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Heinrich Mann
Luiz Heinrich Mann (* 27. März 1871 in Lübeck; † 11. März 1950 in Santa Monica, Kalifornien) war ein deutscher Schriftsteller aus der Familie Mann.
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Einordnung und Bedeutung
Heinrich Mann, mit vollem Namen Luiz Heinrich Mann, wurde am 27. März 1871 in Lübeck geboren und starb am 11. März 1950 in Santa Monica, Kalifornien. Er war ein deutscher Schriftsteller und der ältere Bruder von Thomas Mann. Sein Werk verbindet erzählende Literatur mit intensiver essayistischer und publizistischer Tätigkeit.
Heinrich Manns Erzählkunst war besonders vom französischen Roman des 19. Jahrhunderts geprägt. Viele seiner Werke verfolgen gesellschaftskritische Ziele. Die frühen Romane und Erzählungen sind häufig beißende Satiren auf die bürgerliche Scheinmoral. Dabei stellte Mann einer als heuchlerisch empfundenen Gesellschaft eine Welt der Schönheit und Kunst entgegen; beeinflusst wurde er unter anderem von Friedrich Nietzsche und Gabriele D’Annunzio.
Später analysierte er die autoritären Strukturen des Deutschen Kaiserreichs im Zeitalter des Wilhelminismus. Zu den wichtigsten Ergebnissen gehören die Gesellschaftssatire Professor Unrat sowie die Kaiserreich-Trilogie aus Der Untertan, Die Armen und Der Kopf. Im Exil entstanden mit Die Jugend des Königs Henri Quatre und Die Vollendung des Königs Henri Quatre seine bedeutendsten Romane.
Politisch neigte Heinrich Mann früh zur Demokratie. Er lehnte Deutschlands Teilnahme am Ersten Weltkrieg grundsätzlich ab und wandte sich früh gegen den Nationalsozialismus. 1933 wurden seine Werke von Nationalsozialisten öffentlich verbrannt.
Leben und politisches Engagement
Heinrich Mann wuchs als erstes Kind des Lübecker Kaufmanns und späteren Senators Thomas Johann Heinrich Mann und der brasilianisch-deutschen Julia da Silva-Bruhns in wohlhabenden Verhältnissen auf. Sein Vater war von 1877 bis zu seinem Tod 1891 Senator für Wirtschaft und Finanzen. Heinrichs Geschwister waren Thomas, Julia, Carla und Viktor Mann.
1889 verließ Heinrich Mann das Katharineum in Lübeck in der Unterprima. Danach begann er eine Buchhandelslehre in Dresden, die er nach knapp einem Jahr abbrach. Von August 1890 bis 1892 volontierte er beim S. Fischer Verlag in Berlin und studierte zugleich an der Friedrich-Wilhelms-Universität. Nach einer Lungenblutung 1892 hielt er sich zur Kur in Wiesbaden, im Schwarzwald und in Lausanne auf.
1893 zog die Familie nach München. Von 1899 bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs lebte Heinrich Mann an verschiedenen Orten, unter anderem längere Zeit in Palestrina bei Rom und vor allem in Riva del Garda im Sanatorium des befreundeten Arztes Christoph Hartung von Hartungen.
1914 heiratete er die Prager Schauspielerin Maria Kanová; 1916 wurde die gemeinsame Tochter Leonie geboren. Nach Thomas Manns deutschnationalen Gedanken im Kriege von 1914 brach Heinrich den Kontakt zu seinem Bruder ab. Erst 1922 kam es zur Versöhnung. In der Weimarer Republik beteiligte sich Heinrich Mann am pazifistisch-sozialistischen Aktivismus und an der Clarté-Bewegung.
1928 zog er nach Berlin. 1931 wurde er Präsident der Sektion Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste, deren Mitglied er seit 1926 war. Gemeinsam mit Käthe Kollwitz und Albert Einstein unterzeichnete er 1932 und 1933 den Dringenden Appell zur Aktionseinheit von KPD und SPD gegen den Nationalsozialismus.
Heinrich Mann verließ Deutschland 1933 kurz vor dem Reichstagsbrand und emigrierte über Sanary-sur-Mer nach Nizza. Die Nationalsozialisten schlossen ihn aus der Akademie aus und erkannten ihm im August 1933 die deutsche Staatsbürgerschaft ab. Er stand auf der Ersten Ausbürgerungsliste des Deutschen Reichs von 1933. 1936 erhielt er die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft, die er bis zu seinem Tod behielt.
1939 heiratete er Nelly Kröger. 1940 flohen beide mit Golo Mann und dem Ehepaar Werfel über Spanien und Portugal in die USA. Das Exilland und seine Kultur blieben Heinrich Mann fremd; sein Bruder Thomas unterstützte ihn finanziell. Nelly Kröger nahm sich im Dezember 1944 das Leben. 1949 wurde Heinrich Mann zum Präsidenten der Deutschen Akademie der Künste in Ost-Berlin gewählt und erhielt den Nationalpreis der DDR I. Klasse. Er starb vor seiner geplanten Rückkehr nach Deutschland. 1961 wurde seine Urne in die DDR überführt und auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Ost-Berlin beigesetzt.
Literarischer Werdegang und zentrale Themen
Ab 1885 veröffentlichte Heinrich Mann erste Erzählungen, ab 1887 poetische Texte und ab 1891 Rezensionen. Sein erster Roman In einer Familie erschien 1894. Von März 1895 bis Juli 1896 war er Herausgeber der chauvinistischen und fanatisch antisemitischen Zeitschrift Das zwanzigste Jahrhundert. In der Zeit des Wilhelminismus schrieb er politische und kulturkritische Essays sowie Romane wie Im Schlaraffenland. Ein Roman unter feinen Leuten (1900), Die Göttinnen oder Die drei Romane der Herzogin von Assy (1903) und Die Jagd nach Liebe (1903).
Die frühen Romane Die Göttinnen und Die kleine Stadt verarbeiten Eindrücke aus Italien, besonders aus den Aufenthalten in Riva am Gardasee. Die kleine Stadt schildert die Verhältnisse in einer italienischen Kleinstadt. Die Göttinnen wurde als Roman einer ganzen Generation wahrgenommen und verbindet Freiheitssehnsucht, Kunstempfinden und sinnliche Themen.
Mit Professor Unrat oder das Ende eines Tyrannen (1905) und Der Untertan übte Heinrich Mann scharfe Kritik an den politischen und sittlichen Zuständen des wilhelminischen Deutschland. Er kritisierte besonders die Servilität des deutschen Bürgertums, soziale Ungerechtigkeit, „heuchlerische Wohlanständigkeit“, dumpfen Nationalismus und die rücksichtslose Ausbeutung der arbeitenden Bevölkerung. Zugleich wandte er sich gegen den Opportunismus von Gewerkschaftsfunktionären und Sozialdemokraten, wenn diese die materielle Verbesserung der Arbeiterlage über Forderungen nach Freiheit stellten. Trotz seiner Kritik bekannte er sich zu positiven bürgerlichen Werten wie Leistungs- und Bildungswillen.
Anfang der 1910er Jahre wurden in Berlin jährlich Schauspiele Heinrich Manns uraufgeführt. Den Auftakt bildeten 1910 die drei Einakter Der Tyrann, Die Unschuldige und Variété unter dem Obertitel Die Bösen. Der zeitgenössische Kritiker Arthur Eloesser bewertete Variété als amüsante Burleske, während er den beiden anderen Stücken eine nur kurzfristige rhetorische Wirkung zuschrieb.
Mann arbeitete seit 1906 an Der Untertan; die Niederschrift begann Ende 1911. Der Vorabdruck in Zeit im Bild wurde ab Januar 1914 durch Verlagszensur und den Beginn des Ersten Weltkriegs abgebrochen. Der Roman erschien 1915 zunächst auf Russisch, 1916 als deutscher Privatdruck in wenigen Exemplaren und erst 1918 in Deutschland in größerer Auflage. In den ersten Monaten nach der Veröffentlichung wurden fast einhunderttausend Exemplare verkauft.
Zu Heinrich Manns wichtigen Essays gehören Gustave Flaubert und George Sand (1905/1906), Geist und Tat (1910), Zola (1915), Macht und Mensch (1919), Diktatur der Vernunft (1923), Der Haß (1933) und Mut (1939). Zola löste den Bruderzwist mit Thomas Mann mit aus. In den 1930er Jahren schrieb Heinrich Mann außerdem zahlreiche Beiträge für den Pester Lloyd und veröffentlichte, anders als Thomas Mann, in Klaus Manns Zeitschrift Die Sammlung.
Wichtige Werke und Ausgaben
Professor Unrat entstand 1904 und erschien 1905. In Lübeck wurde der Roman totgeschwiegen oder kritisiert; faktisch herrschte ein Verbot. Durch zahlreiche Übersetzungen und Josef von Sternbergs Verfilmung Der blaue Engel von 1930 erlangte das Werk Weltruhm.
Die Kaiserreich-Trilogie besteht aus Der Untertan als erstem Teil, Die Armen als zweitem Teil und Der Kopf als drittem Teil. Der Untertan gilt innerhalb der Trilogie als künstlerisch am überzeugendsten. Weitere bedeutende Werke sind Zwischen den Rassen (1907), Die kleine Stadt (1909), Der Weg zur Macht (1919), Die große Sache (1930), Ein ernstes Leben (1932) und der Memoirenband Ein Zeitalter wird besichtigt (1946).
Als Heinrich Manns bedeutendstes Werk gelten die beiden historischen Romane Die Jugend des Königs Henri Quatre (1935) und Die Vollendung des Königs Henri Quatre (1938). Die ersten Pläne reichen auf 1925 zurück. Die Romane entstanden von 1935 bis 1938 im Exil und wurden als literarische Auseinandersetzung mit Geschichte, politischer Macht und menschlicher Verirrung besonders hoch eingeschätzt.
Zu den späten Werken gehören Lidice (1942), Die traurige Geschichte von Friedrich dem Großen (1948), ein Fragment zu einem aufklärerisch-historischen Dialogroman, und Der Atem (1949). Empfang bei der Welt erschien 1956 postum.
Heinrich Manns Werke liegen in zahlreichen Gesamtausgaben vor, unter anderem in den Gesammelten Werken des Cassirer-Verlags von 1909 in 4 Bänden, den Gesammelten Romanen und Novellen von Kurt Wolff von 1917 in 10 Bänden sowie den Gesammelten Werken des Zsolnay-Verlags von 1925 bis 1932 in 13 Bänden. Die Studienausgabe in Einzelbänden des Fischer-Taschenbuchverlags erschien von 1986 bis 2015 in 29 Bänden. Seit 2009 entsteht außerdem die Kritische Gesamtausgabe Essays und Publizistik.
Nachlass, Verfilmungen und Erinnerung
Heinrich Manns umfangreicher Nachlass und seine Nachlassbibliothek mit 4.700 Bänden befinden sich im Literaturarchiv und in der Bibliothek der Akademie der Künste. Zum Bestand gehören vollständige Manuskripte, Werknotizen und Briefe, unter anderem zu In einer Familie, Zwischen den Rassen, Die kleine Stadt, Der Untertan, Die Armen, Der Kopf und Der Atem. Teilnachlässe liegen im Deutschen Literaturarchiv Marbach, in der Feuchtwanger Memorial Library der University of Southern California in Los Angeles, im Museum für Tschechische Literatur in Prag und im Buddenbrookhaus in Lübeck.
Das Projekt Heinrich Mann DIGITAL entwickelt ein Online-Portal, das den weltweit verstreuten Nachlass erstmals zusammenführt. In Marbach sind unter anderem die Stichwortsammlung zu Der Untertan, ein Brief an Thomas Mann mit dem Titel Versuch einer Versöhnung und Pläne zu den Memoiren Ein Zeitalter wird besichtigt ausgestellt.
Zu den Verfilmungen gehören Der blaue Engel (1930) nach Professor Unrat, Der Untertan (1951), Im Schlaraffenland (1975 und 1981), Die Verführbaren (1977) nach Ein ernstes Leben und Henri 4 (2010). Die Filmbiografie Die Manns – Ein Jahrhundertroman erschien 2001; 2011 folgte der Dokumentarfilm Lieber verehrter Onkel Heinrich, und 2021 der Dokumentarfilm Heinrich Mann. Der unbekannte Rebell.
Nach Heinrich Mann wurden der Heinrich-Mann-Preis und der Asteroid (8382) Mann benannt. Seine Urnengrabstätte in Berlin gehört zu den Ehrengräbern des Landes Berlin.