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Überfall auf Polen
Mit einem Erlass vom 8. Oktober 1939 trennte Hitler einen Teil der deutsch besetzten Gebiete, darunter auch rein polnische, als „eingegliederte Ostgebiete“ ( …
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Kern und Bedeutung
Der Überfall auf Polen war der völkerrechtswidrige Angriffskrieg des nationalsozialistischen Deutschlands gegen die Zweite Polnische Republik. Er begann am 1. September 1939 und gilt als Beginn des Zweiten Weltkriegs in Europa. Der gesamte militärische Verlauf wird auch Polenfeldzug, Invasion Polens, in Polen Septemberfeldzug oder Verteidigungskrieg von 1939 genannt. Die Kampfhandlungen mit regulären polnischen Truppen endeten am 6. Oktober 1939; einen Friedensschluss gab es nicht.
Deutschland griff mit Unterstützung des Slowakischen Staats an. Als Vorwand diente der fingierte Überfall auf den Sender Gleiwitz. Hitler hoffte auf einen begrenzten Krieg gegen Polen, nahm aber das Risiko in Kauf, dass Frankreich und das Vereinigte Königreich wegen ihrer Beistandsverpflichtungen eingreifen würden. Am 3. September 1939 erklärten Frankreich und Großbritannien Deutschland den Krieg, ebenso unter anderem Australien, Neuseeland und Britisch-Indien, später Südafrika und Kanada. Ihre militärischen Maßnahmen, etwa die Saar-Offensive, entlasteten Polen jedoch kaum.
Die Folgen waren die Besetzung und Zerschlagung des polnischen Staates, die Teilung Polens zwischen dem Deutschen Reich und der Sowjetunion, die Auflösung der Freien Stadt Danzig und die Eingliederung ihres Gebiets in das Deutsche Reich. Der Angriff war nicht nur militärisch entscheidend, sondern leitete auch eine Besatzungspolitik ein, die von Ausbeutung, Germanisierung, Massenmorden und der Verfolgung besonders von Polen und Juden geprägt war.
Vorgeschichte und Kriegsentscheidung
Polen war nach den Teilungen durch Russland, Preußen und Österreich ab 1795 bis zum Ersten Weltkrieg kein eigenständiger Staat mehr gewesen. Am 11. November 1918 entstand die unabhängige Zweite Polnische Republik. Im Versailler Vertrag erhielt Polen im Januar 1920 Teile Pommerellens als Zugang zur Ostsee, den sogenannten Polnischen Korridor. Danzig wurde als Freie Stadt Danzig dem Mandat des Völkerbundes unterstellt. In den an Polen abgetretenen Gebieten lebten überwiegend Polen, aber auch etwa 1,1 Millionen Volksdeutsche.
Die Regierungen der Weimarer Republik wollten die Ostgrenzen auf politischem Weg revidieren. Der Völkerbund erklärte 1927 den Angriffskrieg zu einem internationalen Verbrechen; der Briand-Kellogg-Pakt von 1928 verbot den Angriffskrieg international. Die NSDAP lehnte den Versailler Vertrag scharf ab. Hitler wollte die Grenz- und Revisionsfrage nutzen, um sein weitergehendes Ziel der gewaltsamen Gewinnung von „Lebensraum im Osten“ zu verfolgen.
Mit dem deutsch-polnischen Nichtangriffspakt vom 26. Januar 1934 änderte Hitler zunächst die deutsche Ostpolitik. Die Bewertung dieses Kurses ist in der Forschung unterschiedlich: Er wird teils als zeitweilige Verbesserung der Beziehungen, teils als taktische Phase innerhalb langfristiger Eroberungspläne verstanden. Ab Oktober 1938 verlangte Außenminister Joachim von Ribbentrop die Wiedereingliederung Danzigs, Transitwege durch den Korridor und eine engere Bindung Polens an Deutschland. Polen lehnte dies ab, weil es dadurch seine außenpolitische Selbstständigkeit und seine Bindung an Frankreich gefährdet sah.
Nach der Zerschlagung der Rest-Tschechei im März 1939 wurde die Bedrohung Polens offensichtlich. Großbritannien gab Polen am 31. März 1939 eine Garantieerklärung; am 17. Mai erneuerte Frankreich sein Militärabkommen mit Polen. Hitler kündigte am 28. April den deutsch-polnischen Nichtangriffspakt und ließ den Kriegsplan „Fall Weiß“ ausarbeiten. In einer Rede vor Oberbefehlshabern am 23. Mai erklärte er, es gehe nicht um Danzig, sondern um „Arrondierung des Lebensraumes im Osten“ und Ernährungssicherung. Am 24. August 1939 folgte der Hitler-Stalin-Pakt mit geheimem Zusatzprotokoll, das Interessensphären in Osteuropa festlegte. Ostpolen und das Baltikum sollten zur sowjetischen Interessensphäre gehören.
Täuschung, Kräfte und Kriegsbeginn
Vor dem Angriff verschärfte die deutsche Propaganda das Feindbild Polen. Seit März 1939 wurden Ausschreitungen gegen Volksdeutsche in Polen propagandistisch genutzt. Unter Leitung von Reinhard Heydrich und mit Beteiligung von Gestapo, SD und SS wurden ab August 1939 fingierte Grenzzwischenfälle vorbereitet. Der bekannteste war der Überfall auf den Sender Gleiwitz am 31. August 1939. SS-Männer in Zivil überfielen den Sender, um einen polnischen Angriff vorzutäuschen. Hitler bezog sich am 1. September in seiner Reichstagsrede auf angebliche polnische Grenzprovokationen.
Die militärischen Kräfte waren ungleich verteilt. Deutschland setzte 61 Divisionen, 6 Brigaden, 10.000 Geschütze, 3600 gepanzerte Fahrzeuge und 1929 Flugzeuge ein; dazu kamen 3 slowakische Divisionen. Insgesamt standen etwa 1.600.000 deutsche und 50.000 slowakische Soldaten bereit. Polen verfügte über 37 Divisionen, 12 Brigaden, 4300 Geschütze, 750 gepanzerte Fahrzeuge, 900 Flugzeuge und etwa 1.000.000 Mann. Deutschland war besonders bei Panzern, motorisierten Verbänden und moderner Luftwaffe überlegen.
Der deutsche Plan „Fall Weiß“ sah einen Angriff von mehreren Seiten vor. Die Heeresgruppe Nord unter Fedor von Bock sollte den polnischen Korridor zerschlagen, Ostpreußen mit dem Reich verbinden und Richtung Warschau vorstoßen. Die Heeresgruppe Süd unter Gerd von Rundstedt sollte mit mehreren Armeen den Hauptangriff führen. Die deutsche Führung wollte die Masse des polnischen Heeres westlich der Weichsel umfassen und vernichten.
Polen hatte keinen lange ausgearbeiteten Kriegsplan gegen Deutschland. Der Plan Zachód musste 1938/39 mehrfach verändert werden. Polnische Führung und Regierung gingen von der eigenen Unterlegenheit aus und hofften, durch Verteidigung Zeit zu gewinnen, bis Frankreich und Großbritannien stärker eingriffen. Die Mobilmachung verlief wegen politischer Rücksichtnahmen und kurzfristiger Änderungen unvollständig und verzögert.
Am 1. September 1939 begann der Angriff. Um 4:45 Uhr beschoss die „Schleswig-Holstein“ die polnische Garnison auf der Westerplatte in Danzig. Gleichzeitig kam es zu Angriffen auf das polnische Postamt in Danzig und zu Luftangriffen, unter anderem auf Wieluń. Der genaue erste Angriffspunkt ist umstritten. In Wieluń wurden nach den Angriffen etwa 1200 der 16.000 Einwohner getötet; 90 Prozent des historischen Ortskerns und 70 Prozent aller Gebäude wurden zerstört.
Militärischer Verlauf und sowjetischer Angriff
In den ersten Tagen rückte die Heeresgruppe Nord im Korridor vor und schlug Teile der polnischen Armee Pomerellen in der Schlacht in der Tucheler Heide. Die oft erzählte Behauptung, polnische Kavallerie habe mit Lanzen deutsche Panzer angegriffen, beruht auf einer verzerrten Darstellung des Gefechts bei Krojanty: Dort griff ein polnisches Ulanenregiment deutsche Infanterie an und wurde dann von Panzerspähwagen überrascht. Die polnische Verteidigung war stellenweise hartnäckig, etwa bei Mława.
Im Süden drängten deutsche Armeen polnische Verbände Richtung Warschau. Am 6. September gelang der 10. Armee ein tiefer Einbruch, und die 14. Armee besetzte Krakau. Das polnische Oberkommando befahl den Rückzug hinter Flusslinien, doch der Befehl kam für viele Einheiten zu spät. Rumänien erklärte sich am 6. September neutral; Polen war militärisch weitgehend isoliert.
Die Luftwaffe hatte fast vollständige Luftüberlegenheit. Angriffe auf Wieluń, Frampol und Warschau gelten als frühe Flächenbombardements des Zweiten Weltkriegs. Deutsche Luftangriffe störten Nachschub, Verkehrswege und Truppenbewegungen. Die polnische Luftwaffe konnte zwar deutsche Flugzeuge abschießen, erlitt aber hohe Verluste und musste verbliebene Maschinen teilweise nach Rumänien evakuieren.
Am 8. September erreichten deutsche Panzer Vorstädte Warschaus, wurden aber durch polnischen Widerstand gestoppt. Am 9. September begann die Schlacht an der Bzura, der wichtigste polnische Gegenstoß. Sie zwang die Deutschen zu schweren Kämpfen, konnte den Feldzug aber nicht wenden. Brest fiel nach Kämpfen am 17. September, Radom kapitulierte am 12. September mit 60.000 Gefangenen, und die Armee Posen wurde bis zum 17. September aufgerieben.
Am 17. September griff die Sowjetunion Ostpolen an und brach damit den polnisch-sowjetischen Nichtangriffspakt von 1932. Molotow erklärte, der polnische Staat habe aufgehört zu existieren; der Historiker Sergei Slutsch betont dagegen, Polen habe völkerrechtlich keineswegs aufgehört zu bestehen, weshalb der sowjetische Einfall ein aggressiver Akt gewesen sei. Die Rote Armee stieß in ein weitgehend entblößtes Ostpolen vor. Teilweise wurde sie irrtümlich freundlich empfangen, teilweise kam es zu schweren Kämpfen, etwa bei Szack.
Warschau kapitulierte am 28. September nach heftigem Artillerie- und Luftbombardement; nach polnischen Angaben wurden bis zu 26.000 Zivilisten getötet. Modlin kapitulierte am 29. September, die Halbinsel Hel am 2. Oktober. Die letzten polnischen Feldtruppen ergaben sich am 6. Oktober nach der Schlacht bei Kock. Eine Gesamtkapitulation der polnischen Streitkräfte oder ein Waffenstillstandsgesuch der polnischen Regierung gab es nicht.
Besatzung, Verbrechen und Verluste
Deutschland und die Sowjetunion teilten Polen im Deutsch-Sowjetischen Grenz- und Freundschaftsvertrag vom 28. September 1939 unter sich auf. Hitler gliederte am 8. Oktober Teile der besetzten Gebiete als „eingegliederte Ostgebiete“ in das Deutsche Reich ein, darunter Wartheland und Danzig-Westpreußen. Die übrigen deutsch besetzten Gebiete wurden zum Generalgouvernement. Dort sollte Polen wirtschaftlich ausgebeutet und die Bevölkerung rassistisch unterdrückt werden. Die Freie Stadt Danzig war bereits am 1. September zum Bestandteil des Deutschen Reiches erklärt worden.
Die Besatzungspolitik zielte auf Germanisierung, Vertreibung und Ausbeutung. Bis Ende 1939 wurden etwa 90.000 Juden und Polen aus den annektierten Gebieten in das Generalgouvernement vertrieben, bis 1945 insgesamt 900.000. Zugleich wurden etwa 400.000 Reichsdeutsche und 600.000 Volksdeutsche aus Osteuropa im besetzten Polen angesiedelt. Etwa 200.000 Juden flohen vor den Deutschen in das sowjetisch besetzte Ostpolen.
Schon während des Feldzugs begannen Massenmorde. Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei und des SD begleiteten die Wehrmacht. Nach vorbereiteten Fahndungslisten ermordeten sie bis Ende 1939 etwa 60.000 polnische Staatsbürger, darunter Lehrer, Ärzte, Juristen, Professoren, katholische Priester, Bischöfe sowie Vertreter von Parteien und Gewerkschaften. Etwa 7000 polnische Juden wurden Opfer dieser Massaker. Auch Patienten psychiatrischer Einrichtungen wurden ermordet; die Morde gelten als Vorlauf der späteren „Euthanasie“-Morde.
Bis zum Ende der Militärverwaltung am 25. Oktober 1939 wurden nach polnischen Ermittlungen bei 714 Aktionen 16.376 Menschen erschossen. Soldaten der Wehrmacht begingen etwa 60 Prozent der Übergriffe gegen die Bevölkerung. Mehr als 3000 polnische Soldaten wurden abseits der Kampfhandlungen ermordet, etwa beim Massaker von Ciepielów. Auch Plünderungen und Vergewaltigungen kamen vor. Weitere Verbrechen wurden als angebliche Partisanenbekämpfung ausgegeben.
Die Opferzahlen sind teilweise unsicher. Geschätzt werden 66.000 bis 100.000 gefallene und etwa 133.000 verwundete polnische Soldaten. Mehr als 400.000 polnische Soldaten gerieten in deutsche Gefangenschaft, etwa 100.000 konnten ins Ausland fliehen. Hitler nannte am 6. Oktober 1939 für die Wehrmacht 10.572 Tote, 3.409 Vermisste und 30.322 Verwundete bis zum 30. September. Spätere Ermittlungen kamen für das Heer auf 15.450 Tote einschließlich 819 Offizieren. Die Wehrmacht verlor außerdem viele Fahrzeuge und 564 Flugzeuge; Polen verlor alle Militärflugzeuge, etwa 140 konnten ins Ausland entkommen.
Widerstand, Recht und Erinnerung
Die polnische Regierung floh am 17./18. September 1939 nach Rumänien und wurde dort interniert. Präsident Ignacy Mościcki trat zurück; Władysław Raczkiewicz übernahm im Exil das Amt und bildete im Oktober eine polnische Exilregierung, zunächst in Paris, später in Angers. Viele geflohene polnische Soldaten kämpften später an der Seite der Alliierten weiter.
In Polen entstand wegen der brutalen Besatzung ein breiter Widerstand. Es bildete sich ein „Untergrundstaat“ mit geheimer Presse und einem konspirativen höheren Bildungssystem. Der militärische Widerstand gipfelte 1944 im Warschauer Aufstand, der am 1. August begann und nach einem am 1. Oktober vereinbarten Waffenstillstand scheiterte. Danach wurden viele Überlebende deportiert und Warschau systematisch zerstört. Polnische Streitkräfte kämpften außerdem nach 1941 mit der Anders-Armee und ab 1943 in sowjetisch aufgestellten polnischen Armeen weiter.
Völkerrechtlich verletzte der Angriff mehrere Abkommen: das I. und III. Haager Abkommen von 1907, den Schiedsvertrag von Locarno vom 16. Oktober 1925, die deutsch-polnische Nichtangriffserklärung vom 26. Januar 1934 und den Briand-Kellogg-Pakt von 1928. Die Annexion Danzigs verstieß gegen den Versailler Vertrag. Im Nürnberger Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher vom 15. November 1945 bis 1. Oktober 1946 wurde der Überfall auf Polen unter anderem als Planung, Entfesselung und Durchführung eines Angriffskrieges behandelt. Mehrere Angeklagte, darunter Hermann Göring, Wilhelm Keitel, Alfred Jodl, Joachim von Ribbentrop und andere, wurden wegen entsprechender Anklagepunkte verurteilt.
Nach 1945 wurde die Erinnerung politisch geprägt. In Polen machten die neuen kommunistischen Machthaber in einem Dekret von Januar 1946 das frühere Sanacja-Regime für die Niederlage verantwortlich. In West- und Ostdeutschland blieben laut Martin Sabrow lange „Tabus und Blindstellen“ bestehen, besonders bei den von der Wehrmacht gedeckten und mitgetragenen Massenmorden hinter der Front und bei der Vernichtung der intellektuellen Eliten in Polen und Russland.