Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Erziehung im Nationalsozialismus
... Gleichschaltung von Staat und Gesellschaft sowie Bildung neuer Jugendorganisationen. 2. Phase der Kriegsvorbereitung (1936–1940): Eingriffe in die …
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee und Ziele
Erziehung im Nationalsozialismus bezeichnet die Theorie und Praxis einer „totalen Erziehung“, die Vorschule, Schule, außerschulische Jugendorganisationen, Lehrerbildung und Hochschule umfasste. Das NS-Regime wollte die gesamte Entwicklung junger Menschen kontrollieren. Die sogenannte „arische“ Jugend sollte zu „rassenbewussten Volksgenossen“, überzeugten Nationalsozialisten und körperlich belastbaren Menschen geformt werden. Jungen sollten vor allem auf Krieg und Wehrdienst, Mädchen auf ihre Rolle als robuste nationalsozialistische Mütter vorbereitet werden.
Diese Erziehung beruhte auf einem anti-intellektuellen, anti-humanistischen, antisemitischen und chauvinistischen Weltbild. Kritisches Denken, individuelle Selbstbestimmung und wissenschaftliche Bildung wurden gegenüber Gehorsam, körperlicher Härte, Opferbereitschaft und soldatischen Tugenden abgewertet. Führerkult, Hitlergruß, Hakenkreuze, Fahnen und Fahnenappelle gehörten zum Alltag. Die behauptete „Volksgemeinschaft“ sollte soziale Unterschiede zwischen „arischen“ Deutschen überdecken, schloss aber als angeblich minderwertig bezeichnete Menschengruppen gewaltsam aus.
Die Umgestaltung verlief in drei Phasen:
- 1933–1935, Machtsicherung: politisch unerwünschte Pädagogen wurden entlassen, Staat und Gesellschaft zentralisiert und gleichgeschaltet und neue Jugendorganisationen aufgebaut.
- 1936–1940, Kriegsvorbereitung: Schulstruktur und Lehrpläne wurden verändert, Hitlerjugend und Lagererziehung verpflichtend, Ausgrenzung verschärft und Lehrerbildung neu geordnet. Im Dezember 1936 wurde für Jungen der 12. Klasse die 13. Klasse gestrichen, um 1939 zwei Offiziersjahrgänge zu gewinnen.
- 1941–1945, Machterweiterung und Zerfall: Krieg und Mangel bestimmten das Bildungswesen. Schüler wurden als Flakhelfer und im Volkssturm eingesetzt; in besetzten Gebieten wurde Bildung auf ein Minimum reduziert.
Gleichschaltung von Lehrkräften und früher Kindheit
Der 1929 gegründete Nationalsozialistische Lehrerbund (NSLB) wurde zum Instrument der Gleichschaltung. Nach Hitlers Ernennung zum Reichskanzler wurden andere Lehrerorganisationen verboten. Kurz nach der Machtübernahme 1933 verloren alle jüdischen Lehrer und ein Drittel der Lehrerinnen ihre Stellen. Die übrigen Lehrkräfte sollten dem NSLB beitreten. Von etwa 300.000 Lehrern verweigerten 9.000 die Mitgliedschaft; 97 Prozent traten bei. Rund 32 Prozent der organisierten Lehrer, etwa 100.000 Personen, gehörten zusätzlich der NSDAP an. Manche schieden aus politischen Gründen aus dem Beruf aus oder versuchten, innerhalb des Systems Abstand zur Ideologie zu halten. Zugleich nahmen viele Pädagogen Führungsämter ein: 1937 waren sieben Lehrer Gauleiter oder stellvertretende Gauleiter, 78 Kreisleiter und 2668 Ortsgruppen- oder Stützpunktleiter der NSDAP.
Schon Kleinkinder sollten nach dem Ideal von Härte und Unterordnung erzogen werden. Die Ärztin Johanna Haarer forderte in Schriften wie „Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind“, dem Schreien und Flehen von Kindern nicht nachzugeben. Eine liebevolle Bindung zwischen Eltern und Kind sollte verhindert werden; Erziehung galt dabei als Aufgabe der Mutter.
Im Rahmen der Aktion Lebensborn entstanden Heime zur Förderung des Nachwuchses der SS. Ledige Frauen konnten dort anonym gebären; in deutschen Heimen wurden etwa 8.000 Kinder geboren. Später entführten die Nationalsozialisten zudem Kinder aus besetzten Ländern, deren Aussehen ihrem rassistischen Ideal entsprach, und übergaben sie SS-Familien zur „Aufzucht“.
Schule, Bildungsziele und Unterricht
Die Schule galt vor allem als Vorstufe des Wehrdienstes. Krieg und Kampf wurden in nahezu allen Fächern behandelt; Sport, Hitlerjugend, Schullager, Schullandheime und Geländespiele dienten der körperlichen und vormilitärischen Ausbildung. Ab 1934 zentralisierten das Reichsinnenministerium und das neue Reichserziehungsministerium das zuvor von den Ländern geprägte Schulwesen. Ab 1937 wurden Gymnasien verstärkt in Oberschulen umgewandelt, der Weg zum Abitur auf zwölf Schuljahre verkürzt und die gemeinsame Beschulung von Jungen und Mädchen weitgehend abgeschafft. Konfessionelle Schulen wurden entgegen dem Reichskonkordat geschlossen.
Der Samstag war ab 1934 „Staatsjugendtag“: Die 10- bis 14-jährigen Mitglieder von Jungvolk und Jungmädelbund hatten HJ-Dienst. Für andere Schüler gab es statt Fachunterricht zwei Stunden „nationalpolitischen“ Unterricht, Sport sowie Nadelarbeit für Mädchen beziehungsweise Werkunterricht für Jungen. Wegen Personalmangels, Konflikten mit Schulen und Arbeitgebern und rund 120 Stunden Unterrichtsausfall pro Schuljahr wurde diese Regelung zum 1. Januar 1937 aufgehoben.
Sport erhielt fünf Wochenstunden. Daneben entstanden besondere Ausleseschulen: Nationalpolitische Erziehungsanstalten, auch Napola genannt, Adolf-Hitler-Schulen, SS-Junkerschulen, Ordensburgen, Hauptschulen für begabte Volksschüler aus einkommensschwachen Familien und besonders ab 1942 Deutsche Heimschulen.
Die Bildungsziele waren rassistische Indoktrination und Kriegsvorbereitung. Jungen sollten dem Ideal des „politischen Soldaten“ entsprechen und Willenskraft, absoluten Gehorsam, Verschwiegenheit und Verantwortungsbereitschaft entwickeln. Mädchen sollten auf Mutterschaft und Haushaltsführung vorbereitet werden. Die Richtlinien zur Rassenkunde vom 15. Januar 1935 ordneten diese besonders der Biologie zu, verlangten ihre Vermittlung aber in allen Fächern.
Nach 1937 wurden Fächer, Lehrpläne und Schulbücher stärker ideologisiert. Der Religionsunterricht wurde eingeschränkt; 1939 endete die Ausbildung in Religionspädagogik. Mathematikaufgaben verglichen etwa die Kosten einer psychiatrischen Einrichtung mit Wohnungen für deutsche Familien oder berechneten die Reichweite von Bombern. Dadurch sollten Ausgrenzung, Angst und „kriegsfähiges Wissen“ vermittelt werden. Deutsch, Erdkunde und Geschichte wurden zu „deutschkundlichen Fächern“: Literatur wurde aus ihrem Zusammenhang gelöst und soldatisch gedeutet, Erdkunde verbreitete die „Volk ohne Raum“-Ideologie, Geschichte Revanchismus gegen den Versailler Vertrag und rassistischen Hochmut. Naturwissenschaften und Flugzeugmodellbau dienten ebenfalls der Wehrerziehung.
Die Schülerzeitschrift „Hilf mit!“ des NSLB erschien von Oktober 1933 bis September 1944 und erreichte mit bis zu fünf Millionen Exemplaren nahezu alle Schüler ab zehn Jahren. Alltägliche Themen wie Naturkunde und Verkehrserziehung wurden mit Heldengeschichten, Rassenlehre, Ahnenforschung und offen rassistischer, antidemokratischer Propaganda verbunden. Allerdings blieben viele Reformpläne unvollständig. Nicht überall standen neue Lehrbücher zur Verfügung; Krieg, Bombenangriffe und Kinderlandverschickung verschärften den Materialmangel.
Jugendorganisationen, Hochschulen und Lehrerbildung
Die außerschulische Erziehung durch Hitlerjugend (HJ) und Bund Deutscher Mädel (BDM) war ein zweites wichtiges Standbein neben der Schule. Lager, Ausflüge, Gemeinschaftserlebnisse und paramilitärische Übungen sollten Jugendliche gefühlsmäßig an die „Volksgemeinschaft“ binden und auf ihren späteren Einsatz vorbereiten. Das Gesetz über die Hitler-Jugend vom 1. Dezember 1936 machte die HJ zur obligatorischen Staatsjugend. Von zehn bis 14 Jahren gehörten Jungen als „Pimpfe“ zum Jungvolk und Mädchen zum Jungmädelbund; von 14 bis 18 Jahren waren sie „Hitlerjungen“ beziehungsweise „Mädel“ im BDM. 1939 umfasste die HJ 8,7 Millionen Jugendliche. Ab 1943 wurden Minderjährige der Jahrgänge 1926 bis 1928 als Flakhelfer, ab 1944 auch als Soldaten im Volkssturm eingesetzt.
Auch Hochschulen wurden gleichgeschaltet. Der 1926 gegründete Nationalsozialistische Deutsche Studentenbund führte bereits seit Mitte 1931 die Deutsche Studentenschaft. Studenten und nationalsozialistische Professoren trugen die Bücherverbrennung im Mai 1933. Studentenverbindungen lösten sich bis 1936 selbst auf oder wurden zwangsaufgelöst; Studierende sollten in Kameradschaften organisiert werden. Das Gesetz gegen die Überfüllung deutscher Schulen und Hochschulen vom 25. April 1933 begrenzte den Anteil sogenannter „Nichtarier“ an neuen Studienplätzen auf höchstens 1,5 Prozent. Am Ende der NS-Herrschaft waren 60 bis 70 Prozent der Hochschullehrer Mitglieder der NSDAP oder einer Parteiorganisation.
Die Lehrerbildung wurde entakademisiert. Pädagogische Akademien hießen zunächst Hochschulen für Lehrerbildung und wurden zwischen 1940 und 1943 durch Lehrerbildungsanstalten ersetzt, für die kein Abitur erforderlich war. Wissenschaftliche Inhalte wurden zugunsten ideologischer Schulung vermindert. Im Dezember 1940 verkürzte man auch den Vorbereitungsdienst der Gymnasiallehrer auf ein Jahr. Seit 1936 dienten Lehrerlager in Rankenheim südlich von Berlin der Indoktrination.
Ausgrenzung, Verfolgung und Gewalt
Die rassistische Erziehungspolitik war mit systematischer Entrechtung und Vernichtung verbunden. Das Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums vom 7. April 1933 entfernte vor allem jüdische Lehrer und Professoren aus dem Staatsdienst. Die Nürnberger Gesetze von 1935 beseitigten die rechtliche Gleichstellung der jüdischen Minderheit. Der Anteil vor allem jüdischer Schüler in deutschen Klassen wurde auf 1,5 Prozent begrenzt. Es folgten Verbote von Schulveranstaltungen, Klassenfahrten und Schullandheimen. Nach den Novemberpogromen 1938 wurden öffentliche Schulen und Universitäten für jüdische Kinder vollständig geschlossen; am 30. Juni 1942 wurde ihnen reichsweit jeder Unterricht verboten.
Jüdische Schulen boten zeitweise Schutz vor alltäglicher Diskriminierung, stärkten die jüdische Identität und bereiteten später vor allem auf Emigration vor. Gleichzeitig erleichterte ihre Absonderung die staatliche Kontrolle. 1942 wurden diese Einrichtungen im Zuge des Holocaust geschlossen; jüdische Kinder und Jugendliche wurden in Massenvernichtungslagern ermordet.
Auch Roma und Sinti wurden entrechtet. Obwohl ein Erlass vom 22. März 1941 die Aufnahme deutscher Staatsbürger in öffentliche Volksschulen vorsah, entstanden örtlich getrennte „Zigeunerklassen“ und „Zigeunerschulen“. Kinder ohne deutsche Staatsangehörigkeit sollten ausgeschult werden. Ab März 1943 wurden „Zigeuner“ und „Zigeunermischlinge“ in das „Zigeunerlager Auschwitz“ im KZ Auschwitz-Birkenau deportiert. Kinder der polnischen Minderheit wurden ebenfalls ausgegrenzt; 1938 verwies man viele von der Schule.
In den besetzten Gebieten, besonders in Polen, sollte Bildung deutsche Kinder germanisieren und polnische Schüler aussondern und versklaven. Polnische Pädagogen wurden entlassen; 17.000 wurden unter deutscher Herrschaft ermordet. Heinrich Himmler verlangte 1940 für Slawen nur eine Volksschulbildung mit einfachem Rechnen bis höchstens 500, dem Schreiben des Namens und der Erziehung zum Gehorsam; Lesen hielt er nicht für erforderlich.
Kinder osteuropäischer Zwangsarbeiter durften keine Schule besuchen. Als „gutrassig“ eingestufte Kleinkinder wurden ihren Müttern weggenommen und deutschen Familien zur Zwangsadoption übergeben. Andere kamen in „Ausländerkinder-Pflegestätten“, wurden vorsätzlich unterernährt und starben zu 25 bis 50 Prozent, in einzelnen Fällen zu 90 Prozent. Zehntausende verhungerten. Ältere Kinder mussten meist ab dem zehnten Lebensjahr arbeiten.
Für als „schwer erziehbar“, „verwahrlost“, „arbeitsscheu“, nonkonformistisch oder widerständig bezeichnete Jugendliche entstanden ab 1940 unter dem beschönigenden Namen „Jugendschutzlager“ Jugendkonzentrationslager: in Moringen für Jungen, in der Uckermark für Mädchen und in Litzmannstadt für polnische Jugendliche.
Erziehungswissenschaft und Widerstand
Pädagogen entwickelten bereits vor 1933 Konzepte nationalsozialistischer Erziehung. Viele stellten ihre Arbeit in den Dienst der rassistischen Weltanschauung; andere versuchten, eine gewisse wissenschaftliche Eigenständigkeit zu bewahren. Eine pluralistische Diskussion war nach dem Führerprinzip ausgeschlossen. Reichserziehungsminister Bernhard Rust setzte seine Unterrichtspläne dennoch erst ab 1937/39 umfassender durch.
Ernst Krieck, einer der Hauptvertreter der NS-Erziehungswissenschaft, entwarf ein „organisches“ Gesellschaftsmodell. Erziehung sollte Menschen auf die angeblich aus ihrer Herkunft folgende gesellschaftliche Stellung zurichten; dafür verwendete er den Begriff „Zucht“. Alfred Baeumler erklärte die „Rasse“ zum Ausgangspunkt der Schule. Theodor Wilhelm legitimierte sowohl den Ausschluss jüdischer Beamter als auch die Ermordung der ungarischen Juden. Die NS-Pädagogik verstand sich als normativ, also von gesetzten „obersten Sinn-Normen“ ausgehend, und orientierte sich an Hitlers Forderung, Jugendliche in gehorsame Soldaten zu verwandeln.
Trotz der umfassenden Kontrolle gab es Widerstand und Verweigerung. Die Weiße Rose um Hans und Sophie Scholl bildete einen Kern des studentischen Widerstands. Die etwa einhundert Mitglieder der kommunistisch-sozialistisch geprägten Herbert-Baum-Gruppe stammten überwiegend aus dem Arbeiter- und Kleinbürgermilieu; viele waren jüdischer Herkunft. Nach einem Brandanschlag auf die Propagandaausstellung „Das Sowjetparadies“ im Mai 1942 wurde die Gruppe zerschlagen, über zwanzig Mitglieder wurden zum Tode verurteilt, und Herbert Baum starb nach schweren Folterungen in Haft.
Jugendliche wie Helmuth Hübener und Gruppen wie die Edelweißpiraten widersetzten sich der Vereinnahmung durch die HJ. Katholische Jugendverbände versuchten, ihre im Konkordat zugesicherte Unabhängigkeit zu bewahren. Eltern beantragten Befreiungen, Jugendliche blieben Treffen fern oder gründeten während des Krieges Banden, die die HJ angriffen. Unter Lehrern gab es nur vereinzelt organisierten Widerstand. Manche widersprachen Eingriffen der HJ, vermittelten vorgeschriebene Inhalte nicht oder deutlich distanziert; Kurt Steffelbauer ist ein Beispiel für aktiven Widerstand. Die behauptete vollständige Erfassung der Jugend gelang daher trotz Pflichtmitgliedschaft nicht.