Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Hayden White
Hayden Virgil White (* 12. Juli 1928 in Martin (Tennessee); † 5. März 2018 in Santa Cruz (Kalifornien)) war ein amerikanischer Historiker und …
Inhalt6 Abschnitte
Grundidee
Hayden Virgil White (* 12. Juli 1928 in Martin, Tennessee; † 5. März 2018 in Santa Cruz, Kalifornien) war ein amerikanischer Historiker und Literaturwissenschaftler. Bekannt wurde er, weil er Geschichtsschreibung mit Kategorien der Literaturtheorie untersuchte. Sein wichtigstes Buch ist Metahistory (1973), das auch in Deutschland viel diskutiert wurde.
Whites zentrale These lautet: Geschichtsschreibung ist nie nur eine neutrale Sammlung von Fakten, sondern immer auch eine erzählende Darstellung. Sie ist nach White notwendig narrativ, auch wenn sie vorgibt, es nicht zu sein. Historikerinnen und Historiker ordnen Ereignisse, wählen Zusammenhänge aus und geben ihnen eine Form. Dadurch entsteht der „Anschein von Erklärung“. Diese Poetik der Geschichte untersucht, welche Erzählmuster, Erklärungstypen, ideologischen Grundhaltungen und rhetorischen Figuren in historischen Texten wirken.
Leben und Bedeutung
White wuchs in Tennessee und Detroit auf; sein Vater arbeitete in der Automobilindustrie. Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs trat White in die United States Navy ein. Nach dem Krieg studierte er an der Wayne State University, wo er 1951 den B.A. erhielt, und an der University of Michigan, wo er 1952 den M.A. machte und 1956 promoviert wurde.
Er war Professor für „Geschichte des Bewusstseins“ an der University of California, Santa Cruz, und lehrte später Vergleichende Literaturwissenschaft an der Stanford University. In Deutschland wurde er vor allem durch Metahistory bekannt. Außerdem arbeitete er mit dem deutschen Historiker Reinhart Koselleck zusammen. 1991 wurde White in die American Academy of Arts and Sciences gewählt, seit 2000 war er gewähltes Mitglied der American Philosophical Society. Er war mit Margaret Brose verheiratet und hatte eine Tochter und zwei Söhne.
Erzählformen historischer Darstellung
Ein wichtiger Teil von Whites Theorie ist die narrative Modellierung, auch Emplotment genannt. Damit ist gemeint, dass historische Ereignisse in eine bestimmte Erzählform gebracht werden. Diese Erzählform liefert eine Art Erklärung dafür, was die Ereignisse bedeuten. White unterscheidet in Anlehnung an Northrop Frye vier Erzählweisen: Romanze, Tragödie, Komödie und Satire.
Die Romanze erzählt Geschichte als Fortschritt zum Besseren und betont den „ewigen Sieg des Guten über das Böse“. Die Tragödie beschreibt dagegen das Scheitern der Menschheit daran, die Gesellschaft weiterzuentwickeln, und endet mit der Kapitulation vor der Unveränderlichkeit der Dinge. Die Komödie zeigt ein nur partielles Scheitern; am Ende steht eine Versöhnung mit der Gesellschaft, aus der diese verbessert hervorgeht. Die Satire ist der Gegensatz zum romantischen Erlösungsdrama: Auch sie beginnt mit dem Versuch der Weiterentwicklung, endet aber im Scheitern und zeigt dem Menschen sein Unvermögen, die Gesetzmäßigkeiten der Geschichte zu deuten.
Formen der Erklärung
White unterscheidet vier Arten formaler Schlussfolgerungen, also vier Weisen, historische Zusammenhänge erklärend zu ordnen: Formativismus, Organizismus, Mechanismus und Kontextualismus.
Der Formativismus richtet den Blick auf die einzigartigen Eigenschaften der Gegenstände in einem historischen Feld. Im Zentrum stehen die Einzigartigkeit der Handelnden, der Handlung und des Wirkens, nicht der Hintergrund. Eine Erklärung gilt als abgeschlossen, wenn die Gegenstände vollständig identifiziert sind, etwa nach Klasse, Gattung, besonderen Merkmalen und Etiketten. Zu diesen Gegenständen können Individuen, Kollektive, konkrete Dinge und Abstraktionen gehören. White sieht diese Erklärungsform als eher „zerstreuend“ und kritisiert, dass sie zu unpräzisen Begriffen und sehr weiten Generalisierungen neigen kann.
Der Organizismus ist integrativ. Er versteht einzelne Ereignisse als Momente eines größeren synthetischen Geschehens. Individuelle Phänomene erscheinen als Bestandteile größerer Prozesse, deren Einheiten mehr oder anders sind als die Summe ihrer Teile. Organizistische Geschichtsdarstellung neigt laut White zu einer Teleologie, also zu der Vorstellung, dass Geschichte auf ein Ziel zuläuft. Sie spricht lieber von „Prinzipien“ und „Ideen“ als von strengen Gesetzmäßigkeiten.
Der Mechanismus ist ebenfalls integrativ, aber eher reduktiv als synthetisch. Er sucht nach Kausalgesetzen, die historische Ereignisse bestimmen. Historische Gegenstände werden in Teil-Teil-Beziehungen betrachtet; ihre Konfigurationen werden durch Gesetze gelenkt. Der Vorteil mechanistischer Deutungen liegt laut White in begrifflicher Präzision. Der Nachteil ist ein enger Blickwinkel und die Neigung zur Abstraktion.
Der Kontextualismus erklärt Ereignisse, indem er sie in ihren geschichtlichen Kontext einordnet. Er fragt, warum etwas so geschah und nicht anders, indem er Beziehungen zu anderen Ereignissen im jeweiligen Umfeld aufdeckt. Dieses Verfahren nennen Philosophen wie Walsh und Berlin „colligation“, also Verknüpfung. Dabei werden die Fäden gesucht, die ein Individuum oder eine Institution mit der äußeren soziokulturellen Gegenwart verbinden.
Ideologien und Tropen
White unterscheidet vier ideologische Grundpositionen, die historische Interpretation beeinflussen: Anarchismus, Konservatismus, Radikalismus und Liberalismus. Allen ist gemeinsam, dass sie sich auf „Vernunft, Wissenschaft und Realismus“ beziehen und sozialen Wandel als unvermeidlich ansehen. Sie unterscheiden sich aber darin, ob sie Wandel wünschen, welches Ideal des Wandels sie haben, welches Tempo sie für richtig halten, wie sie zeitlich zur Utopie stehen und wie sie das Verhältnis zum gesellschaftlichen Ist-Zustand beurteilen.
Noch grundlegender sind für White rhetorische Figuren, sogenannte Tropen. Die Metapher stellt Gegenstände durch Analogie oder Vergleich dar. Whites Beispiel ist „meine Liebe, eine Rose“: Die Rose steht bildlich für Eigenschaften wie Schönheit, Kostbarkeit und Zartheit, ohne dass Liebe und Rose völlig gleichgesetzt werden.
Die Metonymie bedeutet wörtlich Namenswechsel. Bei ihr steht ein Teil für das Ganze, etwa „fünfzig Segel“ für „fünfzig Schiffe“. Sie ist reduktionistisch, weil das Ganze auf einen Teil oder Aspekt reduziert wird. Die Synekdoche ist dagegen integrativ: Ein Teil wird als Ausdruck eines Ganzen verstanden. Whites Beispiel lautet „Er ist ganz Herz“; „Herz“ bezeichnet hier nicht ein Körperteil, sondern eine Eigenschaft des ganzen Menschen.
Ironie ist für White eine Form der Metapher und ein wesentlich negatorisches Element. Ihr Grundmodus ist die Katachrese, also ein offensichtlich „falscher Gebrauch“ oder eine widersinnige Metapher. Ironie soll die Unzulänglichkeit der eigenen Beschreibung sichtbar machen und kann Misstrauen gegenüber der Wahrheit der eigenen Aussagen ausdrücken. Zusammenfassend gilt bei White: Die Metapher ist darstellend, die Metonymie reduktionistisch, die Synekdoche integrativ, die Ironie negatorisch.
Kombinationen und Werke
White ordnet seine Kategorien zu typischen Verbindungen. Als „natürliche Verbündete“ nennt er unter anderem: Metapher, Romanze, formativistische Erklärung und anarchistische Implikation; Metonymie, Tragödie, mechanistische Erklärung und radikale Implikation; Synekdoche, Komödie, organizistische Erklärung und konservative Implikation; Ironie, Satire, kontextualistische Erklärung und liberale Implikation. Beispiele für solche historischen oder philosophischen Darstellungsweisen sind bei White Michelet und Nietzsche, Tocqueville und Karl Marx, Ranke und Hegel sowie Burckhardt und Croce.
Das Schema bietet rechnerisch 256 Kombinationsmöglichkeiten. White verfeinerte es später und betonte, dass besonders interessante oder klassische Texte oft durch ein spannungsreiches Wechselspiel verschiedener Tropen geprägt sind.
Zu seinen wichtigen Schriften gehören Metahistory: The Historical Imagination in Nineteenth-Century Europe (1973), Tropics of Discourse: Essays in Cultural Criticism (1978), The Content of the Form: Narrative Discourse and Historical Representation (1987), Figural Realism: Studies in the Mimesis Effect (1999) und The Fiction of Narrative: Essays on History, Literature, and Theory, 1957–2007 (2010). Deutsche Übersetzungen sind unter anderem Metahistory. Die historische Einbildungskraft im 19. Jahrhundert in Europa, Auch Klio dichtet oder die Fiktion des Faktischen und Die Bedeutung der Form.