Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Freikirchen in der Zeit des Nationalsozialismus
Der Vorschlag von Nationalsozialisten, nach ihrer Machtübernahme eine einheitliche Reichskirche zu bilden, beunruhigte die Leitungen von Freikirchen, da sie in …
Inhalt5 Abschnitte
Zwischen Anpassung und Eigenständigkeit
Die Geschichte der Freikirchen im Nationalsozialismus ist vor allem durch ihr Spannungsverhältnis zwischen Widerstand und Anpassung geprägt. Ein Widerstand, der ein Verbot hätte nach sich ziehen können, wurde meist vermieden. Der Großteil der freikirchlichen Gemeinden bekannte sich zum Regime oder passte sich ihm an, um die eigene Organisation, das Gemeindeleben und besonders die Mission zu erhalten. Viele Freikirchler sympathisierten mit nationalsozialistischen Vorstellungen. Im Krieg verstärkte ein verbreiteter Patriotismus die Solidarität mit der Regierung.
Die geplante Bildung einer einheitlichen Reichskirche beunruhigte die freikirchlichen Leitungen, weil sie darin eine untergeordnete Stellung befürchteten. Einzelne Freikirchler begrüßten die Idee jedoch oder befürworteten einen Zusammenschluss aller Freikirchen als dritte Säule neben katholischer und evangelischer Kirche. Nach der Machtübernahme 1933 äußerten nahezu alle Freikirchen ihre Ergebenheit in Stellungnahmen, Zeitungsartikeln und Grußadressen. Als sich zeigte, dass sie unabhängig bleiben und die zuvor angestrebten Körperschaftsrechte erhalten konnten, wählten sie Anpassung und Zurückhaltung.
Im Mittelpunkt stand die Möglichkeit, weiter zu evangelisieren. Der Baptist Paul Schmidt erklärte 1946, man habe den Evangeliumsdienst möglichst lange aufrechterhalten wollen, weil man den Gewinn eines frühen Verbots für geringer hielt als den Gewinn weiterer missionarischer Arbeit. Das NS-Regime nutzte Freikirchen außerdem als Botschafter im Ausland. Bei der Ökumenischen Weltkonferenz in Oxford 1937 durften freikirchliche Vertreter ausreisen, während landeskirchliche Vertreter daran gehindert wurden. Dort verteidigten sie in einer Rede Hitlers Politik und vermittelten den Eindruck vollständiger Religionsfreiheit in Deutschland.
Die Annexion des Sudetenlandes, die Zerschlagung der Tschechoslowakei, der Anschluss Österreichs und der Überfall auf Polen wurden von den Freikirchen größtenteils positiv aufgenommen. Hitler wurde als „Erschaffer Großdeutschlands“ gefeiert. Nach militärischen Siegen verbreitete sich die Vorstellung, Hitler sei von Gott beauftragt und der Krieg daher göttliches Handeln. Auch auf anderen Ebenen kam es zur Kooperation: Die Heilsarmee war Teil der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt und sammelte für sie Spenden.
Unterschiedliche Wege der Freikirchen
Bei den Baptisten wurde der Machtwechsel 1933 zunächst als hoffnungsvolles „Wendejahr in der Geschichte“ begrüßt. Das Bundeswerk führte das Führerprinzip als vorbeugende Maßnahme zur Gleichschaltung in Bund, Vereinigungen und Gemeinden ein; 1936 wurde diese Regelung teilweise zurückgenommen. Der Baptistische Weltkongreß in Berlin 1934 fand mit ausdrücklicher Unterstützung der Nationalsozialisten statt und diente der Propaganda, Deutschland als Staat mit absoluter Religionsfreiheit darzustellen. Gleichzeitig wurden jüdische Mitglieder aus Gemeinden ausgeschlossen oder isoliert; in Berlin entstand sogar eine eigene Gemeinde für Baptisten jüdischer Herkunft.
Während des Krieges wurden viele Baptisten zum Kriegsdienst eingezogen und starben an der Front. Tausende wurden aus ihren Heimatgebieten vertrieben, und alliierte Luftangriffe zerstörten zahlreiche Gebäude, darunter das Seminar in Hamburg und Gemeindehäuser. Ab Juni 1941 musste der größte Teil der kirchlichen Presse eingestellt werden. Deshalb sind die letzten vier Kriegsjahre besonders quellenarm. Private Briefe, wie sie Uwe A. Gieske aus seiner baptistischen Verwandtschaft auswertete, vermitteln den Eindruck, dass politische Vorgänge häufig hinter der eigenen Lebenssituation und den Auswirkungen des Krieges zurücktraten.
Die „Christliche Versammlung“, ein großer Teil der deutschen Brüdergemeinden, wurde 1937 verboten. Als Gründe galten eine angeblich staatsfeindliche Haltung, Kontakte zu ausländischen Brüdergemeinden und die fehlende Organisationsstruktur. Einige Gemeinden gingen in den Untergrund. Die meisten traten jedoch dem 1937 gegründeten Bund freikirchlicher Christen bei, der sich 1941 mit Baptistengemeinden und Elim-Gemeinden zum Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden zusammenschloss. Dieser neue Bund wurde 1942 anerkannt.
Viele Methodisten begrüßten den Nationalsozialismus als Schutz gegen Moralverfall und Kommunismus. Wegen ihrer amerikanischen Herkunft fürchteten sie, als „undeutsch“ verboten oder gleichgeschaltet zu werden. Ihre Kirchenleitungen verhielten sich deshalb loyal und unkritisch. Bischof Friedrich Heinrich Otto Melle (1875–1947) verteidigte 1937 in Oxford die nationalsozialistische Politik, sprach von freier Religionsausübung und von Hitlers göttlicher Sendung. Nach dem Krieg bezeichnete er im Dezember 1945 sein blindes Vertrauen als Fehler. Die Methodistische Kirche legte Ende 1945 ein Schuldbekenntnis ab.
Mennonitische Gemeinden und Einzelmitglieder unterstützten 1933 vielfach den Nationalsozialismus, unter anderem wegen der Hoffnung auf eine Deliberalisierung und eine Solidarisierung gegen den „Sittenverfall“ sowie wegen der Agrarpolitik. Später zogen sich viele in ein scheinbar unpolitisches Gemeindeleben zurück. Sie lehnten die Deutschen Christen und das Führerprinzip ab, distanzierten sich aber nicht deutlich vom Nationalsozialismus. Ein Fall von Wehrdienstverweigerung nach Einführung der Wehrpflicht ist nicht bekannt. Die Vertreibung aus den Ostgebieten am Ende des Krieges traf sie schwer. 1995 legte die Arbeitsgemeinschaft Mennonitischer Gemeinden ein Schuldbekenntnis gegenüber Kriegsopfern und Juden ab.
Auch die Herrnhuter Brüdergemeine begrüßte die neue Zeit begeistert. In Neudietendorf fand zur „Machtergreifung“ ein Fackelzug von NSDAP, SA und Stahlhelm statt. In Kleinwelka wurden bei den Reichstagswahlen im März 1933 Stahlhelm und Militärverein im Umfeld des Gottesdienstes sichtbar; das gute Wahlergebnis der NSDAP wurde als Grund zur Dankbarkeit bezeichnet. Die Nähe zum Nationalsozialismus hielt an. 1941 wurde Hitler im Wochenblatt Herrnhut als Führer des deutschen Volkes und oberster Befehlshaber der Wehrmacht verherrlicht. Die NSDAP-Mitgliedschaft in der Brüdergemeine war vermutlich hoch; die genaue Zahl ist nicht angegeben.
Kirchenkampf und Umgang mit jüdischen Menschen
Das Verhältnis zwischen Freikirchen und Landeskirchen war bereits vor dem „Dritten Reich“ belastet. Freikirchen wurden als Sekten oder wegen ihrer angelsächsischen Herkunft als „undeutsch“ abgewertet. Diese Vorurteile trugen möglicherweise dazu bei, dass sie den Machtwechsel besonders enthusiastisch begrüßten, um ihre nationale Zugehörigkeit zu beweisen.
Im späteren Kirchenkampf zwischen Deutschen Christen und Bekennender Kirche unterstützten die Freikirchen öffentlich weder die eine noch die andere Seite. Besonders die Rede Otto Melles in Oxford 1937 führte zu schweren Irritationen. Friedrich Siegmund-Schultze, der seit 1933 im Schweizer Exil auf Seiten der Bekennenden Kirche stand, empfand es als taktlos, dass Melle sich von den leidenden und verfolgten evangelischen Kirchen distanzierte und ihnen die Schuld zuschob.
Freikirchen hatten im Alltag nur selten Kontakt zu jüdischen Menschen. Wenn jüdische oder als „jüdisch“ klassifizierte Personen aufgenommen oder getauft werden wollten, kam es jedoch zu konkreten Entscheidungen. Eine mennonitische Konferenz beschloss 1936, „Mischlinge“ nicht in die Gemeinden aufzunehmen. Die Herrnhuter Brüdergemeine praktizierte 1939 eine ähnliche Ausgrenzung. Der Baptist Hans Luckey notierte Ende 1941: „Blutiges Drama. Wir Christen unter Zuschauern.“ Dies kann auf Kenntnisse über den Holocaust hindeuten, ist aber kein eindeutiger Nachweis.
Theologisch galten Juden auch in Freikirchen grundsätzlich als „Volk Gottes“. Diese Sicht schloss jedoch nicht aus, die nationalsozialistische Verfolgung als Handeln Gottes zu deuten. In Teilen der Pfingstbewegung wurde etwa angenommen, Gott könne auf diese Weise Juden in das verheißene Land zurückführen.
Als 1936 wegen der Hochzeit eines „judenchristlichen“ Baptisten das Reichskirchenministerium eine Stellungnahme verlangte, sprach sich der Baptistenbund gegen eine Diskriminierung aus. Christliche Juden sollten in den Gemeinden, am Abendmahlstisch und am Traualtar gleichberechtigt behandelt werden. Die Überlieferung zeigt dennoch ein widersprüchliches Bild: Jüdische Baptisten erfuhren sowohl Hilfe als auch Abgrenzung. Die Herrnhuter Brüdergemeine lehnte Bitten um Hilfe für verfolgte Juden häufig strikt ab.
Österreich und ausländische baptistische Perspektiven
Österreich gehörte seit dem Anschluss im März 1938 zum Großdeutschen Reich und wurde offiziell bevorzugt „Ostmark“ genannt. Wegen der jahrhundertelangen Unterdrückung von Freikirchen gab es dort nur wenige Gemeinden. Die Quellenlage ist dürftig, sodass ihre Haltung nur bruchstückhaft rekonstruiert werden kann. Von den fünf Bünden, die 2013 gemeinsam als Freikirchen in Österreich staatlich anerkannt wurden, waren damals nur zwei vertreten. Die seit den 1920er-Jahren bestehenden Pfingstgemeinden wurden 1936 verboten und konstituierten sich erst nach dem Krieg wieder. Die Baptisten waren mit einer seit 1869 formell selbständigen Gemeinde in Wien vertreten.
Eine Ausnahme war der Wiener Baptistenprediger Arnold Köster. In einem Artikel von 1932 bezeichnete er Hakenkreuz und Sowjetstern als antichristliche Zeichen, weil sie den Glauben des Menschen an sich selbst und seine Selbstvergöttlichung ausdrückten. In einem Vortrag von 1943 forderte er dazu auf, die nationalsozialistische Ideologie aufzugeben, wenn man Jesus als Gottessohn erkennen wolle. Köster war sowohl im Vergleich mit österreichischen Pastoren als auch mit deutschen Baptistenpastoren eine Ausnahmeerscheinung.
Der methodistische Superintendent Hinrich Bargmann erklärte 1933, das jüdische Volk sei „unter besonderer göttlicher Vorsehung“. Zugleich verwies er auf biblische Anhaltspunkte für eine judenkritische Sicht. Zwischen Bargmann und Köster entstand in der Wiener Evangelischen Allianz eine grundsätzliche hermeneutische Diskussion: Bargmann verlangte Vorsicht und wollte sich auf eindeutig aus der Bibel Ableitbares beschränken, während Köster die Bibelauslegung als prophetischen Zugang zum Zeitgeschehen verstand.
Auch außerhalb des Deutschen Reiches gab es kritische Stimmen. Die Zeitschrift Täufer-Bote, die von 1930 bis 1942 erschien, veröffentlichte politische Einschätzungen Kösters und des Bukarester Baptistenpredigers Johannes Fleischer. Fleischer kritisierte mehrere Tendenzen der nationalsozialistischen Regierung noch konkreter. Beim Baptisten-Weltkongress im Juli 1939 in Atlanta lobten Vertreter aus dem Deutschen Reich die ihnen gewährte Freiheit und das Vertrauen der Regierung. Nordamerikanische Baptisten äußerten dagegen deutliche Vorbehalte. Britische Quellen und der Bericht des Baptisten Leonard Champion über seine Studienjahre in Deutschland von 1931 bis 1934 ermöglichen zusätzliche Einblicke.
Späte Aufarbeitung und Schuldbekenntnisse
Die freikirchliche Aufarbeitung setzte vielfach spät ein und dauert teilweise bis heute an. Entgegen Karl Barths negativer Einschätzung der Freikirchen betonten diese zunächst, sie seien durch Gottes Gnade vor dem Schlimmsten bewahrt worden und könnten nun ihren Auftrag fortsetzen. Der Schwerpunkt auf missionarischer Arbeit verdrängte häufig die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit. Die NS-Zeit wurde oft nur allgemein als schwere oder dunkle Zeit bezeichnet. In Gemeindechroniken bleibt sie teilweise ein Tabuthema oder wird gar nicht erwähnt.
In den unmittelbaren Nachkriegsjahren rechtfertigten viele Leitungen ihre Anpassung, machten den Siegerstaaten Vorwürfe und beklagten die „Katastrophe des Zusammenbruchs des deutschen Volkes“. Erst im Zusammenhang mit der Stuttgarter Erklärung begann eine neue Phase der Reflexion. Im Dezember 1945 bekannte sich die Methodistische Kirche in Frankfurt am Main zu ihrer Schuld, zeigte sich über die nationalsozialistischen Verbrechen erschüttert und rief zu Buße und Gebet auf. Insgesamt blieben die freikirchlichen Leitungen zunächst zurückhaltend.
1984 erklärte der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden bei der Festversammlung zum 150-jährigen Jubiläum der deutschen Baptistengemeinden öffentlich, dass im deutschen Volk und durch das deutsche Volk großes Unrecht geschehen sei. Er bekannte besonders im Blick auf die Verfolgung und Massenvernichtung der Juden die Schuld des deutschen Volkes. Zugleich räumte der Bund ein, sich nicht öffentlich mit dem Kampf und Leiden der Bekennenden Kirche verbunden, Verletzungen göttlicher Gebote nicht eindeutig widerstanden und sich der ideologischen Verführung der NS-Zeit vielfach nicht mutig genug entgegengestellt zu haben. 1997 bekannte er sich ausdrücklich zu seiner Schuld gegenüber dem jüdischen Volk.
Auch einzelne Gemeinden müssen getrennt von den Kirchenleitungen untersucht werden. Mehr als 300 Festschriften von Baptistengemeinden wurden dazu ausgewertet. Diese Quellen erfordern besondere Vorsicht, weil sie sowohl das Verhalten während der NS-Zeit als auch den späteren Umgang mit ihr spiegeln können. Dass Anpassungen an NS-Vorgaben nur selten erwähnt werden, kann bedeuten, dass sie selten waren; ebenso kann es auf nachträgliches Verdrängen hinweisen. Eine eindeutige Bewertung ist daher oft nicht möglich.