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Nächstenliebe

So gilt sein Gebot des Gewaltverzichts und der Feindesliebe gerade den Juden, die von „Heiden“ akut bedroht, verfolgt und von nach deren Art lebenden …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernidee und biblische Grundlage
  2. 2. Nächstenliebe in der Hebräischen Bibel und im Judentum
  3. 3. Jesus und das Neue Testament
  4. 4. Christliche Auslegungen und Praxis
  5. 5. Andere Religionen, Philosophie und Biologie
  6. 6. Kritik und Grenzen

Kernidee und biblische Grundlage

Nächstenliebe bezeichnet helfendes, uneigennütziges Handeln für andere Menschen. Sie meint nicht zwingend emotionale Sympathie, sondern ein Handeln, das auf das Wohlergehen des Mitmenschen gerichtet ist. Der „Nächste“ kann jeder Mensch sein, der einem in einer konkreten Notlage begegnet.

Der Begriff geht auf ein Gebot der Tora zurück: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin JHWH.“ (Lev 19,18). Im Judentum gehört dieses Gebot zur Tora und damit zu den grundlegenden Weisungen Gottes für das ganze Leben. Es ist auf das befreiende und rettende Handeln JHWHs bezogen: Menschen sollen so handeln, dass ihr Verhalten diesem göttlichen Handeln entspricht.

Heute wird Nächstenliebe häufig mit Altruismus gleichgesetzt, also mit selbstlosem Eintreten für andere ohne Rücksicht auf deren soziale Stellung oder Verdienste. Ähnliche Grundgedanken finden sich in vielen Religionen und Philosophien, oft in der Form der Goldenen Regel.

Nächstenliebe in der Hebräischen Bibel und im Judentum

In der Hebräischen Bibel ist der „Nächste“ meist ein bestimmter Mitmensch, dem man konkret begegnet oder zu dem eine erkennbare Beziehung besteht. Das hebräische Wort reah kann je nach Zusammenhang „Verwandter“, „Nachbar“, „Freund“, „Geliebter“ oder allgemein „Anderer“ bedeuten. Auch wenn es manchmal den Volksgenossen meint, zielt es auf ein Verhalten, das über enge Gruppenbindungen hinausweist.

Das Gebot steht im Heiligkeitsgesetz in Lev 19. Dort wird Nächstenliebe als positives Gegenstück zu Verhaltensweisen wie Hass, Rache, Betrug, Ausbeutung, Verleumdung und ungerechter Rechtsprechung formuliert. Sie ist deshalb keine bloße Gefühlsforderung, sondern ein verpflichtendes Sozialverhalten. Besonders wichtig sind Arme, Fremde, Witwen, Waisen, Tagelöhner und andere gefährdete Gruppen. Die Tora konkretisiert dies durch Schutzrechte: Erntereste sollen Armen und Fremden überlassen werden, Lohn soll rechtzeitig gezahlt werden, Ausbeutung und Zinsnahme sollen begrenzt werden, und im Erlassjahr soll Landbesitz aus Notlagen zurückgegeben werden.

In jüdischen Auslegungen wurde diskutiert, wie weit der Kreis des „Nächsten“ reicht. Einige Deutungen begrenzten ihn auf Mitjuden und Proselyten, andere bezogen auch Samaritaner oder grundsätzlich alle Menschen ein. Hillel fasste die Tora in der negativen Form der Goldenen Regel zusammen: „Was dir selbst zuwider ist, das tue deinem Nächsten nicht an.“ Rabbi Akiba verstand Lev 19,18 als großen Grundsatz der Tora. In späteren jüdischen Auslegungen wurde besonders „wie dich selbst“ bedacht: Der Nächste soll als dir gleich verstanden werden.

Jesus und das Neue Testament

Das Neue Testament setzt das Gebot der Nächstenliebe als bekannt und gültig voraus. Jesus verbindet es mit dem Gebot der Gottesliebe zum Doppelgebot der Liebe. Auf die Frage nach dem wichtigsten Gebot antwortet er nach Mk 12,29 ff: Man solle Gott mit ganzem Herzen, ganzer Seele, allen Gedanken und aller Kraft lieben; als zweites komme hinzu: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Kein anderes Gebot sei größer als diese beiden. Damit werden Gottesliebe und Nächstenliebe eng miteinander verbunden.

In der Bergpredigt aktualisiert Jesus die Nächstenliebe als Feindesliebe: „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen.“ Die Tora gebietet keinen Feindeshass; Jesus richtet sich gegen Deutungen, die Nächstenliebe begrenzen und Feinde ausschließen. Nächstenliebe bedeutet für ihn deshalb auch Verzicht auf Vergeltung und Bereitschaft zur Versöhnung.

Besonders bekannt ist das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Ein Überfallener wird von einem Priester und einem Leviten nicht versorgt; ein Samaritaner hilft ihm, verbindet seine Wunden, bringt ihn in eine Herberge und sorgt für seine weitere Pflege. Jesus kehrt damit die Frage „Wer ist mein Nächster?“ um: Entscheidend ist nicht, wen man theoretisch zum Kreis der Nächsten zählt, sondern wem man in konkreter Not zum Nächsten wird.

Die Evangelien beschreiben Jesu Zuwendung zu Armen, Kranken und Ausgegrenzten als praktische Auslegung der Nächstenliebe. Dazu gehören Blinde, Lahme, Aussätzige, Taube, Besitzlose, Zöllner, Sünder und Prostituierte. In Mt 25,40 wird Hilfe an Bedürftigen christologisch gedeutet: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan.“ In den Gemeindebriefen wird Nächstenliebe als Dienst mit den eigenen Gaben, als Frieden mit allen Menschen und als Überwindung des Bösen durch das Gute beschrieben. Paulus nennt die Liebe in 1 Kor 13 größer als Glaube und Hoffnung.

Christliche Auslegungen und Praxis

In der christlichen Tradition wurde Nächstenliebe als Grundhaltung und als praktische Aufgabe verstanden. Augustinus forderte: „Liebe und tu, was du willst.“ Gemeint ist, dass alles Handeln in echter Liebe wurzeln soll. Für ihn hängen Gottesliebe und Nächstenliebe zusammen, weil Gott selbst Liebe ist. Auch Feindesliebe bedeutet bei ihm, im Feind das Gute zu sehen, das er seiner Natur nach besitzt oder werden kann.

Martin Luther betonte, dass aus dem Glauben eine freie, willige und fröhliche Bereitschaft entsteht, dem Nächsten zu dienen. Franz von Sales beschrieb Nächstenliebe als Liebe zum Menschen als Bild Gottes. Papst Benedikt XVI. erklärte in Deus caritas est (2005), man solle auch den Mitmenschen, den man zunächst nicht mag oder nicht kennt, „von Gott her“ lieben; Gottesliebe und Nächstenliebe seien untrennbar.

Praktisch wird Nächstenliebe als Barmherzigkeit umgesetzt. In der christlichen Gemeinde gehört tätige Nächstenliebe, griechisch Diakonia und lateinisch Caritas, neben Feier (Liturgia) und Verkündigung beziehungsweise Zeugnis (Martyria) zu den drei Grundvollzügen. Sie bedeutet persönlichen Einsatz für das Wohl anderer, etwa Armen-, Kranken- und Altenpflege, Beratung, Seelsorge, Hilfe gegen soziale Isolation und Integration von Menschen mit Sprachproblemen. Einrichtungen wie Caritas und Diakonisches Werk entstanden zur Erfüllung solcher Aufgaben.

Andere Religionen, Philosophie und Biologie

Im Islam wird das Gebot der Nächsten- und Feindesliebe im Koran nicht wörtlich wie in der Tora zitiert, doch von Mohammed sind ähnliche Aussagen überliefert: Niemand habe den Glauben erlangt, solange er nicht für seine Brüder oder Nachbarn liebe, was er für sich selbst liebt. Soziale Wohltätigkeit, Zakat, ist eine der fünf Säulen des Islam. Bedürftige haben darauf einen Rechtsanspruch. Der Koran nennt als Empfänger unter anderem Arme, Notleidende, soziale Dienste, Sklaven, Verschuldete und Reisende.

Im Buddhismus hat Karuna, tätiges Mitgefühl und Erbarmen, eine ähnliche Bedeutung, ohne auf ein Gottesgebot gegründet zu sein. Karuna umfasst Handlungen, die das Leiden anderer verringern, und erstreckt sich auf alle Lebewesen. Das Ideal des Bodhisattva beschreibt ein Wesen, das allen anderen durch aufopferndes Handeln helfen will.

Die Verhaltensbiologie ordnet Liebe und Mildtätigkeit dem prosozialen System zu. Auch bei Tieren werden moralanaloge Verhaltensweisen beobachtet. Irenäus Eibl-Eibesfeldt sah Liebe aus der Brutpflege hervorgehen, die auf Gruppenmitglieder übertragen wurde. Biologische Erklärungen heben jedoch den freien Willen nicht auf und erklären Nächstenliebe nicht abschließend.

In der neuzeitlichen Philosophie begründete Immanuel Kant ein auf den Nächsten bezogenes Handeln mit dem kategorischen Imperativ: Man solle nur nach der Maxime handeln, durch die man zugleich wollen könne, dass sie allgemeines Gesetz werde. Die Pflicht der Nächstenliebe bedeute, die Zwecke anderer, sofern sie nicht unsittlich sind, zu den eigenen zu machen und keinen Menschen bloß als Mittel zu benutzen.

Kritik und Grenzen

Nächstenliebe wurde auch kritisiert. Friedrich Nietzsche sah sie als Ausdruck einer „Entselbstungs-Moral“ und als Zeichen von décadence, weil sie Selbstlosigkeit über Selbstbehauptung stelle. In Also sprach Zarathustra prägte er den Gegenbegriff der „Fernstenliebe“.

Sigmund Freud hielt das Liebesgebot in Das Unbehagen in der Kultur (1929/1930) für eine Überforderung. Es sei ein Versuch, menschliche Aggression abzuwehren, aber psychologisch undurchführbar; eine zu starke Ausweitung der Liebe könne deren Wert mindern, ohne Not zu beseitigen.

Hans Jonas meinte in Das Prinzip Verantwortung (1979), das christliche Liebesgebot sei zu sehr auf Menschen im unmittelbaren Handlungskreis bezogen. Angesichts technischer Macht und ökologischer Krise müsse Ethik auch künftige Menschen berücksichtigen. Er formulierte deshalb einen ökologischen Imperativ: „Handle so, daß die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden.“

Lernvideos zu Nächstenliebe

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