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Genitiv
Substantivgruppen, die von einem anderen Substantiv abhängen. Beispiele im Standarddeutschen sind: „das Haus des Nachbarn“, „der Klang einer fernen Glocke“.
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Grundbegriff und wichtigste Verwendung
Der Genitiv ist ein Kasus, also ein grammatischer Fall. In traditionellen Grammatiken des Deutschen wird er oft als 2. Fall bezeichnet und mit der Frage „Wessen?“ verbunden. Seine typischste Funktion ist die Markierung von Attributen: Ein Substantiv oder eine Substantivgruppe hängt von einem anderen Substantiv ab. Beispiele sind „das Haus des Nachbarn“ und „der Klang einer fernen Glocke“.
Im Deutschen steht der attributive Genitiv heute meist nach dem Bezugswort: „die Segel des Schiffes“, „der Bauch des Architekten“. Bei Eigennamen und ähnlichen Ausdrücken kann er vorangestellt werden; dann entfällt beim Bezugssubstantiv der Artikel: „Marias Freundin“, „Annas lustiger Hund“, „Vaters neues Auto“. Im älteren Deutsch war der vorangestellte Genitiv häufiger. Reste finden sich in festen Wendungen wie „Das ist des Rätsels Lösung“, „Der Mensch ist des Menschen Wolf“ oder „Des Kaisers neue Kleider“.
Genitiv bei Verben, Adjektiven und Substantivierungen
Einige Verben verlangen ein Objekt im Genitiv oder können im gehobenen oder altertümlichen Stil mit Genitiv stehen. Dazu gehören zum Beispiel „bedürfen“, „gedenken“, „spotten“, „sich erinnern“, „sich rühmen“, „sich schämen“ und „sich bedienen“. Beispiele sind: „Sie gedenken der Freunde“, „Er spottete der Anwesenden“ und „Ich bediene mich des Genitivs“. Bei manchen Verben ist auch eine Präposition möglich, etwa „Sie erinnert sich an ihren letzten Urlaub“ statt „Sie erinnert sich ihres letzten Urlaubs“.
In der Rechts- und Gerichtssprache steht oft die Person im Akkusativ und die Sache im Genitiv: „jemanden einer Sache verdächtigen“, „anklagen“, „beschuldigen“, „bezichtigen“ oder „überführen“. Auch manche Adjektive regieren den Genitiv, zum Beispiel „bewusst“, „fähig“, „gewiss“, „müde“, „schuldig“, „sicher“, „würdig“ und „voll“. Beispiele sind „Ich bin mir dessen bewusst“, „Er ist des Verbrechens schuldig“ und „Sie sind dessen nicht würdig“.
Bei substantivierten Verben, also aus Verben gebildeten Substantiven, kann ein früheres Objekt als Genitiv erscheinen: aus „die Lebensmittel verteilen“ wird „die Verteilung der Lebensmittel“. Der Genitiv kann aber auch einem Subjekt entsprechen: aus „der Zug hält“ wird „der Halt des Zuges“.
Genitiv bei Präpositionen und Ersatzformen
Viele deutsche Präpositionen können den Genitiv verlangen, zum Beispiel „wegen“, „während“, „trotz“, „anstatt“, „aufgrund“, „innerhalb“, „außerhalb“, „angesichts“, „infolge“, „mithilfe“, „mangels“, „statt“, „zugunsten“ und „zwecks“. Manche dieser Formen gelten als gehobener oder bürokratischer Stil. Die Genitivrektion ist nicht immer fest: Bei einigen Präpositionen kommt je nach Stil, Standardsprache oder Dialekt auch der Dativ vor.
In der Umgangssprache, teils auch in der Standardsprache, wird bei häufigen Präpositionen wie „während“, „trotz“ und „wegen“ oft der Dativ verwendet. Standardsprachlich wird der Genitiv bei Präpositionen durch den Dativ ersetzt, wenn ein Plural ohne Artikel oder Adjektiv keine erkennbare Genitivform hat: Man sagt „wegen Hagels“, aber im Plural „wegen Hagelschauern“, weil „Hagelschauer“ im Genitiv Plural nicht als Genitiv erkennbar wäre.
Der Genitiv kann außerdem durch Konstruktionen mit „von“ ersetzt werden, besonders in der Umgangssprache: „die Werke von Goethe“ statt „Goethes Werke“. Diese Form wird auch verwendet, wenn unbestimmte Plurale ausgedrückt werden sollen, etwa „das Geschrei von Gänsen“. In vielen Dialekten ist der Genitiv stark zurückgedrängt. Stattdessen treten Dativkonstruktionen wie „dem Nachbarn sein Haus“ oder Präpositionalgruppen wie „das Haus vom Nachbarn“ auf. In der Standardsprache werden solche Umschreibungen meist vermieden.
Formenbildung und Schreibung
Bei männlichen und sächlichen Substantiven kann im Genitiv Singular oft ein zusätzliches „e“ stehen: „des Baums“ oder „des Baumes“. Manchmal ist diese Erweiterung verpflichtend, etwa „des Schlusses“. In älteren oder dichterischen Wendungen finden sich kurze Genitivformen von Pronomen, zum Beispiel „Wes Brot ich ess, des Lied ich sing“.
Bei Eigennamen, die auf einen S-Laut enden, wird der Genitiv ohne weiteres -s gesprochen beziehungsweise geschrieben und in der Schrift mit Apostroph markiert, wenn kein Artikel oder Possessivpronomen davorsteht: „Klaus’“, „Grass’“, „Weiß’“, „Merz’“, „Marx’“, „Bruce’“. Das gilt nur, wenn der letzte Buchstabe tatsächlich einem S-Laut entspricht oder stumm bleibt. Deshalb heißt es „Miloševićs“ und „Benešs“, nicht mit bloßem Apostroph. Bei stummen Endungen wie in „Jacques’“ oder „Giraudoux’“ wird der Apostroph geschrieben, obwohl gesprochen ein [s] angehängt werden kann.
Ein Apostroph vor dem Genitiv-s ist im Deutschen normalerweise nicht üblich. Seit der Rechtschreibung von 1996 ist er bei Personennamen erlaubt, wenn die Grundform verdeutlicht werden soll, etwa „Carlo’s Taverne“. Bei nachgestellten Genitiven kann der Apostroph nicht als normale Genitivmarkierung dienen: „Klaus’ Hund“ ist möglich, aber „der Hund Klaus’“ gilt nicht als aussprechbare standardsprachliche Form.
Der Genitiv im Sprachvergleich
Andere Sprachen bilden oder ersetzen den Genitiv auf unterschiedliche Weise. Im Englischen gibt es besonders bei Personen und Lebewesen einen Genitiv auf -’s, etwa „Janie’s restaurant“ oder „the dog’s leg“. Auch Zeitangaben können so stehen: „today’s newspaper“ oder „next saturday’s party“.
Im Niederländischen wird der Genitiv meist durch eine Präposition ersetzt: „de poot van de hond“ entspricht „die Pfote des Hundes“. Ein Genitiv-s hat sich fast nur bei Personen erhalten, etwa „Peters kat“. Ähnliche Konstruktionen wie im Deutschen sind möglich: „de kat van Peter“ oder „Peter zijn kat“. Afrikaans verhält sich ähnlich: Herkunft wird mit „van“ ausgedrückt, Besitz oft mit einem nachgestellten „se“.
In Dänisch, Schwedisch und Norwegisch Bokmål wird standardsprachlich ein Genitiv mit angehängtem -s verwendet, etwa „min fars bil“ für „meines Vaters Auto“. Im Isländischen steht der Genitiv eher nachgestellt. In den modernen romanischen Sprachen gibt es im Allgemeinen keine Genitivflexion der Substantive mehr; Besitz- oder Zugehörigkeitsverhältnisse werden meist mit einer Präposition ausgedrückt, etwa französisch „la maison du père“ oder italienisch und spanisch „la casa del padre“. Eine Ausnahme ist das Rumänische, das noch Deklination kennt und Genitiv und Dativ formal verbindet. In slawischen Sprachen ist der Genitiv stark ausgebaut und wird regelmäßig zur Besitzanzeige verwendet, etwa russisch „книга отца“ für „das Buch des Vaters“. Im Hebräischen entsteht eine genitivische Verbindung durch Status constructus und Status absolutus.
Wichtige Bedeutungsfunktionen
Der Genitiv bezeichnet allgemein Ursprung, Quelle, Herkunft oder eine nähere Beziehung. In der Grammatik werden viele Bedeutungsarten unterschieden. Der Genitivus possessivus drückt Besitz oder Zugehörigkeit aus, etwa „das Haus des Nachbarn“ oder „Marias Mobiltelefon“. Der Genitivus auctoris nennt den Urheber oder Ursprung, zum Beispiel „Beethovens 1. Symphonie“. Der Genitivus subiectivus bezeichnet die Quelle einer Handlung, etwa „der Rat des Freundes“, während der Genitivus obiectivus das Ziel einer Handlung bezeichnet, etwa „Beachtung des Gesetzes“.
Der Genitivus explicativus erklärt oder definiert ein Bezugswort: In „die Strafe der Verbannung“ besteht die Strafe in der Verbannung. Der Genitivus qualitatis bezeichnet eine Eigenschaft, etwa „Ticket zweiter Klasse“ oder „eine Freude kurzer Dauer“. Der Genitivus partitivus drückt ein Verhältnis von Teil und Ganzem aus, etwa „die Hälfte des Kuchens“, „zwei der Töchter“ oder „der Süden des Landes“; genauer heißt er auch genitivus totius, weil der Genitiv das Ganze nennt. Der Genitivus quantitatis bezeichnet die Sache, deren Menge angegeben wird, etwa „eine Flasche Weines“.
Weitere Funktionen sind der Genitivus post verba nach Verben, zum Beispiel „Ich erfreue mich der Blumen“, der Genitivus criminis in Rechtszusammenhängen wie „Der Kläger bezichtigt den Beklagten einer Tat“, und der Genitivus temporis für Zeitangaben. Der Genitivus comparationis dient dem Vergleich, der Genitivus separationis bezeichnet, wovon etwas entfernt wird, und der Genitivus superlativus oder paronomastische Intensitätsgenitiv steigert eine Bedeutung, etwa „das Spiel der Spiele“.
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