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Zerschlagung der Tschechoslowakei
Nach einem deutschen Ultimatum erklärte sich die Slowakei am 14. März 1939 für unabhängig (Slowakischer Staat). Am nächsten Tag erreichte Hitler durch die …
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Kern und Vorgeschichte
Die Zerschlagung der Tschechoslowakei war der von nationalsozialistischem Deutschland seit 1938 betriebene Prozess, den Staat zu destabilisieren, zu verkleinern, aufzuteilen und schließlich dem deutschen Machtbereich einzuverleiben. Hitler plante spätestens seit 1937 ein Vorgehen gegen die demokratische Tschechoslowakei, die durch die Kleine Entente und den französisch-tschechoslowakischen Vertrag vom 24. Januar 1924 in das französische Sicherheitssystem eingebunden war. Laut Hoßbach-Niederschrift erklärte er am 5. November 1937, spätestens 1943 Krieg führen zu wollen; bei einer früheren Krise Großbritanniens und Frankreichs sollten bereits 1938 Österreich und die Tschechoslowakei erobert werden.
In der von Deutschland provozierten Sudetenkrise verlangte Hitler die Angliederung der überwiegend deutsch besiedelten Grenzgebiete. Frankreich, Großbritannien und Italien stimmten am 29. September 1938 im Münchner Abkommen zu. Damit verlor die Tschechoslowakei auch starke Grenzbefestigungen, die die Wehrmacht nach eigener Einschätzung militärisch nicht hätte überwinden können. Obwohl Hitler eine Garantie für den verbleibenden Staat in Aussicht gestellt und weitere Ansprüche bestritten hatte, ließ er bereits am 21. Oktober 1938 die Zerschlagung der sogenannten „Rest-Tschechei“ vorbereiten.
Anfang Oktober 1938 besetzte Polen das Olsagebiet im Westteil des Teschener Schlesiens und erhielt später weitere Gebiete. Durch den Ersten Wiener Schiedsspruch vom 2. November 1938 fielen mehrheitlich magyarisch besiedelte Teile der südlichen und östlichen Slowakei an Ungarn. Frankreich erkannte die bevorstehende deutsche Militäraktion, doch wegen des bis zuletzt optimistischen britischen Premierministers Neville Chamberlain kam keine gemeinsame Warnung der Westmächte zustande.
Abspaltung der Slowakei und erzwungene Unterwerfung
Ab Februar 1939 zog Deutschland sieben Armeekorps für den Einmarsch zusammen. Nach der Besetzung der autonomen Slowakei durch tschechische Truppen am 9. März bestellte Hitler den abgesetzten slowakischen Ministerpräsidenten Jozef Tiso nach Berlin. Am 13. März verlangte er eine slowakische Unabhängigkeitserklärung und drohte andernfalls mit einer Aufteilung zwischen Polen und Ungarn. Tiso lehnte eine Entscheidung im Alleingang ab. Am 14. März erklärte das slowakische Parlament die Slowakei einstimmig für unabhängig. Der neue Slowakische Staat stellte sich unter den „Schutz des Reiches“; mit dem Schutzvertrag vom 23. März 1939 verzichtete er zugunsten Deutschlands auf die selbstständige Ausübung von Souveränitätsrechten und wurde zum Satellitenstaat. Ungarn besetzte im März zudem die ruthenischsprachige Karpatenukraine.
Am Abend des 14. März trafen Staatspräsident Emil Hácha und Außenminister František Chvalkovský in Berlin ein. Nach langer Wartezeit erklärte Hitler, die Wehrmacht werde um sechs Uhr einmarschieren und jeden Widerstand brechen. Göring drohte zusätzlich mit einem verheerenden Luftangriff auf Prag. Hácha erlitt einen Herzanfall und wurde durch eine Injektion von Hitlers Leibarzt Theo Morell stabilisiert. Unter diesem Druck unterschrieb er eine Urkunde, nach der er das Schicksal des tschechischen Volkes und Landes „vertrauensvoll in die Hände des Führers des Deutschen Reiches“ legte. Hitler versprach im selben Dokument tschechische Autonomie. Hácha und Chvalkovský wiesen die Behörden in Prag an, keinen Widerstand zu leisten.
Einmarsch und Errichtung des Protektorats
Am 15. März 1939 um sechs Uhr überschritten Wehrmacht und SS-Verfügungstruppe die Grenze; gegen neun Uhr erreichten sie Prag und entwaffneten das tschechische Heer. Die Leibstandarte SS Adolf Hitler besetzte das Industriegebiet von Mährisch-Ostrau. Gemeinsam mit der SS-VT-Standarte „Germania“ übernahm sie „Wachaufgaben“ auf der Prager Burg. Gleichzeitig rückte die Gestapo ein und verhaftete bei der „Aktion Gitter“ einige Tausend deutsche Emigranten und tschechische Kommunisten. Hitler traf am Abend in Prag ein und übernachtete auf dem Hradschin.
Am 16. März verkündete Hitler das Ende der Tschecho-Slowakei. Ein Erlass stellte die böhmisch-mährischen Länder als Protektorat Böhmen und Mähren unter deutsche Gebietshoheit und einen Reichsprotektor; außerdem entstand eine deutsche Gerichtsbarkeit. Konstantin Freiherr von Neurath wurde noch am selben Tag Reichsprotektor. Das Protektorat blieb bis 1945 Teil des Großdeutschen Reiches.
Internationale und politische Folgen
Die Besetzung war ein offener Bruch des Münchner Abkommens und erschütterte die britische Appeasement-Politik, die durch Zugeständnisse einen Krieg verhindern sollte. Chamberlain sprach am 17. März 1939 von einer besonders schweren Erschütterung und rief Botschafter Nevile Henderson aus Berlin zurück. Großbritannien, Frankreich, Polen, die USA und die Sowjetunion erkannten die faktische Annexion der tschechisch besiedelten Gebiete nicht an. Am 31. März garantierten Großbritannien und Frankreich die Unabhängigkeit Polens; nach dem deutschen Überfall auf Polen führte dies zu ihrem Eintritt in den Zweiten Weltkrieg. Die USA belegten am 17. März alle deutschen Importe mit einem Strafzoll von 25 Prozent.
Politisch gilt der „Griff nach Prag“ als Wendepunkt und Selbstdemaskierung Hitlers. Die vorherigen Expansionen hatte das Regime noch mit der Revision des Versailler Vertrags und dem Selbstbestimmungsrecht von Deutschen begründet. Nun unterwarf es erstmals offen ein mehrheitlich nicht deutsches Volk. Historiker wie Golo Mann, Joachim Fest, Hans-Ulrich Thamer, Otto Dann und Klaus Hildebrand betonen deshalb Hitlers Wortbruch, den Verlust seiner bisherigen Rechtfertigungen und einen ersten schwerwiegenden außenpolitischen Fehler.
Militärischer und wirtschaftlicher Nutzen
Deutschland gewann die Ausrüstung von 40 Divisionen der aufgelösten tschechoslowakischen Armee. Hitler nannte am 28. April 1939 als Beute unter anderem 1582 Flugzeuge, 501 Flakgeschütze, 2175 Geschütze, 785 Minenwerfer, 469 Panzer, 43.876 Maschinengewehre, 114.000 Pistolen und 1.090.000 Gewehre. Im Westfeldzug 1940 waren drei der zehn deutschen Panzerdivisionen beim Vorstoß durch Belgien und Frankreich mit tschechischen Panzern ausgerüstet. Besonders die erbeutete schwere Artillerie verstärkte die Wehrmacht, die zuvor kaum darüber verfügt hatte.
Hinzu kamen die Rüstungsindustrie, vor allem die Škoda-Werke in Pilsen, und die kriegswichtigen Tschechoslowakischen Staatsbahnen. Winston Churchill zufolge war die Produktion der Škoda-Werke von August 1938 bis September 1939 fast so groß wie die der gesamten britischen Rüstungsindustrie. Walther Hofer folgerte, ohne diese Beute wären der deutsche „Blitzkrieg“ und der „Blitzsieg“ von 1940 nicht möglich gewesen.
Wirtschaftlich vollendete die Eingliederung Böhmen-Mährens nach der Eingliederung Österreichs und des Sudetengebiets eine erste Stufe der deutschen Großraumwirtschaft. Die Herrschaft über Böhmen-Mähren und die Abhängigkeit der Slowakei verbesserten den deutschen Zugang zum Donau- und Balkanraum. Durch Donauschifffahrt, Handelsbeziehungen und Kapitalanlagen wuchs Deutschlands Einfluss auf Südosteuropa. Die Kontrolle über Rohstoffe und Güter wie Kupfer, Aluminium, Nickel, Blei, Eisenerz, Erdgas, Zink sowie Nahrungs- und Futtermittel sollte den deutschen Wirtschaftsraum widerstandsfähiger gegen eine Blockade machen.
Goldtransfer und Befestigungen
Vor dem Einmarsch hatte die Tschechoslowakische Nationalbank den größten Teil ihres Goldes ins Ausland gebracht: 88 Tonnen lagen dort, 6 Tonnen im Inland. Der Reichsbankbeauftragte Müller zwang die Direktoren unter Androhung der Exekution, zwei Überweisungen an die Bank von England anzuordnen: 26,793 Tonnen sollten an die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), 23,0873 Tonnen direkt an die Deutsche Reichsbank gehen. Obwohl die Direktoren der britischen Botschaft erklärten, die Anweisungen seien erzwungen und ungültig, führte die Bank von England die zweite Order am 22. März 1939 aus. Die erste wurde vorerst zurückgehalten. Nach Bekanntwerden löste der Vorgang am 18. Mai im britischen Unterhaus heftige Kritik aus. Umstritten blieb, ob allein die Rechtsregeln der BIZ oder auch die britische Economic-Appeasement-Politik das Verhalten erklärten.
Der Tschechoslowakische Wall war ein umfangreiches, an der Maginot-Linie orientiertes Grenzbefestigungssystem und galt als eines der besten des 20. Jahrhunderts. Er war nicht fertiggestellt und erfüllte seinen ursprünglichen Zweck nie. Die Wehrmacht nutzte zahlreiche Anlagen für Beschuss- und Bombardierungstests zur Vorbereitung der Angriffe auf die Maginot-Linie im Juni 1940. Besonders widerstandsfähige Panzerkuppeln und -glocken wurden teilweise ausgebaut und im Westwall wiederverwendet.