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Theologische Ethik
Die theologische Ethik, auch christliche Ethik genannt, ist eine der Grunddisziplinen der christlichen Theologie. Sie befasst sich mit der Reflexion des …
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Begriff und Aufgabe
Die theologische Ethik, auch christliche Ethik genannt, ist eine Grunddisziplin der christlichen Theologie. Sie fragt danach, was moralisch gut ist, welche Handlungsalternativen es gibt und wie sittliche Urteile im Zusammenhang christlicher Theologie begründet werden können. Sie gehört zur systematischen Theologie, also zu dem Bereich der Theologie, der Glaubensinhalte und ihre Zusammenhänge gedanklich ordnet. Neben ihr stehen dort unter anderem Dogmatik, Religionsphilosophie und Fundamentaltheologie.
Wichtig ist die theologische Ethik, weil sie christliche Glaubensüberzeugungen mit Fragen des Handelns verbindet: Wie soll ein Mensch leben? Was ist eine gerechte Gesellschaft? Welche Rolle spielen Gewissen, Freiheit, Verantwortung, Liebe und Gerechtigkeit? Dabei steht sie in Wechselwirkung mit der Dogmatik, also der Lehre von den Glaubensinhalten. Eine dogmatische Vorstellung kann ethische Folgen haben, etwa wenn eine starke Naherwartung des Weltendes dazu führt, langfristige Planung abzulehnen. Umgekehrt können ethische Überzeugungen dogmatische Rückschlüsse nahelegen, etwa wenn aus dem universalen Missionsauftrag Gottes Interesse an allen Menschen erschlossen wird.
Teilbereiche und Grundlegung
Die theologische Ethik umfasst zwei große Blickrichtungen. Die Individualethik betrachtet das sittlich Gute vom Standpunkt des einzelnen Menschen, also etwa Gewissen, Freiheit und persönliche Verantwortung. Die Sozialethik fragt nach Kriterien einer gerechten Gesellschaft, also nach Institutionen, Strukturen und Gerechtigkeit. Heute werden diese beiden Bereiche oft nicht als völlig getrennte Gegenstände verstanden, sondern als unterschiedliche Perspektiven: einmal stärker auf Individuen, einmal stärker auf gesellschaftliche Strukturen.
In der katholischen Theologie wurde lange „Moraltheologie“ als Bezeichnung für den ganzen Bereich theologischer Moralreflexion verwendet. Seit dem Ende des 19. Jahrhunderts entstanden vielerorts zusätzlich Lehrstühle für „Christliche Gesellschaftslehre“. Daraus entwickelte sich eine bis heute wichtige Arbeitsteilung zwischen Individualethik und Sozialethik. Der Ausdruck „Theologische Ethik“ bezeichnet heute häufig beide Perspektiven zusammen und grenzt die Disziplin zugleich von der philosophischen Ethik ab.
Die wissenschaftstheoretische Grundlegung fragt, wie konkrete sittliche Urteile und moralische Geltungsansprüche überhaupt begründet werden können. Dieser Bereich heißt oft Fundamentalethik oder Fundamentalmoral. Er überschneidet sich mit der Moralphilosophie und kann auch Fragen der theologischen Anthropologie einschließen, also des theologischen Verständnisses vom Menschen, besonders im Blick auf Handlung, Freiheit und Gewissen.
Neben der Unterscheidung von Individualethik und Sozialethik gibt es Bereichsethiken. Sie behandeln bestimmte Lebens- oder Sachbereiche, zum Beispiel theologische Bioethik, Medizinethik, Wirtschaftsethik, Kulturethik, Sportethik, Medienethik, Bildungsethik, Sexualethik, politische Ethik und Institutionenethik.
Christliche Grundsätze
Aus christlicher Sicht nennt der Artikel mehrere Grundsätze der Ethik. Erstens hat Gott die ganze Welt geschaffen und dem Menschen anvertraut. Daraus ergibt sich eine Verantwortung des Menschen für die Schöpfung.
Zweitens ist der Mensch als Ebenbild Gottes geschaffen. Daraus wird sein besonderer Wert abgeleitet. Diese Vorstellung ist ein wichtiger Grund dafür, warum menschliches Leben und menschliche Würde in der christlichen Ethik eine zentrale Rolle spielen.
Drittens gilt das Doppelgebot der Liebe als höchstes Gesetz: Der Mensch soll Gott lieben und den Mitmenschen lieben. Dieses Gebot bündelt die grundlegende Orientierung christlichen Handelns.
Viertens motiviert Dankbarkeit gegenüber Gott den Menschen, Gutes zu tun. Gutes Handeln wird damit nicht nur als Pflicht verstanden, sondern auch als Antwort auf Gottes Handeln am Menschen.
Methoden und Begründungsmodelle
In der theologischen Ethik ist umstritten, ob und wie Voraussetzungen göttlicher Offenbarung in die Methode eingehen sollen. Seit den 1960er Jahren unterscheidet man besonders zwischen glaubensethischen und autonomen Ansätzen der Begründung des Sittlichen.
Glaubensethische Ansätze gehen davon aus, dass ein voller Begriff von Vernunft und Gutem erst im Horizont des christlichen Selbst- und Weltverständnisses möglich ist. Als Vertreter solcher Ansätze nennt der Artikel unter anderem Bernhard Stoeckle, Joseph Ratzinger, Heinz Schürmann, Robert Spaemann und Hans Urs von Balthasar. Diese Ansätze stehen oft in Kontinuität zu traditionellen Positionen, die von einer natürlichen Vorgegebenheit des Moralischen ausgehen, etwa im Naturrecht.
Autonome Ansätze betonen dagegen, dass das Gute durch eine autonome, universell begründbare Argumentation begründet werden muss. Religiöse Zusammenhänge können dann Motivation und Sinnhorizont erweitern, sind aber nicht argumentative Voraussetzung der moralischen Urteilsfindung. Als frühe Vertreter einer dezidiert autonomen Moralbegründung nennt der Artikel Franz Böckle und Alfons Auer. Heute verfolgen nur noch wenige theologische Ethiker das Programm einer strikten Glaubensethik.
In der Metaethik, also der Reflexion darüber, was moralische Aussagen bedeuten und wie sie wahrheitsfähig sind, werden in der theologischen Ethik überwiegend realistische und kognitivistische Positionen vertreten. Realistisch bedeutet hier, dass moralische Aussagen sich auf etwas Wirkliches beziehen; kognitivistisch bedeutet, dass moralische Urteile als erkenntnis- oder wahrheitsfähig verstanden werden.
In der normativen Ethik, die nach Maßstäben richtigen Handelns fragt, wurden klassisch deontologische, also pflichtorientierte, Ansätze bevorzugt. Sie wurden oft durch teleologische, also zielorientierte, Perspektiven ergänzt und in naturrechtliche Vorstellungen eingebettet. Heute werden sehr unterschiedliche moralphilosophische Ansätze aufgenommen, etwa deontologische, vertragstheoretische, diskurstheoretische, transzendentalpragmatische, narrative, modellethische und tugendethische Ansätze. Selten werden auch jüngere utilitaristische Methoden aufgenommen; außerdem werden Ideen der kritischen Theorie und anderer Schulen integriert.
Einige Autoren haben integrative Methoden vorgeschlagen, darunter Werner Schöllgen, Hermann Ringeling, Wolfgang Huber und Wilhelm Korff. Gemeint ist eine umfassende Theorie, die Handeln leiten soll. Dietmar Mieth spricht von einer „Ethik in den Wissenschaften“ und schlägt eine „konduktive Methode“ vor: Sie beginnt mit einer „Hermeneutik des Vorverständnisses“ und einer „Kenntnis der einschlägigen Sachverhalte“, prüft danach ethisch relevante Sinnorientierungen und Werturteile, rationalisiert Alternativen und mündet in eine Abwägung von Prioritäten zur Bildung richtiger sittlicher Urteile.
Geschichtliche Entwicklung
Schon in frühen jüdischen und christlichen Auffassungen wird ein Zusammenhang zwischen Glauben und Sittlichkeit gesehen. In der Antike legten viele christliche Theologen ihren ethischen Stellungnahmen eine Tugendlehre zugrunde. Eine Tugend ist eine stabile Fähigkeit oder Haltung, gut zu handeln. Dabei wurden antike philosophische Ideen aufgenommen, besonders die vier Kardinaltugenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Maß. Sie gehen auf Platon zurück, wurden unter anderem von Cicero hervorgehoben, von Ambrosius als Kardinaltugenden bezeichnet und werden auch in Weish 8,7 genannt.
Augustinus ordnete die antike Tugendethik der caritas, also der Liebe, unter. Er unterschied Gott als höchstes Gut und Ziel des Strebens von den endlichen Gütern: Gott wird um seiner selbst willen geliebt, andere Güter werden nur genutzt. Diese Unterscheidung prägte viele mittelalterliche Autoren.
Im Mittelalter bildete sich Theologie stärker als eigene Wissenschaftsdisziplin heraus. Einige Autoren unterschieden bereits eine Moraltheologie als eigenes Gebiet. Alanus ab Insulis unterschied um 1160 zwischen theologia rationalis vel moralis. Petrus Cantor Parisiensis († 1197) unterschied in seiner Summa Abel zwischen überirdischer Gotteserkenntnis und irdischer Sittenlehre. Viele mittelalterliche Theologen vertraten Tugendethiken, die platonische und aristotelische Gedanken verbanden. Petrus Abaelardus betonte auch die Gesinnung und verstand das sittliche Gute als Zustimmung (consensus) zum objektiv Guten.
Im 13. Jahrhundert wurde durch Robert Grosseteste die aristotelische Nikomachische Ethik im lateinischen Westen zugänglich. Albertus Magnus kommentierte sie 1250–52. Dadurch trat die Eigenständigkeit der Moralphilosophie gegenüber Gotteslehre und Metaphysik stärker hervor. Thomas von Aquin integrierte ebenfalls aristotelische Ideen, besonders zum Begriff der Gerechtigkeit. Er stellte den vier Kardinaltugenden die drei theologischen Tugenden Glaube, Hoffnung und Liebe zur Seite und nannte den Gegenstandsbereich „scientia moralis“. Bei Bonaventura ist die Ausrichtung auf Gott besonders stark: Gott ist Exemplarursache der Tugenden, und ohne rechten Glauben sind sie nutzlos.
In der Neuzeit wurde „theologia moralis“ als Bezeichnung schon in hochmittelalterlichen Texten verwendet, aber erst in der Manualistik des 16. Jahrhunderts und nach der nachtridentinischen Studienreform wurde Moraltheologie breiter als eigene Disziplin ausgebildet. Werke wie die 1591–93 erschienene „Summa theologiae moralis“ von H. Henriquez trugen die neue Disziplinbezeichnung im Titel. Häufig herrschte eine kasuistische Methode vor, also die Behandlung einzelner Gewissens- und Entscheidungsfälle.
Im 18. und 19. Jahrhundert ist eine wissenschaftliche Vertiefung zu beobachten, etwa bei Johann Michael Sailer († 1832), Johann Baptist Hirscher († 1865), Franz Xaver Linsenmann († 1898), Martin Deutinger († 1864), Joseph Mausbach († 1931) und Fritz Tillmann († 1953). Philipp Theodor Culmann stellte in seiner „Christliche Ethik“ (1864) die Gottesebenbildlichkeit des Menschen in den Mittelpunkt. Werner Elert legte mit „Das christliche Ethos. Grundlinien der lutherischen Ethik“ (1949) eine grundlegende Arbeit vor.
In der katholischen Theologie blieb „Moraltheologie“ die vorherrschende Disziplinbezeichnung. In der evangelischen Theologie wurde stärker von „christlicher Ethik“ oder „theologischer Ethik“ gesprochen, im Calvinismus durchgehend. Seit der Mitte des 20. Jahrhunderts hat sich das Spektrum methodischer Forschungsprogramme stark pluralisiert.