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Geschichtskultur
Der Begriff Geschichtskultur hat sich im deutschen Sprachraum seit den späten 1980er Jahren als Sammelbegriff für vielfältige Erscheinungsformen von Geschichte …
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Begriff und Bedeutung
Geschichtskultur ist seit den späten 1980er Jahren ein Sammelbegriff für vielfältige Erscheinungsformen von Geschichte und den gesellschaftlichen Umgang mit der Vergangenheit. Sie beschreibt, wie eine Gesellschaft historische Erfahrungen deutet, vermittelt, nutzt, bewahrt oder verändert. Damit geht es nicht nur um Geschichtswissenschaft und Unterricht, sondern auch um Museen, Denkmäler, Archive, Medien, Jubiläen, politische Debatten und private Lebensbereiche.
In der Geschichtsdidaktik verlagerte sich das Interesse seit den späten 1970er Jahren von einer vor allem auf das Schulfach bezogenen Perspektive auf den gesamtgesellschaftlichen Umgang mit Vergangenheit und das Geschichtsbewusstsein. Der Mannheimer Historikertag 1976 gilt dabei als wichtiger Ausgangspunkt. Das öffentliche Interesse an der jüngeren deutschen Vergangenheit nahm zu. Schule und Museum wurden nun als wichtige, aber nicht mehr alleinige Orte der Vermittlung von Geschichte betrachtet. Der Begriff „Geschichtskultur“ erschien erstmals 1984 im Titel einer einschlägigen Publikation und wurde seit den 1990er Jahren auch außerhalb der Geschichtsdidaktik stärker verwendet. Geschichtskultur kann dabei zu einem gewissen Grad die „Befindlichkeit einer Gesellschaft“ anzeigen.
Rüsens Dimensionen des historischen Umgangs
Jörn Rüsen versteht Geschichtskultur als „das Gemeinsame und Übergreifende“ des gesellschaftlichen Umgangs mit der Vergangenheit und als „praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewusstsein im Leben einer Gesellschaft“. Sie umfasst die Institutionen und Organisationsformen, in denen kollektiv historischer Sinn gestiftet wird. Denkmäler, Museen und historische Jubiläen können von Einzelnen unterschiedlich wahrgenommen werden; ihre Existenz ist jedoch übersubjektiv und vom sozialen System abhängig, in dem sie geschaffen und mit Bedeutung versehen werden.
Rüsen unterscheidet zunächst drei maßgebliche Dimensionen:
- Die kognitive Dimension richtet sich nach dem Kriterium der Wahrheit, im Modus des Denkens.
- Die ästhetische Dimension richtet sich nach dem Kriterium der Schönheit, im Modus des Fühlens.
- Die politische Dimension richtet sich nach dem Kriterium der Legitimität, im Modus des Wollens.
Diese Dimensionen stehen nicht isoliert nebeneinander, sondern sind in konkreten Formen der Geschichtskultur miteinander verwoben und verändern sich fortlaufend. Die kognitive Dimension steht traditionell der Geschichtswissenschaft am nächsten. Zugleich werden die narrativ-ästhetische und die politische Dimension auch in der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung stärker berücksichtigt.
In seiner Historik erweiterte Rüsen das Modell auf fünf Dimensionen. Hinzu kamen eine moralische Dimension mit dem Sinnkriterium Gut und Böse und dem Modus des Wertens sowie eine religiöse Dimension mit dem Kriterium der Erlösung und dem Modus des Glaubens. In einer späteren Monographie über historische Sinnbildung unterschied er insgesamt sieben Dimensionen und ergänzte eine didaktische Dimension mit dem Sinnkriterium Bildung und dem Modus des Erziehens sowie eine psychologische Dimension.
Die psychologische Dimension ordnete Rüsen nicht direkt der Geschichtskultur zu, sondern den „mentalen Operationen des Geschichtsbewusstseins“. Sie liegt quer zu den anderen Dimensionen und beschreibt den Zusammenhang zwischen unbewussten und bewussten Handlungen beim deutenden Umgang mit historischem Wandel. Die ersten drei Dimensionen setzten sich in der geschichtstheoretischen Rezeption am stärksten durch. Eine zusätzlich vorgeschlagene ökonomische Dimension, etwa wegen Vermarktungsambitionen und „Vergangenheitsbewirtschaftung“, konnte sich nicht im Kanon etablieren; Rüsen lehnte sie ausdrücklich ab.
Mit der politischen Dimension stehen Geschichtspolitik, Vergangenheitspolitik und Erinnerungspolitik in Verbindung. Die ästhetische Dimension wird unter anderem bei populärer Geschichtsschreibung, Histotainment, Fernsehen und Visual History untersucht. Dabei werden sowohl öffentliche als auch private Orte geschichtskultureller Praxis berücksichtigt, etwa das Kinderzimmer als Ort kindlicher Geschichtskultur.
Geschichtskultur als soziales System und als Praxis
Bernd Schönemann versteht Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur im Anschluss an die konstruktivistische Soziologie von Peter L. Berger und Thomas Luckmann als zwei Zugänge zum selben Phänomen: Geschichtsbewusstsein ist das individuelle, Geschichtskultur das kollektive Konstrukt historischer Wirklichkeit. Ergänzend zu Rüsens Sinn-Dimensionen beschreibt Schönemann die Geschichtskultur als soziale Ordnung mit vier Dimensionen:
- Die institutionelle Dimension bezeichnet den dauerhaften und systematischen Rahmen geschichtskultureller Praxis, etwa Schulen, Archive, Museen und Akademien.
- Die professionelle Dimension betrifft die beteiligten Akteure, etwa Lehrer, Wissenschaftler und Künstler.
- Die mediale Dimension umfasst Vermittlungsformen wie Bücher, Filme und Lieder.
- Die adressatenspezifische Dimension richtet sich auf Gruppen, Schichten, Ethnien und Berufe als Adressaten.
Die institutionelle Dimension ist besonders wichtig, weil sie den Rahmen für die anderen drei Dimensionen bereitstellt und erkennen lässt, welchen Stellenwert eine Gesellschaft bestimmten Vergangenheitsbezügen gibt. Durch die Pluralisierung geschichtskultureller Praktiken, das Internet und breitere Beteiligungsmöglichkeiten wird jedoch fraglich, ob ein stark auf klassische Institutionen und Experten ausgerichtetes Modell ausreicht.
Schönemann entwirft außerdem ein dreistufiges Modell idealtypischer Epochen mit jeweils einem Leitmuster:
- Die Vormoderne steht für „Geschichte als Nutzen“ und den Topos „Historia magistra vitae“.
- Die Moderne verfolgt seit der Spätaufklärung bis weit in das 20. Jahrhundert hinein „Geschichte als Bildung“.
- Die postmoderne Eventgesellschaft steht für „Geschichte als Erlebnis“.
Die Epochen sollen nicht als vollständig aufeinanderfolgende Entwicklungsstufen verstanden werden. Sie dienen als Beschreibungsmodell; außerdem fehlt eine empirische Fundierung dafür, dass die jeweiligen Leitmuster tatsächlich überall dominant waren.
Praktiken im Umgang mit Zeitdifferenzen
Holger Thünemann knüpft an Rüsens Verständnis der Geschichtskultur als „praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewusstsein“ an. Er versteht Geschichte als Ergebnis sozialer und kommunikativer Praktiken. Sein Ansatz erweitert und relativiert Schönemanns stärker an Institutionen, Professionen, Medien und Adressaten orientiertes soziales System. In einer pluralisierten Gesellschaft sollen geschichtskulturelle Beziehungen stärker zeitlich und sozial differenziert werden. Die Typologie umfasst fünf idealtypische Praktiken, die nicht immer eindeutig voneinander zu trennen sind:
- Wiederherstellen: Etwas Historisches, das zerstört oder vergangen ist, wird durch Wiederaufbau oder Wiederaufführung in die Gegenwart zurückgebracht, etwa durch Rekonstruktionen von Gebäuden oder historische Reenactments.
- Überschreiben: Historisches, das als nicht mehr zeitgemäß gilt, wird unsichtbar gemacht und gegebenenfalls durch neue Sinnbildungen ersetzt, etwa durch Straßenumbenennungen, Denkmalstürze oder das bewusste Abtragen von Gebäuden.
- Umschreiben: Historische Deutungsangebote werden aufgegriffen und verändert, ohne die geschichtskulturell manifestierte Form grundsätzlich anzugreifen. Beispiele sind Umwidmungen und Reinterpretationen.
- Konservieren: Als bedeutsam angesehenes Historisches wird mit Blick auf die Zukunft dauerhaft bewahrt. Dazu gehören die Arbeit von Museen und Archiven sowie Restaurierungs- und Erhaltungspraktiken an historischen Gebäuden.
- Historisieren: Historisches, das als nicht mehr zeitgemäß gilt, wird historisch kontextualisiert und eingeordnet, etwa durch Hinweistafeln an Denkmälern oder geschichtswissenschaftliche Arbeiten zu geschichtskulturellen Phänomenen.
Historisierbarkeit, Erinnerungskultur und Institutionen
Die Mehrheit der Forschung im Anschluss an Rüsen und Schönemann hält Geschichtskultur als gesellschaftliches Beziehungsgebilde für beschreibbar und historisierbar. Thomas E. Fischer versuchte dies 2000 mit einer „Geschichte der Geschichtskultur“, die teilweise heftig kritisiert wurde. Schönemann bezeichnete Geschichtskultur nicht nur als historisierbar, sondern als „historisierungsbedürftig“. Er regte außerdem an, die „Wiederholungsstruktur“ der Geschichtskultur nach Reinhart Koselleck zu untersuchen. Als besonders anschauliches Beispiel gilt das historische Jubiläum. Eine historische Tiefendimension dieser Wiederholungsstruktur sieht Schönemann, im Anschluss an Arnold Gehlen, in den Institutionen der Geschichtskultur und ihrer unterschiedlich dichten Herausbildung.
Hans-Jürgen Pandel bestreitet dagegen nachdrücklich die Historisierbarkeit des Konzepts. Er warnt davor, Geschichtskultur mit Kulturgeschichte zu verwechseln, und definiert sie enger als „diejenige von Geschichte durchdrungene Lebenswelt, die unsere Schülerinnen und Schüler umgibt“. Eine „historische Geschichtskultur“ des 19. und 20. Jahrhunderts sei aus dieser Sicht didaktisch unerheblich; die Übertragung des Begriffs auf die Vergangenheit sei methodisch unsauber.
Geschichtskultur und Erinnerungskultur waren lange Zeit eng verbunden und wurden teilweise fast synonym verwendet. Erinnerungskultur kann nach Christoph Cornelißen als „formale[r] Oberbegriff für alle denkbaren Formen der bewussten Erinnerung an historische Ereignisse, Persönlichkeiten und Prozesse“ verstanden werden, unabhängig davon, ob diese ästhetischer, politischer oder kognitiver Natur sind. Befürworter der Erinnerungskultur betonen stärker den funktionalen Bezug der Vergangenheit zur Gegenwart und die bewusste Breite der Vergangenheitsbezüge. Dem Konzept Geschichtskultur wird dagegen mitunter eine zu starke Betonung der kognitiven Seite zugeschrieben.
Ein wichtiger Unterschied besteht darin, dass Geschichtskultur individuelles Geschichtsbewusstsein und kollektive Geschichtskultur unterscheiden kann. In Cornelißens bevorzugtem Konzept der Erinnerungskultur wird diese Unterscheidung aufgehoben, was als mögliche Naturalisierung gesellschaftlicher Prozesse kritisiert wurde. Die begriffliche Abgrenzung bleibt in Fachkreisen teilweise uneinheitlich.
In der Bundesrepublik Deutschland sind heute zwei Lehrstühle ausdrücklich mit dem zusätzlichen Arbeitsfeld Geschichtskultur verbunden: Jörn Rüsens Lehrstuhl für „Allgemeine Geschichte und Geschichtskultur“ an der Universität Witten-Herdecke und Holger Thünemanns Lehrstuhl für „Didaktik der Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Geschichtskultur“ an der Universität Münster.