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Faschismustheorie
Benito Mussolini (1883–1945) war 1919 der Begründer des italienischen Faschismus. · Robert Michels (1876–1936) war deutscher Soziologe. · Giovanni Gentile (1875– …
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Begriff und Forschungsproblem
Faschismustheorien sind wissenschaftliche Theorien, die das historische Phänomen des Faschismus in seinen wesentlichen Merkmalen und Ursachen beschreiben und erklären wollen. Ein einheitlicher Konsens besteht nicht. Die Ansätze unterscheiden sich vor allem darin, welche Merkmale faschistischer Bewegungen als entscheidend gelten und welche gesellschaftlichen oder historischen Faktoren ihre Entstehung erklären sollen.
Allgemein wird Faschismus als historisch-politischer Oberbegriff für verschiedene rechtsgerichtete, antidemokratische Bewegungen oder Diktaturen benutzt, besonders nach dem Ersten Weltkrieg. Der Ausdruck „faschistoid“ bezeichnet Eigenschaften, Haltungen oder einzelne Systembestandteile, die faschistische Züge tragen, aber meist abgeschwächt oder nur teilweise auftreten.
Seit den frühen 1920er Jahren entstanden viele Deutungen: soziologische, sozialökonomische, sozialpsychologische und später vergleichende Ansätze. Früh wurde besonders der italienische Faschismus Benito Mussolinis als Modell betrachtet; der deutsche Nationalsozialismus galt vielen als extreme Form des Faschismus. Faschistische Bewegungen kamen nur in Italien und Deutschland an die Staatsmacht, hatten aber zwischen 1920 und 1940 auch in vielen anderen europäischen Ländern politischen Einfluss.
Neuere Forschung betont vergleichende soziologische Ansätze und untersucht auch fließende Übergänge von demokratischen zu faschistischen Systemen und Strömungen. Zugleich bleibt umstritten, ob Faschismus als allgemeiner Typus, als national besonders geprägtes Phänomen oder als Teil größerer Kategorien wie Totalitarismus verstanden werden soll.
Zentrale Definitionen
Matthew Lyons definierte Faschismus 2004 als „eine Form rechtsextremer Ideologie“, die Nation oder Rasse als organische Gemeinschaft verherrlicht, die über allen anderen Loyalitäten steht. Faschismus betone einen Mythos nationaler oder rassischer Wiedergeburt nach Niedergang und Zerfall. Dazu rufe er nach einer „spirituellen Revolution“ gegen Individualismus und Materialismus und wolle die Gemeinschaft von als fremd oder bedrohlich dargestellten Gruppen „reinigen“. Lyons nennt außerdem die Verherrlichung von Männlichkeit, Jugend, mystischer Einheit und Gewalt. Oft, aber nicht immer, unterstütze Faschismus rassische Überlegenheit, ethnische Verfolgung, imperialistische Ausdehnung und Völkermord.
Robert O. Paxton definierte Faschismus 2004 als eine Form politischen Verhaltens, geprägt durch obsessive Beschäftigung mit Niedergang, Demütigung oder Opferrolle einer Gemeinschaft und durch Kulte der Einheit, Stärke und Reinheit. Eine massenbasierte Partei nationalistischer Aktivisten arbeite dabei mit traditionellen Eliten zusammen, gebe demokratische Freiheiten auf und verfolge mit als erlösend dargestellter Gewalt Ziele innerer Säuberung und äußerer Expansion.
Diese Definitionen zeigen zentrale Elemente: Faschismus ist antidemokratisch, ultranationalistisch, auf Wiedergeburt oder Erneuerung ausgerichtet, gewaltbereit und gegen als fremd oder feindlich markierte Gruppen gerichtet. Zugleich wird in der Forschung betont, dass keine Definition alle Fälle unumstritten erfasst.
Gemeinsame Merkmale
Emilio Gentile ordnete typische Merkmale des Faschismus in drei Dimensionen: organisatorisch, kulturell beziehungsweise ideologisch und institutionell. Organisatorisch sind faschistische Bewegungen klassenüberschreitende Massenbewegungen. Sie erhielten anfangs oft Zulauf von Männern aus mittelständischen und kleinbürgerlichen Kreisen. Ihre Parteistrukturen waren nach militaristischem Vorbild aufgebaut. Die Anhänger verstanden sich als Vollstrecker einer Mission nationaler Erneuerung, sahen sich im Kampf gegen politische Gegner und strebten das Monopol der politischen Macht an.
Kulturell und ideologisch beruhte Faschismus nach Gentile stark auf Mythen, Riten und Symbolen einer weltlichen Ersatzreligion. Ziel war die Formung einer geschlossenen Glaubensgemeinschaft und eines „neuen Menschen“. Wichtige Begriffe sind Palingenese, also die Vorstellung einer Neu- oder Wiedergeburt von Gesellschaft, Staat und Kultur, sowie politische Religion, also die religiös wirkende Inszenierung politischer Ideen. Faschistische Ideologien bezeichneten sich als antimaterialistisch, antiindividualistisch, antiliberal, antidemokratisch und antimarxistisch. Sie richteten sich gegen liberale, marxistische und konservative Weltanschauungen.
Faschistische Bewegungen vertraten eine totalitäre Auffassung vom Primat der Politik: Der Staat sollte alle Lebensbereiche durchdringen. Gesellschaftliche Kräfte, Medien und Bildungssystem sollten gleichgeschaltet werden. Zentral war ein völkischer Nationalismus, der die Nation als organische Einheit von Abstammung, Lebensraum, Boden und Herkunft verstand. Damit verbanden sich Feindbilder, Rassismus und Antisemitismus, im deutschen Nationalsozialismus besonders stark. Typisch war ein Denken in Gegensätzen wie Freund/Feind, Wir/die Anderen und höherwertig/minderwertig.
Institutionell kennzeichnen faschistische Regime ein Polizeiapparat zur Überwachung und Unterdrückung von Dissens, eine Einheitspartei mit Miliz, permanente Propaganda und Mobilisierung, Einflussnahme auf Bildung, Recht und Wissenschaft sowie das Führerprinzip. Partei und Staat verschmelzen in einer hierarchischen Ordnung, die von einem charismatisch überhöhten Führer beherrscht wird. Hinzu kommen eine korporative Wirtschaftsordnung, die Gewerkschaftsfreiheit unterdrückt, Privateigentum und Klassenunterschiede aber bestehen lässt, sowie eine Außenpolitik, die auf Macht, nationale Größe und imperialistische Expansion zielt.
Marxistische und sozialpsychologische Deutungen
Marxistische Faschismustheorien erklären Faschismus vor allem aus Kapitalismus, Klassenverhältnissen und Krisen. Clara Zetkin bezeichnete Faschismus als terroristische Herrschaftsform des Kapitals, betonte aber, dass seine soziale Basis breiter sei und bis ins Proletariat reiche. In vielen marxistischen Ansätzen gilt Faschismus als Variante des Kapitalismus in der Krise.
Josef Stalins Sozialfaschismusthese von 1924 war zwischen 1928 und 1934 offizielle Doktrin der Kommunistischen Internationale. Sie deutete auch die Sozialdemokratie als Handlanger des Kapitals und bezeichnete die SPD als „sozialfaschistisch“. 1935 wurde diese Sicht durch die Dimitroff-These abgelöst. Georgi Dimitroff definierte Faschismus als „terroristische Diktatur der am meisten reaktionären, chauvinistischen und imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“. Damit war gemeint, dass bürgerliche Demokratie und Faschismus zwei Herrschaftsformen auf derselben kapitalistischen Grundlage seien; in Krisen verwandle sich Demokratie in faschistische Diktatur, um Kapitalverwertung zu sichern und die Arbeiterbewegung zu zerschlagen.
Leo Trotzki widersprach Stalin und Dimitroff. Für ihn war Faschismus eine organisierte Bewegung des in Krisenzeiten verzweifelten Kleinbürgertums, die sich in Worten gegen die Großbourgeoisie, in Taten aber gegen die organisierte Arbeiterklasse richte. August Thalheimer erklärte Faschismus mit einer Bonapartismus-Theorie: In einer Pattsituation zwischen Klassen könne eine faschistische Staatsmacht relativ eigenständig auftreten, vertrete aber objektiv die Interessen von Großbourgeoisie und Großgrundbesitzern.
Die Theorie einer Radikalisierung der Mittelklassen sah das Kleinbürgertum als Basis und Motor des Faschismus. Luigi Salvatorelli beschrieb 1923 das „humanistische Kleinbürgertum“ als gegen Bourgeoisie und Proletariat zugleich gerichtet. Seymour Martin Lipset prägte später dafür den Begriff „Extremismus der Mitte“.
Die Frankfurter Schule untersuchte sozialpsychologische Grundlagen. Horkheimer und Adorno fragten, warum Menschen für faschistische Propaganda und autoritäre Meinungen empfänglich sind. Die Theorie des autoritären Charakters erklärt dies mit einem „schwachen Ich“, geringer Selbstreflexion, Vorurteilen und dem widersprüchlichen Wunsch, Teil einer starken Autorität zu sein und sich ihr zugleich zu unterwerfen.
Weitere Deutungsansätze
Modernisierungstheorien deuten Faschismus teils als gewaltsamen Versuch beschleunigter Modernisierung. Franz Borkenau erklärte 1933 Faschismus aus verspäteter und überstürzter kapitalistischer Entwicklung in Italien und Deutschland. Ralf Dahrendorf sah im Nationalsozialismus einen brutalen Bruch mit Tradition und einen Stoß in die Modernität. Andere Autoren betonen dagegen den Anti-Modernismus: Umberto Eco schrieb, der Stolz auf Technologie sei nur Oberfläche einer Ideologie gewesen, die auf „Blut und Boden“ beruhte; Henry Ashby Turner sah Modernisierung nur als Mittel zu anti-modernistischen Zwecken.
Sonderwegstheorien erklären Faschismus aus national besonderen Entwicklungen. Für Deutschland wurde etwa auf verspätete Nationbildung, Autokratismus, Freiheitsfeindlichkeit oder das Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne verwiesen. Hans-Ulrich Wehler beschrieb die Entwicklung des preußisch dominierten Kaiserreiches bis zur Weimarer Republik als „eigentümliches Spannungsverhältnis zwischen Tradition und Moderne“ und sah den Nationalsozialismus als deutsches Spezifikum. Kritiker wie Geoff Eley, David Blackbourn und Jürgen Kocka wandten sich gegen diese Sonderwegsthese.
Der Begriff Hitlerismus bezeichnet eine stark personalisierte Deutung des Nationalsozialismus, die besonders Hitler als entscheidende Ursache hervorhebt und soziale sowie politische Faktoren zurückstellt. Karl Dietrich Bracher sprach unter anderem von „Hitlers ureigener, totaler Machtergreifung“, Joachim Fest sah Hitler als „Bewegungszentrum der Welt“. Sebastian Haffner verstand später unter Hitlerismus die Verbindung von Hitlers spezifisch antisemitischer Theorie mit völkischem Gedankengut.
Totalitarismustheorien vergleichen verschiedene diktatorische Systeme, besonders Faschismus und Realsozialismus, nach strukturellen, methodischen und formal-ideologischen Ähnlichkeiten. Hannah Arendt bezeichnete nur Nationalsozialismus und Stalinismus bis 1953 als totalitär und schloss italienischen Faschismus und Franquismus aus. Ernst Nolte verwendete Faschismus 1963 als Epochenbegriff für Bewegungen im Europa zwischen den Weltkriegen und definierte ihn als Antimarxismus, der den Gegner mit ähnlichen, aber umgeformten Methoden vernichten wolle. Gegen Noltes Erklärung des Faschismus als Reaktion auf Bolschewismus wurde eingewandt, dass präfaschistisches Gedankengut bereits vor der Oktoberrevolution vorhanden war.
Das Konzept der politischen Religion beschreibt Faschismus als politische Bewegung mit religiös wirkenden Mythen, Riten und Glaubensformen. Emilio Gentile sah den italienischen Faschismus als politische Religion und als Teilgruppe des Totalitarismus: Glaube an Nation, Duce und Partei wurde zur Grundlage faschistischer Kultur. Das Konzept ist umstritten, weil einige Forschende es nur als Aspektbegriff, nicht als allgemeines Erklärungsmodell ansehen.
Neuere Forschung
Neuere Faschismustheorien arbeiten oft mit einem generischen Faschismusbegriff. Gemeint sind gemeinsame Kernaussagen und ideologische Grundzüge verschiedener faschistischer Bewegungen. Roger Griffin definierte Faschismus 1991 als populistisch-ultranationalistische Ideologie, die auf eine Neugeburt ausgerichtet ist. Ihr „mythischer Kern“ sei die palingenetische Erneuerung der Nation als organisches Ganzes. Richard Thurlow meinte, damit könne von einem „neuen Konsens“ gesprochen werden. Paul Gottfried verwendet dagegen einen engeren Begriff und nennt vor allem Bewegungen faschistisch, die dem italienischen Faschismus ähnelten.
Kritik am generischen Faschismusbegriff kommt besonders aus totalitarismustheoretischer Perspektive. Janine Chasseguet-Smirgel und Samuel Salzborn lehnen es ab, das NS-Regime unter einen allgemeinen Faschismusbegriff zu fassen, weil dadurch Rassepolitik und Holocaust aus dem Blick geraten könnten.
Wichtig ist außerdem die Abgrenzung zum Autoritarismus. Jüngere Forschung unterscheidet zwischen faschistischen Bewegungen und autoritären nationalistischen Regimen. So werden Franquismus in Spanien und Salazars Estado Novo in Portugal nicht automatisch als Faschismen verstanden. Sie trugen Züge von Militärdiktatur und autoritärem Korporatismus und wollten eher traditionelle gesellschaftliche Hierarchien bewahren, während faschistische Gruppen den Status quo durch Mobilisierung deklassierter Gruppen überwinden wollten. Für Spanien wird höchstens die Frühphase bis 1945 teils als „semifaschistisch“ eingeordnet.
Globalgeschichtliche Ansätze untersuchen internationale Verflechtungen faschistischer Regime: Kooperation, Kollaboration und Konkurrenz vor und während des Zweiten Weltkriegs. Mussolini gründete 1933 mit den Comitati d’azione per l’universalita di Roma eine Organisation, die eine Faschistische Internationale darstellen sollte; 1934 fand eine internationale Konferenz von Faschisten verschiedener Länder statt.
Aktuelle Ansätze fragen auch nach neuen Formen. Rainer Mühlhoff beschreibt digitalen Faschismus durch Ablehnung von Demokratie, Gewaltbereitschaft auf sozialdarwinistischer Grundlage und den Einsatz moderner Technologie als Machtinstrument zur Entmenschlichung. Eva von Redecker argumentiert an Hannah Arendt anschließend, Faschismus äußere sich vor allem in Herrschafts- und Besitzansprüchen, die nicht mehr legitimiert seien; dieser „Phantombesitz“ setze keinen Kollektivismus voraus.