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Gottesbeweis
Gottesbeweis bezeichnet in neuzeitlicher Terminologie den Versuch, mit Hilfe der Vernunft die Existenz Gottes zu beweisen. Der Begriff wurde rückwirkend auf …
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Grundidee und Einordnung
Ein Gottesbeweis ist der Versuch, mit Hilfe der Vernunft die Existenz Gottes zu beweisen oder zumindest glaubhaft zu machen. Der Begriff wird rückwirkend auf viele philosophische Konzepte angewendet. In der modernen christlichen Philosophie und Theologie werden solche Argumente oft eher als „Zugänge“ zu einem Gottesbegriff verstanden, nicht als strenge Beweise im Sinn moderner Wissenschaft. Zwischenpositionen sehen sie als rationale Rechtfertigung eines Glaubens, der durch Offenbarung gewonnen wurde.
Solche Argumente gibt es bereits in der Antike, etwa bei Cicero und Seneca, später in jüdischer, christlicher und islamischer Philosophie und Theologie. Im Mittelalter wurden Gottesbeweise unter anderem von Anselm von Canterbury und Thomas von Aquin entwickelt. In der Frühen Neuzeit und Moderne griffen Denker wie Descartes und Leibniz die Frage wieder auf.
Eine wichtige Zäsur bildet Immanuel Kant. Er kritisierte in der Kritik der reinen Vernunft die klassischen Gottesbeweise, weil Erkenntnis nach seiner Auffassung auf den Bereich des anschaulich Erfahrbaren beschränkt ist. Begriffe wie „Gott“ könnten daher nicht einfach wie erfahrbare Gegenstände behandelt werden. Spätere Religionskritiker wie Ludwig Feuerbach deuteten Gott als Projektion menschlicher Idealvorstellungen. In der analytischen Religionsphilosophie wurden Gottesbeweise teils kritisiert, etwa von John Leslie Mackie, teils neu formuliert, etwa von Alvin Plantinga und Richard Swinburne.
Arten von Gottesbeweisen
Gottesbeweise lassen sich nach Kant in apriorische und aposteriorische Beweise einteilen. Apriorische Beweise sind unabhängig von Erfahrung; sie versuchen etwa, aus dem Begriff Gottes auf seine Existenz zu schließen. Ein Beispiel ist Anselm von Canterbury. Aposteriorische Beweise gehen von Erfahrung aus, also von Beobachtungen in der Welt. Die fünf Wege des Thomas von Aquin gelten als typisches Beispiel.
Eine weitere Einteilung unterscheidet ontologische, kosmologische und teleologische Gottesbeweise. Der ontologische Beweis setzt beim Begriff Gottes an. Der kosmologische Beweis fragt nach Ursache, Grund oder notwendiger Voraussetzung der Welt. Der teleologische Beweis geht von Ordnung, Zweckmäßigkeit oder Zielgerichtetheit in der Natur aus. Häufig wird zusätzlich der moralische Gottesbeweis genannt, den Kant selbst entwickelte: Gott wird dabei nicht theoretisch bewiesen, sondern als moralisch notwendige Annahme verstanden.
Ontologischer Gottesbeweis
Der ontologische Gottesbeweis schließt von der logisch-begrifflichen Ebene auf die Ebene des Seins. Anselm von Canterbury formulierte die erste bekannte Version im Proslogion. Er richtet sich an einen Glauben, der verstehen will („fides quaerens intellectum“). Gott wird dabei als das verstanden, „worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann“ („quo nihil maius cogitari potest“).
Anselms Argument arbeitet mit einer reductio ad absurdum, also einem Beweis durch Widerlegung des Gegenteils. Angenommen, Gott existiere nur im Verstand und nicht in Wirklichkeit. Dann ließe sich etwas Größeres denken: dasselbe Wesen, aber zusätzlich wirklich existierend. Das wäre ein Widerspruch, weil Gott gerade als das gedacht wird, worüber hinaus nichts Größeres gedacht werden kann. Also müsse Gott nach Anselm in Wirklichkeit existieren.
Kurt Gödel entwickelte 1970 eine modallogische Rekonstruktion des ontologischen Gottesbeweises. Sie arbeitet mit Definitionen, Axiomen und Theoremen über „positive Eigenschaften“, „göttliche“ Wesen und „notwendige Existenz“. In der Version von Dana Scott führt dies zum Theorem: „Ein göttliches Wesen existiert notwendigerweise.“ Gödel wollte damit jedoch nicht einfach einen traditionellen Existenzbeweis für Gott liefern, sondern zeigen, dass ein ontologischer Gottesbeweis modernen logischen Maßstäben entsprechend formuliert werden kann und dass eine theologische Weltanschauung mit bekannten Tatsachen vereinbar ist.
Kosmologische und teleologische Beweise
Der kosmologische Gottesbeweis geht davon aus, dass die Welt oder das Universum eine Ursache, einen Grund oder eine notwendige Voraussetzung außerhalb seiner selbst braucht. Die klassische Formulierung findet sich bei Thomas von Aquin in der Summa theologica. Seine quinque viae, die fünf Wege zu Gott, enthalten vier kosmologische Wege und einen teleologischen Weg. Jeder Weg beginnt mit einer Erfahrungstatsache, verbindet sie mit einer metaphysischen Annahme und schließt auf Gott.
Der Bewegungsbeweis geht von Bewegung aus, wobei Bewegung auch „Übergang von der Möglichkeit in die Wirklichkeit“ bedeutet. Alles Bewegte werde von etwas anderem bewegt. Da eine unendliche Reihe von Bewegern für Thomas die Bewegung nicht erklären kann, müsse es ein erstes unbewegtes Bewegendes geben: das primum movens immotum, das Gott genannt wird.
Der Kausalitätsbeweis geht von Ursachen und Wirkungen aus. Jede Wirkung setze eine hinreichende Ursache voraus. Weil Thomas einen regressus in infinitum, also einen Rückgang ins Unendliche, ablehnt, müsse es eine erste unverursachte Wirkursache geben: prima causa incausata. Der Kontingenzbeweis setzt bei nichtnotwendig Seiendem an, also bei Dingen, die auch nicht sein könnten. Da Kontingentes sein Sein nicht aus sich selbst hat, müsse es ein notwendig existierendes Wesen geben, ein ens necessarium. Der Stufenbeweis argumentiert von Abstufungen des Guten, Wahren und Schönen auf ein höchstes Gut, Wahres und Edles.
Leibniz formulierte eine Variante des Kontingenzbeweises mit dem Satz vom zureichenden Grund: Für alles, was es gibt, müsse es einen zureichenden Grund geben, warum es so ist und nicht anders. Aus der Existenz kontingenter Dinge folgert er eine notwendige Substanz. Eine moderne Variante verweist auf die Feinabstimmung der Naturkonstanten: Wichen sie nur geringfügig, etwa im Promillebereich, von den beobachteten Werten ab, wäre Leben im Universum nicht möglich; dies könne durch eine planvolle Wahl eines Schöpfergottes erklärt werden.
Der teleologische Gottesbeweis geht von Ordnung, Zweckmäßigkeit und Zielgerichtetheit in der Welt aus. Bei Thomas von Aquin ist dies der fünfte Weg: Naturdinge handeln nicht zufällig, sondern auf Zwecke hin, obwohl sie selbst nicht vernünftig sind. Deshalb müssten sie von einem intelligenten Wesen auf Ziele hin geordnet werden. Dieses Wesen nennt Thomas Gott.
Moralische und praktische Argumente
Kant widersprach der Möglichkeit kosmologischer, teleologischer und ontologischer Gottesbeweise. Für die theoretische Vernunft ist Gott bei ihm kein beweisbarer Gegenstand. Für die praktische Vernunft sei es jedoch „moralisch notwendig, das Dasein Gottes anzunehmen“. Das moralische Gesetz führt bei Kant über den Begriff des höchsten Guts dazu, Pflichten als göttliche Gebote zu denken. In der Kritik der teleologischen Urteilskraft formuliert er: Man müsse eine moralische Weltursache, also einen Welturheber, annehmen, um sich gemäß dem moralischen Gesetz einen Endzweck vorzusetzen. Das ist aber kein objektiv gültiger Beweis für Gottes Existenz, sondern gilt nur für den praktischen Gebrauch der Vernunft.
Ciceros Gottesbeweis e consensu gentium argumentiert aus der Übereinstimmung der Völker. Weil es nach Cicero kein religionsloses Volk gebe und alle an eine göttliche Kraft und Natur glaubten, müsse diese Übereinstimmung als Naturgesetz gelten.
Der pragmatische Gottesbeweis beruht auf der Annahme des Pragmatismus, dass Wahrheit und Nützlichkeit dasselbe seien. William James folgerte, dass der Glaube an Gott zu Optimismus und Vertrauen in die Zukunft führe, während Atheismus mit Pessimismus und Hoffnungslosigkeit verbunden sei; daraus wird geschlossen, der Gottesglaube sei wahr.
Die Pascalsche Wette ist kein Gottesbeweis im eigentlichen Sinn. Blaise Pascal argumentierte mit einer Kosten-Nutzen-Überlegung: Es sei besser, bedingungslos an Gott zu glauben, weil man nichts verliere, wenn Gott nicht existiert, aber auf der sicheren Seite sei, wenn er existiert: „Setzen Sie also ohne zu zögern darauf, dass es ihn gibt.“
Zentrale Kritikpunkte
Grundsätzlich wird betont, dass sich die Existenz Gottes wissenschaftlich weder beweisen noch widerlegen lässt. Nach Bertrand Russell liegt die Beweislast bei denen, die eine Behauptung aufstellen. Seine Teekannen-Analogie soll zeigen, dass andere nicht verpflichtet sind, unbelegte Behauptungen zu widerlegen. Christopher Hitchens formuliert mit Hitchens’ Rasiermesser noch schärfer, dass ohne stichhaltige Belege Behauptungen verworfen werden müssen.
Am ontologischen Gottesbeweis kritisierte schon Gaunilo von Marmoutiers, man könne aus einem Begriff nicht auf die wirkliche Existenz des Bezeichneten schließen; der Begriff einer vollkommenen Insel beweise nicht deren Existenz. Thomas von Aquin meinte, der Gottesbegriff sei für Menschen nicht unmittelbar einsichtig, weil der Mensch Gottes Wesen nicht erfassen könne. Kant kritisierte besonders, dass Existenz keine Eigenschaft sei: Zu sagen, dass ein Ding existiert, füge ihm nichts hinzu. Daher sei der ontologische Beweis ein Zirkelschluss oder eine Tautologie. Auch Gödels formal korrekter Beweis bleibt umstritten, weil seine Voraussetzungen über positive und essentielle Eigenschaften akzeptiert werden müssen.
Am kosmologischen Gottesbeweis wird kritisiert, dass die Beweisführung die Kausalkette willkürlich abbreche: Entweder alles habe eine Ursache, oder Gott sei ohne Ursache. Carl Sagan argumentierte mit Ockhams Rasiermesser, man könne dann auch direkt sagen, die Herkunft des Universums sei unbeantwortbar oder das Universum sei schon immer da. Kant wandte ein, Kausalität sei eine Verstandeskategorie unseres Denkens; ob die Wirklichkeit an sich ihr folgt, könne nicht überprüft werden.
Am teleologischen Gottesbeweis kritisierten David Hume und Kant, dass Ordnung in der Natur keinen zwingenden Beweis für einen Schöpfergott liefere. Kant sah höchstens einen Hinweis auf einen Demiurgen, der vorhandene Materie ordnet. Neuere Kritik verweist darauf, dass Zweckmäßigkeit durch Evolutionstheorie erklärbar sein kann. Gegen moralische und axiologische Beweise wird eingewandt, Moral und Werte könnten aus Evolution, Sozialisation, Bedürfnissen und Kultur entstehen. Gegen pragmatische Argumente spricht, dass Wahrheit nicht einfach Nützlichkeit ist. John Leslie Mackie kritisierte an Pascals Wette, sie lasse viele Möglichkeiten aus, etwa dass der falsche Gott gewählt wird oder Gott ehrliche Atheisten anders beurteilt als strategische Gläubige.
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