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Postmoderne

Im engeren Sinn ist die Postmoderne eine umstrittene politisch-wissenschaftlich-künstlerische Richtung, die sich gegen bestimmte Institutionen, Methoden, …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kernidee
  2. 2. Lyotard und die großen Erzählungen
  3. 3. Entstehung des Begriffs
  4. 4. Zentrale Merkmale
  5. 5. Bereiche von Kunst bis Politik
  6. 6. Kritik und Ende

Kernidee

Die Postmoderne bezeichnet allgemein den Zustand der westlichen Gesellschaft, Kultur und Kunst „nach“ der Moderne, obwohl die Moderne bis in die Gegenwart fortwirkt. Im engeren Sinn meint sie eine umstrittene politisch-wissenschaftlich-künstlerische Richtung, auch Postmodernismus genannt. Diese Richtung kritisiert zentrale Annahmen der Moderne und versucht, sie aufzulösen oder zu überwinden.

Postmodernes Denken richtet sich gegen die Vorstellung, dass es ein einziges allgemeingültiges Erklärungsprinzip für Welt, Gesellschaft, Geschichte oder Wahrheit gebe. Stattdessen betont es Vielfalt, Heterogenität und Pluralismus: Verschiedene Perspektiven, Wahrheitsbegriffe und Lebensformen sollen nebeneinander bestehen können, auch wenn sie nicht vollständig miteinander vereinbar sind. Wichtig ist dabei die Kritik an einem als einseitig oder sogar totalitär verstandenen modernen Denken, das Einzelnes unter große allgemeine Systeme zwinge.

Lyotard und die großen Erzählungen

Besonders prägend wurde Jean-François Lyotards Bericht Das postmoderne Wissen von 1979. Darin erklärte er die philosophischen Systeme der Moderne für gescheitert. Bekannt wurde seine These vom „Ende der großen Erzählungen“. Mit „Erzählungen“ meint Lyotard umfassende Deutungsmodelle, die die Welt aus einem zentralen Prinzip heraus erklären, zum Beispiel Gott, das Subjekt, Vernunft, Systemtheorie oder marxistische Gesellschaftstheorie.

Nach Lyotard schließen solche großen Erzählungen das Heterogene aus: Das Besondere und Einzelne wird einer allgemeinen Erklärung untergeordnet und dadurch vereinfacht oder eingeebnet. An die Stelle eines absoluten Erklärungsprinzips setzt Lyotard viele verschiedene „Sprachspiele“. Ein Sprachspiel ist eine bestimmte Weise, mit Sprache Wirklichkeit zu ordnen und zu erklären. Moderne Metaerzählungen dienten früher dazu, Institutionen, politische Praktiken, Ethik und Denkweisen zu legitimieren. In der Postmoderne geht dieser Konsens verloren; es entstehen verschiedene, teils unvereinbare Wahrheits- und Gerechtigkeitsbegriffe.

Lyotard meint nicht, dass jede Rationalität abzulehnen sei. Seine Kritik richtet sich gegen eine historische Form von Rationalität, die Unterschiede ausgrenzt. Die Diskussion über die Postmoderne wurde seit Anfang der 1980er Jahre intensiv geführt, verlor aber nach 1989 an Stärke oder verlagerte sich auf andere Themen.

Entstehung des Begriffs

Der Begriff Postmoderne wurde schon um 1870 verwendet und später in verschiedenen Bereichen unterschiedlich gedeutet. John Watkins Chapman sprach um 1870 von einem „postmodern style of painting“. Rudolf Pannwitz verwendete den Begriff 1917 als philosophisch geprägten Kulturbegriff. Bernard Iddings Bell bezeichnete 1926 eine neue religiöse Spiritualität als „Postmodernismus“, Federico de Onís 1934 eine Phase hispanisch-amerikanischer Dichtung als „Postmodernismo“.

Arnold J. Toynbee beschrieb 1947 eine „post-modern“ genannte Kulturphase, deren Beginn er 1875 ansetzte. Irving Howe nutzte 1959 „Postmoderne“ im nordamerikanischen Literaturdiskurs im heutigen Sinn, zunächst als Bezeichnung eines Verfallsphänomens der Moderne. Für Architektur und Urbanistik wurde der Begriff 1977 durch Charles Jencks wichtig. Er kritisierte am modernen Funktionalismus, dieser habe die kommunikative Verbindung zu den Menschen verloren.

Als geistig-kulturelle Bewegung wurde „die Postmoderne“ besonders durch Lyotards Das postmoderne Wissen populär. Seine knappe Formel lautet: „Postmoderne“ bedeutet, dass man den Meta-Erzählungen keinen Glauben mehr schenkt. Als große Meta-Erzählungen nennt der Artikel Aufklärung, Idealismus und Historismus. Sie liefern in der Postmoderne keine einheitliche Legitimation und Zielorientierung mehr.

Zentrale Merkmale

In der Postmoderne steht nicht mehr vor allem Innovation im Mittelpunkt, sondern die Rekombination und neue Anwendung vorhandener Ideen. Die Welt wird nicht als Entwicklung auf ein klares Fortschrittsziel hin verstanden, sondern als pluralistisch, zufällig, chaotisch und vergänglich. Auch menschliche Identität gilt nicht als fest und einheitlich, sondern als instabil und durch viele kulturelle Faktoren geprägt.

Wichtige Elemente postmodernen Denkens sind die Absage an den Vorrang der Vernunft, der Verlust des autonomen Subjekts als rational handelnder Einheit und eine stärkere Beachtung von Affekten und Emotionalität. Außerdem wird ein universaler Wahrheitsanspruch in Philosophie, Religion, Ideologie, Geschichte, Moral oder Wissenschaft kritisch betrachtet, sofern er allgemeine Gültigkeit beansprucht. Gesellschaft erscheint als fragmentiert: traditionelle Bindungen, Solidarität und ein allgemeines Gemeinschaftsgefühl verlieren an Bedeutung.

Typisch sind Toleranz, Freiheit und radikale Pluralität in Gesellschaft, Kunst und Kultur. In Kultur und Geisteswissenschaften gelten Diskursanalyse und Dekonstruktivismus als wichtige Methoden. Diskursanalyse untersucht, wie Wirklichkeit durch Sprache, Texte, Bilder und Regeln des Sprechens geprägt wird. Dekonstruktivismus versucht, scheinbar feste Bedeutungen, Gegensätze und Ordnungen kritisch aufzubrechen.

Bereiche von Kunst bis Politik

In der Musik wird Postmoderne mit gewachsener Pluralität von Denk- und Handlungsmöglichkeiten verbunden. Techniken wie Collage, Crossover, Montage und Pastiche gehören dazu. Auch Brüche mit kompositorischen Traditionen wie Atonalität, Serialismus oder Zwölftontechnik können postmodern gedeutet werden. Die Verwendung des Begriffs für musikalische Stilistiken ist jedoch umstritten.

In der Kunst destabilisiert die Postmoderne nicht nur die Darstellung der Realität, sondern die Realität selbst. Sie durchbricht Grenzen zwischen Kunstwerk, Autor und Betrachter, zwischen Hochkultur und Massenkultur sowie zwischen Genres, etwa in der Performance. In der Architektur wird Postmoderne als Ablehnung des verbindlichen Anspruchs des modernen Funktionalismus verstanden. Typisch ist eine eklektische Haltung, die historische Bauformen ironisch und spielerisch aufgreift; der Artikel nennt dies „Collagearchitektur“.

In der Literatur weist die Postmoderne den Innovationszwang der Hochmoderne zurück. Da es angeblich nichts völlig Neues mehr zu erfinden gebe, arbeitet sie mit Traditionen, Zitaten, Collagen und Parodien. Erzählungen sind oft fragmentarisch, ironisch distanziert und perspektivisch wechselnd. Im Mittelpunkt stehen häufig keine klassischen Helden, sondern Außenseiter oder Angehörige von Subkulturen.

In der Politikwissenschaft, besonders in den Internationalen Beziehungen, betonen postmoderne Ansätze die Analyse von Texten, Bildern und Symbolen statt nur der Ereignisse selbst. Sie sind skeptisch gegenüber „objektiven“ Wahrheiten und festen Kategorien. Macht zeigt sich hier nicht nur durch Staaten oder Ressourcen, sondern auch durch Diskurse: Wer Wirklichkeit sprachlich darstellt, übt damit Macht aus.

Kritik und Ende

Die Postmoderne wurde heftig kritisiert, gerade weil sie grundlegende Annahmen der Moderne infrage stellt. Vertreter des wissenschaftlichen Realismus werfen ihr vor, wissenschaftliche Institutionen zur Verbreitung politischer Ansichten zu missbrauchen. Kritisiert werden außerdem ein Hang zum Irrationalismus und die Leugnung, dass naturwissenschaftliche Theorien durch Beobachtungen gut begründet seien und objektive Realität beschreiben könnten.

Bekannt wurde die Sokal-Affäre: Alan Sokal veröffentlichte in der Zeitschrift Social Text einen absichtlich unsinnigen Artikel, der sprachlich an postmoderne Theorie angelehnt war. Sokal wollte damit mangelhafte intellektuelle Standards und den Missbrauch mathematisch-naturwissenschaftlicher Metaphern in Teilen der postmodernen Geistes- und Sozialwissenschaften zeigen.

Auch Michel Foucault, der manchmal der Postmoderne zugerechnet wird, äußerte Kritik. Er warnte davor, das gerade Vergangene immer zum Hauptfeind zu erklären. Gegen Lyotard stimmte er dem von Habermas aufgeworfenen Problem zu, dass man Gefahr laufe, in Irrationalität zu verfallen, wenn man etwa Kant oder Weber aufgebe.

Politisch wird der Postmoderne von Konservatismus, Liberalismus und Teilen der Linken Beliebigkeit in wichtigen Fragen von Kultur und Gesellschaft vorgeworfen. Andere, besonders Teile der Neuen Linken und feministische Debatten, sehen postmoderne Ideen dagegen als produktiv für das Verständnis aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen.

Ein mögliches Ende der Postmoderne wurde mehrfach behauptet. Markus Gabriel und Maurizio Ferraris postulierten 2011 ein Ende der Postmoderne und sahen sie durch einen „Neuen Realismus“ abgelöst. Im angelsächsischen Raum gilt oft der 11. September 2001 als Zäsur, nach der spielerische Ironie an Bedeutung verlor und Forderungen nach neuer Ernsthaftigkeit und Aufrichtigkeit stärker wurden.

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