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Baptisten
Als Baptisten werden Mitglieder einer evangelischen Konfessionsfamilie bezeichnet, zu deren besonderen Merkmalen die ausschließliche Praxis der …
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Kernmerkmale
Baptisten sind Mitglieder einer evangelischen Konfessionsfamilie. Ihre wichtigsten Merkmale sind die Gläubigentaufe und der Kongregationalismus. Gläubigentaufe bedeutet: Getauft wird nur, wer selbst den christlichen Glauben bekennt und die Taufe persönlich begehrt. Kongregationalismus bedeutet: Die einzelne Ortsgemeinde ist in wichtigen Fragen selbst für ihr Leben und ihre Lehre verantwortlich.
Baptisten berufen sich teilweise auf die Täufer des 16. Jahrhunderts, sind aber nicht einfach deren direkte Nachfahren. Von Anfang an setzten sie sich stark für Glaubens- beziehungsweise Religionsfreiheit ein. Weltweit gehören Baptisten zu den großen protestantischen Bekenntnisgemeinschaften. Besonders verbreitet sind sie in Nordamerika, außerdem in Afrika und Asien.
Entstehung und Ausbreitung
Die erste Baptistengemeinde entstand 1609 in Amsterdam. Sie bestand aus 6 bis 7 englischen Glaubensflüchtlingen, die wegen der Verfolgung von Separatisten aus England geflohen waren. Eine wichtige Gestalt war John Smyth (1570?–1612). Er führte die Gläubigentaufe ein, geriet aber wegen seiner zunächst selbst vollzogenen Taufe in einen Gewissenskonflikt und ließ sich später von einem Mennoniten taufen. Thomas Helwys (1570?/1575?–1614 oder 1550–1616) kehrte mit Anhängern nach England zurück und gründete 1612 in Spitalfields bei London die erste Baptistengemeinde Englands.
Das Jahr 1609 gilt als offizielles Gründungsjahr der Baptisten. Genauer wird die Entstehung aber als Prozess beschrieben, der 1609 begann und bis etwa 1641 dauerte. Neben den arminianisch geprägten General Baptists entstanden spätestens 1638 die calvinistisch geprägten Particular Baptists. Diese führten 1641 die Taufe durch Untertauchen ein. Die beiden baptistischen Richtungen schlossen sich erst 1833 zusammen.
Im 19. Jahrhundert verbreitete sich der Baptismus wieder auf dem europäischen Kontinent. In Frankreich ist er seit 1820 vertreten. In Deutschland begann er 1834 mit Johann Gerhard Oncken in Hamburg; diese Gemeinde wurde zur Keimzelle vieler kontinentaleuropäischer Baptistenbünde. In der Schweiz und in Österreich reichen die Anfänge auf 1847 zurück. 1942 schlossen sich in Deutschland Baptisten-, Brüder- und Elim-Gemeinden zum Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden zusammen.
Lehre und Glaubensverständnis
Ein weltweit einheitliches baptistisches Glaubensbekenntnis gibt es nicht. Dennoch gibt es zentrale Gemeinsamkeiten. Die Bibel gilt als alleinige Richtschnur für Lehre, Glauben und Leben. Die Gemeinde Jesu wird als Schöpfung des Wortes Gottes verstanden: Verkündigung soll Glauben wecken, stärken und korrigieren.
Die Taufe setzt nach baptistischem Verständnis ein persönliches Glaubensbekenntnis voraus. Säuglingstaufe wird deshalb abgelehnt. Baptisten sprechen lieber von Gläubigentaufe als von Erwachsenentaufe, weil Glaube nicht an eine Altersgrenze gebunden ist. In der „Rechenschaft vom Glauben“ heißt es, Jesus Christus habe seine Gemeinde beauftragt, die an ihn Glaubenden zu taufen; die Taufe bezeuge die Umkehr des Menschen zu Gott und werde auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes vollzogen.
Nicht die Taufe, sondern der persönliche Glaube an Jesus Christus als Herrn und Erlöser gilt als heilsentscheidend. Die örtliche Gemeinde verwaltet Wort, Taufe und Abendmahl und kann diese Aufgaben an Gemeindemitglieder delegieren. Wichtig ist das Priestertum aller Gläubigen: Grundsätzlich können alle Gemeindemitglieder Handlungen wie Predigt, Taufe und Abendmahl vollziehen. Das Abendmahl wird überwiegend als Gedächtnismahl verstanden. Evangelisation, also die Weitergabe des Glaubens, hat einen hohen Stellenwert; Johann Gerhard Oncken prägte dafür den Satz: „Jeder Baptist ein Missionar!“
Gottesdienst, Gemeinde und Organisation
Baptistische Gottesdienste haben keine fest vorgeschriebene Liturgie. Jede Gemeinde gestaltet sie selbst. Im Mittelpunkt steht die Verkündigung des Wortes Gottes. Häufig gibt es einen Einleitungsteil durch Gemeindemitglieder oder Gruppen und danach einen Predigtteil. Predigen können auch nicht ordinierte, oft ehrenamtliche Mitarbeitende. Musik, gemeinsamer Gesang, Chor, offenes Gebet und in manchen Gemeinden charismatische Elemente gehören ebenfalls dazu. Für Kinder wird oft parallel Sonntagsschule angeboten.
Die Taufe geschieht durch vollständiges Untertauchen, meist in einem Baptisterium, also einem Taufbecken, oder in freien Gewässern. In der Regel kann nur Mitglied einer Baptistengemeinde werden, wer als Glaubender getauft ist; die Taufe muss aber nicht zwingend in einer Baptistengemeinde erfolgt sein. Das Abendmahl betont die Gemeinschaft der Glaubenden untereinander und mit Jesus Christus. Häufig werden Brot und Wein, oft aus Rücksicht auf Suchtkranke Traubensaft statt Wein, durch die Reihen gereicht.
Organisatorisch sind Baptistengemeinden kongregationalistisch aufgebaut. Die einzelne Gemeinde ist also in wesentlichen Fragen selbständig. Auf regionaler, nationaler und internationaler Ebene schließen sich Gemeinden zu Vereinigungen und Bünden zusammen. Finanziert werden sie durch freiwillige Spenden und Mitgliederbeiträge. In Deutschland gehören die meisten Baptistengemeinden zum Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden; daneben gibt es weitere baptistische Verbände, besonders auch unter russlanddeutschen Rückwanderern.
Verbreitung und Zahlen
Baptistengemeinden gibt es in rund 160 Ländern. Genannt werden etwa 47 Millionen getaufte Mitglieder. Wenn Kinder und Freunde mitgerechnet werden, die am Gemeindeleben teilnehmen, sind nach konfessionsstatistischen Schätzungen etwa 100 Millionen Menschen in Baptistengemeinden geistlich beheimatet.
Die meisten nationalen Baptistenunionen gehören zum Weltbund der Baptisten, der Baptist World Alliance. Eine wichtige Ausnahme ist die Southern Baptist Convention in den USA, die seit 2004 nicht mehr dazugehört und rund 11 Millionen getaufte Mitglieder hat. Seit 1905 hat sich die Zahl der Baptisten versiebenfacht. Besonders starke Gruppen gibt es in den USA, in Ländern der ehemaligen UdSSR sowie in Brasilien, Nigeria, Burma und Indien.
Der deutsche Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden gibt gut 82.000 getaufte Mitglieder in 814 Gemeinden an, ohne Kinder, Freunde und Zweiggemeinden. Für unabhängige und freie Baptistengemeinden sind genaue Zahlen schwer zu ermitteln; für Deutschland nennt der Religionswissenschaftliche Material- und Informationsdienst 2005 vage „75000 bis 100000“ Mitglieder in etwa 300 Gemeinden.
Religionsfreiheit und Ökumene
Religions- und Gewissensfreiheit ist ein besonders wichtiges baptistisches Anliegen. Schon das erste baptistische Glaubensbekenntnis von 1610 erklärte, dass Jesus Christus „das Amt der weltlichen Regierung nicht mit den Ämtern seiner Kirche verbunden hat“. In Rhode Island, einer von Baptisten besiedelten Kolonie, wurde 1639 als erstem Land der Welt völlige Religionsfreiheit garantiert. Später setzten sich Baptisten zusammen mit Quäkern für die Aufnahme der Religionsfreiheit in die Verfassung der Vereinigten Staaten ein.
Baptisten betonen zugleich die Trennung von Staat und Kirche. Keine Religion soll vom Staat bevorzugt werden. Diese Haltung gehört zu ihren Grundprinzipien.
Ökumenisch, also in der Zusammenarbeit mit anderen Kirchen, sind Baptisten in vielen Ländern eingebunden. Der Weltbund der Baptisten unterhält Kontakte zu anderen Kirchen und internationalen Organisationen. In Deutschland engagiert sich der Bund Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden in der Deutschen Evangelischen Allianz, gehört zu den Gründungsmitgliedern der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland und ist Mitglied der Vereinigung Evangelischer Freikirchen. In Österreich sind Baptisten seit 2013 Teil der staatlich anerkannten Kirche „Freikirchen in Österreich“.