Zum Inhalt springen
L

Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand

Diskurs

Der Begriff Diskurs (von lateinisch discursus ‚Umherlaufen') wurde ursprünglich in der Bedeutung „erörternder Vortrag“ oder „hin und her gehendes Gespräch“ …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Untersuchungsfelder
  2. 2. Philosophische Grundpositionen
  3. 3. Diskurs bei Habermas
  4. 4. Diskurs, Macht und kritische Analyse
  5. 5. Diskursarten und Dissens bei Lyotard

Bedeutung und Untersuchungsfelder

Ein Diskurs war ursprünglich ein erörternder Vortrag oder ein hin- und her gehendes Gespräch. Seit den 1960er Jahren wird das Wort häufiger für eine besonders sachliche Diskussion verwendet und in Diskurstheorien untersucht. Diese Theorien beschreiben, wie Folgen von Äußerungen entstehen; sie können philosophisch, soziologisch, linguistisch, historisch oder literaturwissenschaftlich arbeiten.

Als Vortrag oder Gespräch gibt es zwei Grundformen: Eine Sprechhandlungssequenz enthält regelmäßig Sprecherwechsel, etwa Frage und Antwort oder Vorwurf und Rechtfertigung. Eine Sprechhandlungsverkettung enthält systematisch keine Sprecherwechsel, etwa Vortrag oder Erzählung. Diskurstheorie wurde zunächst an Printmedien und Texten entwickelt; ihre Weiterentwicklung unter dem Einfluss des digitalen Strukturwandels und für die Medienpädagogik steht noch am Anfang.

Philosophische Grundpositionen

Philosophisch wird „Diskurs“ unterschiedlich verstanden. Jürgen Habermas bezeichnet ihn als „Schauplatz kommunikativer Rationalität“: In einem argumentativen Dialog werden Wahrheit von Behauptungen und Legitimität von Normen verhandelt. Vernünftig ist dabei die von allen Mitgliedern einer Gemeinschaft intersubjektiv, also gemeinsam, anerkannte Wahrheit. Seine Diskurstheorie erhält durch die Anwendung auf das Rechtssystem auch eine demokratietheoretische Bedeutung.

Michel Foucault untersucht, wie moderne Denksysteme entstehen und welche Rolle Macht dabei hat. Diskurs ist bei ihm der Prozess, in dem sich Wahrheiten herausbilden, „in denen wir uns unser Sein zu denken geben“. Was als vernünftig gilt, entsteht aus unpersönlichen und kontingenten Machtwirkungen; ein einzelner Diskurs ist durch bestimmte Regelmäßigkeiten des Sprechens bestimmt.

Jean-François Lyotard versteht Diskurse als verschiedene eigenständige Formen, die nicht durch eine universelle Urteilsregel geordnet werden können.

Diskurs bei Habermas

Habermas unterscheidet kommunikatives Handeln von strategischem Handeln. Kommunikatives Handeln besteht aus verständigungsorientierten Äußerungen, den Sprechakten. Strategisches Handeln richtet sich strikt an eigenen Interessen aus und verhält sich nach Habermas parasitär zum kommunikativen Handeln, dem ursprünglichen Modus des Sprechens.

Beim kommunikativen Handeln erhebt ein Sprecher Geltungsansprüche: propositionale Wahrheit, normative Richtigkeit und subjektive Wahrhaftigkeit. Sie zielen auf das Einverständnis des Gegenübers. Kommt dieses Einverständnis nicht zustande, beginnt der Diskurs: Die erhobenen und kritisierten Geltungsansprüche werden problematisiert und auf ihre Berechtigung geprüft. Diskurs ist damit die „Berufungsinstanz des kommunikativen Handelns“.

Ein rationaler Diskurs soll das freie Prüfen von Themen, Beiträgen, Informationen und Gründen in einem öffentlichen Raum ermöglichen. Seine Diskursregeln sollen eine ideale Sprechsituation schaffen, in der nur der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ und die kooperative Wahrheitssuche gelten. Als Ideal nennt Habermas den herrschaftsfreien Diskurs: Teilnehmer sind prinzipiell gleich, alle Themen und Meinungen dürfen problematisiert werden, und niemand soll vom Publikum ausgeschlossen sein. Kommunikation, die nicht durch Macht oder Hierarchien verzerrt wird, führt ihm zufolge zu rationalen Ergebnissen.

Anders als Foucault hält Habermas an der Priorität einer souveränen Intersubjektivität fest: Bei ihm konstituiert die Intersubjektivität den Diskurs, bei Foucault werden Subjekte erst historisch spezifisch durch Diskurse konstituiert. Kritiker bezweifeln, dass sich herrschaftsfreie Diskurse in modernen Gesellschaften herstellen lassen. Sherry Cavan untersuchte 1966 Gespräche in anonymen Großstadtbars; trotz unterschiedlicher Statusgruppen begegneten sich die Beteiligten dort auf gleicher Augenhöhe, überwiegend herrschte jedoch Smalltalk vor.

Diskurs, Macht und kritische Analyse

Bei Foucault ist Diskurs vereinfacht das sprachlich sichtbare Verständnis von Wirklichkeit einer Kultur oder Epoche. Seine Regeln bestimmen in einem Wissensgebiet, was sagbar ist, gesagt werden soll oder nicht gesagt werden darf sowie wer wann und in welcher Form sprechen darf, zum Beispiel nur wissenschaftlich. Diskursive Praxis umfasst sprachliche Aspekte, also den Diskurs, und nichtsprachliche Aspekte wie politische Institutionen oder Architektur. In anschließenden Theorien kann auch Performativität, der Vollzug körperlicher Darstellungsweisen, dazugehören; bestimmte feministische Theorien fassen etwa Geschlechtsidentität als diskursive Praxis auf.

Diskurs ist ein sprachlich produzierter Sinnzusammenhang, der bestimmte Vorstellungen forciert und zugleich Machtstrukturen und Interessen voraussetzt und erzeugt. Er ist daher nicht bloß Diskussion, sondern erzeugt und strukturiert Realität. Foucault behandelt Diskurse als Praktiken, die systematisch die Gegenstände bilden, von denen sie sprechen.

Das Beispiel „Ausländerflut“ im deutschen Immigrations-Diskurs zeigt dies: Der Ausdruck stellt Immigranten als „Fluten“ dar und verknüpft Einwanderung etwa mit Naturphänomen oder Naturkatastrophe. Diskursanalyse untersucht, wie solche Sprachweisen das Denken über Immigration und Grenzen prägen.

Die Kritische Diskursanalyse, etwa bei Jürgen Link und Siegfried Jäger, knüpft marxistisch an Foucault an. Diskurs bedeutet hier institutionalisierte gesellschaftliche Redeweise, die menschliches Handeln bestimmt. Untersucht werden Form und Inhalt von Äußerungen, ebenso das Nichtgesagte und Unsagbare. Für Jäger besitzt Diskurs eine historische Dimension: Er ist ein Fluss von Rede und Texten, also „Wissen“, durch die Zeit.

Diskursarten und Dissens bei Lyotard

Lyotard unterscheidet kognitive oder wissenschaftliche, ökonomische, philosophische und narrative Diskursarten (genres de discours). Keine Diskursart kann gerecht über andere herrschen. Treffen unterschiedliche Diskursarten aufeinander, entsteht unvermeidlich ein Widerstreit (différend), den Lyotard vom Rechtsstreit (litige) unterscheidet.

Er entwickelt deshalb eine Philosophie des Dissenses: Unterschiedliche Diskurs- und Wissensformen sollen nicht unter einer allumfassenden Idee versöhnt werden. Universalistische Diskurse, also Argumentationssysteme mit Anspruch auf Allgemeingültigkeit, seien im Niedergang; eine übergeordnete Urteilsregel gebe es nicht.

Diskurs kann zwar Legitimierung schaffen, darf nach Lyotard aber nicht erzählend geführt werden. Er spricht vom „Ende der Großen Erzählungen“, die sich nicht zuletzt nach Auschwitz selbst diskreditiert hätten. Auch Diskurs beendet Legitimierung nicht, sonst käme der Dialog nie zu einem Ende. Postmodernes Wissen gründe nicht auf der Übereinstimmung von Experten, sondern auf dem Bedeutungswandel, der Paralogie, der Erfinder. Paralogie bedeutet wörtlich „Widervernünftigkeit“. Aussagen werden nicht dadurch legitimiert, dass sie Konsens ermöglichen; hierin widerspricht Lyotard Habermas und nennt Konsens als Diskussionsziel „blanke Aggression“. Anerkannt werden sollen vielmehr die Heteromorphie wissenskonstituierender Aussagen und die Vielzahl von Lebensformen. Die Nichtübereinstimmung wird so zu gemeinsamem Wissen und kann bisher Unbekanntes hervorbringen, über das im Diskurs bislang geschwiegen wurde.

Lernvideos zu Diskurs

Weiterlesen

Digitale Revolution In Summe wird deutlich: Die einseitige Perspektive von Spitzer verunklart den Blick auf die Chancen und Risiken des Lebens in einer digitalen Welt.“. Medienpädagogik Medienpädagogik umfasst pädagogische Forschung, Entwicklung und die pädagogische Praxis mit Medienbezug. Sie ist auf Individuen und Gruppen im … Referat (Vortrag) Ein Referat ist ein Vortrag über ein Thema, der in einer begrenzten Zeit gehalten wird. Die häufigsten Formen sind mündliche Berichte, Fachvorträge bei … Sprachwissenschaft Die Sprachwissenschaft oder Linguistik (zu lateinisch lingua ‚Zunge', ‚Sprache') untersucht in verschiedenen Herangehensweisen die menschliche Sprache. Jürgen Habermas Habermas beschreibt schließlich die Diskursethik im Anschluss an Kant als eine universalistische Ethik, da die Geltung der von ihr über ein formales Prinzip … Demokratietheorie Demokratietheorien werden vor allem in der Politischen Theorie und Ideengeschichte innerhalb der Politikwissenschaft untersucht. Theorien bestehen aus … Rechtssystem (Soziologie) Alle Versuche, den Primat der Politik über das Recht wiederherzustellen, hält Luhmann für verfehlt. Dieser Befund wird durch die Globalisierung noch … Michel Foucault Michel Foucault [miˈʃɛl fuˈko] (* 15. Oktober 1926 in Poitiers als Paul-Michel Foucault; † 25. Juni 1984 in Paris) war ein französischer Philosoph. Macht Weil Menschen Wünsche, Bedürfnisse, Probleme, Engpässe und Sehnsüchte haben, besitze derjenige potentiell Macht, der sie befriedigen kann. Macht werde … Argument Wer Argumente aufstellt und diese schriftlich oder mündlich vorbringt, argumentiert. In einer Erörterung werden Argumente geprüft und gegeneinander abgewogen. Kommunikation Kommunikation (lateinisch communicatio ‚Mitteilung') ist der Austausch oder die Übertragung von Informationen, die auf verschiedene Arten (verbal, … Aufklärung Es wird meist auf etwa 1650 bis 1800 datiert. Aufklärung und Barock, die oft als Gegensätze gesehen werden, entwickelten sich über Jahrzehnte gleichzeitig im …