Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Ethisches Investment

Unter ethischem Investment versteht man Geldanlagen, die neben den wirtschaftlichen Anlagezielen Rendite, Sicherheit und Verfügbarkeit auch ethische bzw.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Entwicklung
  2. 2. Auswahl und Prüfung von Anlagen
  3. 3. Einfluss und gesellschaftliche Wirkung
  4. 4. Bankanlagen und direkte Beteiligungen
  5. 5. Fonds und börsengehandelte Aktien
  6. 6. Grenzen und Weiterbildung

Grundidee und Entwicklung

Ethisches Investment bezeichnet Geldanlagen, die neben den wirtschaftlichen Zielen Rendite, Sicherheit und Verfügbarkeit auch ethische oder nachhaltige Wertvorstellungen berücksichtigen. Das klassische „magische Dreieck“ der Vermögensanlage wird dadurch zu einem Viereck. Verwandte Bezeichnungen sind ethisch-nachhaltige Geldanlage, nachhaltiges, ökologisches oder sozial verantwortliches Investment, englisch Socially Responsible Investment (SRI).

Für nachhaltige Anlagen hat sich die Abkürzung ESG als Standard etabliert. Sie steht für Environment (Umwelt), Social (Soziales) und Governance (verantwortungsvolle Unternehmensführung). Eine für alle Anleger verbindliche Methode gibt es nicht. Die Auswahl hängt unter anderem von persönlichen Wertvorstellungen, Investitionsvolumen, Renditeerwartungen, Anlagehorizont, Risikoprofil und bei institutionellen Investoren von gesetzlichen Vorgaben ab.

Die Idee geht unter anderem auf angelsächsische Kirchen zurück. John Wesley (1703–1791), Gründer der methodistischen Bewegung, stellte einen Zusammenhang zwischen Glauben und Umgang mit Geld her. Quäker verzichteten bereits im 18. Jahrhundert auf Investitionen in Waffenproduktion und Sklavenhandel. In den 1970er Jahren wurden der Widerstand gegen die Apartheid in Südafrika und gegen den Vietnamkrieg wichtige Antriebe. In den USA und Großbritannien entstanden Fonds, die entsprechende Aktivitäten ausschlossen; in Europa kam besonders der Widerstand gegen Atomkraft hinzu. Die GLS Gemeinschaftsbank begann in den 1970er Jahren mit sozial-ökologisch ausgerichtetem Bankgeschäft. Seit den 1990er Jahren gewannen Globalisierungskritik, die Kritik an spekulativen Finanztransaktionen und der Klimawandel an Bedeutung. Die seit 2010 entstandene Divestment-Bewegung fordert insbesondere institutionelle Anleger auf, Geld aus der fossilen Energiewirtschaft abzuziehen und möglichst in klimafreundliche oder klimaneutrale Anlagen umzuschichten.

Auswahl und Prüfung von Anlagen

Die grundlegenden Handlungsmöglichkeiten lassen sich als „Vermeiden – Fördern – Gestalten“ zusammenfassen. Anleger können unerwünschte Investitionen ausschließen, erwünschte Tätigkeiten gezielt finanzieren oder als Eigentümer Einfluss auf Unternehmen nehmen. Die Bezeichnungen der einzelnen Verfahren unterscheiden sich zwischen Organisationen wie Eurosif, Global Sustainable Investment Alliance (GSIA), Principles for Responsible Investment (PRI) und European Funds and Asset Management Association (EFAMA).

Beim Ausschluss werden Wertpapiere von Unternehmen, Staaten oder Organisationen gemieden, deren Tätigkeiten den eigenen Maßstäben widersprechen. Kriterien können Produkte wie geächtete Waffen oder Atomkraft, aber auch menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und Menschenrechtsverletzungen betreffen. Bei Staaten ist die Anwendung der Todesstrafe ein klassisches Ausschlusskriterium. Werden bereits vorhandene Anlagen wegen neuer oder nicht mehr erfüllter Kriterien verkauft, heißt dies Divestment.

Normbasiertes Screening überprüft Anlagen auf ihre Übereinstimmung mit internationalen Standards, etwa den ILO-Kernarbeitsnormen oder dem UN Global Compact. Negatives Screening sondert unerwünschte Anlagen aus; positives Screening nimmt Anlagen aufgrund erwünschter Eigenschaften gezielt in ein Portfolio auf.

Beim Best-in-Class-Ansatz werden Unternehmen oder andere Titel innerhalb derselben Branche anhand ethisch-nachhaltiger Merkmale verglichen. Ausgewählt werden diejenigen, die am besten abschneiden, beispielsweise besonders umweltbewusste Unternehmen oder Staaten mit erfolgreicher Korruptionsbekämpfung. Der Best-in-Progress-Ansatz bevorzugt dagegen Unternehmen, die ihr Nachhaltigkeitsprofil in der jüngeren Vergangenheit am stärksten verbessert haben. Positivkriterien dienen allgemein dazu, unter vergleichbaren Möglichkeiten die ethisch oder nachhaltig besser bewerteten Anlagen zu erkennen und zu bevorzugen.

Themen- und Direktinvestments richten Kapital auf bestimmte Bereiche. Beispiele sind Mikrofinanzanlagen, Unternehmensbeteiligungen, Immobilien sowie erneuerbare Energien wie Windkraft, Solarenergie und Geothermie. Weitere Themen sind grüne Immobilien, Wald und Wasser. Bei der ESG-Integration werden ESG-Kriterien und ESG-Risiken ausdrücklich in die traditionelle Finanzanalyse einbezogen.

Einfluss und gesellschaftliche Wirkung

Eigentümer von Aktien oder Genossenschaftsanteilen dürfen über Unternehmensangelegenheiten abstimmen. Durch die Ausübung ihrer Stimmrechte können sie ethisch-nachhaltige Anliegen verfolgen. Zusätzlich können Anleger mit einem Unternehmen in Dialog treten, ihr Abstimmungsverhalten erläutern und Verbesserungen verlangen, etwa mehr Nachhaltigkeit oder die Beseitigung bestimmter Missstände. Die Drohung mit einem teilweisen oder vollständigen Divestment kann dabei als Druckmittel dienen. Ist eine Beteiligung moralisch grundsätzlich nicht vertretbar oder bleibt der Einflussversuch erfolglos, kann die Anlage vollständig ausgeschlossen werden.

Impact Investing liegt zwischen einer Spende und reiner Renditemaximierung. Das eingesetzte Geld soll nicht nur vermehrt werden, sondern zugleich eine positive Wirkung erzielen. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Welt der Förderer und Wohltäter. Ethisch-nachhaltige Ziele lassen sich außerdem durch die aktive Unterstützung von Initiativen gleichgesinnter Anleger verfolgen.

Bankanlagen und direkte Beteiligungen

Antje Schneeweiß unterscheidet drei Grundformen: Fördersparen bei alternativen Banken, Direktinvestitionen in nicht börsennotierte Unternehmen und ethische Investmentfonds. Als vierte Möglichkeit kommt der direkte Kauf börsengehandelter Aktien nachhaltiger Unternehmen hinzu.

Ethische Banken bieten klassische Produkte wie Tagesgeldkonten, Festgeld, Sparbriefe und Sparbücher an. Kundeneinlagen werden nach festgelegten ökologischen, sozialen, kulturellen oder anderen ethischen Kriterien verwendet. Manche Produkte ermöglichen es außerdem, einen Teil der Zinsen gezielt zu spenden. Beispiele sind die GLS Gemeinschaftsbank, die Kredite für soziale, ökologische und kulturelle Vorhaben vergibt, und die Umweltbank, die ausschließlich ökologische und nachhaltige Projekte finanziert. Die EthikBank prüft Positiv- und Tabukriterien in einem mehrstufigen Filtersystem und veröffentlicht als „Gläserne Bank“ ihre Einzelkredite, Kapitalmarktanlagen und Beteiligungen. Weitere Beispiele sind die Bank für Orden und Mission, die Evangelische Bank und die Steyler Bank. Die niederländische Triodos Bank finanziert ökologische, soziale und kulturelle Projekte; die Alternative Bank Schweiz unterstützt unter anderem alternative Energien, biologische Landwirtschaft, Frauenprojekte, Bildung, Kultur und soziale Wohnformen. Einige kirchliche Banken stehen nur ausgewählten Kunden und Einrichtungen offen.

Bei einer Direktinvestition erhält ein nicht börsennotiertes Unternehmen Geld unmittelbar über Anteile oder Anleihen. Der Anleger ist über Ausschüttungen oder einen Festzins am Ertrag beteiligt, trägt aber auch das Risiko. Direktkredite können einzelne Projekte fördern. Erneuerbare Energien werden häufig über Kommandit-Beteiligungen finanziert; alternative Banken bieten Genossenschaftsanteile oder Aktien an, um Förderkredite mit Eigenkapital abzusichern.

Die Entwicklungsgenossenschaft Oikocredit vergibt die Gelder ihrer Mitglieder als faire Kredite an Unternehmen und Genossenschaften in armen Ländern. Rund 65 Prozent der Darlehen gehen an Mikrofinanzinstitutionen, die übrigen 35 Prozent als Direktkredite vor allem an Landwirtschaft, Nahrungsmittelverarbeitung und Kleingewerbe.

Fonds und börsengehandelte Aktien

Ethische oder nachhaltige Investmentfonds, auch Ethikfonds genannt, beschränken ihre möglichen Anlagen auf Unternehmen, Staaten oder Organisationen, die festgelegte ethische oder nachhaltige Kriterien erfüllen. Dabei werden Ausschluss- und Positivkriterien sowie häufig der Best-in-Class-Ansatz verwendet. Spezialisierte Ratingagenturen wie oekom research, sustainalytics, imug, MSCI, InRate, Friesenbichler oder das Südwind-Institut beurteilen mögliche Anlagen nach ökologischen und sozialen Kriterien. Unter den zugelassenen Anlagen wählt das Fondsmanagement anschließend nach klassischen wirtschaftlichen Gesichtspunkten aus.

Die unmittelbare Wirkung solcher Fonds ist oft schwer erkennbar, weil die ausgewählten Unternehmen nur selten direkt finanziell profitieren, etwa bei einer Kapitalerhöhung. Mögliche Wirkungen sind ein Imagevorteil sowie die Einflussnahme des Fondsmanagements bei Verstößen gegen die Kriterien. Die Fonds unterscheiden sich deutlich in der Strenge und Ausrichtung ihrer Regeln; neben Umweltfonds gibt es beispielsweise Fonds mit entwicklungspolitischem Schwerpunkt.

Der Best-in-Class-Ansatz ist umstritten, weil er auch die relativ besten Unternehmen aus Branchen einbeziehen kann, deren Nachhaltigkeit grundsätzlich bezweifelt wird. Als Beispiel nennt der Artikel den japanischen Energiekonzern TEPCO, der bis Mai 2011 Bestandteil des Dow Jones Sustainability Index war. Außerdem ist die externe Beurteilung schwierig: Interne Prozesse, Geldflüsse und Warenkreisläufe sind nur begrenzt sichtbar. Bewertungen beruhen daher auf Selbstauskünften, öffentlichen Geschäftszahlen, Unternehmensberichten sowie Recherchen von Nichtregierungsorganisationen und Fondsdatenbanken. Das Transparenzproblem wird dadurch nicht vollständig gelöst. In einer Umfrage nannten 87 Prozent der DAX-Unternehmen ihre Reputation als Hauptmotiv des Nachhaltigkeitsmanagements. Bei sorgfältiger Auswahl ermöglichen solche Fonds dennoch, persönliche Werte in der Geldanlage zu berücksichtigen.

Alternativ können Anleger selbst börsengehandelte Aktien von Unternehmen kaufen, deren Ziele, Geschäftstätigkeit und Verhalten ihren Vorstellungen ökonomischer, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit entsprechen. Zur Orientierung können Nachhaltigkeitsindizes wie der Natur-Aktien-Index (NAI) oder der Öko-Aktienindex nx-25 dienen.

Grenzen und Weiterbildung

Der Ausdruck „Ethisches Investment“ ist nicht geschützt. Deshalb besteht die Gefahr des Greenwashings: Unternehmen verschaffen sich dabei den Ruf, nachhaltig zu handeln, obwohl für sie vor allem der Gewinn im Mittelpunkt steht. Das Risiko wird dadurch erhöht, dass sich die nachhaltige Wirkung einer Geldanlage nur selten objektiv messen lässt.

Für Fachleute gibt es Weiterbildungsangebote. In der Schweiz bieten zwei Hochschulen einen Zertifikatskurs zum Thema „Sustainable Investments“ für Anlageberater von Banken und Investmentspezialisten an.

Lernvideos zu Ethisches Investment

Weiterlesen

Finanzprodukt Unter Finanzprodukt (auch Finanzanlage, Finanzinstrument oder Anlageprodukt) versteht man im Finanzwesen Produkte, die einem Anleger als Geld- oder … Rendite Rendite bei Finanzprodukten und Finanzinstrumenten · Geldanlagen · Wertpapiere · Stetige und diskrete Rendite · Zeitgewichtete und kapitalgewichtete Rendite. Magisches Dreieck der Vermögensanlage magisches Dreieck der Geldanlage Spannungsfelder der drei grundlegenden Ziele einer Geldanlage mit den Anlagezielen Rentabilität, Liquidität und Sicherheit … Apartheid Apartheid (wörtlich „Getrenntheit“) bezeichnet das politische System der staatlich festgelegten und organisierten Rassentrennung in der Südafrikanischen … Vietnamkrieg „Vietnamkrieg gegen USA“ oder „Amerikanischer Krieg“) wurde von etwa 1955 bis 1975 in und um Vietnam geführt. Als wichtigste Kriegsparteien standen Nordvietnam … GLS Gemeinschaftsbank Die GLS Gemeinschaftsbank eG (kurz GLS Bank) ist eine deutsche Genossenschaftsbank mit Sitz in Bochum. Sie konzentriert sich nach eigenen Angaben auf … 1980er Die 1980er-Jahre umfassen die Jahre von 1980 bis 1989. Sie waren geprägt von neoliberalen Reformen (Reaganomics, Thatcherismus) im Westen, dem Höhepunkt der … 1990er Die 1990er umfassen die Jahre von 1990 bis 1999. Sie waren geprägt von einer Neuordnung der Welt nach dem Ende des Kalten Kriegs. Aus großen Teilen der … Globalisierung Der Begriff Globalisierung bezeichnet den Vorgang, bei welchem weltweite Verflechtungen in unter anderem den Bereichen Wirtschaft, Politik, Kultur, … Europäische Kommission Durch die geplante EU-Osterweiterung sollten noch einmal weitere Mitglieder hinzukommen. Um bei diesem Wachstum die Handlungsfähigkeit der Kommission zu … Environmental, Social and Governance Environmental, Social and Corporate Governance (kurz ESG; englisch für: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) sind Kriterien und Rahmenbedingungen der … Kapitalmarkt Der Kapitalmarkt ist derjenige Teilmarkt des Finanzmarktes, auf dem der mittel- und langfristige Kapitalbedarf auf das Kapitalangebot trifft.