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Hans Jonas | Das Prinzip Verantwortung

Ethik-Abi by BOE16:46 77.035 Aufrufe veröffentlicht Auf YouTube

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  1. Der deutsch-amerikanische Philosoph Hans Jonas möchte mit seinem Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung- Versuch einer Ethik für die technologische Zivilisation“ die theoretische
  2. Grundlage für mehr Nachhaltigkeit und einen verantwortungsbewussten Umgang mit der Natur schaffen.
  3. Das bereits 1979 erschienene Buch nahm Ziele der Fridays for Future-Bewegung und der Klimaethik vorweg und ist immer noch hochaktuell.
  4. Wer war dieser wichtige Denker und was forderte er in seiner Ethik? Hans Jonas wurde am 10. Mai 1903 als Kind einer jüdischen Familie in Mönchengladbach
  5. geboren. Er studierte Philosophie und Theologie in Berlin, Freiburg und Marburg unter anderem
  6. bei Edmund Husserl und Martin Heidegger. Bei Heidegger promovierte Jonas 1928.
  7. In Marburg war die Philosophin Hannah Arendt seine Kommilitonin. Mit ihr entwickelte sich eine lebenslange Freundschaft.
  8. Nach der Machtergreifung Hitlers wanderte Jonas zunächst nach London, dann nach Palästina aus.
  9. Seine Eltern blieben in Deutschland. Jonas‘ Vater starb 1938 in Mönchengladbach, seine Mutter wurde nach Auschwitz deportiert
  10. und starb dort. In Palästina kämpfte Jonas als Soldat in der jüdischen Brigade für die englische
  11. Armee. Von 1948 bis 1949 diente er in der israelischen Armee.
  12. Mit 46 Jahren zog Jonas mit seiner Frau zunächst nach Kanada und später nach New York. Er erwarb die amerikanische Staatsbürgerschaft.
  13. Von 1955 bis 1976 lehrte Jonas an der renommierten New School For Social Research. Dort setzte er sich intensiv mit den Naturwissenschaften auseinander, was seine spätere Philosophie
  14. in eine ökologische Richtung lenkte. Er war außerdem Gastprofessor an der Princeton University, der Columbia University, der University
  15. of Chicago und der Ludwig-Maximilian-Universität München. Als Jonas 1976 mit 73 Jahren als angesehener Religionsforscher emeritierte, begann aber
  16. erst seine eigentliche Karriere. Jonas hatte sich schon seit den 1950er Jahren kritisch mit dem Verhältnis von Mensch und
  17. Natur beschäftigt. Im Jahr 1972 veröffentlichte der Club of Rome eine Studie mit dem Titel „Die Grenzen
  18. des Wachstums“ und warnte darin eindringlich vor den ökologischen Risiken der technologischen und industriellen Entwicklung unserer Zivilisation.
  19. Die Veröffentlichung dieser Studie war ein Weckruf zu mehr Umweltbewusstsein. Die Zahlen und Fakten dieser Studie bestätigten empirisch Jonas‘ frühere Befürchtungen.
  20. Jonas wollte diese Fakten theoretisch untermauern und ethische Richtlinien für einen vernünftigen und verantwortungsbewussten Umgang mit den ökologischen Risiken des technologischen
  21. Fortschritts entwickeln. Mit 73 Jahren verfasste er sein ethisches Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung- Versuch
  22. einer Ethik für die technologische Zivilisation“. Das Buch erschien 1979 und wurde zunächst ein Bestseller im deutschsprachigen Raum,
  23. dann ein Welterfolg. Für sein Werk erhielt Jonas zahlreiche internationale Auszeichnungen, unter anderem die Doktorwürde
  24. mehrerer Universitäten, den Friedenspreis des deutschen Buchhandels und das große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland.
  25. 1966 erscheint das Werk „Organismus und Freiheit“. Darin entwickelt Jonas eine „philosophische Biologie“, welche die theoretische Grundlage
  26. seiner späteren Verantwortungsethik bilden wird. Die philosophische Biologie basiert auf der Evolutionstheorie.
  27. Diese besagt ganz grob, dass sich die heutigen Lebewesen aus einfachen Lebensformen immer höher entwickelt haben - bis hin zum Menschen.
  28. Der Mensch verliert damit seinen Sonderstatus als einzigartiges Lebewesen und wird zum Teil der Evolution, einer kontinuierlichen und schrittweisen Weiterentwicklung.
  29. Zwischen dem Menschen und anderen Lebewesen wie Tieren und Pflanzen bestehen also keine prinzipiellen, sondern nur graduelle Unterschiede.
  30. Naturwissenschaftler ziehen daraus den Schluss, dass der Mensch nur ein hochentwickeltes Tier ist.
  31. Jonas schlussfolgert hingegen, dass das Tier ein noch nicht voll entwickelter Mensch ist. Während die Naturwissenschaften den Menschen also herabstufen und ihm Freiheit und Würde
  32. absprechen, stuft Jonas das Tier hinauf und spricht ihm Freiheit und Würde zu. Jonas folgert daraus, dass der Mensch Merkmale wie Freiheit, Würde, Bewusstsein und Gefühle
  33. auch allen anderen Lebewesen - also Tieren und sogar Pflanzen - zuerkennen muss. Diese Merkmale sind bei nichtmenschlichen Lebewesen lediglich noch nicht so weit entwickelt
  34. wie beim Menschen. Die wichtigste Gemeinsamkeit aller Lebewesen sieht Jonas in der existenziellen Sorge um
  35. die eigene Existenz. Alles Leben in der Natur strebt nach Selbsterhaltung.
  36. Daraus leitet Jonas ab, dass nicht nur der Mensch Wert und Würde besitzt, sondern die gesamte existierende Natur.
  37. Aus dem Eigenwert und der Würde der Natur leitet Jonas einen moralischen Anspruch auf Unversehrtheit ab, welchen der Mensch auch für sich selbst einfordert.
  38. Der Mensch hat die Pflicht, die Natur respektvoll und pfleglich zu behandeln. Im „Prinzip Verantwortung“ schreibt er: „Jedes Lebendige ist sein eigener, keiner
  39. weiteren Rechtfertigung bedürftiger Zweck, und hierin hat der Mensch nichts vor anderen Lebewesen voraus.“ Jonas‘ Denken war geprägt von den akuten
  40. ökologischen Herausforderungen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Umweltverschmutzung, bedingungslose Hochtechnisierung, atomare Bedrohung, saurer Regen und Waldsterben
  41. verunsicherten damals Millionen von Menschen. Jonas bezeichnet seine Ethik als eine Art „Notstandsethik“, als "Minimal-" oder
  42. "Vermeidungsethik". Diese soll traditionelle Ethiken ergänzen, nicht ersetzen.
  43. Laut Jonas reichen traditionelle Ethiken nicht mehr aus, um die heute notwendigen moralischen Pflichten zu formulieren und zu begründen.
  44. Moderne Wissenschaft und Technik haben nämlich einen grundlegenden Wandel der menschlichen Lebenssituation mit neuen und existenziellen Bedrohungen bewirkt.
  45. Dadurch hat sich das Verantwortungssubjekt verändert. Verantwortlich sind nicht mehr Einzelne, sondern das Kollektiv.
  46. So kann Verantwortung nicht mehr eindeutig zugeordnet werden. Es braucht daher eine neue Ethik, eine „Ethik der Wissenschaften“.
  47. Durch die moderne Wissenschaft und Technik hat sich außerdem das Verantwortungsobjekt, der Verantwortungsbereich - genauer der Raum-, Zeit- und Personenhorizont - geändert, den
  48. die Ethik berücksichtigen muss. War die traditionelle Ethik beschränkt auf den überschaubaren Bereich absehbarer Wirkungen,
  49. so muss die neue Ethik global sein, also ausgeweitet auf die ganze Welt und sogar das Universum. War die traditionelle Ethik beschränkt auf die Gegenwart bzw. die individuelle Lebensspanne,
  50. so ist die neue Ethik auf die Zukunft bezogen. Und war die traditionelle Ethik beschränkt auf aktuell lebende Mitmenschen im direkten
  51. Umfeld, oft nur auf den Handelnden und sein Gegenüber, so ist die neue Ethik ausgeweitet auf Menschen in der ganzen Welt und zukünftige Generationen.
  52. Die traditionelle Ethik bezeichnet Jonas daher in Abgrenzung zu seiner neuen Ethik als Nahethik bzw. Präsenzethik, seine eigene Ethik als Fernethik bzw. Zukünftigkeitsethik.
  53. Jonas formuliert als Grundgesetz seiner Verantwortungsethik in Anlehnung an Kant einen neuen kategorischen Imperativ, den sogenannten verantwortungsethischen bzw. ökologischen Imperativ.
  54. Dieser lautet in seiner positiven Formulierung: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“
  55. Und negativ formuliert: „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung nicht zerstörerisch sind für die künftige Möglichkeit solchen Lebens.“
  56. Zur Erinnerung: Der kategorische Imperativ von Immanuel Kant (1724-1804) lautet in seiner Universalisierungsformel: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen
  57. kannst, dass sie allgemeines Gesetz werde.“ Und in der Zweck-an-sich-Formel: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden anderen,
  58. jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloß als Mittel brauchest.“ Der verantwortungsethische Imperativ fordert von uns ein Handeln, das auf Nachhaltigkeit
  59. bedacht ist. Wir sollen uns so verhalten, dass die Lebensbedingungen nachfolgender Generationen durch unser Handeln
  60. nicht irreparabel beeinträchtigt werden. Jonas wendet sich gegen eine immer rücksichtslosere Ausbeutung der Natur zu Gunsten von wirtschaftlichem
  61. Wachstum. Dabei spielt das Wörtchen „echt“ eine wichtige Rolle.
  62. „Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“ Es geht also nicht nur um das physische Überleben
  63. der Gattung Mensch, sondern um echtes menschliches Leben: Humanität, ein von Moral, Mitgefühl und Respekt bestimmtes Verhalten gegenüber anderen Menschen und der nichtmenschlichen
  64. Natur. Nur wenn der Mensch Respekt vor dem Wert und der Würde der nichtmenschlichen Natur zeigt,
  65. kann er sich in Zukunft auch seine eigene Würde bewahren. Jonas nennt seine Ethik „Zukünftigkeitsethik“, da sie sich auf die zukünftige Menschheit
  66. bezieht, also auch auf nachfolgende Generationen. Diese können laut Jonas die jetzige Generation verantwortlich machen.
  67. Bei Verantwortung handelt es sich nämlich um eine nicht-reziproke, also eine nicht-wechselseitige Beziehung.
  68. Wie in einer Eltern-Kind-Beziehung, in welcher Eltern Verantwortung für ihre Kinder haben, aber nicht umgekehrt, hat die jetzige Generation Verantwortung für die zukünftigen Generationen.
  69. Aus der Verantwortung für zukünftige Generationen erwächst laut Jonas die Pflicht zur Nachhaltigkeit. Heutzutage können durch moderne Wissenschaft und Technik Veränderungen an Mensch und Umwelt
  70. vorgenommen werden, deren Folgen unabsehbar sind und so verheerend sein können, dass sie außer Kontrolle geraten und zu einer globalen Katastrophe führen können.
  71. Jonas wendet sich im Blick auf technische Innovationen gegen die Unterscheidung von nützlichem Gebrauch und schädlichem Missbrauch.
  72. Seiner Ansicht nach ist bereits der Gebrauch missbräuchlich, da die Folgen meist unkalkulierbar sind.
  73. Daher fordert Jonas im Hinblick auf Wissenschaft, Forschung und Technik eine Umkehrung der Beweislast. Nicht die Gefährlichkeit von Forschung muss nachgewiesen werden, sondern ihre Ungefährlichkeit.
  74. Als Beispiele für wissenschaftliche Forschung mit potentiell verheerenden Langzeitfolgen nennt Jonas Atomkraft, Gentechnik, digitale Informationstechnologien und Agrochemie.
  75. Begriffe wie Risiko, Folgenabschätzung und Nebenwirkung gewinnen ethische Bedeutung. Die „vorausgedachte Gefahr“, die „Heuristik der Furcht“ soll laut Jonas Orientierung
  76. für verantwortliches Handeln bieten. Heuristik ist das Verfahren, mit begrenztem Wissen und wenig Zeit zu guten Lösungen zu
  77. kommen. Furcht - verstanden als vorausschauende Sorge - kann dabei der Wegweiser sein, um gute Entscheidungen
  78. zu treffen. Die Heuristik der Furcht kommt bei der Abwägung von Handlungsalternativen zum Einsatz: Wenn
  79. eine mögliche Gefahr erkannt wird, löst dies Furcht vor unabsehbaren Handlungsfolgen aus, welche abschreckend wirkt.
  80. Die beabsichtigte Handlung ist dann zu unterlassen. Bei Unsicherheit bezüglich möglicher Folgen unseres Handelns soll man immer den denkbar
  81. schlimmsten Fall annehmen und dementsprechend handeln. Gibt es auch nur einen kleinen Zweifel bei einer solchen Risikoabwägung, soll man lieber
  82. nichts unternehmen. Jonas ist sich bewusst, dass eine solche Haltung auch einen letztlich vielleicht doch unproblematischen
  83. Fortschritt verzögert oder verhindert. Aber er hält die Risiken des Fortschritts für gravierender als die Chancen.
  84. Es geht seiner Ansicht nach heute nicht mehr in erster Linie darum, die Lebensverhältnisse weiter zu verbessern, sondern darum, die Bedingungen zu bewahren, die ein zukünftiges menschenwürdiges
  85. Leben überhaupt ermöglichen. Jonas nimmt dabei vor allem die Gebiete in den Blick, von denen man sich heute den größten
  86. Zuwachs an Lebensqualität erhofft, nämlich die Medizintechnologie, die Biotechnologie und das Wirtschaftswachstum.
  87. In Bezug auf das Wirtschaftswachstum fordert er eine Selbstbeschränkung. Wir sollen unsere Ansprüche an Lebensqualität nicht immer weiter steigern, sondern absenken.
  88. So ist ein permanentes Wirtschaftswachstum nicht länger nötig und die Natur wird nicht immer mehr ausgebeutet.
  89. Jonas macht sich auch Gedanken um die Umsetzung seiner Verantwortungsethik. Dabei zieht er auch unbequeme und unkonventionelle Maßnahmen in Betracht.
  90. Als eine mögliche Maßnahme sieht er eine Einschränkung der wissenschaftlichen Forschung. Die Freiheit der Wissenschaft muss laut Jonas dort enden, wo Wert und Würde der Natur verletzt
  91. werden. Jonas befürchtet zudem, dass alle geschaffenen wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten
  92. auch irgendwann angewendet werden - selbst wenn sie potentiell sehr gefährlich sind. Die frühere Unterscheidung zwischen reiner und angewandter Wissenschaft, also zwischen
  93. Theorie und Praxis, verschwindet nämlich mehr und mehr. Forschung ist heute immer auch schon Anwendung, verbunden mit unabsehbaren und möglicherweise
  94. verheerenden Folgen. Als Beispiele nennt er Atomtests oder die Genforschung.
  95. Als zweite Maßnahme zieht Jonas sogar eine zeitweilige Einschränkung der Demokratie in Betracht.
  96. Die moralische Pflicht der Menschheit zur Selbsterhaltung ist im Konfliktfall ein höheres Gut als die Demokratie.
  97. Wichtig in diesem Zusammenhang ist, dass Jonas nie konkrete politische Handlungsempfehlungen gab, sondern lediglich überlegte, wie seine Ethik politisch umgesetzt werden könnte.
  98. Jonas verstand seine Verantwortungsethik als dringende Notmaßnahme, als Warnung vor einer unmittelbar bevorstehenden Vernichtung von Menschheit und Natur durch den Menschen.
  99. Um Zeit zu sparen, schrieb er sein Hauptwerk „Das Prinzip Verantwortung“ sogar auf deutsch, obwohl er diese Sprache eigentlich mit seiner Auswanderung aus Deutschland abgelegt
  100. hatte und nie mehr verwenden wollte. Seine Warnung sollte rechtzeitig gehört werden.
  101. Wie ist deine Meinung? Sind Menschheit und Natur tatsächlich unmittelbar bedroht?
  102. Und wenn ja, wodurch? Und: Rechtfertigt eine solche Bedrohung die Einschränkung der Forschungsfreiheit und
  103. der Demokratie? Schreibe deine Meinung sehr gerne unten in die Kommentare.
  104. Mit den Quizlet-Lernsets „Hans Jonas: Überblick“ und „Hans Jonas: Zukünftigkeitsethik“ kannst du dein Wissen jetzt überprüfen.
  105. Viel Spaß beim Lernen und bis bald!

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