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Jörn Rüsen
Jörn Rüsen (* 19. Oktober 1938 in Duisburg) ist ein deutscher Historiker und Kulturwissenschaftler. Jörn Rüsen (2008) …
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Bedeutung und Forschungsfelder
Jörn Rüsen (* 19. Oktober 1938 in Duisburg) ist ein deutscher Historiker und Kulturwissenschaftler. Er gilt als einer der einflussreichsten Geschichtstheoretiker seiner Generation. Geschichtstheorie untersucht die Grundlagen historischen Denkens und wissenschaftlicher Geschichtsschreibung.
Rüsen forscht vor allem zur Theorie und Methodik der Geschichtswissenschaft, zur Geschichte des historischen Denkens und zur Geschichtsdidaktik, also zur Vermittlung und zum Lernen von Geschichte. Im Zentrum seiner Arbeit steht die Frage, wie Menschen aus der Vergangenheit Erkenntnisse und Sinn gewinnen, um sich in der Gegenwart und in der Zeit zu orientieren. Später beschäftigte er sich verstärkt mit übergreifenden kulturwissenschaftlichen Themen wie Fortschritt und Globalisierung.
Disziplinäre Matrix der Geschichtswissenschaft
In den 1980er Jahren entwickelte Rüsen mit den dreibändigen „Grundzügen einer Historik“ einen wichtigen Beitrag zur neuen Grundlegung der Geschichtswissenschaft. Ausgangspunkt war der Wandel vom Historismus zur Historischen Sozialwissenschaft. Unter „Historik“ versteht man hier eine Theorie, welche die Grundlagen, Methoden und Funktionen der Geschichtswissenschaft systematisch beschreibt.
Ein zentraler Begriff ist die „disziplinäre Matrix der Geschichtswissenschaft“. Sie fasst die verschiedenen Bestandteile historischer Forschung als zusammenhängenden Kreislauf aus fünf Faktoren auf:
• Erkenntnisinteresse an der Vergangenheit: Fragen oder Bedürfnisse, die eine Beschäftigung mit Vergangenem auslösen.
• Ideen: leitende Sinnkriterien, mit deren Hilfe historische Zusammenhänge verstanden und eingeordnet werden.
• Methoden der empirischen Forschung: geregelte Verfahren zur Untersuchung historischer Quellen und Sachverhalte.
• Darstellungsformen: Arten, in denen historische Erkenntnisse vermittelt und präsentiert werden.
• Handlungen und Orientierungen: die Einbindung historischer Erkenntnisse in die Daseinsorientierung, also in die Art, wie Menschen ihr Leben und Handeln zeitlich einordnen.
Rüsens Ansatz betrachtet diese Elemente nicht getrennt. Er beschreibt einen inneren, kohärenten Zusammenhang, durch den aus gegenwärtigen Interessen historische Forschung, Darstellung und schließlich Orientierung entstehen.
Geschichtsbewusstsein und Geschichtskultur
Rüsen definiert Geschichtskultur als „praktisch wirksame Artikulation von Geschichtsbewusstsein im Leben einer Gesellschaft“. Geschichtsbewusstsein bezeichnet dabei die Weise, in der Menschen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gedanklich miteinander verbinden. Geschichtskultur zeigt sich dort, wo dieses Bewusstsein gesellschaftlich wirksam und sichtbar wird.
Rüsen unterscheidet drei Dimensionen der Geschichtskultur:
• Die kognitive Dimension ist nach Wahrheitskriterien strukturiert. Sie betrifft die Frage, welche Aussagen über die Vergangenheit als begründet oder zutreffend gelten.
• Die politische Dimension ist nach Machtkriterien geformt. Sie betrifft den Einfluss historischer Deutungen auf gesellschaftliche und politische Verhältnisse.
• Die ästhetische Dimension unterliegt Schönheitskriterien. Sie betrifft die sinnliche und gestalterische Form historischer Darstellungen.
In der öffentlichen Geschichtskultur, also im gesellschaftlichen Umgang mit Geschichte, sind diese Dimensionen komplex miteinander verflochten und durchdringen sich gegenseitig. Die Untersuchung dieser historischen Sinnbildung bildet einen Schwerpunkt von Rüsens Forschung.
Akademischer Werdegang
Rüsen studierte Geschichte, Philosophie, Literaturwissenschaft und Pädagogik an der Universität zu Köln. 1966 wurde er mit einer Arbeit über die Geschichtstheorie Johann Gustav Droysens promoviert; betreut wurde sie von Günter Rohrmoser und Theodor Schieder. Anschließend arbeitete er als Wissenschaftlicher Assistent an der Universität Braunschweig und an der Freien Universität Berlin.
Von 1974 bis 1989 war er Professor für Neuere Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Fachdidaktik an der Ruhr-Universität Bochum. Von 1989 bis 1997 lehrte er als Professor für Allgemeine Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Geschichtstheorie an der Universität Bielefeld. Dort war er von 1994 bis 1997 zugleich geschäftsführender Direktor des Zentrums für interdisziplinäre Forschung.
Von 1997 bis 2007 leitete er das Kulturwissenschaftliche Institut Essen. Seit dem Wintersemester 1996/97 hatte er außerdem eine Professur für Allgemeine Geschichte und Geschichtskultur an der Universität Witten/Herdecke inne; 2009 wurde er emeritiert. Seit 2004 ist er Vorsitzender des Vorstands der „Stiftung für Kulturwissenschaften“. 2019 wurde er in die Academia Europaea gewählt.
Zentrale Veröffentlichungen
Rüsens Veröffentlichungen behandeln insbesondere die Grundlagen historischen Denkens, historische Orientierung, Geschichtskultur und kulturwissenschaftliche Sinnfragen. Sein dreibändiges Hauptwerk „Grundzüge einer Historik“ besteht aus „Historische Vernunft. Die Grundlagen der Geschichtswissenschaft“ (1983), „Rekonstruktion der Vergangenheit“ (1986) und „Lebendige Geschichte. Formen und Funktionen des historischen Wissens“ (1989).
Weitere wichtige Schriften sind „Zeit und Sinn. Strategien historischen Denkens“ (1990), „Historische Orientierung. Über die Arbeit des Geschichtsbewußtseins, sich in der Zeit zurechtzufinden“ (1994), „Historisches Lernen. Grundlagen und Paradigmen“ (1994), „Zerbrechende Zeit. Über den Sinn der Geschichte“ (2001), „Geschichte im Kulturprozeß“ (2002), „Kultur macht Sinn. Orientierung zwischen Gestern und Morgen“ (2006) und „Historik. Theorie der Geschichtswissenschaft“ (2013). Gemeinsam mit Martin Klüners veröffentlichte er 2020 „Religion und Sinn“.
Als Herausgeber wirkte Rüsen unter anderem am zweibändigen „Handbuch der Kulturwissenschaften“ (2004) und an Werken zu historischer Sinnbildung, Geschichtsbewusstsein, Humanität und interkulturellem Humanismus mit.