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Hans Jonas | Das Prinzip Verantwortung
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Transkriptautomatisch erstellt · 105 Zeilen
- Der deutsch-amerikanische Philosoph Hans Jonas möchte mit seinem Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung- Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“ die theoretische
- Grundlage für mehr Nachhaltigkeit und einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur schaffen.
- Das bereits 1979 erschienene Buch nahm Ziele der Fridays for Future-Bewegung und der Klimaethik vorweg und ist immer noch hochaktuell.
- Wer war dieser wichtige Denker und was forderte er in seiner Ethik? Hans Jonas wurde am 10. Mai 1903 als Kind einer jüdischen Familie in Mönchengladbach
- geboren. Er studierte Philosophie und Theologie in Berlin, Freiburg und Marburg unter anderem
- bei Edmund Husserl und Martin Heidegger. Bei Heidegger promovierte Jonas 1928.
- In Marburg war die Philosophin Hannah Arendt seine Kommilitonin. Mit ihr entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft.
- Nach der Machtergreifung Hitlers wanderte Jonas zunächst nach London, dann nach Palästina aus.
- Seine Eltern blieben in Deutschland. Jonas‘ Vater starb 1938 in Mönchengladbach, seine Mutter wurde nach Auschwitz deportiert
- und starb dort. In Palästina kämpfte Jonas als Soldat in der jüdischen Brigade für die englische
- Armee. Von 1948 bis 1949 diente er in der israelischen Armee.
- Mit 46 Jahren zog Jonas mit seiner Frau zunächst nach Kanada und später nach New York. Er erwarb die amerikanische Staatsbürgerschaft.
- Von 1955 bis 1976 lehrte Jonas an der renommierten New School For Social Research. Dort setzte er sich intensiv mit den Naturwissenschaften auseinander, was seine spätere Philosophie
- in eine ökologische Richtung lenkte. Er war außerdem Gastprofessor an der Princeton University, der Columbia University, der University
- of Chicago und der Ludwig-Maximilian-Universität München. Als Jonas 1976 mit 73 Jahren als angesehener Religionsforscher emeritierte, begann aber
- erst seine eigentliche Karriere. Jonas hatte sich schon seit den 1950er Jahren kritisch mit dem Verhältnis von Mensch und
- Natur beschäftigt. Im Jahr 1972 veröffentlichte der Club of Rome eine Studie mit dem Titel „Die Grenzen
- des Wachstums“ und warnte darin eindringlich vor den ökologischen Risiken der technologischen und industriellen Entwicklung unserer Zivilisation.
- Die Veröffentlichung dieser Studie war ein Weckruf zu mehr Umweltbewusstsein. Die Zahlen und Fakten dieser Studie bestätigten empirisch Jonas‘ frühere Befürchtungen.
- Jonas wollte diese Fakten theoretisch untermauern und ethische Richtlinien für einen vernünftigen und verantwortungsbewussten Umgang mit den ökologischen Risiken des technologischen
- Fortschritts entwickeln. Mit 73 Jahren verfasste er sein ethisches Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung- Versuch
- einer Ethik für die technologische Zivilisation“. Das Buch erschien 1979 und wurde zunächst ein Bestseller im deutschsprachigen Raum,
- dann ein Welterfolg. Für sein Werk erhielt Jonas zahlreiche internationale Auszeichnungen, unter anderem die Doktorwürde
- mehrerer Universitäten, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und das große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.
- 1966 erscheint das Werk „Organismus und Freiheit“. Darin entwickelt Jonas eine „philosophische Biologie“, welche die theoretische Grundlage
- seiner späteren Verantwortungsethik bilden wird. Die philosophische Biologie basiert auf der Evolutionstheorie.
- Diese besagt ganz grob, dass sich die heutigen Lebewesen aus einfachen Lebensformen immer höher entwickelt haben - bis hin zum Menschen.
- Der Mensch verliert damit seinen Sonderstatus als einzigartiges Lebewesen und wird zum Teil der Evolution, einer kontinuierlichen und schrittweisen Weiterentwicklung.
- Zwischen dem Menschen und anderen Lebewesen wie Tieren und Pflanzen bestehen also keine prinzipiellen, sondern nur graduelle Unterschiede.
- Naturwissenschaftler ziehen daraus den Schluss, dass der Mensch nur ein hochentwickeltes Tier ist.
- Jonas schlussfolgert hingegen, dass das Tier ein noch nicht voll entwickelter Mensch ist. Während die Naturwissenschaften den Menschen also herabstufen und ihm Freiheit und Würde
- absprechen, stuft Jonas das Tier hinauf und spricht ihm Freiheit und Würde zu. Jonas folgert daraus, dass der Mensch Merkmale wie Freiheit, Würde, Bewusstsein und Gefühle
- auch allen anderen Lebewesen - also Tieren und sogar Pflanzen - zuerkennen muss. Diese Merkmale sind bei nichtmenschlichen Lebewesen lediglich noch nicht so weit entwickelt
- wie beim Menschen. Die wichtigste Gemeinsamkeit aller Lebewesen sieht Jonas in der existenziellen Sorge um
- die eigene Existenz. Alles Leben in der Natur strebt nach Selbsterhaltung.
- Daraus leitet Jonas ab, dass nicht nur der Mensch Wert und Würde besitzt, sondern die gesamte existierende Natur.
- Aus dem Eigenwert und der Würde der Natur leitet Jonas einen moralischen Anspruch auf Unversehrtheit ab, welchen der Mensch auch für sich selbst einfordert.
- Der Mensch hat die Pflicht, die Natur respektvoll und pfleglich zu behandeln. Im „Prinzip Verantwortung“ schreibt er: „Jedes Lebendige ist sein eigener, keiner
- weiteren Rechtfertigung bedürftiger Zweck, und hierin hat der Mensch nichts vor anderen Lebewesen voraus.“ Jonas‘ Denken war geprägt von den akuten
- ökologischen Herausforderungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Umweltverschmutzung, bedingungslose Hochtechnisierung, atomare Bedrohung, saurer Regen und Waldsterben
- verunsicherten damals Millionen von Menschen. Jonas bezeichnet seine Ethik als eine Art „Notstandsethik“, als "Minimal-" oder
- "Vermeidungsethik". Diese soll traditionelle Ethiken ergänzen, nicht ersetzen.
- Laut Jonas reichen traditionelle Ethiken nicht mehr aus, um die heute notwendigen moralischen Pflichten zu formulieren und zu begründen.
- Moderne Wissenschaft und Technik haben nämlich einen grundlegenden Wandel der menschlichen Lebenssituation mit neuen und existenziellen Bedrohungen bewirkt.
- Dadurch hat sich das Verantwortungssubjekt verändert. Verantwortlich sind nicht mehr Einzelne, sondern das Kollektiv.
- So kann Verantwortung nicht mehr eindeutig zugeordnet werden. Es braucht daher eine neue Ethik, eine „Ethik der Wissenschaften“.
- Durch die moderne Wissenschaft und Technik hat sich außerdem das Verantwortungsobjekt, der Verantwortungsbereich - genauer der Raum-, Zeit- und Personenhorizont - geändert, den
- die Ethik berücksichtigen muss. War die traditionelle Ethik beschränkt auf den überschaubaren Bereich absehbarer Wirkungen,
- so muss die neue Ethik global sein, also ausgeweitet auf die ganze Welt und sogar das Universum. War die traditionelle Ethik beschränkt auf die Gegenwart bzw. die individuelle Lebensspanne,
- so ist die neue Ethik auf die Zukunft bezogen. Und war die traditionelle Ethik beschränkt auf aktuell lebende Mitmenschen im direkten
- Umfeld, oft nur auf den Handelnden und sein Gegenüber, so ist die neue Ethik ausgeweitet auf Menschen in der ganzen Welt und zukünftige Generationen.
- Die traditionelle Ethik bezeichnet Jonas daher in Abgrenzung zu seiner neuen Ethik als Nahethik bzw. Präsenzethik, seine eigene Ethik als Fernethik bzw. Zukünftigkeitsethik.
- Jonas formuliert als Grundgesetz seiner Verantwortungsethik in Anlehnung an Kant einen neuen kategorischen Imperativ, den sogenannten verantwortungsethischen bzw. ökologischen Imperativ.
- Dieser lautet in seiner positiven Formulierung: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“
- Und negativ formuliert: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens.“
- Zur Erinnerung: Der kategorische Imperativ von Immanuel Kant (1724-1804) lautet in seiner Universalisierungsformel: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen
- kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.“ Und in der Zweck-an-sich-Formel: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen,
- jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ Der verantwortungsethische Imperativ fordert von uns ein Handeln, das auf Nachhaltigkeit
- bedacht ist. Wir sollen uns so verhalten, dass die Lebensbedingungen nachfolgender Generationen durch unser Handeln
- nicht irreparabel beeinträchtigt werden. Jonas wendet sich gegen eine immer rücksichtslosere Ausbeutung der Natur zu Gunsten von wirtschaftlichem
- Wachstum. Dabei spielt das Wörtchen „echt“ eine wichtige Rolle.
- „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Es geht also nicht nur um das physische Überleben
- der Gattung Mensch, sondern um echtes menschliches Leben: Humanität, ein von Moral, Mitgefühl und Respekt bestimmtes Verhalten gegenüber anderen Menschen und der nichtmenschlichen
- Natur. Nur wenn der Mensch Respekt vor dem Wert und der Würde der nichtmenschlichen Natur zeigt,
- kann er sich in Zukunft auch seine eigene Würde bewahren. Jonas nennt seine Ethik „Zukünftigkeitsethik“, da sie sich auf die zukünftige Menschheit
- bezieht, also auch auf nachfolgende Generationen. Diese können laut Jonas die jetzige Generation verantwortlich machen.
- Bei Verantwortung handelt es sich nämlich um eine nicht-reziproke, also eine nicht-wechselseitige Beziehung.
- Wie in einer Eltern-Kind-Beziehung, in welcher Eltern Verantwortung für ihre Kinder haben, aber nicht umgekehrt, hat die jetzige Generation Verantwortung für die zukünftigen Generationen.
- Aus der Verantwortung für zukünftige Generationen erwächst laut Jonas die Pflicht zur Nachhaltigkeit. Heutzutage können durch moderne Wissenschaft und Technik Veränderungen an Mensch und Umwelt
- vorgenommen werden, deren Folgen unabsehbar sind und so verheerend sein können, dass sie außer Kontrolle geraten und zu einer globalen Katastrophe führen können.
- Jonas wendet sich im Blick auf technische Innovationen gegen die Unterscheidung von nützlichem Gebrauch und schädlichem Missbrauch.
- Seiner Ansicht nach ist bereits der Gebrauch missbräuchlich, da die Folgen meist unkalkulierbar sind.
- Daher fordert Jonas im Hinblick auf Wissenschaft, Forschung und Technik eine Umkehrung der Beweislast. Nicht die Gefährlichkeit von Forschung muss nachgewiesen werden, sondern ihre Ungefährlichkeit.
- Als Beispiele für wissenschaftliche Forschung mit potentiell verheerenden Langzeitfolgen nennt Jonas Atomkraft, Gentechnik, digitale Informationstechnologien und Agrochemie.
- Begriffe wie Risiko, Folgenabschätzung und Nebenwirkung gewinnen ethische Bedeutung. Die „vorausgedachte Gefahr“, die „Heuristik der Furcht“ soll laut Jonas Orientierung
- für verantwortliches Handeln bieten. Heuristik ist das Verfahren, mit begrenztem Wissen und wenig Zeit zu guten Lösungen zu
- kommen. Furcht - verstanden als vorausschauende Sorge - kann dabei der Wegweiser sein, um gute Entscheidungen
- zu treffen. Die Heuristik der Furcht kommt bei der Abwägung von Handlungsalternativen zum Einsatz: Wenn
- eine mögliche Gefahr erkannt wird, löst dies Furcht vor unabsehbaren Handlungsfolgen aus, welche abschreckend wirkt.
- Die beabsichtigte Handlung ist dann zu unterlassen. Bei Unsicherheit bezüglich möglicher Folgen unseres Handelns soll man immer den denkbar
- schlimmsten Fall annehmen und dementsprechend handeln. Gibt es auch nur einen kleinen Zweifel bei einer solchen Risikoabwägung, soll man lieber
- nichts unternehmen. Jonas ist sich bewusst, dass eine solche Haltung auch einen letztlich vielleicht doch unproblematischen
- Fortschritt verzögert oder verhindert. Aber er hält die Risiken des Fortschritts für gravierender als die Chancen.
- Es geht seiner Ansicht nach heute nicht mehr in erster Linie darum, die Lebensverhältnisse weiter zu verbessern, sondern darum, die Bedingungen zu bewahren, die ein zukünftiges menschenwürdiges
- Leben überhaupt ermöglichen. Jonas nimmt dabei vor allem die Gebiete in den Blick, von denen man sich heute den größten
- Zuwachs an Lebensqualität erhofft, nämlich die Medizintechnologie, die Biotechnologie und das Wirtschaftswachstum.
- In Bezug auf das Wirtschaftswachstum fordert er eine Selbstbeschränkung. Wir sollen unsere Ansprüche an Lebensqualität nicht immer weiter steigern, sondern absenken.
- So ist ein permanentes Wirtschaftswachstum nicht länger nötig und die Natur wird nicht immer mehr ausgebeutet.
- Jonas macht sich auch Gedanken um die Umsetzung seiner Verantwortungsethik. Dabei zieht er auch unbequeme und unkonventionelle Maßnahmen in Betracht.
- Als eine mögliche Maßnahme sieht er eine Einschränkung der wissenschaftlichen Forschung. Die Freiheit der Wissenschaft muss laut Jonas dort enden, wo Wert und Würde der Natur verletzt
- werden. Jonas befürchtet zudem, dass alle geschaffenen wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten
- auch irgendwann angewendet werden - selbst wenn sie potentiell sehr gefährlich sind. Die frühere Unterscheidung zwischen reiner und angewandter Wissenschaft, also zwischen
- Theorie und Praxis, verschwindet nämlich mehr und mehr. Forschung ist heute immer auch schon Anwendung, verbunden mit unabsehbaren und möglicherweise
- verheerenden Folgen. Als Beispiele nennt er Atomtests oder die Genforschung.
- Als zweite Maßnahme zieht Jonas sogar eine zeitweilige Einschränkung der Demokratie in Betracht.
- Die moralische Pflicht der Menschheit zur Selbsterhaltung ist im Konfliktfall ein höheres Gut als die Demokratie.
- Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass Jonas nie konkrete politische Handlungsempfehlungen gab, sondern lediglich überlegte, wie seine Ethik politisch umgesetzt werden könnte.
- Jonas verstand seine Verantwortungsethik als dringende Notmaßnahme, als Warnung vor einer unmittelbar bevorstehenden Vernichtung von Menschheit und Natur durch den Menschen.
- Um Zeit zu sparen, schrieb er sein Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung“ sogar auf deutsch, obwohl er diese Sprache eigentlich mit seiner Auswanderung aus Deutschland abgelegt
- hatte und nie mehr verwenden wollte. Seine Warnung sollte rechtzeitig gehört werden.
- Wie ist deine Meinung? Sind Menschheit und Natur tatsächlich unmittelbar bedroht?
- Und wenn ja, wodurch? Und: Rechtfertigt eine solche Bedrohung die Einschränkung der Forschungsfreiheit und
- der Demokratie? Schreibe deine Meinung sehr gerne unten in die Kommentare.
- Mit den Quizlet-Lernsets „Hans Jonas: Überblick“ und „Hans Jonas: Zukünftigkeitsethik“ kannst du dein Wissen jetzt überprüfen.
- Viel Spaß beim Lernen und bis bald!
Zum Nachlesen
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