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Geschichtsunterricht

Geschichtsunterricht, kurz Geschichte, bezeichnet jede Form institutionalisierter Unterweisung in Geschichte, besonders als Unterrichtsfach in der Schule.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern und Formen
  2. 2. Ziel Geschichtsbewusstsein
  3. 3. Didaktische Prinzipien
  4. 4. Staat und Politik
  5. 5. Entwicklung seit dem 18. Jahrhundert
  6. 6. Medien und Materialien

Kern und Formen

Geschichtsunterricht, kurz Geschichte, bezeichnet jede Form institutionalisierter Unterweisung in Geschichte, besonders als Unterrichtsfach in der Schule. Der Artikel beschreibt vor allem die Situation in Deutschland. In österreichischen Schulen heißt das Fach Geschichte und Politische Bildung.

In den meisten Staaten des deutschsprachigen Raums ist Geschichte ein eigenständiges Schulfach. Es kann aber auch in ein sozialwissenschaftliches Lernfeld mit Erdkunde und Sozialkunde integriert werden, etwa als Weltkunde, Gemeinschaftskunde oder Gesellschaftslehre. Das ist häufig an deutschen Haupt- und Gesamtschulen der Fall und wurde zeitweise auch für alle Schularten angestrebt, zum Beispiel in Hessen in den 1970er Jahren. In solchen integrierten Formen unterrichten Lehrkräfte unter Umständen auch ohne eigenes Fachstudium Geschichte.

Neben dem regulären Unterricht gibt es freiere Formen: Arbeitsgemeinschaften am Nachmittag, Projektunterricht, Schülerwettbewerbe wie die der Körber-Stiftung oder Prüfungsleistungen als Besondere Lernleistung. Dort wird die Rolle der Lehrkraft stärker zur Lernbegleitung.

In Deutschland, Österreich, der Schweiz sowie in Italien und den Niederlanden ist Geschichtsunterricht ein Hauptgegenstand der Geschichtsdidaktik. Geschichtsdidaktik ist die wissenschaftliche Beschäftigung damit, wie historisches Lernen geplant, begründet und gestaltet wird. In anderen Ländern gibt es eher eine pragmatische Geschichtsmethodik. Die Vorstellung, Geschichtsunterricht solle nur die neuesten Ergebnisse der Geschichtswissenschaft an Schülerinnen und Schüler weitergeben, wird als „Abbilddidaktik“ bezeichnet und gilt aus geschichtstheoretischen und pädagogischen Gründen als nicht haltbar. Trotzdem bleibt die Geschichtswissenschaft eine wichtige Orientierung für Geschichtsdidaktik und Geschichtsunterricht.

Ziel Geschichtsbewusstsein

Ein zentrales Ziel modernen Geschichtsunterrichts ist die Förderung von Geschichtsbewusstsein. Damit ist die Fähigkeit gemeint, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft miteinander in Beziehung zu setzen, historische Aussagen kritisch zu prüfen und sich selbst in geschichtlichen Zusammenhängen zu orientieren. Lernende sollen auch nach der Schulzeit selbstständig historisch denken, eine eigene Identität entwickeln und reflektieren sowie möglichst gleichberechtigt an gesellschaftlichen Diskussionen über Geschichte teilnehmen können.

In demokratischen Staaten mit pluralistischer Bildungsdiskussion gibt es einen langfristigen, politisch umstrittenen Trend: weg von einem auferlegten Geschichtsbild, hin zu eigenständigem und kritischem historischem Denken. In den deutschsprachigen Ländern wurde diese Entwicklung dadurch verstärkt, dass „Geschichtsbewusstsein“ zur zentralen Kategorie der Geschichtsdidaktik wurde. Nach PISA förderte die Bildungspolitik außerdem stärker kompetenzorientierte Lehrpläne. Kompetenzorientierung bedeutet, dass nicht nur Stoff gelernt werden soll, sondern Fähigkeiten entwickelt werden sollen. Diese Tendenz kann aber teilweise auch wieder eingeschränkt werden, wenn Bildungsstandards Kompetenzen auf Faktenkenntnisse reduzieren. In Deutschland gibt es bisher keine nationalen Bildungsstandards für Geschichte.

Weitere übergeordnete Ziele sind Demokratieerziehung und Menschenrechtserziehung. Die kritische Geschichtsdidaktik der 1970er und 1980er Jahre, etwa bei Annette Kuhn, betonte individuelle Emanzipation und gesellschaftliche Kritikfähigkeit. Später wurde kritisiert, dass dieses Konzept zu einseitig kognitiv ausgerichtet war. Der Umgang mit Geschichte wird nicht nur durch Wissen und Denken bestimmt, sondern auch durch Gefühle, ästhetische Interessen und Geschichtskultur. Der Artikel nennt als Beispiel, dass viele Erwachsene Mittelalterfilme wie Braveheart nicht kritisch betrachten, sondern unreflektiert als Unterhaltung genießen.

Didaktische Prinzipien

Für modernen Geschichtsunterricht gelten mehrere Prinzipien für die Auswahl von Themen, Methoden und Medien sowie für die Unterrichtsplanung. Manche stehen in Lehrplänen, andere sind vor allem didaktische Forderungen.

Wichtig ist die Arbeits- beziehungsweise Denkfachorientierung: Geschichte soll nicht nur reproduktiv gelernt werden, also nicht nur durch Auswendiglernen und Wiedergeben, sondern durch eigenes Arbeiten und Denken. Eng damit verbunden ist die Orientierung am Ziel, Geschichtsbewusstsein zu entwickeln und zu fördern.

Problemorientierung bedeutet, dass historische Themen über Fragen und Probleme erschlossen werden. Multiperspektivität bedeutet, mehrere historische Perspektiven zu berücksichtigen. Das gilt auf drei Ebenen: bei Quellen als Wahrnehmungen aus der Vergangenheit, bei Deutungen in Darstellungen und Literatur als Kontroversität und bei möglichen Schlussfolgerungen als Pluralität. Fremdverstehen meint Perspektivenübernahme, Empathie und auch interkulturelles Lernen. Weitere Prinzipien sind Gegenwartsbezug, Politische Bildung und Wissenschaftsorientierung.

In Deutschland werden Themen in der Sekundarstufe I meist chronologisch oder grobchronologisch geordnet. Die Sekundarstufe I umfasst die unteren und mittleren Klassen nach der Grundschule. In der Sekundarstufe II, also der Oberstufe, wird teilweise stärker nach Sachthemen gearbeitet. Das chronologische Prinzip ist etabliert, wird aber zunehmend kritisiert. Es berücksichtige weder die Geschichtstheorie noch die Entwicklungspsychologie ausreichend. Außerdem seien Probleme der Alten Geschichte nicht automatisch einfacher als moderne Themen. Andere Organisationsformen, die zunehmend in Lehrpläne eingehen, sind die Orientierung an gegenwärtig relevanten Problemkomplexen und die Anordnung in Längsschnitten. Längsschnitte betrachten ein Thema über verschiedene Zeiten hinweg. Auch diese Formen können jedoch große Verständnisprobleme für Schülerinnen und Schüler verursachen.

Staat und Politik

Geschichtsunterricht ist als Schulfach eine staatliche Veranstaltung. Er liegt in der Verantwortung des Staates und folgt staatlich gesetzten Lehrplänen oder offeneren Rahmenplänen. Häufig wird kritisiert, dass diese Pläne trotz regelmäßiger „Entrümpelung“ überfüllt seien. Teilweise spiegelten sie eher die Wünsche geschichtsbewusster Erwachsener wider als die realistischen Lernmöglichkeiten von Heranwachsenden.

Weil Geschichtsunterricht Vorstellungen von Geschichte und Geschichtsbewusstsein beeinflusst, besteht immer die Gefahr politischer Indoktrination oder Instrumentalisierung. Indoktrination bedeutet, Lernende einseitig auf eine politische Deutung festzulegen. Zugleich gibt es legitime Gründe, Geschichtsunterricht und Politische Bildung staatlich zu organisieren: Viele gesellschaftliche Institutionen lassen sich für junge Menschen nur historisch plausibel erklären. Als Beispiel nennt der Artikel die Verfassungsregeln des bundesdeutschen Grundgesetzes, die vielfach nur aus der Kenntnis der deutschen Geschichte im 20. Jahrhundert verständlich und anerkannt werden.

Geschichtsunterricht ist daher politisch umstritten. Öffentliche Debatten betreffen zum Beispiel die fehlende oder unzureichende Behandlung der DDR-Geschichte. Auch international gibt es Streitpunkte, etwa in Frankreich zur Kolonialgeschichte. Für den Geschichtsunterricht gelten nach dem Artikel auch die Prinzipien des Beutelsbacher Konsenses in angepasster Form. Dieser Konsens stammt aus der Politikdidaktik und Politischen Bildung und soll unter anderem verhindern, dass Schülerinnen und Schüler überwältigt oder einseitig politisch festgelegt werden.

Entwicklung seit dem 18. Jahrhundert

Bis weit in die Frühe Neuzeit wurde Geschichte weder an Schulen noch an Universitäten als selbstständiges Fach unterrichtet. Sie diente vor allem zur Erläuterung lateinischer und griechischer Lektüre antiker Historiker. Erst im 18. Jahrhundert entstanden in gelehrten Schulen eigene Unterrichtsstunden und Lehrbücher. Frühere Beispiele waren Torsellini im 16. Jahrhundert und Petavius im 17. Jahrhundert. Sehr erfolgreich wurde im 18. Jahrhundert Christoph Cellarius mit der historia universalis; durch sie wurde die Einteilung der Geschichte in Altertum, Mittelalter und Neuzeit gängig. Für die Aufklärung wurde Geschichtsunterricht als säkulare Weltkunde wichtiger als ein christliches oder konfessionelles Geschichtsbild, das Geschichte zwischen Sündenfall und Erlösung deutete.

Im 19. und 20. Jahrhundert wurde Geschichtsunterricht aus unterschiedlichen politischen und gesellschaftlichen Interessen begründet und verändert. Das reichte von monarchistisch-dynastischer Loyalität im 19. Jahrhundert bis zum sozialistischen Klassenkampfdenken in der DDR. Im Gymnasium des 19. Jahrhunderts standen Hellas und Rom, das Mittelalter, die Reformation sowie die preußisch-deutsche Geschichte seit dem Dreißigjährigen Krieg im Vordergrund. Methodisch dominierten Lehrervortrag und Lehrbuchlektüre. In der Volksschule prägte die anschauliche Lehrererzählung über heimatliche und preußisch-deutsche Geschichte den Unterricht; sie zielte auf Gemüt und Gefühl. Staatliche Lehrpläne und Schulbuchzulassung ermöglichten administrative Kontrolle.

In der Weimarer Republik wurde stärker über die Bedeutung des Geschichtsunterrichts für Demokratieerziehung und staatsbürgerliche Erziehung diskutiert. In der Praxis blieb der Unterricht aber weitgehend einer deutschnationalen Ideologie verpflichtet, die besonders eine deutsche Kriegsschuld am Ersten Weltkrieg leugnete. Im Nationalsozialismus gingen wissenschaftliche Schranken gegen rassenideologische Propaganda weitgehend verloren. Eine zentrale Lenkung scheiterte im Weltkrieg ab 1939 teilweise an organisatorischer Überforderung.

Nach 1945 wurde der Geschichtsunterricht in der SBZ und der DDR am marxistisch-leninistischen Geschichtsbild ausgerichtet. Dazu gehörten die Erklärung des Faschismus, die Rolle der Kapitalisten im bürgerlichen Staat und die Klassengesellschaft. Ziel war letztlich eine propagandistische Legitimation der DDR als angeblich besserer deutscher Staat.

In Westdeutschland wurden das Versagen der Weimarer Republik und der Nationalsozialismus zunächst jahrelang ausgeklammert oder ohne kritische Perspektive behandelt. Viele Schülerinnen und Schüler erfuhren in der Schule nichts darüber. Erst seit den 1960er Jahren wurde eine stärkere Behandlung eingefordert und durchgesetzt. Seit etwa 1970 beeinflusste eine kritische Geschichtsdidaktik den Unterricht über die Lehrerausbildung mehr oder minder erfolgreich. Heute gehören in der Bundesrepublik Deutschland die Auseinandersetzung mit Diktaturen sowie die Geschichte von Demokratie und Menschenrechten zu den zentralen Aufgaben. Ziele, Inhalte und Methoden unterscheiden sich international deutlich; das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung in Braunschweig erforscht diesen Bereich intensiv.

Medien und Materialien

Das wichtigste Medium des Geschichtsunterrichts ist weiterhin das Geschichtsschulbuch. Es hat sich aber stark verändert: Heute wird es weniger als klassisches Lehrbuch und stärker als Arbeitsbuch genutzt.

Weitere Medien sind Texte, besonders Zeitungsartikel, audiovisuelle Medien wie Film, Video, Fernsehen und Tonaufnahmen, außerdem Augenzeugen- und Zeitzeugeninterviews. Mit der technischen Entwicklung gewinnen computergestützte Medien wie CD-ROM und Internet an Bedeutung.

Medial aufbereitete Rückblicke in geschichtliche Abläufe werden manchmal als „Zeitreisen“ beworben. Der Artikel nennt Beispiele wie die Zeitreise Schwebebahn in Wuppertal, die Fernsehsendung MDR Zeitreise, TimeRide-Angebote mit Virtual-Reality-Technik in Köln, Dresden, Berlin, München und Frankfurt am Main sowie weitere Ausstellungen, Museen oder Veranstaltungen. Für den Unterricht ist daran vor allem wichtig, dass Geschichte nicht nur über Texte, sondern auch über Medien, Orte, Erzählungen, Bilder und technische Simulationen vermittelt werden kann.

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