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Standarddeutsch

Standarddeutsch, genauer Standardhochdeutsch, auch mehrdeutig Hochdeutsch und schweizerisch Schriftdeutsch genannt, ist das Ergebnis der Normung der …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernbegriff und Einordnung
  2. 2. Standardisierung und Normen
  3. 3. Plurizentrisches Deutsch
  4. 4. Historische Entwicklung
  5. 5. Gegenwärtige Bereiche
  6. 6. Zentren und Beispiele

Kernbegriff und Einordnung

Standarddeutsch, auch Standardhochdeutsch, mehrdeutig Hochdeutsch und in der Schweiz Schriftdeutsch genannt, ist das Ergebnis der Normung der deutschen Sprache. Es ist die standardisierte Form des Deutschen, die über regionalen Alltags- und Dialektformen steht und für überregionale schriftliche und formelle Kommunikation wichtig ist.

Sprachwissenschaftlich gehört Standarddeutsch zum Hochdeutschen innerhalb der westgermanischen Sprachen. Die Sprachcodes sind ISO 639-1 de, ISO 639-2 ger/deu und ISO 639-3 deu.

Im Modell der Sprachzentren bilden die Vollzentren die oberste Ebene. Dort stehen die drei wichtigsten Standardvarietäten: bundesdeutsches oder deutschländisches Hochdeutsch, österreichisches Hochdeutsch und schweizerisches Hochdeutsch. Eine Standardvarietät ist eine anerkannte, kodifizierte und für viele Lebensbereiche verwendbare Ausprägung einer Sprache. Die drei Varietäten unterscheiden sich in Lexik, Syntax, Morphologie und Phonetik, also in Wortschatz, Satzbau, Formenlehre und Aussprache.

Diese Standardvarietäten überdachen nicht standardisierte Varietäten wie Alltags- oder Umgangssprachen, Dialekte, Technolekte, also Fachsprachen, und Soziolekte wie Jugendsprachen.

Standardisierung und Normen

Normung bedeutet, für eine Sprache Regeln und Formen festzulegen. Dazu gehören Standardisieren, also die Vereinheitlichung von Sprachstrukturen, und Kodifizieren, also das Festhalten dieser Regeln in Nachschlagewerken.

Eine Sprachvarietät gilt nach Alexander Issatschenko bzw. Werner Besch als standardisiert und kodifiziert, wenn sie allgemeinverbindlich ist, zum Beispiel Amtssprache, wenn Wortschatz, Aussprache, Grammatik und Orthographie kodifiziert sind, wenn sie polyvalent ist, also für alle wichtigen Lebensbereiche verwendbar, und wenn sie sprachstilistisch unterscheidbar ist.

Für das Deutsche gibt es keine überregionale Einrichtung wie die Académie française für das Französische. Die Standardisierung geschieht daher in verschiedenen Ländern durch unterschiedliche Stellen. Genannt werden für Deutschland das Institut für Deutsche Sprache (IDS), für Österreich das österreichische Bildungsministerium und für die deutsche Schweiz der Schweizerische Verein für die deutsche Sprache (SVDS).

Wichtige Kodifizierungswerke sind der Duden und andere in Deutschland veröffentlichte Werke, in der Schweiz Unser Wortschatz. Das Schweizer Wörterbuch der deutschen Sprache von Ingrid Bigler und in Österreich das im Auftrag des Bildungsministeriums erscheinende Österreichische Wörterbuch (ÖWB). Das Variantenwörterbuch des Deutschen (VWB) beschreibt Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Standardvarietäten. Für die Rechtschreibung ist seit der Reform von 1996 der Rat für deutsche Rechtschreibung wichtig; seine Regelung gilt in Deutschland und anderen Staaten sowie mit Abweichungen in Österreich und der Schweiz.

Plurizentrisches Deutsch

Standarddeutsch gilt als Standardsprache, weil zu seinen untergeordneten Varietäten mindestens eine Standardvarietät vorhanden ist. Außerdem gilt es als poly-, multi- bzw. plurizentrische Sprache, weil es mehrere Standardvarietäten hat.

Die Begriffe wurden in der Forschung unterschiedlich entwickelt. William Alexander Stewart sprach 1968 von einer polyzentrischen Standardsprache. Heinz Kloss verwendete ab 1976 den Begriff multizentrische Standardsprache, wenn drei Standardvarietäten bestehen. Michael Clyne sprach 1984 von plurizentrischer Standardsprache und verstand darunter mehrere nationale Varietäten.

Die Autoren des 2004 unter Ulrich Ammons Leitung erarbeiteten Variantenwörterbuchs des Deutschen sahen nicht nur das Vorhandensein mehrerer Standardvarietäten als Kriterium. Für sie sollte die betreffende Sprache in mehr als einem Land nationale oder regionale Amtssprache sein. Der amtssprachliche Status erklärt dann, warum sich dort standardsprachliche Unterschiede herausbilden.

Ein weiteres Modell unterscheidet Vollzentren, Halbzentren, Viertelzentren und mögliche Achtelzentren. Vollzentren sind Länder, in denen standardsprachliche Besonderheiten in autorisierten Nachschlagewerken und amtlichen Richtlinien festgehalten sind. Für Deutsch sind das Deutschland, Österreich und die deutschsprachige Schweiz. Halbzentren haben Deutsch als Amtssprache, aber keine eigenen autorisierten Nachschlagewerke; genannt werden Belgien mit der Deutschsprachigen Gemeinschaft, Luxemburg, Liechtenstein und Italien mit Südtirol. Viertelzentren haben keine Amtssprachlichkeit und keine Kodifizierung, aber spezifische standarddeutsche Formen, etwa Namibia. Achtelzentren sind bisher nicht erforscht.

Historische Entwicklung

Ein wichtiger früher Schritt zur deutschen Schriftsprache war Martin Luthers Übersetzung des Neuen Testamentes, die er im September 1522 beendete. Luther verwendete bevorzugt Wörter ostmitteldeutscher und ostoberdeutscher Herkunft, die schriftlich in vielen deutschsprachigen Gegenden gut verstanden wurden. Dabei spielte auch die Meißner bzw. sächsische Kanzleisprache eine Rolle.

Ab Mitte des 17. Jahrhunderts erschienen Werke, die den Wunsch nach Kodifizierung und Standardisierung der Schriftsprache zeigten, etwa Teutsche Sprachkunst von Justus-Georgius Schottelius (1641) und Grund-Sätze der Deutschen Sprachen im Reden und Schreiben von Johann Bödiker (1690). Bödiker unterschied die entstehende Standardsprache, die er „Hochdeutsch“ nannte, ausdrücklich von natürlichen Dialekten.

Johann Christoph Gottscheds Grundlegung einer deutschen Sprachkunst von 1748 trug zur grammatischen Kodifizierung bei. Gottsched nahm das meißnische Obersächsisch als Vorbild. Diese vor allem ostmitteldeutsch und ostfränkisch geprägte Gemeinsprache verdrängte zwischen dem 16. und frühen 19. Jahrhundert, besonders im 17. Jahrhundert, andere Schreibsprachen wie die oberdeutsche Schreibsprache, die Eidgenössische Landsprache und die lübische Kanzleisprache der Hanse.

Die Normsetzung blieb umstritten. Werke wurden immer wieder überarbeitet, und Formen, die früher als falsch galten, konnten später anerkannt werden. Für die Aussprache ist Theodor Siebs’ Deutsche Aussprache ein Beispiel; der ursprüngliche Titel von 1898, Deutsche Bühnenaussprache, zeigt, dass zuerst kein allgemeiner Standard gemeint war.

Vom 18. bis ins 20. Jahrhundert hatte das nord- und mitteldeutsch geprägte Normmodell eine starke Stellung. Nach der „kleindeutschen“ Reichsgründung 1871 zeigte sich ein sprachpolitischer Gegensatz zwischen reichsdeutschen, österreichischen und Schweizer Identitäten. Seit dem 19. Jahrhundert entwickelte sich Deutsch zu einer plurizentrischen Sprache. Gegen Ende des 20. Jahrhunderts setzte sich in der Sprachwissenschaft die Gleichberechtigung der österreichischen und deutschschweizerischen Standardvarietäten gegenüber der bundesdeutschen stärker durch.

Gegenwärtige Bereiche

In der Grammatik hatte in der Bundesrepublik besonders der 4. Band der Duden-Reihe, Die Grammatik, Bedeutung, weil der Rechtschreibband des Duden vor 1990 jahrzehntelang als „maßgebend in allen Zweifelsfällen“ galt. Neuere Grammatiken folgen stärker den Entwicklungen in Linguistik und Sprachgebrauch. Sie sind eher deskriptiv, also beschreibend, als normativ, also vorschreibend, und bieten deshalb nicht immer einfache Orientierung.

In der Orthographie war in der alten Bundesrepublik vor 1990 der Rechtschreibduden maßgebend, gestützt auf einen Beschluss der Kultusministerkonferenz vom November 1955. In Österreich erfüllt seit 1951 das Österreichische Wörterbuch diese Funktion. Seit 2004 ist in Deutschland, Liechtenstein, Südtirol und der Deutschsprachigen Gemeinschaft Belgiens das Regelwerk des Rates für deutsche Rechtschreibung für Verwaltung und Schule verbindlich. In der Schweiz gilt es per Erlass der Schweizerischen Bundeskanzlei nur als Hausorthographie der Bundesverwaltung. Abweichungen bestehen unter anderem wegen des fehlenden ß und einzelner Schreibungen.

Die Lexik, also der Wortschatz, ist ein Bereich mit besonders vielen Unterschieden zwischen Deutschland, Österreich und der Schweiz. Für Deutschland werden unter anderem Duden – Das große Wörterbuch der deutschen Sprache, das Deutsche Wörterbuch von Brockhaus-Wahrig und das Digitale Wörterbuch der deutschen Sprache (DWDS) genannt.

Zentren und Beispiele

Deutschland, Österreich und die Schweiz sind die Vollzentren des Standarddeutschen. Das bundesdeutsche Hochdeutsch ist die bundesdeutsche Standardvarietät. Der Begriff Hochdeutsch ist dabei mehrdeutig, weil er in der Germanistik eigentlich auch die mittel- und süddeutschen Mundarten bezeichnet, die durch die Benrather Linie vom Niederdeutschen und Niederfränkischen abgegrenzt sind.

Österreichisches Deutsch bezeichnet die in Österreich gebräuchliche Varietät der neuhochdeutschen Standardsprache. Anders als in Deutschland wird ihre Kodifizierung von einer staatlichen Behörde gestaltet: Im Auftrag des Bildungsministeriums erscheint seit 1951 das Österreichische Wörterbuch.

Schweizer Hochdeutsch ist die in der Schweiz gebrauchte Standardvarietät. Es unterscheidet sich durch Besonderheiten in Wortschatz, Wortbildung, Morphologie, Syntax, Orthographie und Aussprache; diese Besonderheiten heißen Helvetismen. Es darf nicht mit Schweizerdeutsch verwechselt werden, also den alemannischen Dialekten der Deutschschweiz.

Zu den Halbzentren gehören Belgien, Luxemburg, Liechtenstein und Südtirol. Dort wirken oft mehrere Sprachen zusammen: In Belgien beeinflusst Französisch die deutsche Varietät, Luxemburg ist durch Luxemburgisch, Deutsch und Französisch geprägt, Liechtenstein steht der Schweiz und historisch auch Österreich nahe, und Südtirol zeigt Einflüsse des Italienischen und eine starke Orientierung an Österreich.

Namibia ist ein Viertelzentrum. Deutsch ist dort seit der Verfassung von 1990 nicht Amtssprache, denn einzige Amtssprache ist Englisch. Deutsch bleibt aber präsent, wird als eine der Nationalsprachen und in Teilen des Landes kommunal als lokale Amtssprache anerkannt. Namibiadeutsch orientiert sich grundsätzlich am bundesdeutschen Standard, enthält aber Lehnprägungen und Entlehnungen aus Afrikaans, Englisch und Bantusprachen.

Rumäniendeutsch ist umstritten. Deutsch ist in Rumänien keine staatliche Amtssprache, aber anerkannte Minderheitssprache. Ob Rumäniendeutsch eine standardisierte Varietät des Standarddeutschen ist oder früher war, ist in der Literatur umstritten bzw. kaum erforscht.

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