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Hermann Bahr

Er gilt als geistreicher Wortführer bürgerlich-literarischer Strömungen vom Naturalismus über die Wiener Moderne bis hin zum Expressionismus. Hermann …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Überblick und Bedeutung
  2. 2. Ausbildung und Weg zur Moderne
  3. 3. Kritiker, Publizist und Vertreter Jung-Wiens
  4. 4. Theater, Österreich und spätere Jahre
  5. 5. Werke, Nachwirkung und Ehrungen

Überblick und Bedeutung

Hermann Anastas Bahr (* 19. Juli 1863 in Linz; † 15. Januar 1934 in München) war ein österreichischer Schriftsteller, Dramatiker sowie Theater- und Literaturkritiker. Er gilt als ein geistreicher Wortführer bürgerlich-literarischer Strömungen vom Naturalismus über die Wiener Moderne bis zum Expressionismus. Naturalismus bezeichnet eine literarische Richtung, die Wirklichkeit möglichst genau und oft soziale Probleme darstellen wollte; der Expressionismus setzte später stärker auf subjektiven Ausdruck und intensive Gestaltung.

Bahr prägte die Kultur der Jahrhundertwende vor allem durch kritische Schriften: Als Literatur- und Kulturtheoretiker wirkte er an der Definition neuer Stilrichtungen mit und vermittelte moderne Kunst und Literatur. Er schrieb über vierzig Theaterstücke, neun Romane, vierzig Bände kritische Schriften und eine Autobiographie. Besonders bekannt ist sein Satz aus Die Überwindung des Naturalismus (1891): „Die Herrschaft des Naturalismus ist vorüber, seine Rolle ist ausgespielt, sein Zauber ist gebrochen.“ Auch Die Moderne, Der Symbolismus und Loris sind für die Literaturtheorie des Symbolismus wichtig.

Bahr verstand sich als früher Entdecker neuer Künstler und Tendenzen. 1919 nannte er unter anderem Gabriele D’Annunzio, Eleonora Duse, Maurice Maeterlinck, Gustav Klimt, Alexander Moissi und Hugo von Hofmannsthal. Seine Bedeutung liegt insbesondere in seiner Rolle als Vermittler der Moderne und zwischen Kulturen.

Ausbildung und Weg zur Moderne

Bahr war Sohn des Linzer Rechtsanwalts, Notars und liberalen Landtagsabgeordneten Alois Bahr und dessen Frau Wilhelmine, genannt Minna. Er besuchte Schulen in Linz und Salzburg und beendete das Benediktiner-Gymnasium in Salzburg als herausragender Schüler. Seine Abschlussrede Der Wert der Arbeit soll wegen ihrer sozialistischen Aussage einen kleinen Skandal ausgelöst haben.

In Wien begann er Klassische Philologie zu studieren und wechselte bald zur Rechtswissenschaft. Er bewegte sich in studentischen und deutschnationalen Kreisen und wurde nach einer Rede beim Trauerkommers für Richard Wagner im März 1883 von der Universität Wien relegiert, also von der Universität ausgeschlossen. Danach studierte er nur kurz in Graz und Czernowitz. Ab 1884 hörte er in Berlin Nationalökonomie bei Adolf Wagner und Gustav von Schmoller sowie Vorlesungen in Philosophie, Geschichte, Literatur und Kunstgeschichte, verließ Berlin aber 1887 ohne Abschluss.

Ein Aufenthalt in Paris sowie Reisen durch Südfrankreich, Spanien und Marokko verstärkten sein Interesse an Literatur und Theater. Seit 1882 publizistisch tätig, schrieb Bahr gegen Ende der 1880er Jahre zunehmend Kritiken, Essays, Erzählungen und Theaterstücke. Seine erste Sammlung von Zeitungsarbeiten war Zur Kritik der Moderne, erschienen im Herbst 1889 und auf 1890 vordatiert. Der Roman Die gute Schule folgte dem Vorbild von Joris-Karl Huysmans’ Gegen den Strich.

Kritiker, Publizist und Vertreter Jung-Wiens

Ab 1890 arbeitete Bahr für die Berliner Zeitschrift Freie Bühne. Nach seinem Ausscheiden aus deren Redaktion 1890 reiste er 1891 nach St. Petersburg, lernte Eleonora Duse kennen und machte sie durch Feuilletons – kurze, meist kulturelle Zeitungsbeiträge – in Deutschland und Österreich-Ungarn bekannt.

In Wien begegnete er Hugo von Hofmannsthal, Arthur Schnitzler, Peter Altenberg und weiteren Schriftstellern. Als Jung-Wien machte Bahr neue literarische Tendenzen publizistisch bekannt und wurde ihr Sprachrohr; der S. Fischer Verlag veröffentlichte dabei Bücher von Bahr und von ihm vermittelte Titel. Die Überwindung des Naturalismus (1891) fasste diese programmatische Haltung zusammen.

Von 1892 an war Bahr Kulturredakteur und Theaterkritiker der Deutschen Zeitung, später Mitherausgeber. 1894 gründete er mit Heinrich Kanner und Isidor Singer die Wochenschrift Die Zeit und betreute deren Kulturteil. Nach 1899 schrieb er Theaterkritiken für die Oesterreichische Volks-Zeitung und das Neue Wiener Tagblatt. Seine Interviewreihe zum Antisemitismus, nach Jules Hurets Enquête sur l'évolution littéraire gestaltet und auch als Buch erschienen, ist möglicherweise das erste deutschsprachige Interviewbuch.

Bahr wurde außerdem Kritiker der bildenden Kunst, Berater der Wiener Secession und Verfasser programmatischer Beiträge für Ver Sacrum. Er heiratete 1895 die Schauspielerin Rosa Jokl; das Paar trennte sich 1900, wurde 1909 geschieden, und Bahr zahlte ihr bis zu seinem Tod Unterhalt.

Theater, Österreich und spätere Jahre

1899/1900 ließ Bahr in Ober Sankt Veit in Wien das Haus Bahr nach Plänen von Joseph Maria Olbrich bauen. Er setzte sich 1901 und 1902 mit Rede für Klimt und Gegen Klimt für Gustav Klimt ein. Als Lustspieldichter wurde er erfolgreich. Von mehr als 40 Stücken werden Wienerinnen (1900), Der Meister (1904) und Das Konzert (1909) weiterhin gespielt und mehrfach verfilmt. Max Reinhardt berief ihn 1906 bis 1907 für vier Aufenthalte an das Deutsche Theater in Berlin. Bahr war zudem ein früher Ideengeber für die Salzburger Festspiele.

Seit Die Rahl (1908) schrieb Bahr „Österreichische Romane“, die die Jahre des Untergangs des Habsburgerreichs umfassen. Österreich und der Katholizismus wurden zu zentralen Themen seiner zweiten Lebenshälfte; dazu gehören Wien (1907), Dalmatinische Reise (1909) und Austriaca (1911). Von 1907 bis 1932 verfasste er Feuilletons für die Neue Freie Presse und schrieb auch für bedeutende deutsche Zeitungen. Er begleitete Jugendstil und literarischen Impressionismus und initiierte mit einer Artikelserie 1899–1900 die „Entdeckung der Provinz“.

Nach schweren Erkrankungen 1902/03 und 1903/04 sah Bahr den Beginn einer Hinwendung zum Glauben. 1909 heiratete er die Sängerin Anna von Mildenburg. Ende 1912 zog das Paar nach Schloss Arenberg in Salzburg; Bahr konvertierte zum katholischen Glauben, besuchte täglich die Messe und blieb bis zum Lebensende katholischer Publizist.

Im Ersten Weltkrieg war Bahr wegen seines Alters nicht zum Dienst verpflichtet, teilte aber lange die Kriegsbegeisterung; Kriegssegen (1915) belegt dies. Auch später verteidigte er den Nutzen des Krieges und war kein Pazifist. Mit Expressionismus (1916) versuchte er nochmals, eine neue Kunstströmung theoretisch zu erfassen. Von Herbst 1916 bis Ende 1931 schrieb er im Neuen Wiener Journal die Kolumne Tagebuch mit Buchbesprechungen und politischen Kommentaren. Er setzte sich außerdem für Franz Grillparzer und besonders für die Wiederentdeckung Adalbert Stifters ein. Von September 1918 bis Frühjahr 1919 war er erster Dramaturg am Wiener Burgtheater. 1922 zog er nach München, 1927 wurde er in die Sektion für Dichtkunst der Preußischen Akademie der Künste berufen. Krankheit und später Demenz führten zum Abbruch vieler Kontakte; er starb am 15. Jänner 1934.

Werke, Nachwirkung und Ehrungen

Zu Bahrs wichtigen kritischen Schriften zählen Zur Kritik der Moderne (1890), Die Überwindung des Naturalismus (1891), Der Antisemitismus. Ein internationales Interview (1894), Secession (1900), Wien (1907), Dalmatinische Reise (1909), Austriaca (1911), Expressionismus (1916) und Selbstbildnis (1923). Beispiele seiner Romane sind Die gute Schule (1890), Theater (1897), Die Rahl (1908), O Mensch (1910), Himmelfahrt (1916), Die Rotte Korahs (1919) und Österreich in Ewigkeit (1929). Zu den Dramen gehören Die Mutter (1891), Wienerinnen (1900), Der Meister (1904), Das Konzert (1909), Das Phantom (1913) und Der Querulant (1914).

Die Wirkung seiner Theaterstücke zeigt sich auch in Verfilmungen: Das Konzert wurde unter anderem 1921 als The Concert, 1929 als Fashions in Love, 1932, 1944, 1956, 1964 und 1971 verfilmt oder aufgezeichnet. Der Meister war Vorlage für Skandal in Ischl (1957), Die gelbe Nachtigall für einen Film von 1975.

Karl Kraus griff Bahr in Die Fackel häufig an; diese Angriffe trugen zu späteren, nur teilweise zutreffenden negativen Bewertungen bei. Zudem erschwerten Streitigkeiten um Bahrs Nachlass die Veröffentlichung seines Werkes in den fünfzig Jahren nach seinem Tod. Seit den 1990er Jahren nahm die Forschung zu ihm wieder zu, auch durch die fünf Bände Tagebücher, Skizzenbücher, Notizhefte unter Moritz Csáky. Ein Projekt der Universität Wien legte von 2009 bis 2012 wichtige kritische Schriften erneut vor und erstellte Verzeichnisse von Bahrs Texten und Erstdrucken.

Sein Ehrengrab liegt auf dem Salzburger Kommunalfriedhof. Nach ihm sind Straßen, Wege oder Gassen unter anderem in Wien, Graz, Lambach, Vöcklabruck, Traun, St. Pölten und Bad Tölz benannt; Salzburg besitzt eine Hermann-Bahr-Promenade. In Linz trägt ein Brunnen in der Robert Bernardis-Straße seinen Namen.

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