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Geschichtsdidaktische Kompetenzmodelle

Geschichtsdidaktische Kompetenzen bezeichnen domänenspezifische Fähigkeiten und Fertigkeiten (Kompetenz (Pädagogik)), im Umgang mit allen Arten von Quellen …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. US-Modell: fünf Standards
  3. 3. FUER: historisches Denken als Prozess
  4. 4. Pandel: Kompetenzen für Schule und Lebenswelt
  5. 5. Gautschi: narratives Lernen an historischen Inhalten
  6. 6. VGD: historische Kompetenz und Entwicklungsstufen

Grundidee und Bedeutung

Geschichtsdidaktische Kompetenzen sind fachbezogene Fähigkeiten und Fertigkeiten für den Umgang mit Quellen der Vergangenheit und mit gegenwärtigen Zeugnissen der Geschichtskultur. Sie sollen dazu befähigen, solche Materialien autonom, kritisch und nachprüfbar zu untersuchen, daraus Schlüsse zu ziehen und begründete Urteile zu bilden. Zur Kompetenz gehört auch die Bereitschaft, diese Fähigkeiten in unterschiedlichen Situationen anzuwenden. Kompetenzmodelle versuchen, die dafür erforderlichen Fähigkeiten systematisch zu beschreiben und für Unterricht und Forschung nutzbar zu machen.

Historisches Lernen hilft Menschen zu erkennen, welche Bedeutung ein historischer Inhalt besitzt, wie er mit anderen historischen Inhalten zusammenhängt und welche Folgen er für Gegenwart und Zukunft hatte, hat oder haben könnte. Gautschi, Hodel und Utz verstehen Kompetenzen als Voraussetzungen für dieses Lernen. Pandel und das FUER-Modell fassen den Begriff weiter: Kompetenzen ermöglichen historisches Denken überhaupt, also die Orientierung in der Zeit und im zeitlichen Wandel – auch außerhalb der Schule. Die Entwicklung dieser Kompetenzen ist demnach selbst ein Teil historischen Lernens.

In der Geschichtsdidaktik besteht kein Konsens darüber, welche Kompetenzen besonders wichtig sind. Vor allem nach der PISA-Studie von 2001 entstanden deshalb innerhalb weniger Jahre verschiedene Modelle. Pandel betont, dass fachliche Kompetenzen keine beliebig erweiterbare Sammlung einzelner Problemlösefähigkeiten seien. Sie bildeten vielmehr einen Zusammenhang, in dem die Fähigkeiten aufeinander verweisen.

US-Modell: fünf Standards

Die überarbeiteten U.S. Standards for Historical Thinking in Schools wurden 1996 vom National Center for History in the Schools an der University of California unter Beratung des National Council for History Education festgelegt. An ihrer Erarbeitung wirkten unter anderem Geschichtslehrpersonen, Historiker, staatliche Sozialwissenschaftler, Beamte des Bildungsministeriums, Interessengruppen und Eltern mit.

Das Modell folgt dem Gedanken des outcome-based learning, also eines an Lernergebnissen beziehungsweise Kompetenzen ausgerichteten Unterrichts. Seine Standards bestimmen, was Lernende im Geschichtsunterricht erwerben sollen. Sie schreiben jedoch keine bestimmte Unterrichtsstruktur vor, sondern dienen Lehrpersonen als Orientierungspunkte.

Das Modell umfasst fünf Standards:

• Chronologisches Denken: historische Vorgänge zeitlich ordnen und zeitliche Zusammenhänge erfassen.

• Historisches Verständnis.

• Historische Analyse und Interpretation.

• Recherchekompetenz.

• Analyse historischer Probleme und Entscheidungsfindungen.

FUER: historisches Denken als Prozess

Das Modell zur Förderung und Entwicklung von reflektiertem Geschichtsbewusstsein, kurz FUER Geschichtsbewusstsein, versteht historisches Denken als allgemeine menschliche Orientierungsleistung und nicht nur als schulischen Vorgang. Es unterscheidet zwei grundlegende Modi: Re-Konstruktion ist die synthetische Entwicklung einer historischen Erzählung, einer Narration, auf der Grundlage historischer Fragen und Methoden. De-Konstruktion bedeutet dagegen, eine bereits bestehende historische Darstellung zu analysieren.

Vier Kompetenzbereiche bilden das Modell:

• Historische Fragekompetenz ist die Fähigkeit, Fertigkeit und Bereitschaft, eigene historische Fragen zu gewinnen und zu formulieren sowie bereits vorliegende Fragen zu verstehen.

• Historische Methodenkompetenz umfasst die Fähigkeit, Fertigkeit und Bereitschaft, historische Narrationen durch Re-Konstruktion zu entwickeln und vorhandene Narrationen durch De-Konstruktion zu analysieren.

• Historische Orientierungskompetenz bedeutet, Erkenntnisse über Vergangenes, seine inneren Zusammenhänge und seine Beziehungen zur Gegenwart auf eigene Fragen und Orientierungsbedürfnisse zu beziehen. Dadurch können Menschen sich innerhalb ihrer persönlichen und gemeinschaftlichen Zeiterfahrung orientieren.

• Historische Sachkompetenz ist die Verfügung über übertragbare Konzepte, mit denen Gegenstände, Bedingungen und Verfahren historischen Denkens bezeichnet und strukturiert werden. Sie gliedert sich in Begriffs- und Strukturierungskompetenz und bildet die Grundlage des historischen Diskurses. Gemeint ist nicht das Wissen über einzelne vergangene Tatsachen, sondern der Umgang mit Konzepten, die sich auf neue Gegenstände übertragen lassen.

Kritisiert werden die Komplexität des FUER-Modells und seine fehlende empirische Grundlage; diese Kritik trifft laut Artikel allerdings auch auf die anderen Modelle zu. Als einziges der dargestellten Modelle unterscheidet FUER ausdrücklich verschiedene Kompetenzniveaus, bietet also eine Graduierung.

Pandel: Kompetenzen für Schule und Lebenswelt

Hans-Jürgen Pandel versteht geschichtliches Lernen als eine Fähigkeit, die nicht auf die Schule beschränkt ist. Sie soll auch in der Lebenswelt helfen, neue Situationen, Kontroversen und Debatten zu bewältigen. Sein Modell nennt vier primäre Kompetenzen:

• Gattungskompetenz bezeichnet die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Textgattungen aus dem Bereich Geschichte umzugehen und ihren jeweiligen Aussagewert einzuschätzen.

• Interpretationskompetenz ist die Fähigkeit, schriftlichen und visuellen Zeichen Sinn zu entnehmen.

• Narrative Kompetenz bedeutet, aus Ereignissen verschiedener Zeiten durch Sinnbildung eine zusammenhängende Geschichte herzustellen und einen zeitlichen Verlaufsprozess erzählerisch darzustellen.

• Geschichtskulturelle Kompetenz ist die Fähigkeit, wissenschaftliche Logik und Rationalität auf kulturell geprägte Produktionen anzuwenden.

Gautschi: narratives Lernen an historischen Inhalten

Das Modell nach Peter Gautschi von 2009 knüpft an Jörn Rüsens Auffassung an, dass erfolgreiches historisches Lernen vor allem darin besteht, durch historisches Erzählen Sinn über Zeiterfahrungen zu bilden. Dafür benötigen Lernende narrative Kompetenz. Sinnvolles und verständliches historisches Erzählen gilt daher als Ausdruck erfolgreichen historischen Lernens; die Ausbildung narrativer Kompetenz ist das zentrale Ziel des Geschichtsunterrichts.

Kompetenzen helfen Lernenden, Probleme zu bewältigen, die bei der Begegnung mit dem „Universum des Historischen“ entstehen. Sie sind zugleich Voraussetzungen und Ergebnisse historischen Lernens. Entwickelt, angewendet und ausdifferenziert werden sie an konkreten historischen Inhalten. Diese Inhalte bilden das Substrat, also die Grundlage, an der Kompetenzen erworben werden und zur Anwendung kommen.

Gautschi unterscheidet vier Bereiche:

• Erschließungskompetenz für historische Quellen und Darstellungen, also die Sachanalyse.

• Interpretationskompetenz zur Erarbeitung historischer Sachurteile. Ein Sachurteil beurteilt einen historischen Sachverhalt auf Grundlage fachlicher Erkenntnisse.

• Orientierungskompetenz zur Bildung von Werturteilen.

• Wahrnehmungskompetenz für Veränderungen in der Zeit.

VGD: historische Kompetenz und Entwicklungsstufen

Das Kompetenzmodell des Verbands der Geschichtslehrer Deutschlands (VGD) von 2010 fasst drei miteinander verbundene Bereiche zur Historischen Kompetenz zusammen:

• Sachkompetenz verlangt, historische Sachverhalte und Bezüge zur Geschichtskultur zu kennen und sie zeitlich sowie räumlich einordnen zu können.

• Deutungs- und Reflexionskompetenz erweitert dies um die Fähigkeit, historische Sachverhalte zu deuten und zu beurteilen.

• Methoden-Medien-Kompetenz bezeichnet den Umgang mit Medien und Arbeitsverfahren, durch die historische Kenntnisse gewonnen werden.

Für die Deutungs- und Reflexionskompetenz sowie für die Methoden-Medien-Kompetenz sieht das Modell jeweils zwei Entwicklungsstufen vor: ein anfängliches Grundniveau und ein erweitertes Niveau.

Der VGD verbindet sein Kompetenzmodell außerdem mit einer eigenen Epocheneinteilung. Sie umfasst Antike, Mittelalter, Frühe Neuzeit, das 19. Jahrhundert, Weimarer Republik und Nationalsozialismus sowie die deutsche Geschichte seit 1945. Für jede dieser Epochen werden die einzelnen Kompetenzen genauer bestimmt.

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