfalt“.

Der Buddhismus gilt nicht als polytheistisch. Vor allem im Mahayana werden zwar Bodhisattvas durch Gebete, Opfer und Rituale verehrt, doch gelten sie nicht als Götter. Sie werden vielmehr als Menschen verstanden, die ein hohes Stadium der Erleuchtung erreicht haben. Je nach Lehre können bestimmte Menschen, alle Menschen oder sogar alle fühlenden Wesen einen ähnlichen Zustand erreichen.

Die christliche Trinitätslehre wird von islamischen Gelehrten, einigen jüdischen Gelehrten und teilweise von unitarischen Christen als Polytheismus gedeutet. Trinitarische Christen weisen dies entschieden zurück: Nach ihrer Lehre bilden Vater, Sohn und Heiliger Geist gemeinsam den einen, dreieinigen Gott. Auch die Bezeichnung Christi als „Sohn Gottes“ sowie die Verehrung Marias und anderer Heiliger werden von Kritikern gegen die christliche Selbstbeschreibung als monotheistisch angeführt.

Polytheismus in der Antike

Fast alle Religionen des Altertums waren polytheistisch und besaßen traditionelle Götterwelten, die sich durch lange kulturelle Begegnungen verändern konnten. Dazu gehörten unter anderem die mesopotamischen, kanaanäischen, griechischen, römischen, ägyptischen, germanischen, keltischen, baltischen, finnischen und slawischen Göttersysteme sowie die Götterwelten der Maya und Azteken. Bei Kulturen mit vorwiegend mündlicher Überlieferung sind teilweise nur Namen und kurze Hinweise in Texten benachbarter Gesellschaften erhalten.

Die Größe solcher Götterwelten zeigt sich in Mesopotamien: Eine sumerische Götterliste aus Fara aus der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr. nennt etwa 560 Götternamen. Die Liste An = Anum aus dem 2. und 1. Jahrtausend v. Chr. enthält mehr als 1750 Namen, wobei bedeutende Gottheiten mehrfach unter verschiedenen Namen und Beinamen erscheinen. Das mesopotamische Pantheon war somit ein komplexes Netzwerk individuell bestimmter und zugleich eng miteinander verbundener Gottheiten.

Ein typisches Beispiel bietet das Atraḫasis-Epos von etwa 1800 v. Chr. Der Pestgott Namtar soll die Menschen vernichten, doch Enki verrät Atrachasis ein rettendes Ritual: Die Menschen sollen ausschließlich Namtar verehren und ihm opfern, bis er die Seuche beendet. Später verweigert der Regengott Adad den Regen, während die Korngöttin Nisaba kein Getreide wachsen lässt. Wieder nennt Enki ein Gegenmittel: Opfer allein für Adad und Nisaba, bis Regen und Vegetation zurückkehren. Der Mythos veranschaulicht eine polytheistische Vorstellung, in der verschiedene Gefahren und lebenswichtige Vorgänge jeweils mit ansprechbaren, durch Rituale beeinflussbaren göttlichen Personen verbunden sind.

Götter konnten menschengestaltig, also anthropomorph, tiergestaltig, also zoomorph, oder als Mischwesen vorgestellt werden. In der Frühdynastischen Zeit, der ersten Hälfte des 3. Jahrtausends v. Chr., setzte sich die Hörnerkrone als bildliches Kennzeichen von Gottheiten durch. Mit wachsenden Reichen konnten lokale Schutzgötter zu Nationalgöttern aufsteigen. Eroberung und kultureller Austausch führten zur Unterordnung, Verbindung oder Übernahme von Götterwelten.

Nur wenige antike Religionen waren nicht polytheistisch, darunter Judentum, Christentum und Zoroastrismus. Für die Entwicklung der jüdischen monotheistischen Religion wird angenommen, dass die Umwandlung frühestens ab 722/720 v. Chr. begann und spätestens nach der Zerstörung Jerusalems 586/582 v. Chr. abgeschlossen war. Ältere Überlieferungen enthalten dennoch Belege für El, Baal, Schamasch, Jarich, Aschera und einen aus Gottessöhnen bestehenden göttlichen Rat.

Gegenwart und regionale Ausprägungen

Gegenwärtige polytheistische Ansätze nennt der Artikel unter anderem im Bön, Candomblé, in der Santería, im Shintō, im modernen Voodoo, in Wicca und in neopaganischen Religionen Europas. Polytheistische Vorstellungen bestehen außerdem in nicht christianisierten Gebieten Ozeaniens und des Amazonasbeckens. Sehr unterschiedliche Götter- und Geisterwelten traditioneller Gemeinschaften werden unter dem Sammelbegriff „Ethnische Religionen“ zusammengefasst. Die Angaben dieses Artikelabschnitts sind laut Wikipedia allerdings nicht hinreichend belegt.

Wo ein monotheistischer Glaube oder staatlicher Atheismus aufgezwungen wurde, blieben ältere polytheistische Praktiken teilweise im Verborgenen erhalten. Bei nachlassendem Druck konnten synkretistische Religionen entstehen; Synkretismus bezeichnet die Verbindung verschiedener religiöser Traditionen. Beispiele sind Mischformen aus Christentum und indigenen amerikanischen Vorstellungen sowie afroamerikanische Religionen wie Santería und Candomblé, die christliche Elemente mit Glaubenssystemen der aus Westafrika verschleppten Menschen verbinden. Teilweise werden ältere Religionen gezielt wiederbelebt, etwa der zentralasiatische Tengrismus oder Bestandteile nordamerikanischer indigener Religionen.

Traditionelle afrikanische Religionen sind nicht allein deshalb polytheistisch, weil ein himmlischer Hochgott Aufgaben an andere Gottheiten überträgt. Ausgeprägter Polytheismus liegt insbesondere dort vor, wo mythische Urahnen aus einem Ahnenkult heraus vergöttlicht wurden oder Funktionsgötter zentrale Autoritäten einzelner Clans bilden. Als Beispiel nennt der Artikel die mehreren hundert Orishas bei Yoruba und Ewe.

Lernvideos zu Polytheismus

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