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Faschismus

Faschismus (von italienisch fascio „Bund“) war zunächst die Eigenbezeichnung einer politischen Bewegung in Italien, die unter Führung von Benito Mussolini …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Bedeutung
  2. 2. Definitionsprobleme und Forschungsansätze
  3. 3. Taktiken faschistischer Politik
  4. 4. Italien als historisches Kernbeispiel
  5. 5. Verbreitung und umstrittene Einordnungen

Grundidee und Bedeutung

Faschismus bezeichnete ursprünglich die politische Bewegung Benito Mussolinis, die in Italien von 1922 bis 1943/45 die beherrschende Macht war und eine Diktatur errichtete. Seit den 1920er Jahren wird das Wort außerdem als Gattungsbegriff für ultranationalistische, nach dem Führerprinzip organisierte, antiliberale und antimarxistische Bewegungen, Ideologien und Herrschaftssysteme verwendet, die parlamentarische Demokratien beseitigen wollten. Ob dieser Oberbegriff auf sehr unterschiedliche Systeme – besonders auf den deutschen NS-Staat und Japan – angewendet werden kann, ist wissenschaftlich umstritten.

Als typische Merkmale gelten ein übersteigerter Nationalismus, die Unterordnung unter einen autoritären Führer, eine militante Massenbewegung, die Abschaffung demokratischer Freiheiten, Gewalt gegen politische Gegner, Propaganda, Personenkult und das Ziel einer inneren oder äußeren „Erneuerung“ der Nation. Faschistische Bewegungen stellen sich dabei häufig als Ausdruck des Volkswillens dar, obwohl sie terroristische und diktatorische Herrschaftsmittel einsetzen.

Neofaschismus bezeichnet im engeren Sinn italienische Bewegungen nach Mussolinis Sturz, darunter das Movimento Sociale Italiano von 1946 bis 1995. Im weiteren Sinn meint der Begriff extrem rechte Bewegungen und Parteien anderer Länder, die Führerprinzip, völkisch oder rassisch begründetes Elitedenken, übersteigerten Nationalismus, militanten Antikommunismus und zumindest latente Gewaltbereitschaft vertreten. In Deutschland werden hierzu Neonazis gerechnet. Antifaschismus ist die Bezeichnung für soziale Bewegungen, die sich gegen Faschismus wenden.

Definitionsprobleme und Forschungsansätze

Eine allgemein anerkannte Definition fehlt. Viele europäische Bewegungen der Zwischenkriegszeit, die heute als faschistisch eingeordnet werden, bezeichneten sich selbst nicht so. Die Faschismusforschung versucht deshalb, gemeinsame strukturelle oder ideologische Kernelemente zu bestimmen.

Robert O. Paxton definiert Faschismus als eine „Form des politischen Verhaltens“. Kennzeichnend seien die obsessive Beschäftigung mit dem Niedergang, der Demütigung oder der Opferrolle einer Gemeinschaft und ein ausgleichender Kult um Einheit, Stärke und Reinheit. Eine Massenpartei militanter Nationalisten arbeite mit traditionellen Eliten zusammen, beseitige demokratische Freiheiten und strebe innere Säuberung sowie äußere Expansion mit einer als erlösend dargestellten Gewalt an.

Roger Griffin bestimmt den ideologischen Kern als „palingenetische Form von populistischem Ultra-Nationalismus“. Palingenetisch meint hier die Vorstellung einer nationalen Wiedergeburt. Paul Gottfried verwendet einen engeren Gattungsbegriff für Bewegungen und teilweise Regime, die dem italienischen Faschismus ähnelten. Er beschränkt dessen hauptsächliche Anwendbarkeit auf den Mittelmeerraum und die Zwischenkriegszeit und lehnt die pauschale Verwendung für alles politisch Abgelehnte ab.

Andere Forscher halten einen gemeinsamen Begriff nur begrenzt für sinnvoll. Bernd Martin sieht ihn allenfalls für die Bewegungsphasen in Deutschland, Italien und Japan als geeignet, nicht aber für deren sehr unterschiedliche Regime. Janine Chasseguet-Smirgel und Samuel Salzborn warnen davor, durch die Einordnung des Nationalsozialismus als bloße Form des Faschismus dessen Rassepolitik und den Holocaust aus dem Blick zu verlieren.

Taktiken faschistischer Politik

Nach Jason Stanley beruht faschistische Politik vor allem auf einer Spaltung der Gesellschaft in ein „Wir“ und ein „Sie“. Ihre verschiedenen Taktiken erzeugen oder verstärken diese Trennung. Einzelne Elemente können auch in anderen politischen Zusammenhängen auftreten; gefährlich wird ihr Zusammenwirken in einer politischen Bewegung.

Zu den Taktiken gehören die Berufung auf eine mythische Vergangenheit, Propaganda, Antiintellektualismus, die Herstellung von „Unwirklichkeit“, hierarchische Gesellschaftsbilder, eine behauptete Opferrolle, Forderungen nach „Recht und Ordnung“, sexuelle Ängste, Appelle an das Vaterland sowie der Abbau von Gemeinwohl und gesellschaftlicher Einheit. Eine erfundene oder verzerrte Vergangenheit soll die gewünschte Gegenwartsordnung rechtfertigen. Angriffe auf Universitäten und Bildung schwächen mögliche Kritik. Verschwörungstheorien, Fake News und faktenverzerrende Propaganda ersetzen die gemeinsame Grundlage rationaler Debatten.

Gesellschaftliche Unterschiede werden als natürlich dargestellt, um eine angebliche Rangordnung verschieden wertvoller Menschen zu begründen. Fortschritte von Minderheiten erscheinen dann als Benachteiligung der dominanten Mehrheit. „Recht und Ordnung“ trennt vermeintlich rechtmäßige Bürger von Gruppen, die als kriminelle und existenzielle Gefahr bezeichnet werden. Sexuelle Ängste richten sich gegen die Gleichstellung der Geschlechter und sollen patriarchale Hierarchien schützen. Auch ein Gegensatz zwischen einem angeblich traditionsbewahrenden, hart arbeitenden Land und kosmopolitischen, von Minderheiten geprägten Städten kann konstruiert werden.

Die zentrale Gefahr liegt in der Entmenschlichung ausgegrenzter Gruppen. Sie verringert die Empathie anderer Bürger und kann unmenschliche Behandlung rechtfertigen, selbst wenn daraus kein ausdrücklich faschistischer Staat entsteht.

Italien als historisches Kernbeispiel

Mussolini gründete am 23. März 1919 die Fasci italiani di combattimento („Italienische Kampfverbände“). Die zunächst stark syndikalistisch geprägte Bewegung grenzte er 1921 scharf gegen Sozialismus und Kommunismus ab. Als Partito Nazionale Fascista (PNF) wurde sie für Teile der bürgerlichen Mittelschichten wählbar und erhielt Unterstützung aus Teilen der katholischen Kirche, des Beamtentums und der Armee.

Mithilfe von Paramilitärs, Straßenterror, Personenkult, Massenpropaganda und dem inszenierten „Marsch auf Rom“ wurde Mussolini 1922 Ministerpräsident. Bis 1925 schuf er durch ein Ermächtigungsgesetz, Parteiverbote, die Aufhebung von Bürgerrechten und Pressefreiheit, den Ausbau der Parteimiliz und politische Morde eine Einparteiendiktatur. Ihr Zentrum bildete der von ihm geführte „Große Faschistische Rat“.

In La dottrina del fascismo von 1932 beschrieb Mussolini sein System. Dazu gehörten extremer Nationalismus, das Streben nach einer italienischen Großmachtstellung im Mittelmeerraum, der „Wille zur Macht“, das autoritäre Führerprinzip, die „direkte Aktion“ und die totalitäre Verschmelzung von Staat und alleinregierender Partei unter Überwachung durch eine Geheimpolizei. Staatlich verordnete Einheitsorganisationen von Arbeitern und Unternehmern sollten den Klassenkampf verhindern. Auch der Sport wurde verstaatlicht und zur Darstellung von Kraft, Männlichkeit und italienischer Überlegenheit benutzt. Anders als das NS-Regime band Mussolinis etatistischer, also stark staatsbezogener Faschismus alte Eliten ein.

Das Regime war auf Expansion und die Eroberung von „Lebensraum“ (spazio vitale) ausgerichtet. Italien führte von 1923 bis 1932 den Zweiten Italienisch-Libyschen Krieg, begann 1935 den Abessinienkrieg, beteiligte sich ab 1936 am Spanischen Bürgerkrieg, besetzte 1939 Albanien und trat 1940 in den Zweiten Weltkrieg ein. In Afrika und auf dem Balkan setzte es unter anderem ethnische Säuberungen, Masseninternierungen, Geiselnahmen, Erschießungen und eine Strategie der verbrannten Erde ein. Antiafrikanismus und Antislawismus verschärften diese Repression.

Der italienische Faschismus war zunächst nicht antisemitisch ausgerichtet; Mussolini lehnte den Rassismus und Antisemitismus der Nationalsozialisten anfangs öffentlich ab. Seit Mitte der 1930er Jahre führte das Bündnis mit dem Deutschen Reich jedoch zu antisemitischer Agitation und italienischen Rassengesetzen. Diese Politik zielte auf Entrechtung, Enteignung und Vertreibung der Juden, laut Artikel jedoch nicht auf ihre Vernichtung.

Verbreitung und umstrittene Einordnungen

In Europa errichteten oder trugen mehrere als faschistisch eingeordnete Parteien Regime: Mussolinis PNF beziehungsweise PFR in Italien von 1922 bis 1945, die NSDAP in Deutschland von 1933 bis 1945, die Eiserne Garde in Rumänien von 1940 bis 1941, die Ustascha in Kroatien von 1941 bis 1945, die spanische Falange als Teil der franquistischen Staatspartei ab 1937 sowie die ungarischen Pfeilkreuzler von 1944 bis 1945. Weitere überwiegend so eingestufte Bewegungen bestanden unter anderem in Belgien, Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Polen und Portugal, ohne ein eigenes Regime errichten zu können. Die zugrunde liegende Übersicht des Artikels ist allerdings als nicht hinreichend belegt gekennzeichnet.

Außerhalb Europas traten verwandte oder entsprechend bezeichnete Bewegungen auf. Die Jungägyptische Partei besaß von 1933 bis zum Verbot 1938 mit den Grünhemden eine paramilitärische Organisation. Die brasilianische Ação Integralista Brasileira bestand von 1932 bis zu ihrer Auflösung 1937; ihr Putschversuch von 1938 scheiterte. Der chilenische Nacismo blieb eine Kleinpartei, war aber an einem Putschversuch von 1938 beteiligt. Im britischen Mandatsgebiet Palästina verband der Revisionistische Maximalismus Faschismus und Zionismus, zerfiel jedoch nach der Anklage und dem späteren Freispruch führender Mitglieder im Jahr 1933.

Die Einordnung Japans von 1926 bis 1945 ist besonders umstritten. Zwar bestanden Parallelen bei Autoritarismus, Militarismus, imperialem Anspruch und rassischer Ideologie; zugleich fehlten nach Kritikern eine faschistische Massen- oder Einheitspartei, ein entsprechender Führer und eine Bewegung, die selbst die Macht ergriff. Daher werden Begriffe wie „Tennō-Faschismus“ oder „Militär- oder Kaisersystemfaschismus“ verwendet, von anderen Forschern aber abgelehnt.

In Südafrika erreichte die 1939 gegründete, nationalsozialistisch orientierte Ossewabrandwag nach Artikelangabe 1941 rund 350.000 Mitglieder. Ihr paramilitärischer Flügel verübte Anschläge; die Organisation wurde 1942 verboten und löste sich 1952 auf. In Syrien und im Libanon entstanden die Syrische Soziale Nationalistische Partei von 1932 und die von der spanischen Falange inspirierte Kata’ib von 1936. In den USA werden sowohl der Ku-Klux-Klan als möglicher früher funktionaler Vorläufer als auch der Amerikadeutsche Bund und die antisemitische Silver Legion of America der 1930er Jahre im Zusammenhang mit Faschismus behandelt.

„Faschismus“ dient zugleich als politischer Kampfbegriff und wird daher manchmal unbegründet verwendet. Einordnungen etwa des österreichischen Ständestaats, heutiger populistischer oder rassistischer Bewegungen und Wladimir Putins sind umstritten. Auch Thesen über einen digitalen Faschismus, der Plattformen zur Verbreitung von Desinformation und zur Führerselbstdarstellung nutzt, gehören nicht zum allgemein anerkannten Merkmalsbestand klassischer Faschismustheorien. Zusammensetzungen wie Islamfaschismus, Klerikalfaschismus, Linksfaschismus, Ökofaschismus, Technofaschismus und Klimafaschismus sind abgeleitete, meist abwertende und unterschiedlich bestimmte Begriffe.

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