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Erzähltheorie
Extreme Formen sind die Ellipse und die Pause. Bei der Ellipse wird – meist Unwichtiges – im Erzählen weggelassen: die Erzählung steht still, während das …
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Gegenstand und Grundbegriffe
Die Erzähltheorie oder Erzählforschung ist ein interdisziplinäres Arbeitsgebiet der Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaften. Sie beschreibt systematisch, wie Erzähltexte dargestellt und vermittelt werden. Ihr Gegenstand reicht von Epik, Geschichtsschreibung, Interviews und Zeitungsartikeln bis zu Spielfilmen, Fotos und Witzen. Besonders wichtig ist sie für Literaturwissenschaft, Medienwissenschaft, Geschichtswissenschaft und Soziologie.
Nach Monika Fludernik untersucht sie die typischen Konstanten, Variablen und Kombinationen des Erzählens sowie deren Zusammenhänge. Erzählen verbindet mindestens zwei Ebenen: die Welt und Zeit, von der erzählt wird, und die Welt und Zeit, in der erzählt wird. Untersucht werden unter anderem das dargestellte Geschehen, die Art des Erzählens, die Perspektive sowie die Frage, ob eine Darstellung faktual oder fiktional ist.
Eine weit gefasste Minimaldefinition lautet: Ein Text ist genau dann eine Erzählung, wenn er von mindestens zwei Ereignissen handelt, die zeitlich geordnet und in mindestens einer weiteren sinnhaften Weise miteinander verknüpft sind. Wichtig ist häufig die kausale Verknüpfung: Erzählungen zeigen, wie und warum Veränderungen eintreten. Wendepunkte schaffen Ungewissheit und eröffnen alternative Fortsetzungen.
Ein Ereignis lässt sich durch einen Zeitpunkt, einen Gegenstand oder Sachverhalt und eine Aussage darüber bestimmen. Gleichzeitigkeit und Nachzeitigkeit sind mögliche zeitliche Beziehungen. Eine Erzählung entsteht, wenn Sprecher oder Schreiber und Hörer oder Leser die Ereignisse im jeweiligen Kommunikationszusammenhang als verbunden deuten; sie ist daher ein kommunikativer Akt.
Das Geschehen ist die chronologische Gesamtfolge aller Zustandsänderungen. Ein Geschehnis ist regelmäßig und erwartbar, ein Ereignis dagegen auffällig und nicht vorhersehbar; Wolf Schmid nennt diese Eigenschaft Imprädiktibilität. Die Geschichte hebt gewöhnlich bestimmte Ereignisse hervor, während der Diskurs ihre konkrete sprachliche und kompositorische Darstellung bezeichnet. Vereinfacht ist die Geschichte das „Was“, der Diskurs das „Wie“ des Erzählens.
Fiktion, Figuren und Raum
Eine eindeutige Grenze zwischen faktualen und fiktionalen Texten ist schwierig. Faktuales Erzählen beansprucht, Sachverhalte der Wirklichkeit mitzuteilen; dieser Anspruch besteht auch dann, wenn die Darstellung versehentlich oder absichtlich falsch ist. Autobiographien, Biographien, Berichte, Protokolle und Chroniken erheben einen Wirklichkeitsanspruch und gelten grundsätzlich als referenzialisierbar. Sie können dennoch literarische Techniken und eine eigene Poetizität besitzen. Umgekehrt greifen fiktionale Texte meist auf reale Orte, Zeiten und Sachverhalte zurück.
Fiktiv bezeichnet die Nichtwirklichkeit des Dargestellten, fiktional eine auf Fiktion beruhende Erzählweise. Fiktionssignale zeigen den fiktionalen Status an. Formale Signale betreffen den Kontext, etwa die Gattungsangabe „Roman“; textinterne Signale liegen in der Organisation von Zeit, Erzählsituation oder im Verhältnis von Autor, Erzähler und Protagonist. Grenzfälle entstehen, wenn tatsächliche Geschehnisse mit Mitteln fiktionalen Erzählens dargestellt werden, etwa im historischen Roman oder in fiktionalen Biographien realer Personen. In der Autobiographie gilt nach Philippe Lejeune der autobiographische Pakt: Die Identität Autor = Erzähler = Protagonist verbürgt nicht die Exaktheit, sondern das aufrichtige Bemühen des Autors.
Figuren können als menschenähnliche Vorstellungen oder als sprachlich erzeugte Textkonstrukte verstanden werden. Sie gehören einer erzählten Welt an und treten nur durch Sprache, etwa durch Figurenrede, in Erscheinung. Zugleich können sie in den Gedanken der Leser über den einzelnen Text hinaus fortbestehen.
Erzählter Raum ist nur mittelbar durch Sprache erfahrbar. Der Erzählraum ist der Ort, von dem aus der Erzähler spricht; der Handlungsraum umfasst die Orte der Figuren und Ereignisse. Jeder erzählte Raum ist semantisiert, also bedeutungstragend, und steht mit Figuren sowie den Regeln des Werkes in Verbindung. Genettes Modell berücksichtigt Raum hauptsächlich indirekt über Distanz, Perspektive und Fokalisierung. Kritisiert wird, dass es der räumlichen Dimension keine ausdrücklich grundlegende Funktion zuschreibt.
Entwicklung und Richtungen
Die neuere Erzähltheorie entstand ab 1915 im Russischen Formalismus und wurde seit den 1950er Jahren durch den Strukturalismus weiterentwickelt. Zu wichtigen Theoretikern gehören Gérard Genette, Claude Lévi-Strauss, Roland Barthes, Roman Jakobson und Paul Ricœur; im deutschen Sprachraum war Franz Karl Stanzel ein früher Hauptvertreter. Eine einheitliche strukturalistische Erzähltheorie gab es jedoch nie.
Jörg Schönert unterscheidet vier Phasen: Von 1910 bis 1965 standen Probleme des Erzählens und des Romanschreibens im Mittelpunkt; zwischen 1955 und 1965 entstanden zugleich proto-narratologische Konzepte. Von 1965 bis etwa 1975/1985 entwickelte sich die klassische strukturalistische Narratologie fiktionaler Prosa. Zwischen 1980 und 1995 wurde ihr enger Wissenschaftsanspruch kritisiert und das Konzept des Narrativen auf Film, Historiografie, Journalismus, Recht und weitere Bereiche übertragen. Seit Mitte der 1990er Jahre präzisiert und erweitert eine neoklassische Narratologie die klassischen Modelle.
Die histoire-Narratologie untersucht vor allem die Struktur der dargestellten Geschichte; die discours-Narratologie beschäftigt sich mit Erzähler, Perspektive und Informationsvergabe. Klassische Ansätze betrachten Werke weitgehend als eigenständige Strukturen. Postklassische Ansätze beziehen dagegen sprachliche Praktiken sowie historische, kulturelle und soziale Zusammenhänge ein. Kontextorientierte Forschungen untersuchen etwa race, class und gender; empirische und kognitive Ansätze befassen sich mit der mentalen Verarbeitung von Erzählungen. Die historische Narratologie prüft, wie an moderner Romanliteratur entwickelte Kategorien auf vormoderne Erzählungen übertragen werden können.
Seit 2021 wird außerdem die Annahme, jede fiktionale Erzählung müsse einen fiktiven Erzähler besitzen, durch die von Brian Boyd, Jonathan Culler und Sylvie Patron vertretene Optional-Narrator Theory bestritten. Die Erweiterung des Forschungsfeldes gilt als wertvoll, birgt aber nach einer 2011 formulierten Warnung die Gefahr, spezifisch literarische Eigenschaften zu vernachlässigen.
Genettes Analysemodell: Zeit und Modus
Gérard Genette entwickelte 1972 in „Discours du récit“ ein vor allem auf epische Texte ausgerichtetes Analysemodell. Es unterscheidet „histoire“, den narrativen Inhalt beziehungsweise das „Was“, „récit“, die narrative Aussage, und „narration“, den Akt des Erzählens. Untersucht werden besonders Zeit („temps“), Modus („mode“) und Stimme („voix“).
Zeit umfasst Ordnung, Dauer und Frequenz. Ordnung bezeichnet das Verhältnis zwischen der chronologischen Ereignisfolge und ihrer Reihenfolge im Text. Eine Abweichung heißt Anachronie: Die Analepse blickt zurück, die Prolepse voraus. Eine Paralipse lässt etwas gezielt beiseite, bei einer Achronie ist die zeitliche Reihenfolge nicht rekonstruierbar. Die Ellipse lässt Ereignisse aus, zählt aber als Beschleunigung und nicht als Anachronie.
Dauer vergleicht Erzählzeit und erzählte Zeit. Zeitdehnung liegt vor, wenn die Darstellung länger dauert als das Ereignis; Zeitraffung fasst lange Zeiträume knapp zusammen. Bei zeitdeckendem Erzählen oder Isochronie sind beide ungefähr gleich lang, häufig in Dialogszenen. In der Ellipse läuft das Geschehen weiter, während die Erzählung etwas überspringt. In der Pause steht die Handlung still, während die Darstellung etwa durch Betrachtungen fortgesetzt wird.
Frequenz beschreibt Wiederholungsverhältnisse: Singulativ bedeutet, dass einmal Geschehenes einmal erzählt wird; repetitiv, dass es mehrfach erzählt wird; iterativ, dass wiederholt Geschehenes nur einmal zusammenfassend dargestellt wird.
Der Modus verbindet Distanz und Fokalisierung. Große Distanz entsteht im narrativen Modus des berichtenden „telling“; geringe Distanz im dramatischen Modus des unmittelbaren „showing“, etwa durch direkte Rede, Bewusstseinsstrom oder inneren Monolog. Indirekte und erlebte Rede bilden als transponierte Rede eine Zwischenstellung.
Fokalisierung beantwortet die Frage „Wer sieht?“ und bezeichnet das Verhältnis zwischen dem Wissen des Erzählers und dem der Figuren. Bei Nullfokalisierung weiß der Erzähler mehr als die Figur; bei interner Fokalisierung ebenso viel; bei externer Fokalisierung weniger. Die Erzählinstanz ist dabei keine wirkliche Person, sondern ein vom Autor geschaffenes Konstrukt zur Steuerung des Informationshorizonts.
Stimme, Beteiligung und Erzählebenen
Die Stimme beantwortet bei Genette die Frage „Wer spricht oder erzählt?“. Sie ist von der Fokalisierung und vom wirklichen Autor zu unterscheiden. Nach der zeitlichen Stellung gibt es spätere Narration in der Vergangenheitsform, frühere oder voraussagende Narration, gleichzeitige Narration im Präsens und eingeschobene Narration zwischen Momenten der Handlung.
Ein homodiegetischer Erzähler kommt als Figur in der erzählten Welt, der Diegese, vor. Ein heterodiegetischer Erzähler ist nicht als Handlungsträger beteiligt. Autodiegetisch heißt ein homodiegetischer Erzähler, der zugleich die Hauptfigur seiner Geschichte ist. Die Abgrenzung kann unscharf sein, weil zwischen erzählendem und erzähltem Ich unterschieden werden muss.
Erzählebenen beantworten die Frage „Wer erzählt wem?“. Ein extradiegetischer Erzähler erzählt die äußerste Handlung. Erzählt darin eine Figur eine weitere Geschichte, ist sie intradiegetischer Erzähler; ihre Binnenerzählung ist metadiegetisch. Weitere Verschachtelungen sind möglich. Beispielsweise kann ein Erzähler schildern, wie eine Familie Omas Geschichte hört; berichtet innerhalb dieser Geschichte ein Liebhaber von einer früheren Begegnung, entsteht eine zusätzliche Ebene.
Wolf Schmid kritisiert, dass Genettes Begriffe Erzählebene und Beteiligungsgrad vermischen. Er spricht daher von primären, sekundären und tertiären Erzählern sowie von diegetischen und nichtdiegetischen Erzählern. „Exegesis“ bezeichnet die Ebene des Erzählens, „Diegesis“ die Ebene des Erzählten. Diese Terminologie ersetzt auch die problematische Gegenüberstellung von Ich- und Er-Erzähler: Entscheidend ist nicht das Pronomen, sondern ob der Erzähler als Figur zur erzählten Welt gehört.
Stanzels Modell, Erzählschemata und Kritik
Franz Karl Stanzel verbindet Modus und Perspektive. Beim Modus unterscheidet er Erzähler und Reflektorfigur: Dem Erzähler ist die Sprache, der Reflektorfigur ein wahrnehmendes Bewusstsein zugeordnet. Die Innenperspektive bleibt auf Wissen und Wahrnehmung der Reflektorfigur beschränkt; die Außenperspektive besitzt einen unbeschränkteren Blick auf die fiktionale Welt.
Stanzels typologisches Modell umfasst drei zentrale Erzählsituationen. In der auktorialen Erzählsituation ist ein allwissender Erzähler vorhanden, der kommentiert und bewertet. In der personalen Erzählsituation wird die Geschichte durch den Wahrnehmungs- und Erfahrungshorizont einer Reflektorfigur vermittelt. Der neutrale Erzähler als Variante beobachtet ohne Wertung, Figurenansprache oder Innensicht. In der Ich-Erzählsituation wird in der ersten Person erzählt; ist der Ich-Erzähler nur eine Randfigur, heißt er peripherer Ich-Erzähler.
Ein Erzählschema ist die abstrahierte lineare Abfolge von Ereignissen und Handlungen auf der histoire-Ebene; die konkrete sprachliche Gestaltung bleibt unberücksichtigt. Aus der Folge „Verbrechen – Suche nach dem Täter – mehrfache Fehlschläge – Verhaftung“ ergibt sich etwa ein einfaches Schema des Kriminalromans. Durch den Vergleich mehrerer Texte lassen sich wiederkehrende Muster und Abweichungen erkennen. Das im Unterricht verbreitete Schema besteht aus Exposition, Hauptteil mit Handlungsentwicklung und dramatischem Höhepunkt beziehungsweise Pointe sowie Schluss. Es stammt aus der Dramenanalyse, geht in Ansätzen auf Aristoteles zurück und wurde 1863 von Gustav Freytag ausformuliert.
Weitere Ansätze verbinden klassische Narratologie unter anderem mit feministischen, kognitiven oder linguistischen Fragestellungen. In der Soziologie wird Erzählen zudem als zentrale menschliche Fähigkeit und als Mittel sozialen Gedächtnisses betrachtet, etwa wenn mündliche Erzähler Mythen, Genealogien, Märchen und Sagen weitergeben; die These, die Menschheitsgeschichte beginne mit der Erfindung des Erzählens, ist jedoch empirisch nicht belegbar.
Christine Brooke-Rose kritisierte 1990, Narratologie werde trivial, wenn sie universell gültige Gesetze sammeln wolle. Als nützlich betrachtete sie die genaue Bestimmung einzelner Mechanismen von Sprache und Text sowie die Hinwendung vom Text als isoliertem Objekt zum Leser. Zugleich bemängelte sie selbstbezügliche Diskussionen und eine zu geringe Aufmerksamkeit für Schwierigkeiten des tatsächlichen Textverstehens.