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Multiperspektivität (Geschichtswissenschaft)
Multiperspektivität ist ein Prinzip der Geschichtsdidaktik für die Planung und Durchführung von Geschichtsunterricht. Es wird auch in anderen …
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Grundprinzip und Bedeutung
Multiperspektivität ist ein Prinzip für die Planung und Durchführung von Geschichtsunterricht. Es wird auch in anderen gesellschaftswissenschaftlichen Fächern eingesetzt, etwa in der Politischen Bildung, Religionsdidaktik, Sozialgeographie und Sportdidaktik.
Das Prinzip soll Schülerinnen und Schüler dazu befähigen, verschiedene Sichtweisen auf Geschichte zu erkennen, zu vergleichen und daraus ein eigenständiges historisches Urteil sowie eine verantwortliche historische Identität zu entwickeln.
Perspektivität historischer Aussagen
Grundlage ist die Überzeugung, dass die vergangene Wirklichkeit nicht unabhängig von einem Beobachter erkannt werden kann. Jede Aussage über ein Ereignis, ein Datum oder einen historischen Zusammenhang entsteht aus einer bestimmten sozialen, kulturellen oder anderweitig geprägten Perspektive.
Das gilt sowohl für spätere historische Darstellungen, sogenannte Narrationen, als auch für Aussagen von Zeitgenossen. Deshalb sind bereits historische Quellen grundsätzlich perspektivisch: Sie zeigen nie die Vergangenheit vollständig, sondern geben eine bestimmte Sicht auf sie wieder.
Ziele für den Geschichtsunterricht
Geschichtsunterricht soll nicht eine vermeintlich unabhängige Wahrheit über Geschichte vermitteln, auch nicht lediglich den aktuellen Forschungsstand. Sein Ziel ist vielmehr, eigenständiges historisches Denken zu fördern.
Daraus folgen drei zentrale Forderungen:
- Schülerinnen und Schüler sollen verstehen, dass historische Aussagen unvermeidbar perspektivisch und selektiv sind, also immer nur eine Auswahl enthalten.
- Ein historischer Gegenstand soll nicht ausschließlich durch Materialien aus einer einzigen Sicht präsentiert werden. Möglichst alle, mindestens aber mehrere relevante Perspektiven sollen vorkommen.
- Die Lernenden sollen die verschiedenen Sichtweisen als plurale Angebote prüfen und für ihre eigene historische Orientierung und Identitätsbildung reflektieren.
Multiperspektivität, Kontroversität und Pluralität
In einer weiteren Bedeutung verlangt Multiperspektivität, möglichst alle relevanten Perspektiven auf einen historischen Gegenstand zu berücksichtigen.
In einer engeren Bedeutung werden drei Ebenen unterschieden:
- Multiperspektivität bezeichnet die Verbindung von historischen Quellen aus unterschiedlichen Perspektiven.
- Kontroversität bezeichnet die Gegenüberstellung späterer, voneinander abweichender Deutungen, beispielsweise in wissenschaftlicher Literatur aus verschiedenen Zeiten.
- Pluralität bedeutet, unterschiedliche Gegenwartsbezüge und Orientierungsmöglichkeiten offenzuhalten, die sich aus der Reflexion über Geschichte ergeben.
Vor allem die Forderung nach Kontroversität berührt das zweite Prinzip des Beutelsbacher Konsenses der Politischen Bildung.
Schulpraxis und Einwände
Obwohl viele Lehrpläne Multiperspektivität fordern, bestimmt das Prinzip den tatsächlichen Geschichtsunterricht noch nicht. Auch gute Zusammenstellungen multiperspektivischer Quellen und kontroverser Literatur finden nur allmählich Eingang in Schulbücher.
Als Hindernisse und kritische Einwände werden genannt:
- Das Erarbeiten und Erörtern mehrerer Perspektiven benötigt viel Unterrichtszeit, die wegen umfangreicher Lehrpläne und Zentralprüfungen oft fehlt.
- Besonders leistungsschwächere Schülerinnen und Schüler könnten durch die geforderte reflexive Haltung überfordert werden oder dafür nicht ausreichend motiviert sein.
- Mehrere Bewertungen könnten zu einem unreflektierten Relativismus führen, bei dem alle Urteile als gleichwertig erscheinen. Dies wäre besonders beim Umgang mit Diktaturen und Gewaltverbrechen problematisch. Als Beispiel nennt der Artikel die Diskussion über die Bewertung der DDR als Diktatur.
- Der kritische Umgang mit Kontroversität wird teilweise als eine Leistung betrachtet, die eher in ein Hochschulstudium gehöre. Bei der Behandlung der Fischer-Kontroverse stoße der Unterricht etwa an die Grenzen des verfügbaren Textmaterials und des Vorwissens, sodass ein unabhängiges Urteil kaum möglich werde.