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Geschichte des Antisemitismus seit 1945
Der Antisemitismus bis 1945 hatte zum Holocaust geführt. Danach traten politische Organisationen mit offen judenfeindlichen Zielen und traditionelle Stereotype …
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Kern und Formen nach 1945
Antisemitismus bezeichnet eine moderne Judenfeindlichkeit, die seit der Aufklärung entstand. Nach 1945 verlor er mit dem Ende des NS-Staates weitgehend seine offene Funktion als politische Ideologie, blieb aber in Bevölkerungsteilen unterschiedlicher sozialer Schichten, religiöser Gruppen und politischer Richtungen bestehen. Der Antisemitismus bis 1945 hatte zum Holocaust geführt; danach traten offen judenfeindliche Organisationen und traditionelle christlich-antijudaistische Stereotype zurück. Stattdessen wurden neue oder verdeckte Formen wichtiger.
Wichtige Formen nach 1945 sind Schuldabwehr und Schuldprojektion auf Juden, Täter-Opfer-Umkehr, Geschichtsrevisionismus und Holocaustleugnung. Häufig werden Juden nicht direkt genannt, sondern durch Codes wie „Zionisten“, „Ostküste“, „Finanzkapital“, „internationale Hochfinanz“ oder „globalistische Eliten“ gemeint. Als aktuell vorherrschende Form beschreibt der Artikel israelbezogenen Antisemitismus, der oft als Antizionismus auftritt: Er lehnt das Existenzrecht Israels ab, macht Israel für sehr unterschiedliche politische Übel verantwortlich oder macht alle Juden für die Politik Israels haftbar.
Öffentliche antisemitische Hetze ist in Deutschland seit 1994 als Volksverhetzung strafbar, in Österreich als Verhetzung oder NS-Wiederbetätigung und in der Schweiz nach der Rassismus-Strafnorm. Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 und nach dem Terrorangriff der Hamas auf Israel 2023 nahmen antisemitische Vorfälle vielerorts zu.
Ostblock und Sowjetunion
In Osteuropa flohen nach 1945 viele Juden wegen Antisemitismus. Bis Anfang der 1950er Jahre lebten etwa 150.000 osteuropäische Juden in DP-Lagern in Westdeutschland; allein 1950 und 1951 kamen 425.000 Juden aus Osteuropa nach Israel.
In der Sowjetunion hatte Stalin jüdische Sowjetbürger während des Krieges zunächst als loyale Patrioten behandelt und 1942 das Jüdische Antifaschistische Komitee zugelassen. Gleichzeitig verschwieg das Regime den Holocaust weitgehend als eigenes jüdisches Schicksal und sprach stattdessen von Verbrechen an „friedlichen Sowjetbürgern“. Nach Kriegsende verdächtigte es Juden zunehmend der Illoyalität. Ab 1948 richteten sich Kampagnen gegen angeblich „wurzellose Kosmopoliten“, womit meist Juden gemeint waren. Jüdische Intellektuelle wurden entlassen, inhaftiert oder hingerichtet; in der „Nacht der ermordeten Dichter“ vom 12. auf den 13. August 1952 wurden dreizehn Juden getötet. Die erfundene „Ärzteverschwörung“ ab 1951 verschärfte Antisemitismus und Pogromgefahr bis zu Stalins Tod am 5. März 1953.
Nach dem Sechstagekrieg 1967 wurde staatlicher Antisemitismus im Ostblock oft als Antizionismus erneuert. „Zionisten“ wurden als Verbündete des US-Imperialismus und als Weltgefahr dargestellt. Erst unter Michail Gorbatschow konnten ab 1988 viele sowjetische Juden nach Israel ausreisen.
Auch in anderen Ostblockstaaten gab es antisemitische Entwicklungen. In der Tschechoslowakei wurden 1951 Rudolf Slánský und weitere KP-Mitglieder, darunter zwölf Juden, als angebliche zionistische Agenten angeklagt. In Polen kam es nach dem Krieg zu Pogromen wie in Krakau 1945 und Kielce 1946; bis zu 1500 Juden wurden ermordet. Nach 1967 und besonders während der März-Unruhen 1968 wurden polnische Juden massenhaft entlassen und fast alle verließen das Land.
Deutschland: Aufarbeitung, Verdrängung und neue Debatten
In der SBZ und DDR wurden Juden meist nur als „Opfer des Faschismus“ behandelt und gegenüber kommunistischen Widerstandskämpfern schlechtergestellt. Entschädigungen und Rückgabe jüdischen Eigentums blieben begrenzt; Forderungen Israels wurden abgelehnt. Ab 1949 übernahm die DDR sowjetische Kampagnen gegen „Kosmopolitismus“ und „Zionismus“. Jüdische Gemeinden wurden überwacht, viele Juden flohen bis 1953 aus der DDR. Nach 1967 verschärfte die DDR ihre antiisraelische Propaganda und setzte Israel teilweise mit NS-Verbrechen gleich. Antisemitische Taten wie Friedhofsschändungen, Drohbriefe oder Angriffe wurden staatlich oft nicht öffentlich gemacht oder als „Rowdytum“ verharmlost.
In den Westzonen bestanden nach 1945 antisemitische Einstellungen fort. Besonders jüdische Displaced Persons wurden als Schwarzhändler oder Gefahr für Deutsche diffamiert, obwohl sie Holocaustüberlebende waren. Die Täter-Opfer-Umkehr half vielen Deutschen, eigene Verantwortung für NS-Verbrechen abzuwehren. Ab 1947 wurden wieder jüdische Friedhöfe geschändet.
In der Bundesrepublik wurde offene Judenfeindschaft gesellschaftlich zunehmend geächtet und strafrechtlich verfolgt. Konrad Adenauers Regierung schloss 1952 das Luxemburger Abkommen mit Israel; 1956 beschloss der Bundestag das Bundesentschädigungsgesetz rückwirkend zum 1. Oktober 1953. Gleichzeitig blieben rechtsextreme Publikationen und Netzwerke aktiv. Der Prozess gegen Veit Harlan, Regisseur von „Jud Süß“, zeigte Kontinuitäten in Justiz, Polizei und Öffentlichkeit. Die Auseinandersetzung mit NS-Verbrechen nahm durch das „Tagebuch der Anne Frank“, „Nacht und Nebel“, den Eichmann-Prozess 1961 und die Auschwitzprozesse ab 1963 zu.
Seit 1990 zeigte sich Antisemitismus auch in der gesellschaftlichen Mitte. Debatten über die deutsche Wiedervereinigung, Daniel Goldhagens „Hitlers willige Vollstrecker“, Norman Finkelsteins „Die Holocaust-Industrie“, die Wehrmachtsausstellungen, Martin Walsers Rede 1998, Jürgen Möllemanns Wahlkampfflugblatt 2002 und die Hohmann-Affäre 2003 machten Schuldabwehr und israelbezogenen Antisemitismus sichtbar. Forscher beschrieben eine Verschiebung der Grenzen des Sagbaren. Rechtsextreme Gruppen blieben Hauptträger antisemitischer Hetze und Straftaten, nutzten aber häufig Codes und Holocaustleugnung statt offenem NS-Antisemitismus. Auch bei Teilen der Linken wurden antizionistische und kapitalismuskritische Muster kritisiert, wenn sie Israel dämonisieren oder Finanzmacht antisemitisch personalisieren.
Einstellungen, Straftaten und aktuelle Entwicklungen
Umfragen zeigen seit 1945 einen langfristigen Rückgang offener antisemitischer Einstellungen, aber ein stabiles Potenzial latenter Vorurteile. In der US-Besatzungszone sahen sich 1945 23 %, 1946 21 % und 1948 noch 19 % der Befragten als Antisemiten. Allensbach fragte, ob es für Deutschland besser wäre, keine Juden im Land zu haben: 1952 antworteten 37 % mit Ja, 1987 noch 13 %. Spätere Studien fanden immer wieder deutliche Anteile klassischer, sekundärer und israelbezogener antisemitischer Einstellungen. Eine Mitte-Studie von 2019 stellte fest, dass 21,6 % Aussagen des sekundären Antisemitismus zustimmten; fast 40 % stimmten einer Täter-Opfer-Umkehr zu, wonach Israel sich gegenüber Palästinensern so verhalte wie Deutschland während der NS-Zeit gegenüber Juden.
Antisemitische Straftaten wurden in Deutschland bis 1993 nicht gesondert erfasst. Seit 2001 werden sie als Hasskriminalität in der Kategorie Politisch motivierte Kriminalität geführt. Erfasst werden etwa Holocaustleugnung, Diffamierungen jüdischer Institutionen und Sachbeschädigungen an jüdischen Mahnmalen, Gedenkstätten und Gräbern. Die Statistik ist umstritten, weil viele Opfer Taten nicht anzeigen und unbekannte Täter oft pauschal dem rechten Spektrum zugeordnet werden. Der Unabhängige Expertenkreis Antisemitismus warnte 2017 vor einem möglicherweise nach rechts verzerrten Bild.
Die registrierten Zahlen stiegen stark: 2001 wurden 1.691 antisemitische Straftaten erfasst, 2020 waren es 2.351. Für 2021 wurden 3.028 antisemitische Straftaten gemeldet. 2023 dokumentierte RIAS 4.782 antisemitische Vorfälle, fast 83 % mehr als im Vorjahr; mehr als die Hälfte ereignete sich nach dem Hamas-Terrorangriff am 7. Oktober 2023. Das Bundesinnenministerium erfasste 2023 sogar 5.164 Delikte. 2024 wurden 6.236 antisemitische Straftaten gemeldet, 2025 registrierte RIAS 8.725 Vorfälle.
Während der Corona-Pandemie verbreiteten sich antisemitische Verschwörungstheorien stark. Behauptet wurde etwa, das Virus sei durch Israel, den Mossad oder „Zionisten“ verursacht worden; bei Demonstrationen wurden gelbe Sterne mit Aufschriften wie „ungeimpft“ getragen, was als Relativierung der Shoah kritisiert wurde. Nach dem Terrorangriff der Hamas 2023 verschärfte sich die Bedrohungslage deutlich: In Deutschland kam es zu Angriffen auf Synagogen, Markierungen mit Davidsternen an Häusern, verbrannten Israel-Flaggen und antisemitischen Parolen auf Demonstrationen.
Europa, Naher Osten und USA
In Europa wurden nach 1990 wieder breitere Erhebungen möglich. In Osteuropa knüpften antisemitische Vorstellungen oft an Vorkriegsmuster an. Eine ADL-Umfrage von 2009 in sieben EU-Staaten ergab, dass durchschnittlich 44 % der Befragten fanden, Juden sprächen zu oft über den Holocaust. Eine FRA-Umfrage von 2018 unter 16.395 jüdischen Teilnehmern aus zwölf EU-Staaten zeigte, dass viele Juden Antisemitismus als wachsendes Problem erleben; 89 % sahen ihn besonders im Internet und in sozialen Medien. In Frankreich nahmen antisemitische Übergriffe seit der Jahrtausendwende stark zu; 2018 registrierten Behörden 541 antisemitische Übergriffe, 74 % mehr als 2017. In Großbritannien wurden besonders antisemitische Tendenzen in Teilen der Labour Party unter Jeremy Corbyn diskutiert. In der Schweiz stiegen nach 2023 vor allem israelbezogene und online verbreitete Vorfälle.
Österreich entwickelte nach 1945 wegen der Selbstdeutung als „erstes Opfer des Nationalsozialismus“ weniger Druck zur Aufarbeitung. Entschädigungen wurden verschleppt, frühere Nationalsozialisten wieder integriert und antisemitische Einstellungen blieben verbreitet. Spätere Debatten entstanden etwa um Taras Borodajkewycz, die Kreisky-Peter-Wiesenthal-Affäre, die Waldheim-Affäre und die FPÖ. Nach dem Hamas-Angriff 2023 meldete die Israelitische Kultusgemeinde für 2023 insgesamt 1.147 antisemitische Vorfälle; vom 7. Oktober bis 31. Dezember verfünffachten sie sich.
In arabischen und islamischen Staaten beschreibt der Artikel Antisemitismus vor allem als Produkt eines Kulturtransfers aus Europa, der später islamisiert wurde. Nach Israels Staatsgründung 1948 verbreiteten sich die „Protokolle der Weisen von Zion“ und andere antisemitische Schriften stark. Sayyid Qutb verband 1950 europäische Stereotype mit islamischen Motiven und prägte damit den antisemitischen Islamismus. Die Hamas-Charta von 1988 verweist auf die „Protokolle“ und beschreibt Juden als weltbeherrschende Feinde. Der Iran propagiert antisemitischen Antizionismus als Staatsideologie und unterstützt Hamas und Hisbollah.
In den USA gingen antisemitische Tendenzen während des Kalten Krieges insgesamt zurück, blieben aber in rechtsextremen, fundamentalistischen und verschwörungsideologischen Milieus bestehen. Rechtsextreme sprechen von einem „Zionist Occupied Government“. Die Nation of Islam verbreitete ebenfalls antisemitische Stereotype. 2018 ermordete ein Täter in einer Synagoge in Pittsburgh elf Menschen; 2019 gab es einen Anschlag auf eine Synagoge in Poway.
Gegenmaßnahmen
Gegen Antisemitismus entstanden rechtliche, politische, pädagogische und zivilgesellschaftliche Maßnahmen. Die OSZE verurteilte 2004 in der Berliner Erklärung alle Erscheinungsformen des Antisemitismus und verpflichtete Mitgliedsstaaten, Juden, Synagogen, religiöse Stätten und das Holocaustgedenken zu schützen sowie verlässliche Daten über antisemitische Straftaten zu sammeln. Die International Holocaust Remembrance Alliance übernahm die EUMC-Arbeitsdefinition von Antisemitismus; sie wird von vielen Institutionen als praktische Orientierung genutzt.
In Deutschland empfahl der Bundestag ab 2008 die EUMC-Arbeitsdefinition für staatliche Behörden. 2015 richtete das Bundesinnenministerium einen Expertenkreis Antisemitismus ein. Der zweite Bericht von 2017 betonte auch einen „Antisemitismus ohne Antisemiten“, also Einstellungen, bei denen Personen antisemitische Muster verwenden, sich selbst aber nicht als antisemitisch sehen. Mit Wirkung zum 3. April 2021 wurden antisemitische Beweggründe ausdrücklich in § 46 StGB zur Strafzumessung aufgenommen.
Zivilgesellschaftliche Projekte wie „Junge Muslime in Auschwitz“, die Website stopantisemitismus.de, RIAS-Meldestellen und „Zusammen1“ von Makkabi Deutschland und dem Zentralrat der Juden sollen aufklären, Vorfälle dokumentieren und Betroffene unterstützen. Für Schulen betonen Forscher, dass Prävention aus Aufklärung, Intervention und klaren Grenzen bestehen muss. Unterricht soll abstraktes Denken und konkrete Empathie fördern, zugleich aber antisemitische Aussagen, Verschwörungsmythen und israelbezogene Abwertungen als Problem erkennen und nicht verharmlosen.