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Feindesliebe
Der aus Jesu Gebot abgeleitete Begriff „Feindesliebe“ wird oft als Eigenheit des Christentums betrachtet. Gutes tun, Liebe, Vergebung und Gewaltfreiheit …
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Begriff und religiöse Grundlagen
Feindesliebe bezeichnet individuelles und soziales Verhalten, das Feindschaft und Hass durch Wohltaten für Feinde sowie durch den Verzicht auf Rache und Gewalt überwinden will. Je nach Tradition zielt dieses Handeln auf Versöhnung, beiderseitiges Glück und/oder dauerhaften Frieden. Im Christentum wird der Begriff vor allem aus Jesu Gebot „Liebt eure Feinde“ abgeleitet. Vergleichbare Vorstellungen von Gewaltfreiheit, Vergebung und Hilfe für Feinde finden sich jedoch auch im Hinduismus, Buddhismus, Judentum und in der philosophischen Ethik.
Im Hinduismus ist Ahimsa, das Prinzip des Nichtverletzens, bereits in den Veden (1500–1200 v. Chr.) und Upanishaden (700–200 v. Chr.) belegt. Gewalt soll in Taten, Worten und Gedanken vermieden werden. Begründet wird dies unter anderem mit der Einheit aller Lebewesen. Die hinduistische Ethik, der Dharma, fordert außerdem Ksama, also Nachsicht und Vergebung. Das Mahabharata (400 v.–400 n. Chr.) bezeichnet Ksama als höchste Tugend und fordert, Unrecht nicht mit weiterem Unrecht zu vergelten. Die Bhagavad Gita (≈ 500–100 v. Chr.) verbindet Gleichmut gegenüber Freunden und Feinden mit begierdeloser Aktivität und der Erfüllung der Pflicht. Zugleich fordert Krishna Arjuna zum Kampf auf, wenn dieser dem Dharma entspricht. Dadurch wird die Frage aufgeworfen, wie Gewaltfreiheit und gerechter Kampf zueinander stehen.
Mohandas Gandhi entwickelte aus Ahimsa einen aktiven, gewaltfreien Widerstand. Love-Ahimsa bedeutete für ihn umfassende Liebe und tätige Sorge für das Wohlergehen des Feindes. Sie war keine passive Hinnahme von Unrecht, sondern Widerstand gegen den Übeltäter durch Wahrheit, Furchtlosigkeit, Nicht-Gewalt und notfalls die bewusste Annahme von Leiden. Seit 1907 nannte Gandhi diese Methode Satyagraha, „Wahrheitskraft“: das Ergreifen der Wahrheit verbunden mit dem Annehmen gewaltsam zugefügten Leids bis zum Selbstopfer. Gandhi deutete die Bhagavad Gita als Allegorie des inneren Kampfes zwischen Gut und Böse und der Überwindung eigener Begierden, nicht als Rechtfertigung des Krieges. Sein gewaltfreier Widerstand trug zur Unabhängigkeit Indiens bis 1947 bei, unter anderem durch den Salzmarsch von 1930 und den Boykott britischer Textilimporte. 1948 wurde Gandhi von Nathuram Godse ermordet.
Im Buddhismus steht die Überwindung von Feindschaft und Leid sowie die Entwicklung von Toleranz und Mitgefühl für alle Lebewesen im Mittelpunkt. Das Dhammapada lehrt: „Feindschaft kommt durch Feindschaft zustande; durch Freundschaft kommt sie zur Ruhe.“ Zorn soll durch Liebe, Böses durch Gutes und Lüge durch Wahrheit überwunden werden. Metta bezeichnet grenzenloses Wohlwollen, Karuna Mitgefühl. Nach der Lehre von der wechselseitigen Entstehung, paticca samuppada, sind alle Lebewesen miteinander vernetzt; wer andere verletzt, verletzt daher auch sich selbst. In Theravada und Mahayana werden Güte und Mitgefühl durch Meditation und soziales Engagement eingeübt. Persönliche Feinde werden dabei schrittweise in die Meditation einbezogen. Einige buddhistische Traditionen befürworteten allerdings auch Zwangsmethoden zur Bekehrung Andersgläubiger.
Judentum und Neues Testament
Der Tanach gebietet in Levitikus 19,17–18, keinen Hass gegen den Bruder zu tragen, den Mitbürger zurechtzuweisen, sich nicht zu rächen und den Nächsten wie sich selbst zu lieben. Der Streitgegner bleibt dabei der Nächste. Das Gebot wird deshalb als Aufforderung verstanden, die Spirale von Hass, Rache und Zorn zu unterbrechen. Levitikus 19,33–34 und Deuteronomium 10,19 verlangen dieselbe Liebe auch gegenüber Fremden in Israel. Nächsten-, Feindes- und Fremdenliebe werden mit der Befreiung Israels aus Ägypten begründet.
Weitere Gebote verlangen konkrete Hilfe für Feinde: Verirrtes Vieh soll zurückgebracht und ein unter seiner Last zusammengebrochener Esel gemeinsam mit seinem Besitzer aufgerichtet werden (Ex 23,4 f.). Schadenfreude über das Unglück eines Feindes ist verboten (Spr 24,17), und ein hungernder oder durstiger Feind soll mit Brot und Wasser versorgt werden (Spr 25,21). Sirach 28,6 f. fordert, Feindschaft aufzugeben und Schuld zu vergeben. Zugleich enthält der Tanach auch Abgrenzungs- und Banngebote gegen fremde Völker. 2 Könige 6,8–23 schildert dagegen, wie Elischa gefangene Feinde bewirten und freilassen lässt. Die Propheten erwarten als Zukunft einen universalen Schalom, in dem Gott Feindschaft, Krieg und Gewalt beendet.
Jüdische Auslegungen sind nicht einheitlich. Die „Sektenregel“ von Qumran fordert, „Söhne des Lichtes“ zu lieben, „Söhne der Finsternis“ zu hassen, die Vergeltung aber Gott zu überlassen. Andere Traditionen weiteten die Nächstenliebe auf alle Menschen und ausdrücklich auf Feinde aus. Hillel fasste die Tora für Nichtjuden in der Goldenen Regel zusammen: „Was dir nicht lieb ist, das tue auch deinem Nächsten nicht.“ Philon von Alexandria bezog Menschenliebe auf Feinde, Sklaven und alle Lebewesen. Flavius Josephus betonte Schutzpflichten gegenüber Kriegsgegnern, Gefangenen, Verwundeten, Frauen, Toten, Tieren und dem Eigentum der Feinde. Das Jüdische Lexikon erklärte 1927, das Judentum gebiete keinen Feindeshass, sondern entschiedenen Kampf für das Recht ohne Rachsucht. David Flusser unterschied 1968 zwischen dem praktisch verbotenen Hass und einer nicht ausdrücklich vorgeschriebenen Feindesliebe.
Im Neuen Testament erscheint Jesu Gebot in Matthäus 5,43–48 und Lukas 6,27–36. Der ursprüngliche Kern lautet: „Liebt eure Feinde, so werdet ihr Söhne eures Vaters im Himmel sein, denn er lässt seine Sonne aufgehen über Böse und Gute und regnen über Gerechte und Ungerechte.“ Jesus verbindet dieses Gebot mit dem Verzicht auf Vergeltung: Wer geschlagen wird, soll die andere Wange hinhalten; wer vor Gericht das Hemd verliert, soll auch den Mantel geben; wer zu einem Weg gezwungen wird, soll zwei Meilen gehen; Bedürftigen soll man geben. Diese Handlungen werden als aktive, überraschende Reaktionen verstanden, die Demütigung, Gewalt und das übliche Durchsetzen der eigenen Ehre unterbrechen sollen.
Jesus verbot bei seiner Festnahme die Gegenwehr, begehrte am Kreuz keine Rache und bat um Vergebung für seine Mörder. Paulus begründete Feindesliebe mit Gottes Versöhnung mit den Menschen, „als wir noch Feinde waren“. Römer 12,14.17–21 fordert, Verfolger zu segnen, Böses nicht mit Bösem zu vergelten, Frieden zu halten, sich nicht selbst zu rächen und dem hungrigen Feind zu essen zu geben. Markus, Johannes und die übrigen neutestamentlichen Schriften enthalten das Gebot nicht wörtlich, betonen aber teilweise Gottes universale Liebe und das Verbot von Hass unter Christen.
Christliche Auslegungen und Praxis
In der Alten Kirche galt Feindesliebe zunächst als besonderes Kennzeichen des Christentums und wurde auch auf gesellschaftliche Konflikte bezogen. Seit dem 2. Jahrhundert wurde sie jedoch häufig als Vollkommenheitsideal für wenige verstanden. Es entstand eine Zwei-Stufen-Ethik: Für die Mehrheit galten weniger strenge Regeln, während Ordensgemeinschaften unter anderem Feindesliebe, Waffen-, Gewalt- und Besitzverzicht praktizierten.
Augustinus trennte nach der Konstantinischen Wende von 313 Feindesliebe und den Verzicht auf staatliche Gewalt. Als Begründer der Lehre vom Gerechten Krieg erlaubte er 420 Christen, Feinde unter moralischen Bedingungen zu bestrafen. Thomas von Aquin verlangte allgemeine Fürbitte und Hilfe für Feinde in Not, rechtfertigte aber unter bestimmten Umständen die Todesstrafe. Martin Luther machte die Bergpredigt wieder für alle Christen verbindlich, deutete sie jedoch vor allem als Gesetzespredigt, die die menschliche Sündhaftigkeit sichtbar macht und zur Gnade führt. In seiner Zwei-Reiche-Lehre begrenzte er den persönlichen Rechtsverzicht auf Privatleben und Glaubende. Im Verteidigungskrieg erlaubte er auch harte Gewalt gegen Angreifer, forderte aber Gnade gegenüber Besiegten, die sich ergeben.
Die Friedenskirchen verstanden Jesu Gebot dagegen als prinzipielle Absage an Krieg und bewaffnete Selbstverteidigung. Im 19. Jahrhundert deuteten viele christliche Theologen Feindesliebe als universale Menschenliebe und stellten sie fälschlich einem angeblich allgemein geltenden jüdischen Vergeltungsgesetz gegenüber. Diese Deutung trug teilweise antijudaistische und antisemitische Züge. Andere Theologen, etwa Konrad Lomb, betonten, Feindesliebe verlange keinen Rechtsverzicht und kein Ausliefern an Angriffe, wohl aber den Verzicht auf Hass, Bereitschaft zur Versöhnung und Hilfe in Not.
Dietrich Bonhoeffer verband Feindesliebe mit aktiver Nachfolge, leidender Liebe und der Bereitschaft zum Martyrium. Gegen die Vorstellung, Liebe müsse den Feind unmittelbar verändern, betonte er: „Der Feind bleibt, ungerührt von meiner Liebe.“ Dennoch solle der Christ im Feind den Bruder erkennen, weil Jesu Liebe am Kreuz für seine Feinde wirke. Bonhoeffer beteiligte sich am Widerstand gegen die NS-Diktatur und wurde 1945 ermordet.
Martin Luther King übertrug Gandhis Satyagraha auf den Kampf gegen Rassentrennung und soziale Unterdrückung. Jesus gab ihm Inspiration und Motivation, Gandhi die gewaltfreie Methode. King verstand Liebe als Agape, also als verständnisvollen, kreativen und erlösenden guten Willen ohne Anspruch auf Gegenleistung. Feindesliebe sei keine passive Duldung, sondern müsse sich in entschiedenen direkten Aktionen gegen das Übel organisieren. Nach seiner Auffassung durchbricht Gewaltfreiheit die Zerstörungskraft von Hass und kann Unterdrücker mit Scham und Schuld konfrontieren. Malcolm X kritisierte diese Haltung 1963 als wehrlos machende Lehre. King unterschied dagegen ausdrücklich zwischen passivem Nicht-Widerstand und aktivem, starkem gewaltfreiem Widerstand.
Das Kairos-Dokument von 1985 deutete Feindesliebe im Kampf gegen die Apartheid als Widerstand gegen strukturelle Ungerechtigkeit. Versöhnung sei ohne Gerechtigkeit für die Unterdrückten nicht möglich. Die Kirche müsse daher unter Umständen Staatsgesetze missachten und die ungerechte Ordnung aktiv delegitimieren.
Neuere Auslegungen streiten vor allem über Reichweite und Begründung. Georg Strecker und Peter Stuhlmacher sehen in Jesu Gebot eine besondere Überbietung oder Entgrenzung jüdischer Nächstenliebe. Klaus Haacker und Wolfgang Stegemann halten diese Gegenüberstellung für exegetisch unhaltbar und sehen bereits im jüdischen Nächstenliebegebot ein Feindesliebegebot. Gerd Theißen erklärt das Gebot aus der Lage einer bedrohten, marginalisierten Jesusbewegung. Andere Ausleger unterscheiden eine theologische Begründung in Gottes vorausgehender Liebe und eine zweckrationale „Entfeindung“, die Gewaltspiralen durch überraschendes Gutes beendet. Gemeinsam ist vielen neueren Deutungen, dass „lieben“ nicht unbedingt Sympathie oder Gefühl bedeutet, sondern Achtung, konkrete Hilfe und aktives Interesse an einem friedlichen Zusammenleben.
Philosophische Deutungen
Schon vor dem Christentum gab es Regeln, die der Feindesliebe ähneln, ohne ein ausdrückliches Gebot zu formulieren. Das assyrische und altägyptische Schrifttum empfahlen, Feinden Gutes zu tun und Unrecht nicht zu vergelten. Das Daodejing rät, Feindschaft mit Wohltun zu vergelten. Konfuzius unterschied dagegen: Unrecht solle man mit Gerechtigkeit, Güte aber mit Güte vergelten. Sokrates forderte bei Platon, Unrecht niemals mit Unrecht zu beantworten; Platon hielt es für besser, Unrecht zu erleiden als selbst Unrecht zu tun.
Cicero lobte Versöhnlichkeit und Milde, begrenzte sie aber durch das Interesse an der Erhaltung des Staates. Vertreter der jüngeren Stoa begründeten ein ähnliches Verhalten mit der vernünftigen Ordnung der Natur. Seneca verwies darauf, dass die Sonne auch über Verbrechern aufgehe. Epiktet und Mark Aurel stellten die gemeinsame menschliche Natur, die Begrenztheit des Lebens und die Möglichkeit menschlicher Irrtümer als Gründe gegen Vergeltung heraus. Der Neuplatoniker Hierokles verlangte, auch schlechte Menschen wegen der gemeinsamen menschlichen Natur gut zu behandeln.
Immanuel Kant übersetzte die Goldene Regel in den Kategorischen Imperativ: „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Gegenüber einem „Bösewicht“ könne man Achtung nicht völlig verweigern, weil sie ihm als Menschen zukomme. Liebe bedeute hier keine Neigung, sondern den Wunsch, dass der andere der Liebe würdig werde. Hermann Cohen kritisierte diese Trennung von Menschheit und individueller Person als Widerspruch zu Kants Forderung, jeden Menschen immer als Zweck und niemals bloß als Mittel zu behandeln.
Friedrich Nietzsche deutete jüdisch-christliche Feindesliebe als Moral der Schwachen und als „rachsüchtige List der Ohnmacht“. Das Gebot erscheine ihm als verschleierte Unfähigkeit zur Selbstbehauptung und als egoistisches Verhalten, das sich Belohnung erhoffe. Max Weber verstand Feindesliebe als Kennzeichen von Erlösungsreligionen: Sie strebe nach universaler Brüderlichkeit, gerate dadurch aber in Konflikt mit Politik und Ökonomie. Sigmund Freud kritisierte Nächsten- und Feindesliebe als unrealistischen Altruismus, der den Aggressionstrieb verleugne; zugleich sah er in der Sublimierung von Aggression einen wichtigen Antrieb von Kultur.
Mao Zedong erklärte 1942, Liebe und Hass seien Produkte des Klassenkampfs. Feinde könne man nicht lieben; ihr Ziel müsse zunächst ihre Vernichtung sein. Erst nach der weltweiten Abschaffung der Klassen sei allgemeine Menschenliebe möglich. Anton LaVey kritisierte Feindesliebe als unnatürliche Selbstaufgabe.
Paul Ricœur widersprach Nietzsche. Jesu Liebe sei ein „absolutes Maß der Gabe“ ohne Erwartung einer Gegenleistung. Sie schließe Nutzenkalkül aus, könne aber hoffen, dass der Feind eines Tages zum Freund werde. Diese „Logik der Überfülle“ solle den alltäglichen Austausch nicht ersetzen, sondern vor dem Prinzip „ich gebe, damit du gibst“ schützen. Hans Küngs Projekt Weltethos hebt Jesu Feindesliebe als besondere, nicht reziproke Form der Entfeindung hervor. Offen bleibt, ob sie eine von allen Weltreligionen akzeptierte und tragfähige ethische Grundlage werden kann.
Politik, Recht und Friedensarbeit
In der frühen Neuzeit wurde diskutiert, ob Feindesliebe mit Krieg vereinbar sei. Francisco Suárez vertrat die Auffassung, ein gerechter Krieg verstoße nicht notwendig gegen Feindesliebe, weil man nicht die Personen, sondern ihre Taten bekämpfe. Im entstehenden Völkerrecht wurden daraus Regeln zum Schutz von Feinden. Johann Caspar Bluntschli bezeichnete die Schonung besiegter, gefangener und verwundeter Kriegsgegner sowie die Genfer Konvention von 1864 als Übertragung des christlichen Prinzips der Feindesliebe in verbindliches Menschen- und Völkerrecht. Die Haager Landkriegsordnung von 1907 machte außerdem die Unterscheidung zwischen Zivilisten und Kombattanten verbindlich.
Teile der Friedensbewegung nutzten Feindesliebe in den 1980er Jahren zur Kritik am NATO-Doppelbeschluss, an Atomwaffen und militärischer Abschreckung. Carl Friedrich von Weizsäcker nannte eine Sicherheitspartnerschaft, die auch die Sicherheitsinteressen des Gegners berücksichtigt, „intelligente Feindesliebe“. Horst-Eberhard Richter sah in ihr einen Ausweg aus dem „kollektiven Verfolgungswahn“ der atomaren Hochrüstung. Franz Alt forderte einen möglichen einseitigen Verzicht auf neue Atomraketen und später vorbeugende Konfliktverhütung, Waffenexportverbot und Abrüstung. Helmut Schmidt und Karl Carstens hielten die Bergpredigt dagegen für die Realpolitik ungeeignet; Heiner Geißler erklärte sie mit atomarer Abschreckung für vereinbar. Der ÖRK verwarf 1983 die nukleare Abschreckung als Widerspruch zur Liebe und erklärte 2011 den „Gerechten Frieden“ zum Ziel. Gruppen wie Pax Christi und Ohne Rüstung Leben leiten daraus Vorrang für Gewaltfreiheit beziehungsweise soziale Verteidigung ab, während Church and Peace die weiterhin zugelassene militärische Intervention des ÖRK kritisiert.
Die Friedens- und Konfliktforschung untersucht seit den 1960er Jahren Ursachen von Gewalt und entwickelt gewaltfreie Lösungsstrategien. Theodor Ebert entwarf die soziale Verteidigung als Alternative zur militärischen Abschreckung. Sie verlangt keine Unterwerfung, sondern die Anerkennung des Gegners als Menschen mit Hoffnungen, Ängsten und Aggressionen sowie die Suche nach neuen Formen gemeinsamer Zusammenarbeit. Johan Galtung entwickelte weitere politische Konfliktlösungsstrategien, Martin Arnold erforschte Beispiele von Gewaltfreiheit, und Marshall B. Rosenberg entwickelte Gewaltfreie Kommunikation, die Feindschaft möglichst gar nicht entstehen lassen soll.
Im Antiterrorkrieg wurde Feindesliebe unterschiedlich ausgelegt. Jonathan Schell schlug 2003 eine weltweite „Kooperationsmacht gewaltfreien Handelns“ anstelle von Zwangsmacht vor. Militärgeistliche wie Bernd Schaller und Martin Dutzmann rieten Soldaten, getötete Kameraden nicht zu rächen und die Täter als Geschöpfe Gottes mit Familien zu sehen, hielten aber gewaltsame Selbstverteidigung für zulässig. Reinhard Höppner forderte 2007 einen „Dialog auf Augenhöhe“ mit Taliban und islamistischen Terroristen. Alistair McFadyen betonte 2012, Feindesliebe verlange weder, reale Feindschaft zu leugnen, noch lasse sie sich einfach mit Gewaltfreiheit gleichsetzen. Sie richte sich zugleich gegen das Unrecht und gegen jede Dämonisierung und Entmenschlichung. Terroristen sollten als Straftäter rechtsstaatlich verfolgt werden, statt sie einer Rache ihrer Opfer oder einer pauschalen Kriegslogik auszusetzen.