Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Hans Jonas
Hans Jonas (* 10. Mai 1903 in Mönchengladbach; † 5. Februar 1993 in New Rochelle, New York) war ein deutsch-amerikanischer Philosoph, der von 1955 bis 1976 …
Inhalt6 Abschnitte
Überblick
Hans Jonas (* 10. Mai 1903 in Mönchengladbach; † 5. Februar 1993 in New Rochelle, New York) war ein deutsch-amerikanischer Philosoph. Von 1955 bis 1976 lehrte er als Professor an der New School for Social Research in New York. Bedeutend ist er vor allem durch seine Arbeiten zur Gnosis, zur philosophischen Biologie, zur Ethik der technischen Zivilisation und zur Religionsphilosophie nach Auschwitz.
Sein bekanntestes Werk ist Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation von 1979. Darin formulierte Jonas einen ökologischen Imperativ, der an Kants kategorischen Imperativ erinnert: „Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Im Mittelpunkt steht die Frage, wie Menschen angesichts moderner Technik so handeln sollen, dass echtes menschliches Leben auf der Erde dauerhaft möglich bleibt.
Leben und Ausbildung
Hans Jonas wurde 1903 in Mönchengladbach als Sohn des jüdischen Textilfabrikanten Gustav Jonas und seiner Frau Rosa geboren. Rosa Jonas war die Tochter des Krefelder Oberrabbiners Jakob Horowitz. Hans Jonas hatte zwei Brüder: Ludwig (1901–1916) und Georg (1906–1994). In seiner Jugend wandte er sich gegen den Willen seines Vaters zionistischen Organisationen zu. Zionismus bedeutet hier die politische und kulturelle Orientierung auf eine jüdische Heimstätte in Palästina.
1921 legte Jonas am Stiftischen Humanistischen Gymnasium in Mönchengladbach das Abitur ab. Danach studierte er Philosophie und Kunstgeschichte an der Universität Freiburg. Zu seinen Dozenten gehörten Edmund Husserl, Martin Heidegger und Jonas Cohn. In Freiburg begegnete er außerdem Karl Löwith und Günther Anders. Im Wintersemester wechselte er an die Friedrich-Wilhelms-Universität in Berlin. Dort studierte er Philosophie sowie Kunstgeschichte, Geschichte, Theologie des Alten Testaments und Judaistik an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums. In Berlin schloss er Freundschaft mit Leo Strauss und Günther Anders und wurde Mitglied jüdischer Studentenverbindungen.
1923 begann Jonas eine landwirtschaftliche Ausbildung, eine Hachschara, die auf die Alija, also die Auswanderung nach Palästina, vorbereiten sollte. Noch im selben Jahr entschied er sich aber, weiter zu studieren. Er kehrte zunächst nach Freiburg zurück und folgte dann Martin Heidegger nach Marburg. Dort gehörte er Heideggers studentischem Zirkel an, hörte unter anderem Rudolf Bultmann und schloss eine lebenslange Freundschaft mit Hannah Arendt. Diese Freundschaft war nur zeitweise wegen Auseinandersetzungen über Arendts Werk Eichmann in Jerusalem unterbrochen. In Marburg entwickelte Jonas auch sein dauerhaftes Interesse an der Gnosis.
Nach Studienaufenthalten in Heidelberg, Bonn und Frankfurt kehrte Jonas nach Marburg zurück. Er wurde bei Heidegger und Bultmann mit der Dissertation Der Begriff der Gnosis promoviert. 1930 folgte die Schrift Augustin und das paulinische Freiheitsproblem. Ein philosophischer Beitrag zur Genesis der christlich-abendländischen Freiheitsidee.
Emigration, Krieg und Professur
Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten emigrierte Hans Jonas im September 1933 nach London und 1935 weiter nach Jerusalem. Dort trat er der Hagana bei, einer jüdischen Untergrund- und Verteidigungsorganisation im damaligen Palästina. Bei Ausbruch des Zweiten Weltkriegs verfasste er den Kriegsaufruf Unsere Teilnahme an diesem Kriege. Ein Wort an jüdische Männer. Er trat der British Army im Rahmen der Jüdischen Brigade bei, wurde zum Flakhelfer ausgebildet und half mit der First Palestine Anti-Aircraft Battery bei der Verteidigung Haifas gegen Luftangriffe aus Damaskus und Beirut.
1943 heiratete Jonas Lore Weiner (1916–2012), die aus Regensburg stammte und 1933 mit ihren Eltern nach Palästina emigriert war. Das Paar hatte drei Kinder: Ayalah (* 1948), Jonathan (* 1950) und Gabrielle (* 1955). Jonas wurde mit der Jüdischen Brigade in Italien eingesetzt. Die Brigade zog später durch das befreite Italien und das besiegte Deutschland nach Belgien und Holland. Im Juli 1945 kam Jonas nach Mönchengladbach zurück und erfuhr dort von der Ermordung seiner Mutter Rosa im KZ Auschwitz. Britische Einreiseregeln hatten verhindert, dass die ganze Familie Jonas nach Palästina folgen konnte; seine Mutter hatte ihre Einreiseerlaubnis seinem Bruder Georg überlassen.
Im israelischen Unabhängigkeitskrieg diente Jonas in der israelischen Armee. 1949 siedelte er nach Kanada über, 1955 nach New York. Er war Fellow an der McGill University in Montreal und von 1950 bis 1954 an der Carleton University in Ottawa. Anschließend lehrte er als Professor an der New School for Social Research in New York. Gastprofessuren hatte er unter anderem an der Princeton University, der Columbia University, der University of Chicago und der Ludwig-Maximilians-Universität München. Jonas starb 1993 im Alter von 89 Jahren in New York. 2003 erschienen seine Erinnerungen, herausgegeben von Christian Wiese nach Gesprächen mit Rachel Salamander.
Philosophische Hauptgedanken
Jonas beschäftigte sich zuerst vor allem mit geistes- und philosophiegeschichtlichen Themen. Sein Hauptinteresse galt der spätantiken Gnosis. Gnosis bezeichnet religiös-philosophische Lehren der Spätantike, die Erlösung durch besondere Erkenntnis betonten. Jonas deutete sie aus existenzphilosophischer Perspektive als Ausdruck einer Grunderfahrung des Menschen: einer tiefen Entzweiung zwischen Ich und Welt.
Später entwickelte Jonas eine philosophische Biologie. Damit ist eine Philosophie des Lebendigen gemeint, die den Organismus nicht nur naturwissenschaftlich, sondern auch ontologisch versteht. Ontologie ist die Lehre vom Sein. Jonas wollte damit Dualismen überwinden, also Gegensätze wie Subjekt und Objekt, Geist und Materie, Seele und Leib, Freiheit und Notwendigkeit. Nach seiner Auffassung ist das Geistige schon in einfachen organischen Formen vorbereitet, während der Geist auch in seinen höchsten Leistungen Teil des Organischen bleibt. Freiheit deutete er als ein Prinzip, das im Stoffwechsel angelegt ist. Stoffwechsel bedeutet den grundlegenden Austausch eines Lebewesens mit seiner Umwelt. Diese Freiheit bleibt von materiellen Grundlagen abhängig, kann sich aber in der Entwicklung der Arten zu höheren Formen entfalten.
Auf dieser Grundlage wandte sich Jonas ethischen Fragen zu. Ethik bedeutet die Lehre vom richtigen Handeln. Besonders interessierten ihn das Verhältnis des Menschen zur Natur und der Umgang mit Technik. Anders als viele neuzeitliche Ethiken, die vom Menschen als denkendem und handelndem Subjekt ausgehen, hielt Jonas am ontologischen Gesichtspunkt fest: Was gut und richtig ist, ergibt sich für ihn nicht nur aus subjektiver Überlegung, sondern ist im Sein selbst objektiv vorgezeichnet.
In Das Prinzip Verantwortung entwarf Jonas eine Ethik für die technologische Zivilisation. Moderne Technik hat nach diesem Ansatz eine Reichweite, die früheres Handeln nicht hatte: Sie kann die Bedingungen künftigen menschlichen Lebens gefährden. Deshalb muss Verantwortung auch die Zukunft einbeziehen. Jonas sprach außerdem vom Prinzip Furcht: Der schlechten Prognose müsse stets Vorrang vor der guten eingeräumt werden. Das bedeutet, dass mögliche schwerwiegende Schäden ernst genommen werden sollen, auch wenn günstige Entwicklungen denkbar sind. In die Demokratie hatte Jonas wenig Vertrauen; zeitweise wollte er sie in einem autoritären Staat aussetzen.
Religion und Theodizee
Im Spätwerk beschäftigte sich Jonas wieder stärker mit religionsphilosophischen Fragen, besonders mit seiner jüdischen Tradition. Wichtig ist sein Beitrag zur Theodizeefrage nach Auschwitz. Theodizee meint die Frage, wie von einem guten und mächtigen Gott gesprochen werden kann, wenn es großes Leid und Böses in der Welt gibt.
Jonas meinte: Nach dem millionenfachen Mord an den Juden Europas könne man nur noch von Gott sprechen, wenn man die Vorstellung von Gottes Allmacht aufgebe. Gott bleibe gütig und stehe in Kommunikation mit seiner Schöpfung, könne aber auf den Lauf der Welt keinen Einfluss nehmen. Die Verantwortung für das Böse liege deshalb allein beim Menschen.
Zur Veranschaulichung entwarf Jonas einen eigenen Mythos von einem „werdenden und leidenden Gott“. Darin gibt Gott bei der Erschaffung der Welt seine absolute Macht preis und setzt sich dem Zufall, dem Wagnis und dem Werden in Raum und Zeit aus. Die Schöpfung erscheint als Akt göttlicher Selbstentäußerung: Gott gibt sich ganz in die werdende Welt hinein. Mit dem Menschen erwacht die Transzendenz zu sich selbst; nun liegt es am Menschen, Verantwortung zu tragen.
Werke und Anerkennung
Zu Jonas’ wichtigen Werken gehören Der Begriff der Gnosis (1930), Gnosis und spätantiker Geist, The Gnostic Religion (1958), Organismus und Freiheit. Ansätze zu einer philosophischen Biologie (1973), Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation (1979), Der Gottesbegriff nach Auschwitz. Eine jüdische Stimme (1987), Macht oder Ohnmacht der Subjektivität? (1987), Technik, Medizin und Ethik. Zur Praxis des Prinzips Verantwortung (1987), Materie, Geist und Schöpfung (1988), Philosophische Untersuchungen und metaphysische Vermutungen (1992), Dem bösen Ende näher (1993), Das Prinzip Leben (1997) und Erinnerungen (2003). Seit 2010 erscheint eine Kritische Gesamtausgabe in 5 Abteilungen mit 11 Bänden in 13 Teilbänden.
Für sein Werk erhielt Jonas zahlreiche Auszeichnungen. Dazu gehörten 1984 der Dr.-Leopold-Lucas-Preis zusammen mit Fritz Stern, 1987 der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, das Große Bundesverdienstkreuz, die Ehrenbürgerschaft seiner Heimatstadt Mönchengladbach, Ehrendoktorate, darunter von der Universität Konstanz, sowie Ehrenmitgliedschaften in der American Academy of Arts and Sciences. 1992 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Freien Universität Berlin. Zu seinem 100. Geburtstag wurde er 2003 posthum mit einer Sondermarke der Deutschen Post geehrt, auf der sein Imperativ aus Das Prinzip Verantwortung zitiert wurde.
Lernvideos zu Hans Jonas
16:46
Hans Jonas | Das Prinzip Verantwortung
Ethik-Abi by BOE · 77.035 Aufrufe
7:49
Der Gottesbegriff nach Auschwitz (Hans Jonas): Warum Gott in Auschwitz mitstirbt 🕯️
Berufskolleg to go I Allgemeinbildung · 695 Aufrufe
6:29
5 Echt Jetzt Gott Folge5 Hans Jonas Theologie nach Auschwitz
Mathilde-Planck-Schule · 34 Aufrufe