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Leo Strauss

Als Professor für Politische Philosophie lehrte er von 1949 bis 1969 an der University of Chicago. Strauss gilt als Begründer einer einflussreichen Denkschule – …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Bedeutung
  2. 2. Leben und akademischer Weg
  3. 3. Politische Philosophie und Offenbarung
  4. 4. Kritik der Moderne
  5. 5. Naturrecht, Elite und Textdeutung
  6. 6. Werke, Schule und Wirkung

Kern und Bedeutung

Leo Strauss (1899–1973) war ein deutschamerikanischer Philosoph und Professor für Politische Philosophie. Von 1949 bis 1969 lehrte er an der University of Chicago. Er gilt als Begründer der Straussianer, einer einflussreichen Denkschule, und als scharfer Kritiker der modernen Philosophie, der Aufklärung und des modernen Liberalismus.

Im Zentrum seines Denkens steht die Frage, ob moderne Gesellschaften noch tragfähige Maßstäbe für Wahrheit, Tugend und das richtige Leben besitzen. Strauss meinte, die Moderne habe die klassische politische Philosophie verdrängt. Statt nach dem Guten und nach der besten politischen Ordnung zu fragen, beschäftige sie sich zu stark mit Sicherheit, Wohlstand, Eigentum, wissenschaftlichem Fortschritt und individueller Freiheit. Für Strauss war das unzureichend, weil Politik immer auch moralische und philosophische Grundlagen brauche.

Seine Leitidee war eine Rückbesinnung auf die antike Philosophie, besonders auf Platon und Sokrates. Die Aufklärung habe nach Strauss nicht einfach „mehr Licht“ gebracht, sondern das Denken in eine „zweite Höhle“ geführt, also in eine tiefere Verblendung unterhalb der platonischen Höhle. Aus dieser müsse das Denken erst wieder zur ursprünglichen philosophischen Frage nach Wahrheit, Tugend und dem guten Leben zurückfinden.

Leben und akademischer Weg

Leo Strauss wurde am 20. September 1899 in Kirchhain in Hessen-Nassau, damals Teil Preußens im Deutschen Reich, geboren. Er wuchs in einem konservativ-jüdischen Elternhaus auf. Sein Vater Hugo Strauss war Kaufmann und handelte mit Landmaschinen; seine Mutter war Jennie Strauss, geborene David. Strauss verstand seine jüdische Herkunft als wesentlich: 1931 schrieb er, er würde auf die Frage nach seiner Nation antworten: „Jude und nicht Deutscher.“

Er besuchte das humanistische Gymnasium Philippinum in Marburg bis zum 1. März 1917. Dort entdeckte er klassische europäische Literatur und besonders Friedrich Nietzsche, von dem er später sagte, er habe damals „buchstäblich alles“ geglaubt, was er von Nietzsche las. Von Juli 1917 bis Dezember 1918 diente Strauss im Ersten Weltkrieg im Deutschen Heer, unter anderem als Übersetzer im besetzten Belgien.

Strauss studierte Philosophie in Marburg und Hamburg, außerdem Mathematik und Naturwissenschaften. 1921 wurde er bei Ernst Cassirer über Friedrich Heinrich Jacobi promoviert. Danach studierte er bis 1925 in Freiburg und Marburg weiter, unter anderem bei Edmund Husserl und Martin Heidegger. Er kannte und traf wichtige Denker seiner Zeit, darunter Hans-Georg Gadamer, Hans Jonas, Jacob Klein, Karl Löwith, Hannah Arendt, Walter Benjamin und Gershom Scholem.

Von 1925 bis 1932 arbeitete Strauss an der Hochschule für die Wissenschaft des Judentums in Berlin, vor allem über Spinoza. Vor Beginn der nationalsozialistischen Diktatur ging er mit einem Rockefeller-Stipendium nach Paris. 1933 heiratete er dort Mirjam Petry. Von 1934 bis 1938 forschte er in Cambridge über Thomas Hobbes. 1938 emigrierte er in die Vereinigten Staaten und lehrte an der New School for Social Research in New York City. 1944 wurde er US-amerikanischer Staatsbürger.

1949 wurde Strauss Professor für Politische Philosophie an der University of Chicago. Dort lehrte er bis zu seiner Emeritierung 1968. Eine Nachfolge Martin Bubers an der Hebräischen Universität Jerusalem nahm er nicht an, war dort aber 1954/55 Gastprofessor. 1965 erhielt er die Ehrendoktorwürde der Universität Hamburg und das Große Bundesverdienstkreuz. 1968 wurde er Mitglied der American Academy of Arts and Sciences. Von 1969 bis zu seinem Tod am 18. Oktober 1973 war er am St. John’s College in Annapolis, Maryland, tätig.

Politische Philosophie und Offenbarung

Ein zentrales Thema bei Strauss ist das „politisch-theologische Problem“. Gemeint ist die Spannung zwischen Philosophie und Offenbarung, also zwischen vernünftiger, selbstständiger Suche nach Wahrheit und religiösem Glauben an göttlich offenbarte Wahrheit. Strauss fasste diese Spannung mit dem Gegensatz von „Athen“ und „Jerusalem“ zusammen: „Athen“ steht für das philosophische Leben ohne äußere Autorität, „Jerusalem“ für das Leben nach Offenbarung und religiösem Gesetz.

Für Strauss war die göttliche Offenbarung eine grundlegende Herausforderung für die Philosophie. Wenn es eine absolute göttliche Wahrheit gibt, könnte das menschliche Suchen nach philosophischer Wahrheit zweitrangig oder sogar sinnlos erscheinen. Umgekehrt kann die Philosophie die Religion nach Strauss nicht einfach durch Vernunft „erledigen“. Er kritisierte deshalb die moderne Aufklärung, weil sie aus seiner Sicht glaubte, Religion mit einem unklaren Vernunftbegriff überwinden zu können.

Strauss verlangte, Philosophie müsse sich als Politische Philosophie verstehen. Damit meinte er nicht bloß politische Theorie, sondern eine Philosophie, die fragt, was gut und böse ist, welche Ordnung richtig ist und wie Menschen leben sollen. Ihre Antworten haben immer politische Wirkung. Deshalb müsse Philosophie sich sowohl gegenüber der Politik als auch gegenüber der Offenbarung behaupten. Ein Philosoph könne nach dieser sokratischen Vorstellung weder einfach Theologe noch Politiker sein.

Kritik der Moderne

Strauss kritisierte besonders Liberalismus, Positivismus, Historismus und Relativismus. Liberalismus verstand er als moderne Ordnung, die vor allem Sicherheit, Wohlstand, Eigentum sowie wirtschaftliche und wissenschaftliche Freiheit schützt. Seine Kritik lautet: Dadurch würden die eigentlichen Fragen nach dem guten und richtigen Leben verdrängt. Moralische und religiöse Fragen würden privatisiert, während Politik sich auf Organisation und Interessenausgleich beschränke.

Positivismus bedeutet bei Strauss eine Haltung, die nur methodisch gesicherte Tatsachen als wissenschaftliches Wissen gelten lässt. Daran kritisierte er, dass moralische Werturteile nicht mehr als wahr oder falsch beurteilt werden könnten. Wenn Wissenschaft nur noch nach Tatsachen und Machbarkeit frage, verliere sie die Fähigkeit, ihre eigenen Grundlagen kritisch zu prüfen, und könne amoralisch werden.

Historismus bedeutet bei Strauss die Auffassung, dass Wahrheit von Zeit, Ort und geschichtlicher Situation abhängt. Historisten fragten dann nicht mehr nach den Ideen selbst, sondern nur nach ihren Entstehungsbedingungen. Für Strauss zerstört das den Anspruch der Philosophie auf zeitlose Wahrheit. Max Webers Position bezeichnete er als „edlen Nihilismus“.

Auch Carl Schmitts Schrift „Der Begriff des Politischen“ war für Strauss wichtig. Er teilte Schmitts Kritik am Liberalismus und dessen Betonung des Politischen, das sich in der Unterscheidung von Freund und Feind zuspitzt. Zugleich meinte Strauss, Schmitt bleibe noch in liberalen Denkmustern gefangen. Strauss wollte daher zu einem vormodernen Horizont zurück, in dem antikes Naturrecht und politische Philosophie wieder ernst genommen werden.

Naturrecht, Elite und Textdeutung

Strauss plädierte für eine Rückkehr zum antiken Naturrecht. Naturrecht meint hier nicht einfach ein modernes Gesetz der Natur, sondern die Frage nach einer Ordnung, die aus der Natur der Dinge und des Menschen abgeleitet wird. Im klassischen Naturrecht bezeichnet „Natur“ (griechisch: physis) zum einen die Lebensweise oder den wesentlichen Charakter eines Dinges oder einer Gruppe von Dingen, zum anderen die „ersten Dinge“. Diese ersten Dinge gelten als immer, unvergänglich, unabänderlich und innerlich notwendig.

Aus diesem Naturbegriff folgt für Strauss ein Maßstab: Wenn es eine Natur des Menschen gibt, dann kann man nach der richtigen Lebensweise, dem besten Leben und dem besten Staat fragen. Natur wird dadurch Voraussetzung von Werturteilen. Die politische Philosophie überschneidet sich also mit der Naturrechtslehre, weil beide nach dem richtigen Maßstab für menschliches Leben und politische Ordnung fragen.

Strauss’ Denken ist dabei elitär. Er ging davon aus, dass philosophisches Leben nur wenigen Menschen möglich sei. Die Mehrheit brauche Religion, Vorurteile und stabile Überzeugungen, um Ordnung und Ruhe zu sichern. In diesem Zusammenhang wird bei Strauss auch die Idee erwähnt, dass Vernünftige die Masse belügen oder Mythen einsetzen dürften, etwa im Anschluss an Platons Vorstellung einer „edlen Lüge“ in der „Politeia“.

Wichtig ist außerdem Strauss’ besondere Hermeneutik, also seine Lehre vom Verstehen von Texten. Er unterschied zwischen exoterischer Darstellung, die offen für alle lesbar ist, und esoterischer Codierung, die nur wenige geeignete Leser verstehen. Er meinte, viele philosophische Texte enthielten verborgene Lehren, die nur einem philosophisch geschulten Leser zugänglich seien.

Werke, Schule und Wirkung

Strauss’ gesammelte Werke umfassen ungefähr 160 Publikationen, darunter 30 Bücher. Sein Schüler Allan Bloom unterscheidet drei Phasen. In der frühen Phase von etwa 1920 bis 1937 suchte Strauss seinen philosophischen Weg und beschäftigte sich mit jüdischen Themen, Spinoza, Carl Schmitt, Thomas Hobbes, Max Weber und dem politisch-theologischen Problem. Wichtige Werke dieser Zeit sind „Die Religionskritik Spinozas als Grundlage seiner Bibelwissenschaft“ von 1930, „Philosophie und Gesetz“ von 1935 und „Hobbes’ Politische Wissenschaft“ von 1936.

Die zweite Phase beginnt 1938 mit Strauss’ Übersiedlung in die USA. Dort arbeitete er weiter an seinen europäischen Themen, wandte sich aber auch amerikanischem politischem Denken zu. Hauptwerke sind „On Tyranny“ von 1948, „Persecution and the Art of Writing“ von 1952, „Natural Right and History“ von 1953 und „Thoughts on Machiavelli“ von 1958. Seit Mitte der 1950er Jahre war Strauss in der amerikanischen Politikwissenschaft anerkannt.

Ab etwa 1959 begann sein Spätwerk, in dem er sich vor allem mit antiker Philosophie beschäftigte. Wichtige Arbeiten behandeln Platon, Aristoteles, Thukydides, Aristophanes und Xenophon. Zugleich entstand eine Strauss-Schule. Der Sammelband „What is Political Philosophy“ von 1959 und die mit Joseph Cropsey herausgegebene „History of Political Philosophy“ von 1963 sollten wichtige Themen und Traditionen der politischen Philosophie festlegen.

Die Straussianer wirkten besonders durch Textausgaben, Übersetzungen und politische Philosophie. Allan Bloom übersetzte Platons „Politeia“ ins Englische und wurde 1987 mit „The Closing of the American Mind“ bekannt. Auch Seth Benardete und Joseph Cropsey gelten als wichtige Platon-Interpreten. Fast alle Schriften von Strauss wurden ins Chinesische übersetzt; in China gibt es eine Schule chinesischer Straussianer, zu deren bekannten Vertretern Liu Xiaofeng und Gan Yang zählen.

Strauss selbst äußerte sich nur wenig direkt zur praktischen Innen- oder Außenpolitik. Dennoch wurden seine Schüler und Anhänger häufig mit neokonservativer Politik in den USA in Verbindung gebracht, besonders nach dem 11. September 2001 und im Zusammenhang mit dem Irakkrieg. Der Artikel stellt solche Bezüge als Teil der Rezeption dar, betont aber zugleich: Strauss war politischer Philosoph, kein Politiker.

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