Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
1990er
Die 1990er umfassen die Jahre von 1990 bis 1999. Sie waren geprägt von einer Neuordnung der Welt nach dem Ende des Kalten Kriegs. Aus großen Teilen der …
Inhalt5 Abschnitte
Überblick und weltpolitische Neuordnung
Die 1990er umfassen die Jahre 1990 bis 1999. Sie waren durch die Neuordnung der Welt nach dem Ende des Kalten Kriegs geprägt. Aus großen Teilen der Sowjetunion entstand die GUS; die Auflösung des Ostblocks setzte sich nach dem gescheiterten Putschversuch in der Sowjetunion 1991 fort. Boris Jelzin wurde erster demokratisch gewählter Präsident Russlands und übergab die Amtsgeschäfte an Silvester 1999 an Wladimir Putin.
Wichtige Entwicklungen in Europa waren die deutsche Wiedervereinigung 1990, der Zerfall Jugoslawiens von 1991 bis 1995 und die daraus folgenden Jugoslawienkriege. 1992 wurde der Vertrag von Maastricht als Grundlage der EU unterzeichnet; er trat am 1. November 1993 in Kraft. Schweden, Finnland und Österreich traten 1995 der EU bei. 1999 begann die NATO nach ergebnislosen Verhandlungen im Kosovokrieg Luftangriffe auf die Bundesrepublik Jugoslawien. Im selben Jahr wurde der Euro (€) als Buchgeld eingeführt, jedoch nicht in allen europäischen Ländern.
Weltweit gehörten der Zweite Golfkrieg 1991 nach dem Überfall des Irak auf Kuwait, UNOSOM-Einsätze in Somalia 1992–1995 und die Schlacht von Mogadischu am 3. Oktober 1993 zu den prägenden Konflikten. Der Völkermord in Ruanda 1994 kostete zirka 800.000 bis 1.000.000 Menschenleben. Nach dem Ende der Apartheid wurde Nelson Mandela 1994 erster schwarzer Präsident Südafrikas. Weitere wichtige Ereignisse waren die Unabhängigkeit Namibias 1990 und Eritreas 1993, das Friedensabkommen von Oslo zwischen Israel und der PLO 1995 sowie die Wahl Bill Clintons zum 42. US-Präsidenten am 3. November 1992.
Auch Terror, Gewalt und große Unglücke prägten das Jahrzehnt: Beim Bombenanschlag in Oklahoma City 1995 starben 168 Menschen, beim Eisenbahnunfall von Eschede 1998 starben 101 Menschen, und der Amoklauf an der Columbine High School 1999 erregte weltweit Aufsehen. Prinzessin Diana starb am 31. August 1997 bei einem Autounfall in Paris; ihre Beerdigung am 6. September in London wurde weltweit im Fernsehen verfolgt.
Digitale Revolution und Technik
Die fortschreitende Digitale Revolution legte Grundlagen für große gesellschaftliche Veränderungen. Computer und Mobiltelefone wurden beruflich und privat immer häufiger genutzt. Mobiltelefone verbreiteten sich weit; ab etwa 1997/1998 wurde die Kommunikation per SMS populär. Ab Mitte der 1990er konkurrierte E-Mail mit Fax-Geräten, und digitale Anrufbeantworter kamen auf den Markt.
PCs erreichten zunehmend Privathaushalte. Microsoft Windows 3.0, 95 und 98 trugen zur weiten Verbreitung dieses Betriebssystems bei; Linux erhielt ab der Mitte des Jahrzehnts öffentliche Beachtung. Farbmonitore waren Standard, und EDV-Kenntnisse waren für Büroarbeitskräfte schon zu Beginn des Jahrzehnts unabdingbar. Die CD setzte sich als Massenspeicher durch, CD-Brenner wurden gegen Ende des Jahrzehnts erschwinglich, 1996 wurde die DVD eingeführt. Tintenstrahldrucker lösten in Privathaushalten zunehmend Nadeldrucker ab.
Das Internet wurde besonders durch das World Wide Web populär. Zunächst wählte man sich per Modem über die Telefonleitung ein; gegen Ende des Jahrzehnts entstanden erste Standleitungen und Internetcafés. Napster wurde 1998 als erstes Peer-to-Peer-File-Sharing-Netzwerk bekannt. Dies führte zu Diskussionen und juristischen Auseinandersetzungen mit der Musikindustrie und Künstlern wegen möglicher Verletzungen von Urheberrechten.
Auch Unterhaltung und Verkehr veränderten sich: Konsolen wie PlayStation und Game-Boy-/Nintendo-Geräte verbreiteten Computerspiele weiter; Lara Croft aus Tomb Raider wurde ab Mitte der 1990er eine Figur der Popkultur. Im Auto wurden direkt einspritzende Dieselmodelle, Vans sowie Elektronik wie Park-Distance-Control, elektronische Fahrwerkshilfen und CAN-Datenbusse wichtiger. Der Discman verdrängte zunehmend den Walkman, und Energiesparlampen kamen ab Mitte des Jahrzehnts in größerem Umfang zum Einsatz.
Medien, Fernsehen und Film
Das Fernsehen entwickelte sich stärker zu Spartenprogrammen. In Deutschland entstanden Kinderkanäle wie Nickelodeon, Super RTL und KiKA, außerdem Arte (1992), DSF (1993), VIVA (1993), VH-1 (1995) und MTV Deutschland (1997). Bezahlfernsehen kam auf, Satellitenfernsehen setzte sich europaweit durch, und ab Mitte des Jahrzehnts entstanden regionale Privatsender wie TV München, TV Berlin, Hamburg 1 und B.TV. Auch Teleshopping-Sender gingen auf Sendung: H.O.T 1995 und QVC 1996.
Fernsehformate aus den USA beeinflussten deutsche Privatsender. Dazu gehörten Talkshows, Late Night mit der Harald Schmidt Show und Trendmagazine. Tutti Frutti sorgte als erste erotische Fernsehshow im deutschen Fernsehen für Schlagzeilen. Seifenopern setzten sich nach Gute Zeiten, schlechte Zeiten durch. Comedy-Formate wie RTL Samstag Nacht, die Wochenshow und die Bullyparade machten Comedians und Schauspieler bekannt. Animes wurden in Europa unter anderem durch Sailor Moon, Dragon Ball, Pokémon und Digimon populär.
Gegen Ende der 1990er führte die starke öffentliche Behandlung von Privatangelegenheiten, etwa bei der Scheidung von Diana und Prinz Charles oder in der Lewinsky-Affäre, in Teilen der Medien zu einer Enttabuisierung. Diese erreichte laut Artikel 2000 mit Big Brother einen Höhepunkt. Die Bücher Hitlers willige Vollstrecker von Daniel Goldhagen lösten 1996 eine internationale Debatte über die Täter des Holocaust aus; 1998 entstand durch Martin Walsers Rede die Walser-Bubis-Kontroverse.
Im Film gehören unter anderem Jurassic Park, Pulp Fiction, Schindlers Liste, Forrest Gump, Titanic und Matrix zu den genannten Beiträgen. Als Oscar-Gewinner für den besten Film werden für 1990 bis 1999 genannt: Miss Daisy und ihr Chauffeur, Der mit dem Wolf tanzt, Das Schweigen der Lämmer, Erbarmungslos, Schindlers Liste, Forrest Gump, Braveheart, Der englische Patient, Titanic und Shakespeare in Love. Die Goldene Palme erhielten unter anderem 1994 Pulp Fiction und 1999 Rosetta.
Musik, Literatur und Kunst
Bedeutende Musikrichtungen der 1990er waren Hip-Hop, R&B, Eurodance, Techno, Trance, House, Rave, Jungle, Drum and Bass und Trip-Hop. Musikfernsehen erreichte einen Höhepunkt, bekam aber gegen Ende des Jahrzehnts durch das Internet Konkurrenz. Elektronische Tanzmusik wurde zum Massenphänomen; Millionen Menschen besuchten Technoparaden wie Loveparade und Street Parade. Eurodance erreichte 1994 seinen Höhepunkt und verband typischerweise Rap-Strophen mit eingängigen Texten und Melodien.
Rockmusik wurde vor allem durch Grunge und Alternative Rock geprägt. Grunge wurde ab 1991 mit Nirvana und Pearl Jam kommerziell erfolgreich. Der Suizid von Nirvana-Sänger Kurt Cobain 1994 markierte symbolisch das Ende der ersten Boom-Phase; danach etablierte sich Post-Grunge, etwa mit Bush, Foo Fighters und Matchbox Twenty. Britpop mit Oasis und Blur wurde früh im Jahrzehnt populär. Gegen Ende entstand eine zweite Welle mit Radiohead, The Verve, Coldplay, Muse und Travis. Im Metal erreichten Metallica ein breiteres Publikum, während Nu Metal mit Bands wie Korn, Limp Bizkit, Linkin Park und System of a Down kommerziell erfolgreich wurde.
Hip-Hop wurde weltweit wichtig. Neben Eastcoast-Hip-Hop gewann der in Los Angeles basierte Westcoast-Hip-Hop an Bedeutung. Genannt werden Snoop Dogg, Wu-Tang Clan, 2Pac und Dr. Dre. In Deutschland gelten Die Fantastischen Vier und Advanced Chemistry als Pioniere; auch Fettes Brot, Beginner, Fünf Sterne Deluxe sowie die Frankfurter Szene um Moses Pelham und Sabrina Setlur werden hervorgehoben. Boy- und Girlgroups erzielten große kommerzielle Erfolge. Wichtige Ereignisse waren die Gründung von Rammstein 1994 sowie die Ermordungen von Tupac Shakur 1996 und The Notorious B.I.G. 1997.
In der Literatur erlebte der Begriff Popliteratur eine Renaissance. Social Beat und Poetry Slam gelten als weitere popkulturelle Genres; der erste Poetry Slam in Düsseldorf fand 1995 statt. Francis Fukuyama veröffentlichte 1992 seine These vom Ende der Geschichte, Samuel P. Huntington Kampf der Kulturen. Günter Grass behandelte Wiedervereinigung und deutsche Geschichte. Das Literarische Quartett prägte die deutsche Literaturszene. In der Kunst fanden 1992 die Documenta IX sowie 1997 die Ausstellung Sensation der YBAs und die Documenta X statt.
Sport, Mode und Alltagskultur
Die Olympischen Winterspiele fanden 1992 in Albertville, 1994 in Lillehammer und 1998 in Nagano statt; die Sommerspiele 1992 in Barcelona und 1996 in Atlanta. Deutschland wurde bei der Fußball-Weltmeisterschaft 1990 in Italien unter Trainer Franz Beckenbauer zum dritten Mal Weltmeister. Brasilien gewann 1994 in den USA den vierten Titel, Frankreich gewann 1998 als Gastgeber erstmals. Die erste Fußball-Weltmeisterschaft der Frauen wurde 1991 in China ausgetragen.
Pete Sampras stand von 1993 bis 1998 sechsmal zum Saisonende auf Platz eins der Tennisweltrangliste. Michael Schumacher gewann am 13. November 1994 in Adelaide seine erste von sieben Formel-1-Fahrer-Weltmeisterschaften, mit einem Punkt Vorsprung auf Damon Hill. Ayrton Senna starb am 1. Mai 1994 beim Großen Preis von San Marino. Jan Ullrich gewann 1997 die Tour de France; zugleich verweist der Artikel auf Doping-Affären, besonders den Festina-Skandal 1998. Basketball und Streetball wurden durch Michael Jordan, die Chicago Bulls und das „Dream Team“ von 1992 populärer.
Mode wurde durch Grunge, Hip-Hop, Skater- und Technokultur beeinflusst. Flanellhemden waren am Anfang des Jahrzehnts verbreitet, Baggy Pants bei männlichen Jugendlichen, Neonfarben und weite Hosen in der Technoszene. Ab etwa 1996 wurde körperbetontere Mode getragen; Plateauschuhe erlebten von der Mitte der 1990er bis etwa 2000 ein 1970er-Revival. Piercings und Tattoos wurden ab etwa Mitte des Jahrzehnts salonfähig.
Zur Alltagskultur gehörten Inlineskates statt Rollschuhen, Flohmärkte und verschiedene Tausch- und Kaufbörsen. Der Trend schwächte sich 1999 unter anderem wegen Internet-Auktionshäusern ab. Tamagotchi wurde 1997 zur Modeerscheinung, Die Siedler von Catan kam 1995 auf den Markt und erhielt den Preis Spiel des Jahres. Der Artikel weist ausdrücklich darauf hin, dass Angaben im Bereich Sonstiges nicht hinreichend mit Belegen ausgestattet sein können.