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Expressionismus

Der Expressionismus (von lateinisch expressio ‚Ausdrücken, Ausdruck') ist eine Stilrichtung in der Kunst. Ihre Anfänge und Vorläufer finden sich im …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und zentrale Merkmale
  2. 2. Expressionistische Bildsprache
  3. 3. Vorläufer, Gruppen und außereuropäische Einflüsse
  4. 4. Expressionismus in der Literatur
  5. 5. Weitere Entwicklungen, Museen und Rezeption

Grundidee und zentrale Merkmale

Expressionismus ist eine Stilrichtung der Kunst, deren Anfänge und Vorläufer im ausgehenden 19. Jahrhundert liegen. Wie Impressionismus, Symbolismus und Fauvismus richtet er sich gegen die Tendenzen des Naturalismus. Im Mittelpunkt steht nicht die wirklichkeitsgetreue Darstellung, sondern der Ausdruck des persönlichen Erlebens: Die expressive Ebene überwiegt gegenüber der ästhetischen, appellativen und sachlichen Ebene.

Expressionistische Künstler wollten ihr Erlebnis unmittelbar an den Betrachter weitergeben. Dafür nutzten sie unter anderem plakative, superlativische und erregt-ausrufende Formen sowie in der Literatur den Pamphletstil. Formen, Figuren, Wörter, Harmonien und Tempi wurden häufig „aggressiv deformiert“. Das Unkultivierte, Archaische und „Wilde“ erhielt bewusst Raum.

Weitere typische Verfahren waren Travestie und Parodie des „Erhabenen“, verbunden mit einer Heroisierung des Banalen. Eine forcierte Simultaneität stellte zeitlich oder räumlich nicht zusammengehörige Ereignisse gleichzeitig dar; in der Literatur konnte dies durch extreme Zeitraffung geschehen. Typisierung, Metaphorisierung, Entindividualisierung und Depersonalisierung erschwerten eine einfühlende Identifikation.

Darin zeigte sich ein Destruktionswille. Er richtete sich gegen das als dekadent, erschlafft und wohlanständig empfundene Bürgertum der Wilhelminischen Epoche sowie gegen die Genussästhetik des Impressionismus und Jugendstils. Welches konkrete Ziel diese Stimulation erreichen sollte, blieb jedoch oft unklar.

Expressionistische Bildsprache

In der bildenden Kunst trat der Expressionismus im frühen 20. Jahrhundert zunächst im deutschsprachigen Raum ausdrücklich unter diesem Namen hervor. Er stellte sich, ähnlich wie der Fauvismus in Frankreich, gegen die Gestaltungsweisen des Impressionismus.

Kennzeichnend sind der freie Umgang mit Farbe und Form, häufig unter Verwendung ungemischter Farben, sowie im deutschsprachigen Raum holzschnittartige Formen. Bildmotive werden auf markante Formelemente reduziert; die traditionelle Perspektive wird aufgelöst. Entscheidend war nicht die naturgetreue Wiedergabe eines Eindrucks und auch nicht die Herstellung „schöner“ Formen. Die Künstler wollten subjektive Regungen ausdrücken und ein Motiv direkt und spontan als „durchfühlt“ interpretierte Erfahrung weitergeben.

Der Expressionismus war keine einheitliche, leicht erkennbare Stilform. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde er teilweise von Konstruktivismus, Neuer Sachlichkeit und Informel überlagert oder abgelöst. In der Postmoderne wurden die Neuen Wilden und der Fotorealismus als neue Entwicklungen genannt; der Dadaismus stellte den Expressionismus teilweise infrage.

Vorläufer, Gruppen und außereuropäische Einflüsse

Eine erste, mit Symbolismus und Jugendstil verbundene expressionistische Welle entstand zwischen 1885 und 1900 als Reaktion auf den Impressionismus, auf den objektiven Ordnungswillen Paul Cézannes und Georges Seurats sowie auf den deutschen Impressionismus. Zu den Vertretern beziehungsweise wichtigen Vorläufern zählten Vincent van Gogh, Paul Gauguin, Henri de Toulouse-Lautrec, James Ensor, Edvard Munch und Ferdinand Hodler. Eine zweite, bedeutendere Welle zeigte sich in Frankreich bei Georges Rouault, im Frühwerk Pablo Picassos und im Fauvismus; in Deutschland wurde sie besonders durch die Gründung der Dresdner Brücke sichtbar.

Die Brücke bestand in Dresden von 1905 bis 1913. Zu ihren Hauptvertretern gehörten Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff, Otto Mueller und Max Pechstein. Eine weitere maßgebliche Vereinigung war die Neue Künstlervereinigung München mit Wassily Kandinsky, Alexej Jawlensky, Franz Marc, Gabriele Münter und Marianne von Werefkin. Aus ihr ging die Redaktion des Blauen Reiters hervor. Daneben entwickelten sich ein ostpreußischer Expressionismus in Königsberg, ab 1918 die Gruppe „Der Ring“, sowie ein Rheinischer Expressionismus. Der 1911 von Herwarth Walden geprägte Begriff bezeichnete dabei eher das Lebensgefühl einer jungen Generation als eine klar abgegrenzte Kunstrichtung.

Der Expressionismus verstand sich als Protest gegen die bestehende Ordnung und vielfach gegen das Bürgertum. Seine Entstehung steht in engem Zusammenhang mit der Lebensreformbewegung; Friedrich Nietzsche galt vielen Künstlern als Vordenker. Zeitschriften wie Der Sturm boten ein Diskussionsforum. Überkommene Formen wurden aufgegeben, was als „Formzertrümmerung“ bezeichnet wurde. Das Programm war vor allem negativ bestimmt: nicht naturgetreu, nicht bürgerlich und nicht konventionell. Deshalb war es die geistige Haltung und nicht ein festes Stilmerkmal, die den Expressionismus zusammenhielt. Mehrere wichtige Künstler, darunter Kirchner und Mueller, lehnten die Bezeichnung „Expressionisten“ für sich selbst ab.

Expressionistische Künstler wurden außerdem durch afrikanische und ozeanische Kunst angeregt. Die schlichte und ausdrucksstarke Gestaltung von Masken und Figuren, die als mystische Sinnbilder fremder Kulturen wahrgenommen wurden, entsprach ihrer Suche nach einer „neuen Natürlichkeit“. Dieser Einfluss zeigte sich auch bei kubistischen Künstlern und später bei Jean-Michel Basquiat im Neoexpressionismus.

Expressionismus in der Literatur

Die expressionistische Literatur behandelte vor allem Krieg, Großstadt, Zerfall, Angst, Ich-Verlust und Weltuntergang beziehungsweise Apokalypse. Weitere Themen waren Wahnsinn, Liebe, Rausch und Natur. Gegen die bürgerliche Ästhetik setzte sie eine „Ästhetik des Hässlichen“: Das Hässliche, Kranke und Wahnsinnige wurde in besonderem Maß zum Gegenstand literarischer Darstellung.

Die junge Generation drückte sich vor allem in der Lyrik aus. Dabei wandte sie sich von vorgegebenen Formen ab. In der Negierung bestehender Strukturen wurde die Idee des Konstruktivismus vorweggenommen. In der Literaturwissenschaft hat sich für die Blütezeit zwischen 1910 und 1920 das Schlagwort „Expressionistisches Jahrzehnt“ eingebürgert, wobei die zeitliche Eingrenzung definitionsabhängig ist.

Der Beginn des Ersten Weltkriegs bildete eine starke Zäsur. Viele Autoren hatten den Krieg zunächst als erneuernde Kraft ersehnt oder verherrlicht, die die überkommene bürgerliche Gesellschaft hinwegfegen sollte. Durch die Erfahrungen der Dichter als Soldaten an der Front wandelte sich dieses Kriegsbild jedoch bald angesichts von Vernichtung und Elend.

Weitere Entwicklungen, Museen und Rezeption

Eine zweite expressionistische Generation von Malern und Bildhauern entwickelte sich aus Künstlern, die bereits in der Weimarer Zeit hervorgetreten waren oder ihre Ausbildung beendet hatten. Krieg und die Vorgaben zur Kunst im Nationalsozialismus behinderten jedoch häufig ihre Wirkung. Der Kunsthistoriker Rainer Zimmermann prägte in seinem 1980 erschienenen Buch Die Kunst der verschollenen Generation. Deutsche Malerei des expressiven Realismus von 1925–1975 den Begriff „Verschollene Generation“ für diese überwiegend expressionistisch arbeitenden Künstler. Diese Entwicklung wird auch als Expressiver Realismus bezeichnet.

Zu den weiteren Kunstbereichen des Expressionismus gehören Architektur, expressionistische Kirchenmalerei, Musik, Film und expressionistischer Tanz. In der Kunstgeschichte waren unter anderem die Neubewertung romanischer Skulptur und gotischer Architektur, die Auseinandersetzung mit El Greco sowie die Diskussion der Farbigkeit wichtig. Zu den genannten Kunsthistorikern zählen Fritz Burger, Manuel Cossio, Max Dvořák, Richard Hamann, Jost Hermand, Hans Jantzen, Julius Meier-Graefe, Karl Scheffler und Wilhelm Worringer.

Das 1967 eröffnete Brücke-Museum Berlin besitzt die weltweit größte zusammenhängende Sammlung von Werken der Brücke. Die Städtische Galerie im Lenbachhaus in München verfügt über die weltweit größte Sammlung der Künstler des Blauen Reiters. Das 2001 eröffnete Buchheim-Museum in Bernried bewahrt ein breites Spektrum expressionistischer Kunst. Lothar-Günther Buchheim stiftete ihm rund 500 Stücke; im November 2021 übergab Joseph Hierling weitere 1280 Bilder und einige Skulpturen aus seiner Sammlung des Expressiven Realismus.

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