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Lautwandel

Lautwandel bezeichnet die Veränderung von Lauten nach bestimmten Regeln. Historischer Lautwandel stellt eine Art des Sprachwandels dar, die darin besteht, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Formen des Lautwandels
  2. 2. Lautlicher Wandel am Beispiel „Maus“
  3. 3. Phonetischer, phonologischer und umgebungsabhängiger Wandel
  4. 4. Wichtige Lautwandelprozesse
  5. 5. Ausbreitung und mathematische Erklärungsversuche
  6. 6. Folgen für Sprachsystem und Schriftsprache

Grundidee und Formen des Lautwandels

Lautwandel ist die regelhafte Veränderung von Lauten. Als historischer Lautwandel gehört er zum Sprachwandel: Die Aussprache von Lauten verändert sich im Lauf der Zeit. Synchroner Lautwandel geschieht dagegen innerhalb eines sprachlichen Zustands, etwa wenn unterschiedliche sprachliche Segmente zusammentreffen und aufeinander wirken.

Betroffen sein kann die Phonetik, also die konkrete Lautäußerung, oder die Phonologie, also das System der bedeutungsunterscheidenden Laute einer Sprache. Verändert sich eine ganze Gruppe artikulatorisch verwandter Laute, spricht man oft von Lautverschiebung.

Synchroner Lautwandel umfasst beispielsweise Umlaut, Ablaut, Vokalharmonie, Assimilation, Synkope und Metathese. Diachroner oder historischer Lautwandel bezeichnet die Veränderung lautlicher Eigenschaften im Lauf der Zeit und ihre räumliche Ausbreitung. Sprachkontakt, also das Zusammentreffen von Sprechern verschiedener Ideolekte, Soziolekte, Dialekte oder sogar nichtverwandter Sprachen, kann ihn begünstigen. Geographische Isolation, etwa auf Island, im Kaukasus oder in Neuguinea, verlangsamt Sprachwandel.

Lautlicher Wandel am Beispiel „Maus“

Das Wort „Maus“ wurde im Mittelhochdeutschen [mu:s] ausgesprochen. Es hatte damit einen einfachen langen Vokal, einen Monophthong, wie das heutige Wort „Mus“. Im gegenwärtigen Deutschen lautet das Wort [maʊ̯s]: Der einfache Vokal wurde zu einem Doppelvokal, einem Diphthong [aʊ̯].

Dieser Vorgang heißt Diphthongierung. Er zeigt, dass ein Lautwandel viele Wörter betreffen kann und sich dadurch die Aussprache einer Sprache deutlich verändert.

Phonetischer, phonologischer und umgebungsabhängiger Wandel

Ein rein phonetischer Wandel verändert lautliche Eigenschaften, ohne dass Wörter dadurch schlechter voneinander unterscheidbar werden. Ein phonologischer Wandel hebt dagegen die Unterscheidbarkeit von Wörtern auf; dann ist das phonologische System betroffen.

Außerdem unterscheidet man spontanen und kombinatorischen Lautwandel. Spontaner Wandel findet unabhängig von der lautlichen Umgebung statt. Kombinatorischer Wandel ist von seiner Umgebung abhängig, wie beim Umlaut. Beide können synchron auftreten und werden mitunter als Versehen, Fehler oder parole-Nuance bewertet.

Beispiele für synchronen kombinatorischen Wandel sind unterschiedliche Aussprachen von fünf: hochsprachlich [fyɱf], gewandelt [fymf, fympf], hyperkorrekt [fynf, fynɛf]. Auch lateinische Fremdwörter können deutschen phonetischen Regeln angepasst werden, etwa [ʃtˈa:tus] statt [stˈatus, stˈa:tus]. Spontaner Wandel zeigt sich beispielsweise im Ausfall von Endkonsonanten: nich für nicht, jetz für jetzt und au für auch. Beim Wort aber wird außerdem ein Übergang vom rhotischen Auslautvokal über Tiefschwa zum Vollvokal angegeben: [a:bɝ, a:bɚ, a:bɐ̯, a:ba, a:ba:].

Wichtige Lautwandelprozesse

Metathese ist das Vertauschen zweier Segmente. Bei Kontaktmetathese stehen sie nebeneinander, zum Beispiel deutsch Frosch und niederdeutsch Forsch. Bei Fernmetathese sind sie getrennt, etwa altspanisch parabla → spanisch palabra.

Zu sequentiellen Veränderungen zählen Assimilation und Dissimilation. Veränderungen der Silbenstruktur sind Resyllabierung, also die Verschiebung einer Silbengrenze, sowie das Hinzufügen oder Tilgen von Segmenten. Prothese fügt Segmente vorn an, etwa Konsonanten in lateinisch proesse → prodesse oder Vokale in lateinisch scola → spanisch escuela. Epenthese ist eine Einfügung in der Mitte; Anaptyxe ist ein Sprossvokal, zum Beispiel altlateinisch saeclum → lateinisch saeculum. Ein Beispiel für konsonantische Epenthese ist das <n> in afrikanisch statt des regelgerechten afrikaisch.

Epithese oder Paragoge fügt hinten an: mittelhochdeutsch nieman → neuhochdeutsch niemand und ward → wurde. Elision oder Deletion tilgt Segmente; je nach Position heißen diese Prozesse Prokope, Synkope oder Apokope. Haplologie tilgt eine von zwei identischen Lautgruppen. Weitere Prozesse sind Koaleszenz beziehungsweise Konsonantenfusion, Halbvokalisierung zu [j], [ɥ] oder [w], sowie Kontraktion, Synärese oder Synizese. Bei der Vokalkontraktion werden zwei Vokale meist zu einem langen Vokal reduziert.

Ausbreitung und mathematische Erklärungsversuche

Die Junggrammatiker gingen zunächst von der Ausnahmslosigkeit der Lautgesetze aus. Damit ließen sich jedoch Unregelmäßigkeiten und der konkrete Ablauf der Ausbreitung nicht ausreichend erklären.

Die Wellentheorie beschreibt einen phonologisch graduellen Wandel: Alle Wörter einer bestimmten Wortklasse verändern den betreffenden Laut gleichzeitig, doch der Laut nähert sich schrittweise dem Ziellaut. Räumlich breitet sich die Innovation von einem Zentrum konzentrisch aus, wie Wellen von einem ins Wasser geworfenen Stein.

Nach der Isoglossentheorie ist Wandel auch lexikalisch graduell, also von Wort zu Wort. In einzelnen Wörtern tritt neben den alten Laut allmählich ein neuer, der das alte Phonem später ersetzt. Über Analogie breitet sich dies auf Wörter mit vergleichbarer Lautung aus. Zunächst erzeugt jedes Wort eine eigene, räumlich unterschiedlich verlaufende „Welle“; später können diese vereinheitlicht werden oder sich zu einem Lautgesetz verfestigen. Dialektologische Isoglossenlandkarten halten Momentaufnahmen dieses Vorgangs fest.

Die Quantitative Linguistik versucht, die Wahrscheinlichkeit eines Lautwandels mathematisch zu modellieren. Sie knüpft an George Kingsley Zipf an und betrachtet Produktions- und Perzeptionsaufwand als entscheidende Faktoren: den Aufwand von Sprecher und Hörer für erfolgreiche Kommunikation. Für den zeitlichen Verlauf wird die Hypothese vertreten, Sprachwandel verlaufe gemäß dem Piotrowski-Gesetz. Für frühere Zeiten ist das schwer nachzuweisen, weil nur schriftliche Texte vorliegen; bei der schriftlichen Wiedergabe von Lauten oder Eigenschaften wie Vokallänge lässt es sich in Einzelfällen zeigen.

Folgen für Sprachsystem und Schriftsprache

Lautwandel und Bedeutungswandel können sich gegenseitig beeinflussen. Wenn ursprünglich verschiedene Lautformen nach einem Wandel nicht mehr unterscheidbar sind, kann dies das gesamte grammatische System verändern. Weitere Änderungen werden dann nötig, damit die Kommunikation in der Sprachgemeinschaft erhalten bleibt.

Schriftsprache wirkt mit Lautwandel zusammen, weil eine einheitliche Orthographie und regional unterschiedliche Aussprachen derselben geschriebenen Wörter aufeinandertreffen. Ein schriftlicher Standard kann vereinheitlichend und sprachwandelhemmend wirken, da Sprecher versuchen, sich nach ihm zu richten.

Die Orthographie kann aber auch Fehlinterpretationen und Hyperkorrektheiten auslösen. Im Bairischen entfällt der unbetonte e-Laut in Endsilben wie haben vollständig: habm oder ham. Wird daraus geschlossen, die Hochsprache verlange ein volles e, kann die bairische Variante des Hochdeutschen hyperkorrekt habén bilden. Wenn sich solche Hyperkorrektheiten verbreiten, können sie wiederum neuen Lautwandel anstoßen.

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