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Geschichtspolitik

Geschichtspolitik ist die aus politischen Gründen formulierte, d. h. parteiische Interpretation von Geschichte – verbunden mit dem Versuch, eine breite …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Begriff und Zweck
  2. 2. Manipulation und Mythologisierung
  3. 3. Identität und Herrschaft
  4. 4. Aufklärung und Verantwortung
  5. 5. Multiperspektivität und Grenzen der Einteilung

Begriff und Zweck

Geschichtspolitik ist eine aus politischen Gründen formulierte und damit parteiische Interpretation von Geschichte. Sie ist mit dem Versuch verbunden, eine breite Öffentlichkeit von dieser Interpretation zu überzeugen, um politische Ziele zu erreichen. Der Historiker Christian Meier prägte den Begriff 1986 während des Historikerstreits.

Geschichtsbilder hängen vom Standpunkt der Betrachtenden ab und beeinflussen zugleich deren Selbstverständnis. Werden historische Darstellungen bewusst eingesetzt, um dieses Selbstverständnis im politischen Interesse zu verändern, handelt es sich um Geschichtspolitik.

Als wichtige Formen nennt der Artikel Geschichtsmanipulation, Mythologisierung, Welterklärung, Selbstfindung oder Selbstverklärung, Selbstlegitimation, Aufklärung und Multiperspektivität. Diese Formen lassen sich jedoch nicht immer klar voneinander trennen.

Manipulation und Mythologisierung

Geschichtsmanipulation bezeichnet die politisch motivierte Verfälschung, Umdeutung oder Verdrängung von Geschichte. Dazu gehören die damnatio memoriae, also das gezielte Auslöschen der Erinnerung an Personen, die Geschichtsfälschung und der Geschichtsrevisionismus. Bekannte Beispiele sind die Dolchstoßlegende und die Holocaustleugnung. Dabei wird Verantwortung häufig anderen zugeschoben, während die eigene Rolle verherrlicht wird.

Bei der Aufarbeitung der sogenannten Euthanasie stellten sich beteiligte Angehörige des medizinischen Personals häufig selbst als Opfer dar. Die tatsächlichen Opfer in den Pflegeanstalten blieben dadurch lange unbeachtet. Erst seit den letzten Jahren des 20. Jahrhunderts wird verstärkt versucht, ihre einzelnen Schicksale zu untersuchen.

Mythologisierung nutzt historische oder sagenhafte Erzählungen zur politischen Sinnstiftung. Die Schildhornsage gehört etwa zum Gründungsmythos der Mark Brandenburg. In dieser Darstellung soll der Sieg über die Slawen die Überlegenheit deutscher Neusiedler beweisen, die Landnahme rechtfertigen und Misstrauen gegenüber slawischen Nachbarvölkern begründen.

Eine mythologische Geschichtsdeutung kann auch als Welterklärung dienen. Im Nationalsozialismus sollte der Sozialdarwinismus eine angeblich aus der Rassenzugehörigkeit folgende Rangordnung der Menschen rechtfertigen. Dazu wurden die Indogermanen und Germanen aufgewertet. Die Vorstellung vom „Volk ohne Raum“ sollte Eroberungen in Osteuropa begründen. Entsprechend verherrlichte man die deutsche Ostsiedlung und erklärte die Italienpolitik der deutschen Könige als verfehlt. Heinrich I. wurde gegenüber Otto I. aufgewertet; in Quedlinburg veranstaltete die SS große Gedenkfeiern für Heinrich.

Identität und Herrschaft

Geschichtspolitik kann das Selbstverständnis einer Gruppe prägen und bis zur Selbstverklärung reichen, etwa wenn Nationalstolz durch eine bestimmte Deutung der Vergangenheit gestärkt werden soll. Im 19. Jahrhundert geriet Geschichte in Deutschland zunehmend in den Blick politischer Interessen. Eine historisch begründete Legitimation des deutschen Kaisertums sollte eine künftige Reichsgründung und die Überwindung der Kleinstaaterei unterstützen; die Reichsgründung erfolgte 1870. Auch die Quellenedition Monumenta Germaniae Historica, die Entwicklung der Geschichtswissenschaft als akademisches Fach und der Historismus waren mit politischen Bedeutungen verbunden.

In der DDR wurde zunächst die demokratische und revolutionäre Tradition besonders hervorgehoben. Thomas Müntzer wurde unter dem Begriff „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland“ gewürdigt, beispielsweise durch die Bezeichnung Mühlhausens als Thomas-Müntzer-Stadt und durch Werner Tübkes Bauernkriegspanorama in Bad Frankenhausen. Beim Aufbau einer eigenen DDR-Identität griff man später wieder stärker auf nationale und besonders preußische Traditionen zurück. Friedrich II. von Preußen wurde nun weniger kritisch und teilweise beinahe verherrlichend dargestellt. Auch Martin Luther gewann gegenüber Müntzer an Bedeutung, weil seine Rolle für das Frühneuhochdeutsche, die Reformation und das nationale Selbstverständnis als größer eingeschätzt wurde.

Andere Darstellungen des Zweiten Weltkriegs betonen die Deutschen als Opfer. Der Artikel ordnet hier auch die geschichtspolitischen Eingriffe der Vertriebenenverbände ein, darunter die Bemühungen um ein Zentrum gegen Vertreibungen und den Widerstand gegen die Beneš-Dekrete. Dabei werde die Umsiedlung östlicher deutscher Volksgruppen vom historischen Zusammenhang getrennt und als letztes Glied einer Reihe von „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ dargestellt.

In Frankreich schrieb ein Gesetz vom 23. Februar 2005 Historikern eine positive Darstellung der Kolonialgeschichte vor. Der Historiker Claude Liauzu kritisierte dies scharf; später wurde das Gesetz ohne Parlamentsdebatte zurückgenommen. Im Ostblock diente die Erinnerung an die Befreiung vom Nationalsozialismus der Legitimation der neuen Regime. Nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft wurden viele Soldatendenkmäler selbst zu Gegenständen geschichtspolitischer Auseinandersetzungen, unter anderem in der Ukraine.

Selbstlegitimation rechtfertigt Herrschaft durch Geschichte oder überlieferte Vorstellungen. Im Mittelalter wurde Herrschaft als gottgegeben oder als Stellvertretung Christi dargestellt; beim Papst wird diese Vorstellung weiterhin verwendet, und auch im Absolutismus, etwa bei Bossuet, spielte sie noch eine Rolle. Daneben konnte Herrschaft mit persönlicher Leistung begründet werden, etwa im Tatenbericht des Augustus oder mit der Formel vom Herrscher als „der erste Diener meines Staates“ im aufgeklärten Absolutismus.

Aufklärung und Verantwortung

Aufklärende Geschichtspolitik soll historisches Wissen vermitteln, für bestimmte Themen sensibilisieren und politische Meinungsbildung ermöglichen. Sie kann beispielsweise deutlich machen, dass ein Völkermord stattgefunden hat oder dass gesellschaftliche Ordnungen menschlich geschaffen und nicht göttlich vorgegeben sind.

Politische Geschichtspädagogik versucht außerdem, Verantwortungsbewusstsein zu fördern. Die These einer deutschen Kollektivschuld an den nationalsozialistischen Verbrechen wurde dabei verändert: Jeder Mensch trägt individuelle Verantwortung für seine eigenen Taten; zugleich besteht eine kollektive Verantwortung für den Umgang mit den Folgen der Verbrechen. Dies zeigt sich in der Vergangenheitsbewältigung und in einer Erinnerungskultur, die auch unangenehme und schwer zu erinnernde Ereignisse im öffentlichen Bewusstsein hält.

Beispiele sind Gustav Heinemanns Reden und Initiativen zu den Freiheitsbewegungen der deutschen Geschichte, Richard von Weizsäckers Rede vom 8. Mai 1985 mit der Aussage „das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“ und Roman Herzogs Anregung, den 27. Januar, den Tag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, als Holocaustgedenktag zu begehen. Hinzu kommen mediale Darstellungen historischer Themen, die allerdings selbst einseitig geraten können, sowie das Verbot der Holocaustleugnung nach § 130 des Strafgesetzbuches.

Multiperspektivität und Grenzen der Einteilung

Multiperspektivität bedeutet, verschiedene historische Sichtweisen und Erfahrungen zu berücksichtigen und fremde Geschichtsbilder verstehen zu wollen. Sie ist nicht mit einer bloß politisch korrekten Geschichtsinterpretation gleichzusetzen. Die Wikipedia kann in diesem Sinn als Träger von Geschichtspolitik gelten, weil sie als multinationales und vielsprachiges Projekt Wissen und unterschiedliche Perspektiven sammelt.

Auch die Geschichtswerkstatt Europa verwendet Multiperspektivität als Leitmotiv. Sie arbeitet mit internationalen Projektteams und bringt verschiedene Erfahrungen und Deutungen zu historischen Ereignissen oder Erinnerungsorten zusammen. Ein staatliches Monopol auf Geschichtspolitik begünstigt dagegen einseitige Erzählungen. Schwierige Ereignisse können tabuisiert werden, was die Glaubwürdigkeit der Darstellung beschädigt.

Die Einteilung der Geschichtspolitik in feste Arten bleibt problematisch, weil einzelne Maßnahmen mehrere Funktionen zugleich haben können. Die Umbenennung von Städten oder Straßen kann an eine bestimmte Tradition anknüpfen und damit ein neues Selbstverständnis schaffen. Zugleich kann sie als damnatio memoriae ältere Erinnerungen verdrängen. Beispiele sind die Namenswechsel Sankt Petersburg/Leningrad und Chemnitz/Karl-Marx-Stadt.

Trotz solcher Überschneidungen sind Unterscheidungen sinnvoll. Sie machen besonders deutlich, dass Geschichtspolitik nicht grundsätzlich Geschichtsmanipulation bedeutet, sondern nur im Ausnahmefall mit ihr gleichzusetzen ist.

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