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Sokrates

Chr. in Athen) war ein für das abendländische Denken grundlegender griechischer Philosoph, der in Athen zur Zeit der Attischen Demokratie lebte und wirkte. Zur …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Sokrates und seine Bedeutung
  2. 2. Leben in Athen
  3. 3. Methode des Fragens
  4. 4. Ethik: Gutes, Seele und Gerechtigkeit
  5. 5. Prozess und Tod
  6. 6. Nachwirkung und Bilder

Sokrates und seine Bedeutung

Sokrates (* 469 v. Chr. in Alopeke, Athen; † 399 v. Chr. in Athen) war ein griechischer Philosoph zur Zeit der Attischen Demokratie. Er gilt als eine grundlegende Gestalt des abendländischen Denkens. Sein besonderes Anliegen war nicht die Naturerklärung, sondern die Prüfung menschlicher Lebensweisen, Wertvorstellungen und Entscheidungen. Er fragte nach Begriffen wie Tapferkeit, Gerechtigkeit, Tugend und dem Guten.

Sokrates schrieb selbst keine Werke. Was über ihn bekannt ist, stammt vor allem von seinen Schülern Platon und Xenophon, außerdem von Aristophanes, Aristoteles, Diogenes Laertios und weiteren antiken Autoren. Diese Quellen widersprechen sich teilweise. Deshalb bleibt jede Darstellung des historischen Sokrates unsicher und lückenhaft.

Seine Bedeutung zeigt sich auch daran, dass die griechischen Denker vor ihm heute als Vorsokratiker bezeichnet werden. Viele spätere Philosophenschulen der Antike beriefen sich auf ihn. Sein Prozess und Tod wurden zum Sinnbild dafür, dass philosophische Überzeugungen nicht nur theoretisch vertreten, sondern im Leben bewährt werden sollen.

Leben in Athen

Über Sokrates’ frühes Leben ist wenig sicher bekannt. Nach Platon war er 399 v. Chr. siebzig Jahre alt, woraus sich 469 v. Chr. als Geburtsjahr ergibt. Er stammte aus dem athenischen Demos Alopeke. Sein Vater Sophroniskos war Steinmetz oder Bildhauer, seine Mutter Phainarete Hebamme. Seine Bildung umfasste wohl die üblichen Bereiche wie Lesen und Schreiben, Gymnastik, Musik, Geometrie, Astronomie und die Beschäftigung mit Dichtern, besonders Homer.

Im Peloponnesischen Krieg diente Sokrates als Hoplit, also als schwer bewaffneter Bürgerkrieger. Belegt sind Einsätze bei der Belagerung von Potidaia 431–429 v. Chr. sowie in den Schlachten von Delion 424 v. Chr. und Amphipolis 422 v. Chr. In den Berichten seiner Schüler erscheint er dabei als besonders ausdauernd, besonnen und mutig.

Sein Wirkungsort war vor allem die Öffentlichkeit Athens: Marktplatz, Säulenhallen, Turnschulen und Straßen. Er sprach mit Menschen unterschiedlicher Herkunft, verschiedenen Alters und beider Geschlechter. Er verlangte kein Geld für seine Gespräche und unterschied sich damit von den Sophisten, die Unterricht gegen Bezahlung anboten. Dennoch hielten ihn viele Zeitgenossen für einen Sophisten, weil auch er Fragen der Bildung, Sprache, Politik, Rechtsordnung und Lebensführung behandelte.

Sokrates verstand sich als engagierter Bürger der Polis. Er prüfte besonders junge Männer mit politischen Ambitionen und machte ihnen klar, dass politische Tätigkeit Sachkenntnis und Gerechtigkeit voraussetzt. In kritischen Situationen hielt er an Recht und Gewissen fest: Im Arginusenprozess widersetzte er sich einem ungesetzlichen Sammelurteil, und unter der Herrschaft der Dreißig verweigerte er den Befehl, an der Verhaftung eines aus seiner Sicht Unschuldigen mitzuwirken.

Methode des Fragens

Die wichtigste Methode des Sokrates war der strukturierte philosophische Dialog. Platon nennt sie Maieutik, „Hebammenkunst“: Sokrates wollte seinem Gesprächspartner nicht einfach Wissen einpflanzen, sondern ihm helfen, durch eigenes Nachdenken Einsicht zu gewinnen. Im Mittelpunkt standen Frage und Antwort. Lange Reden akzeptierte er nicht; er verlangte klare Antworten, aus denen sich weitere Fragen ergaben.

Bekannt ist die Formel „Ich weiß, dass ich nichts weiß“. Sie verkürzt Sokrates’ Haltung stark, meint aber seine Einsicht in das eigene Nichtwissen. Dieses Nichtwissen war kein bloßes Desinteresse, sondern Ausgangspunkt des Suchens. Sokrates prüfte, ob Menschen wirklich wussten, was sie zu wissen glaubten. Das Verfahren wird Elenchos genannt: eine prüfende Widerlegung, bei der Widersprüche oder unklare Voraussetzungen sichtbar werden.

Ein sokratisches Gespräch hatte oft drei Ebenen: Prüfung des Gesprächspartners, Selbstprüfung und Sachprüfung. Zuerst zeigte Sokrates, dass eine Meinung unsicher oder widersprüchlich war. Dann führte er das Gespräch zur Grundfrage: Was ist das Wesen des untersuchten Begriffs? Beispiele sind Tapferkeit, Besonnenheit, Gerechtigkeit oder Tugend. Häufig endeten die Dialoge in Aporie, also Ratlosigkeit: Man hatte falsche Gewissheiten verloren, aber noch keine endgültige Definition gefunden.

Diese Gesprächsweise konnte befreiend, aber auch kränkend wirken. Sokrates trat oft als Unwissender auf und ließ den anderen scheinbar die Lehrerrolle übernehmen. Im Verlauf zeigte sich jedoch häufig, dass der Gesprächspartner selbst keine tragfähige Antwort hatte. Dadurch gewann Sokrates Freunde, aber auch Gegner.

Ethik: Gutes, Seele und Gerechtigkeit

Zum Kern der sokratischen Philosophie gehört die Frage nach dem Guten. Das Gute ist bei Sokrates die entscheidende Orientierung für richtiges Handeln und ein gelingendes Leben. Dabei ist die Sorge um die Seele wichtiger als Reichtum, Ruhm oder äußeres Ansehen. Die Seele meint hier das eigentliche Selbst des Menschen, das durch gerechtes und gutes Handeln in einen guten Zustand gebracht werden soll.

Sokrates vertrat die Überzeugung, dass richtiges Handeln aus richtiger Einsicht folgt. Niemand tue wissentlich Böses; wer schlecht handelt, verkennt demnach das Gute. Daraus folgt eines der sogenannten sokratischen Paradoxa: Unrecht tun ist schlimmer als Unrecht erleiden. Denn Unrecht tun beschädigt die eigene Seele, während erlittenes Unrecht nicht dieselbe moralische Schuld bedeutet.

In Platons Darstellung untersucht Sokrates die Gerechtigkeit besonders ausführlich. Im ersten Buch der Politeia diskutiert er nacheinander mit Kephalos, Polemarchos und Thrasymachos. Kephalos verbindet Gerechtigkeit damit, niemandem etwas schuldig zu bleiben. Sokrates zeigt am Beispiel geliehener Waffen, die man einem wahnsinnig Gewordenen nicht zurückgeben sollte, dass diese Bestimmung nicht ausreicht. Polemarchos meint, Gerechtigkeit bestehe darin, Freunden Gutes und Feinden Übles zu tun; Sokrates widerspricht, weil es nicht Sache des Gerechten sei, jemandem zu schaden. Thrasymachos behauptet, gerecht sei das dem Stärkeren Nützliche. Sokrates zeigt dagegen, dass echte Herrschaft sich wie die Kunst des Arztes am Nutzen der anderen orientieren müsse. Am Ende bleibt die genaue Definition der Gerechtigkeit offen, aber deutlich wird: Gerechtigkeit ist für das Wohl der Seele und für ein geordnetes Zusammenleben unverzichtbar.

Auch Xenophon zeigt Sokrates als Lehrer der Selbsterkenntnis. Im Gespräch mit Euthydemos führt Sokrates vor, dass politische Ambitionen ohne Wissen über Gerechtigkeit, das Gute und die eigenen Fähigkeiten gefährlich sind. Die delphische Aufforderung „Erkenne dich selbst!“ bedeutet dabei nicht nur, den eigenen Namen zu kennen, sondern die eigenen Stärken, Grenzen und Aufgaben zu prüfen.

Prozess und Tod

399 v. Chr. wurde Sokrates in Athen angeklagt. Die Vorwürfe lauteten, er verderbe die Jugend und missachte die Götter der Stadt beziehungsweise führe neue göttliche Mächte ein. Der Prozess steht in einem größeren politischen und sozialen Zusammenhang: Sokrates war durch seine öffentliche Kritik unbequem geworden, und einige seiner früheren Schüler, vor allem Alkibiades und Kritias, hatten sich politisch schwer belastet.

Nach Platons Apologie verteidigte Sokrates sich nicht mit Mitleidsappellen, sondern blieb seiner Art des Fragens treu. Den Ankläger Meletos stellte er mit Fragen bloß. Den Vorwurf der Gottlosigkeit wies er zurück, indem er auf sein Daimonion verwies, eine göttliche Stimme, die ihn vor bestimmten Handlungen warne. Zugleich erklärte er, er werde auch im Fall eines Freispruchs nicht aufhören zu philosophieren: Er gehorche eher dem Gott als den Athenern.

Sokrates wurde mit knapper Mehrheit schuldig gesprochen: 281 von 501 Stimmen. Nach dem athenischen Verfahren durfte er eine Gegenstrafe vorschlagen. Statt sich demütig zu geben, erklärte er, er habe der Stadt Gutes getan und verdiene eigentlich Speisung im Prytaneion, wie Olympiasieger. Schließlich hielt er nur eine Geldstrafe für akzeptabel. Danach wurde er mit größerer Mehrheit, 361 Stimmen, zum Tod verurteilt.

Freunde wollten ihn zur Flucht aus dem Gefängnis überreden. Sokrates lehnte ab, weil er die Gesetze achten wollte. Nach Platons Kriton meinte er, schlechte Gesetze müsse man ändern, aber nicht eigenmächtig übertreten. Am letzten Tag sprach er mit seinen Freunden über die Seele und den Tod. Den Schierlingsbecher trank er gefasst. Seine letzten Worte baten darum, dem Heilgott Asklepios einen Hahn zu opfern; der genaue Sinn dieser Bitte ist in der Forschung umstritten.

Nachwirkung und Bilder

Sokrates wirkte stark auf die antike Philosophie und später auf die westliche Philosophie seit der Renaissance. Schon in der Antike beriefen sich sehr verschiedene Richtungen auf ihn. Platon, Xenophon, Antisthenes, Aristipp, Euklid von Megara, Aischines und Phaidon von Elis galten als wichtige Sokratesschüler. Platon wurde der einflussreichste Vermittler, während andere als „kleine Sokratiker“ bezeichnet werden.

Antisthenes griff besonders Sokrates’ Anspruchslosigkeit auf; daraus entwickelte sich später die kynische Lebensweise, bei der Unabhängigkeit von äußeren Gütern wichtig war. Aristipp und die Kyrenaiker betonten dagegen die durch den Körper vermittelte Lust als höchstes Gut, wollten aber ebenfalls innere Unabhängigkeit bewahren. Die Stoiker verehrten Sokrates als Vorbild, weil er Erkenntnis, Wort und Tat konsequent verbunden habe. Skeptiker knüpften an sein Fragen und seine Kritik am Scheinwissen an.

In Christentum, Mittelalter, arabischsprachiger Welt, Renaissance, Aufklärung und Moderne wurde Sokrates unterschiedlich gedeutet: als Weiser, Märtyrer, Vorläufer christlicher Wahrheit, Vernunftlehrer, Demokrat, Skeptiker oder problematischer Zerstörer alter Sicherheiten. Diese Rezeptionsgeschichte ist auch deshalb schwierig, weil zwischen dem historischen Sokrates und den literarischen Sokratesbildern unterschieden werden muss.

Auch in Kunst, Literatur, Musik und Film wurde Sokrates häufig dargestellt, besonders sein Gespräch mit Schülern und sein Tod. Antike Bildnisse zeigen oft einen runden Schädel, ein breites Gesicht, eine eingedrückte Nase, Halbglatze, wulstige Lippen sowie strähniges Haar und Bart. Ob Sokrates tatsächlich so aussah, ist unsicher; möglicherweise spiegeln die Bildnisse literarische Vorstellungen vom Gegensatz zwischen äußerer Hässlichkeit und innerer Größe.

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