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Geschichtsdidaktik

Geschichtsdidaktik ist diejenige wissenschaftliche Disziplin, die sich mit der Form, Entstehung und Förderung von Geschichtsbewusstsein beschäftigt.

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Gegenstand und Bedeutung
  2. 2. Entwicklung der Disziplin
  3. 3. Ziele und theoretische Grundlagen
  4. 4. Aktuelle Forschungsprobleme
  5. 5. Institutionen und Verbände

Gegenstand und Bedeutung

Geschichtsdidaktik ist eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin. Sie untersucht, wie Geschichtsbewusstsein entsteht, welche Formen es annimmt und wie es gefördert werden kann. Geschichtsbewusstsein bezeichnet dabei den individuellen und kollektiven Umgang mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der schulische Geschichtsunterricht ist ihr wichtigstes, aber nicht ihr einziges Handlungsfeld.

Die Geschichtsdidaktik steht in Verbindung mit der Geschichtswissenschaft, insbesondere der Geschichtstheorie, außerdem mit Erziehungswissenschaft und Pädagogik, Psychologie sowie Sozial- und Kulturwissenschaften. Die moderne Geschichtsdidaktik in Deutschland, die sich seit etwa 1970 herausgebildet hat, versteht sich nicht mehr bloß als praktische Anleitung zur möglichst guten Vermittlung wissenschaftlicher Erkenntnisse an Schülerinnen und Schüler. Dieses ältere Verständnis wird als Abbilddidaktik bezeichnet. Ebenso grenzt sie sich von einer rein pädagogisch ausgerichteten Geschichtspädagogik ab, wie sie etwa in der Erziehung im Nationalsozialismus vorkam.

Das Geschichtsbewusstsein bildet das Zentrum der Disziplin. Daraus ergeben sich drei miteinander verbundene Aufgaben: die theoretische Reflexion über die Eigenheiten historischen Denkens, die empirische Erforschung von Geschichtsvorstellungen und historischen Denkprozessen sowie die Entwicklung von Prinzipien und Methoden für den Geschichtsunterricht.

Entwicklung der Disziplin

Das heutige Selbstverständnis der Geschichtsdidaktik im deutschsprachigen Raum entwickelte sich in der Bundesrepublik seit etwa Mitte der 1960er Jahre. In dieser Zeit entstanden eigene Lehrstühle außerhalb der praxisorientierten Pädagogischen Hochschulen. In der DDR gab es eine vergleichbare Disziplin nur eingeschränkt: Seit etwa 1960 verstand sie sich dort im Wesentlichen als Methodik des Geschichtsunterrichts.

Eine verstärkte didaktische Reflexion über Geschichtsunterricht setzte bereits mit dem Aufkommen der Pädagogik als Wissenschaft im frühen 20. Jahrhundert ein. Die damaligen Ansätze bewegten sich zwischen strenger Wissenschaftsorientierung, besonders in der gymnasialen Oberstufe, und einer normativen Geschichtspädagogik in Unterstufe und Volksschule. Dort standen häufig einfache Wissensreproduktion oder, günstigenfalls, Erlebnispädagogik durch lebhafte Lehrererzählungen im Vordergrund.

Die Reformpädagogik eröffnete vor allem in der Weimarer Republik eine freiere Diskussion über geschichtsdidaktische Fragen. Der Arbeitsunterricht wurde sogar in Artikel 148 der Verfassung genannt.

Ziele und theoretische Grundlagen

Die moderne Geschichtsdidaktik verfolgt drei Hauptziele. Auf theoretischer Ebene soll eine Theorie des historischen Denkens entwickelt werden. Sie betrifft das historische Denken von Individuen und Kollektiven, seine Strukturen, Einflussgrößen und Verlaufsformen sowie seine Funktionen für Gesellschaft und Einzelne.

Auf empirischer Ebene untersucht die Disziplin unterschiedliche Typen historischen Bewusstseins sowie historische Argumentations- und Denkformen und deren Bestimmungsfaktoren. Auf pragmatischer Ebene entwickelt sie Prinzipien, Verfahren und Kategorien für verschiedene Formen historischen Lernens.

Historisches Lernen soll Lernende zu einem reflektierten Geschichtsbewusstsein befähigen. Sie sollen selbstständig Erfahrungen über die Vergangenheit auf ihre eigene Gegenwart und Zukunft beziehen und dadurch ihr heutiges Handeln orientieren können. Außerdem sollen sie Aussagen anderer über Geschichte daraufhin prüfen, wie diese den Zusammenhang von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft darstellen und welche Bedeutung sie der Vergangenheit für Gegenwart und Zukunft zuschreiben.

Zu den theoretischen Prämissen gehören mehrere Grundannahmen: Vergangenheit und Geschichte sind zu unterscheiden. Vergangenheit ist nur abhängig von einer Narration, also einer erzählerischen Darstellung, erkennbar; Geschichte bezeichnet eine grundsätzlich narrativ verfasste Bezugnahme auf die Vergangenheit und ihren Zusammenhang mit der Gegenwart. Historisches Denken verbindet Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft konstitutiv miteinander. Geschichtsbewusstsein ist für individuelle und kollektive Identität bedeutsam.

Aussagen über die Vergangenheit sind stets geschichtsperspektivisch, also von einer bestimmten Perspektive abhängig. Eine vollständige Rekonstruktion einer vergangenen Wirklichkeit gilt deshalb erkenntnistheoretisch als unmöglich; im Artikel wird hierzu Arthur C. Danto, Analytische Philosophie der Geschichte, Frankfurt am Main 1980, genannt. Geschichte soll in Forschung und Unterricht multiperspektivisch betrachtet und vermittelt werden. Historisches Lernen bedeutet daher nicht die Übernahme eines vermeintlich für alle Perspektiven gleichermaßen gültigen Wissens, sondern den Erwerb der Kompetenz zu eigenständigem historischem Denken.

Aktuelle Forschungsprobleme

Ein wichtiges Forschungsproblem ist die Schwierigkeitsstufung historischen Lernens und die Frage, wie alters- und schülergerecht Lernprozesse gestaltet werden können. Frühere Vorstellungen, die kindliche Entwicklung verlaufe in festen, reifungsbedingten Stufen, wurden seit den späten 1960er Jahren stark kritisiert. Dadurch verlor auch die Annahme an Überzeugungskraft, Geschichtsunterricht sei wegen des notwendigen Abstraktionsvermögens für Begriffe wie „Staat“, „Gesellschaft“ oder „Schicht“ erst ab etwa zehn bis elf Jahren möglich und müsse sich zunächst auf kindgemäße Themen beschränken.

Jüngere Kinder haben zwar andere inhaltliche Interessen, und die Veränderung ihrer Denkformen verläuft individuell verschieden. Dennoch kann nicht jedem Kind jeder historische Lerngegenstand jederzeit vermittelt werden. Ein ausgearbeitetes System zur kategorialen Unterscheidung von Schwierigkeitsstufen historischer Denk- und Lernaufgaben liegt jedoch weder für verschiedene Niveaus noch als vollständiges Modell der Lernprogression vor.

Eine weitere Herausforderung ist die bildungspolitische Umstellung auf Kompetenzmodelle und Bildungsstandards. Die Geschichtsdidaktik muss an eine Diskussion anschließen, die besonders in Deutsch, Mathematik und Englisch geführt wird.

Interkulturalität und Transkulturalität stellen einen nationalstaatlich geprägten Geschichtsunterricht ebenfalls infrage. In einer kulturell vielfältigen und global vernetzten Gesellschaft kann das vorherrschende Ziel nicht mehr allein die Integration aller Lernenden in eine nationale Gemeinschaft sein. Stattdessen soll Geschichtsunterricht dazu befähigen, sich in einer heterogenen Gesellschaft zu orientieren und selbstständig Sinn zu bilden, wobei die kulturelle Andersheit anderer anerkannt wird. Zugleich besteht ein Spannungsverhältnis zum Anspruch, universale Normen wie die Menschenrechte auch gegenüber andersartigen kulturellen Traditionen staatlich durchzusetzen. Offen bleibt außerdem, welche Rolle die kulturelle Tradition der Mehrheit als mögliche Leitkultur spielen soll. Als Beispiel für unterschiedliche Voraussetzungen wird der Umgang mit der deutschen Verantwortung für den Holocaust am jüdischen Volk genannt, insbesondere bei Kindern aus islamischen Familien mit israelkritischer Haltung.

Institutionen und Verbände

Als Fachdidaktik ist die Geschichtsdidaktik in der Bundesrepublik Deutschland meist an Universitäten oder Pädagogischen Hochschulen angesiedelt. Ihre institutionelle Organisation ist unterschiedlich. Häufig gehört sie zu fachwissenschaftlichen Fakultäten oder Fachbereichen; an der Universität Hamburg ist sie dagegen den Erziehungswissenschaften zugeordnet. Ein eigenes, von den Fachbereichen unabhängiges Institut für alle Fachdidaktiken gab es früher an der FU Berlin, dieses Modell wurde jedoch aufgegeben. Zunehmend wird versucht, die Geschichtsdidaktik auch innerhalb der Geschichtswissenschaft enger mit anderen Fachdidaktiken zu verbinden, etwa durch gemeinsame empirische Forschungsprojekte. Ein Beispiel ist das Didaktische Zentrum der Universität Oldenburg.

Auch die interne Struktur variiert. Es gibt eigene Institute für Geschichtsdidaktik, etwa an der Universität Münster, einzelne Lehrstühle oder Professuren in Historischen Seminaren sowie Modelle, in denen Vertreter des Mittelbaus und Lehrbeauftragte die Fachdidaktik betreuen, etwa an den Universitäten Rostock, Greifswald und Lüneburg sowie an der Technischen Universität Darmstadt. Im letztgenannten Modell liegt der Schwerpunkt meist auf der Lehre; ein eigenständiger fachdidaktischer Forschungsschwerpunkt lässt sich dort in der Regel nicht etablieren. Die Denominationen der Professuren reichen von Kombinationen aus Geschichte und Fachdidaktik über „-geschichte und ihre Didaktik“ bis zu Professuren für Erziehungswissenschaft mit besonderer Berücksichtigung der Didaktik der Geschichte. Reine Fachdidaktik-Professuren sind selten.

Zur Geschichtsdidaktik gehören außerdem Staatliche Studienseminare für die zweite Phase der Lehrerbildung, also das Referendariat, sowie Fortbildungsinstitute. Weitere Akteure sind Stiftungen, Vereinigungen und Forschungsinstitute. Das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig befasst sich mit Schulbüchern und begleitet unter anderem die Veränderung des Geschichtsunterrichts in ehemals sozialistischen Staaten sowie die Verständigung über Geschichtsunterricht in Krisenregionen. Die Körber-Stiftung veranstaltet unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten einen zweijährlichen Geschichtswettbewerb für Schülerinnen und Schüler und hat damit das entdeckende beziehungsweise forschende Lernen gefördert.

Wichtige Fachverbände im deutschsprachigen Raum sind die Konferenz für Geschichtsdidaktik (KGD), die Gesellschaft für Geschichtsdidaktik Österreich (GDÖ beziehungsweise GDOE) und die Internationale Gesellschaft für Geschichtsdidaktik. Die Interessen der Geschichtslehrkräfte in Deutschland vertritt der Geschichtslehrerverband.

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