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Entwicklungstheorie
Eine Entwicklungstheorie will – ausgehend von der neoevolutionistischen Grundannahme einer zwangsläufigen „Höherentwicklung“ – erklären, warum bestimmte …
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Gegenstand und zentrale Begriffe
Eine Entwicklungstheorie erklärt ausgehend von der neoevolutionistischen Grundannahme einer zwangsläufigen „Höherentwicklung“, warum bestimmte Regionen oder Staaten – besonders Entwicklungs- und Schwellenländer – im wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt hinter Industriestaaten zurückbleiben. Zugleich soll sie zeigen, an welchen Punkten Entwicklungspolitik ansetzen kann, um Entwicklung auszulösen oder zu beschleunigen.
Grundsätzlich wird zwischen endogenen und exogenen Theorien unterschieden. Endogen bedeutet, dass die Ursachen innerhalb des betreffenden Landes liegen. Sozialer Wandel ist endogen, wenn eine soziale Struktur aus sich selbst heraus die Elemente zu ihrer Überwindung hervorbringt. Exogene Theorien suchen die Ursachen dagegen außerhalb des Landes, vor allem in der Ausbeutung und Abhängigkeit von Industriestaaten. Probleme wie Korruption gelten in diesen Theorien eher als Folgen der Abhängigkeit.
Die verwendeten Bezeichnungen wandelten sich häufig wegen negativer Konnotationen: Vom 15. bis zum 18. Jahrhundert standen sich etwa Okzident und Orient beziehungsweise Alte und Neue Welt gegenüber. Bis 1945 sprach man von Kolonialmächten und Kolonien, in den 1940er bis 1960er Jahren von Industriestaaten und Entwicklungsländern beziehungsweise modernen und traditionellen Gesellschaften. In den 1970er Jahren kamen Begriffe wie Erste Welt, Dritte Welt, Norden, Süden, Zentrum und Peripherie auf. In den 1980er Jahren wurden unter anderem junge Industrieländer, Schwellenländer und wenig entwickelte Länder unterschieden; in den 1990er Jahren etwa postindustrielle Gesellschaften, Vierte Welt, fragile states und failed states.
Postkoloniale Autoren kritisieren Entwicklung als ideologisches und autoritäres Konzept. Sie fordern Alternativen, die den Wachstumszwang vermeiden, traditionelles Wissen einbeziehen und die Subsistenzwirtschaft gegenüber marktwirtschaftlich-kapitalistischen Strukturen erhalten oder aufwerten. Auch die partnerschaftliche Nord-Süd-Forschungszusammenarbeit entwickelt solche Alternativen.
Endogene Erklärungen und ihre Modelle
Befürworter endogener Theorien sehen Unterentwicklung als Übergangsstadium, das die Industrieländer bereits durchlaufen haben. Die Wirtschaft dieser Länder sei meist auf den primären Sektor beschränkt, also auf Agrarwirtschaft, Viehzucht, Fischerei und Bergbau. Großfamilien, Sippen und Stämme bildeten weiterhin wichtige gesellschaftliche Grundlagen. Historisches Wissen über die Entwicklung der Industriestaaten soll helfen, entwicklungshemmende Faktoren zu erkennen und den Prozess zu verkürzen.
Als zentrales Hindernis gilt der Mangel an Kapital. Gemeint ist neben Sachkapital zunehmend auch Humankapital, etwa Leistungsfähigkeit, Ausbildung und Know-how. Geringe Einkommen führen zu niedrigen Sparquoten; politische und soziale Instabilität begünstigt Kapitalflucht und schwächt die Investitionen zusätzlich. Albert O. Hirschman beschrieb eine „Stagnationsmentalität“, nach der nur bei sehr großen Gewinnaussichten investiert werde. Ländervergleiche zeigen die Bedeutung des politischen, institutionellen und sozialen Rahmens. Besonders robuste Eigentumsrechte, eine Begrenzung des Zugriffs politischer und gesellschaftlicher Eliten auf Eigentum sowie glaubwürdiger Schutz vor Enteignung stehen mit höheren Spar- und Investitionsquoten und stärkerem Wirtschaftswachstum in Zusammenhang. Reformen können jedoch Verteilungseffekte haben und deshalb kurzfristigen Interessen einflussreicher Gruppen widersprechen.
Ein hohes Bevölkerungswachstum kann Wohlstandsgewinne aufzehren: Obwohl das Bruttoinlandsprodukt in Entwicklungsländern in den vergangenen Jahrzehnten oft stark wuchs, stieg das Pro-Kopf-Einkommen wegen des Bevölkerungszuwachses nur halb so stark. Bevölkerungswachstum verhindert Entwicklung nicht grundsätzlich; westeuropäische Industriestaaten entwickelten sich während ihrer Bevölkerungsexplosion im 18. und 19. Jahrhundert besonders dynamisch. Wirtschaftliche Entwicklung senkt nach bisherigen Erfahrungen die Geburtenrate. Die Vereinten Nationen und das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sehen hohe Bevölkerungsdynamik außerdem als möglichen Grund für Rückschritte beim wirtschaftlichen und sozialen Fortschritt sowie für eine Verschlechterung der sozialen und politischen Stabilität.
Modernisierungstheorien entstanden seit den 1950er Jahren. Sie nehmen an, dass Entwicklungsländer grundsätzlich denselben Weg wie Industrieländer einschlagen, aber langsamer. Als Hindernisse gelten traditionelle Institutionen, mangelnde Mobilität und eine unzureichende Bereitschaft zu rationalem und innovativem Handeln. David Lerner vertrat einen sozialpsychologischen Ansatz. Modernisierung bedeutet die Umwandlung traditioneller Institutionen und Verhaltensweisen in westlich-moderne Formen, etwa durch Reformen des Rechts, des politischen Systems und des Bildungswesens. Da die Ursachen im Land selbst liegen, wird Hilfe von außen, insbesondere Entwicklungshilfe und Investitionen, als Lösung empfohlen.
Walt Whitman Rostows Stufenmodell unterscheidet fünf Wachstumsstadien: die traditionale Gesellschaft, die Gesellschaft im Übergang, das Stadium des wirtschaftlichen Aufstiegs („take off“), die Entwicklung zur Reife und das Zeitalter des Massenkonsums. In der Übergangsphase entstehen durch technische und ökonomische Forschung, Infrastruktur- und Handelsausbau die Voraussetzungen des Aufschwungs. Im „take off“ setzt sich die industrielle Entwicklung mit neuen, kontinuierliches Wachstum sichernden Industrien durch. Die Reife bereitet etwa durch Fließbandproduktion den Massenkonsum vor. Stufenvorstellungen gab es bereits bei Karl Marx.
Der strukturalistische Ansatz verlangt, die Armut jedes Landes einzeln zu untersuchen. Unterentwicklung sei Ergebnis eines historischen, grundsätzlich umkehrbaren Prozesses. Der Kolonialismus habe einen modernen, exportorientierten Wirtschaftssektor geschaffen, der vom Ausland abhängig sei, während die Binnenwirtschaft vielfach auf Subsistenzwirtschaft beruhe. Dieser Dualismus könne durch veränderte Rahmenbedingungen überwunden werden.
Kreislaufmodelle erklären Stagnation als sich selbst verstärkenden Prozess. Der „Teufelskreis der Armut“ reproduziert ein stationäres Gleichgewicht; in kybernetischer Sprache handelt es sich um negative Rückkopplung. Boudon sprach von reproduktiven und kumulativen Prozessen. André Gunder Frank kritisierte bei Ansätzen von Gunnar Myrdal und Seth S. King einen Zirkelschluss: Arme seien arm, weil sie arm seien, und Reiche reich, weil sie reich seien. Kreiskausalität kann außerdem Verarmung, Polarisation, Agglomeration oder Segregation erklären. Nach Robert K. Merton können Fatalismus oder Apathie aus einer Diskrepanz zwischen kulturellen Zielen und verfügbaren Mitteln entstehen.
Die Geodeterminismustheorie führt Unterentwicklung auf ungünstige geografische Bedingungen zurück, etwa Binnenlage, hohe Transportkosten, Transitgebühren, geringe Fläche, Dürren, große Kälte, schwankende Niederschläge, große Jahrestemperaturamplituden, minderwertige Böden oder ungünstige Höhen- und Hanglagen. Auch fehlende Rohstoffe und fossile Energieträger können die Entwicklung bremsen. Jared Diamond betont dagegen die Vorteile des Mittelmeerraums durch seine globale Querachse von Gibraltar bis China und den leichteren Zugang zu Nutzpflanzen und Nutztieren.
Die Ressourcenfluchtheorie beschreibt negative Folgen von Rohstoffreichtum. Stark von mineralischen oder fossilen Rohstoffen abhängige Länder wachsen oft langsamer als rohstoffarme Länder. Gründe können eine sinkende Wettbewerbsfähigkeit anderer Wirtschaftszweige, staatlicher Missbrauch der Rohstoffeinnahmen und zu geringe Bildungsinvestitionen sein. In Afrika können Erlöse aus Coltan oder Diamanten Konflikte finanzieren. Beim Beispiel Ecuador erschweren schwankende Ölpreise den Aufbau unabhängiger Wirtschaftsstrukturen. In Boomphasen verdrängt die Erdölindustrie andere Branchen durch höhere Löhne und Preise; bei Preisstürzen, etwa 1983 oder Mitte der 2000er Jahre, werden auch die geschwächten Nicht-Ressourcen-Industrien getroffen. Dieses Phänomen heißt „Holländische Krankheit“.
Exogene Erklärungen und internationale Handelsbeziehungen
Exogene Theorien suchen die Ursachen der Unterentwicklung außerhalb der betroffenen Länder, insbesondere in ihrer historischen und aktuellen Ausbeutung durch Industriestaaten.
Raúl Prebischs Theorie der langfristigen Verschlechterung der Terms of Trade untersucht die Austauschbedingungen zwischen Rohstoff- und Fertigwarenlieferanten. Entwicklungsländer exportieren überwiegend Nahrungsmittel und Rohstoffe und importieren industrielle Erzeugnisse; bei Industrieländern gilt die umgekehrte Spezialisierung. Entwicklungsländer müssen nach dieser Theorie zunehmend mehr Primärgüter exportieren, um dieselbe Menge industrieller Waren zu erhalten. Begründet wird dies unter anderem durch:
- die niedrige Einkommenselastizität der Nachfrage nach Primärgütern: Bei steigenden Einkommen wächst ihre Nachfrage unterproportional;
- die hohe Einkommenselastizität industrieller Güter: Ihre Nachfrage nimmt bei wachsenden Einkommen überproportional zu;
- den starken Wettbewerb auf Primärgütermärkten, weil die Güter homogen und leicht ersetzbar sind und viele Länder nur wenige Exportprodukte anbieten;
- die hohe Preiselastizität der Nachfrage nach Primärgütern, wodurch Preiserhöhungen wegen anderer Anbieter schwer durchsetzbar sind;
- die niedrige Preiselastizität industrieller Güter, weil es für sie weniger gleichwertige Alternativen gibt;
- unterschiedliche Produktivitätsfortschritte: Mehr Produktion bei Primärgütern erhöht bei nahezu gleichbleibender Nachfrage das Angebot und senkt die Preise, während industrielle Fortschritte häufig qualitative Verbesserungen, höhere Preise und höhere Löhne ermöglichen.
Fair Trade soll dieser Entwicklung teilweise entgegenwirken.
Abhängigkeit, Imperialismus und Dependenz
Die Abhängigkeitstheorien, auch Dependenztheorien genannt, entstanden Mitte der 1960er Jahre in Lateinamerika, nachdem die klassische Entwicklungspolitik gescheitert war. Sie wenden sich besonders gegen Modernisierungstheorien. Im Zentrum-Peripherie-Modell sind Industriestaaten das Zentrum und die abhängigen Länder die Peripherie. Unterentwicklung gilt nicht als inneres Übergangsstadium, sondern als Folge der historischen Eingliederung in die kapitalistische Weltwirtschaft, in der koloniale Strukturen fortbestehen. Das heutige Welthandelssystem wird deshalb als neokolonialistisch bewertet.
Entwicklungsländer müssen wegen Devisenmangels Rohstoffe und Plantagenprodukte möglichst billig exportieren. Eine reiche Minderheit importiert dagegen westliche Industrieprodukte, die im Inland mangels Technologie und Kapital nicht hergestellt werden können. Daraus können Außenhandelsdefizite und weitere Abhängigkeit entstehen. Diese Minderheit bildet häufig die politische Elite, profitiert vom bestehenden System und vergrößert die Kluft zur armen Bevölkerungsmehrheit. Kredite und Infrastrukturprojekte aus Industriestaaten können nach dieser Sicht als Kapital in westliche Volkswirtschaften zurückfließen und neue Abhängigkeiten erzeugen.
Der marxistische Ansatz beansprucht globale Gültigkeit. Unterentwicklung sei im kapitalistischen System strukturell überall ähnlich, für dessen Fortbestehen notwendig und daher innerhalb des Kapitalismus nicht überwindbar. Abhängigkeit sei kein Übergang, sondern ein historischer Endpunkt der kapitalistischen Entwicklung der Peripherie. Eine Lösung wird nur durch den Zusammenbruch des Kapitalismus und eine Revolution erwartet.
Imperialismustheorien wurden zwischen 1900 und 1920 unter anderem von John Atkinson Hobson, Rudolf Hilferding, Lenin und Rosa Luxemburg entwickelt und in den 1960er Jahren im Zusammenhang mit den Dependenztheorien wiederbelebt. Nach Lenin ist Imperialismus das damalige Stadium des Kapitalismus. Internationale Konzerne bestimmen die Arbeitsteilung, verlagern Produktionsstätten in die Peripherie, halten Löhne niedrig und begrenzen Weiterbildung und Technologiezugang. Entscheidungen bleiben vor allem im Zentrum. Ungleicher Tausch und ausländische Direktinvestitionen führen zu Gewinn- und Kapitalabflüssen aus der Peripherie.
Kritiker bemängeln, dass Imperialismus- und Dependenztheorien Arbeitskräftewanderungen, Technologietransfer und Währungsbeziehungen ausblenden, empirisch nicht ausreichend abgesichert seien und sich politisch weitgehend auf Revolution oder vollständige Abkopplung vom Weltmarkt beschränkten. Außerdem vernachlässigten Dependenztheorien interne Hindernisse wie Korruption oder sich bereichernde Diktatoren. Umgekehrt erklärten sie den Entwicklungsvorsprung der Industrieländer und deren Fähigkeit zur Unterwerfung der Peripherie nicht ausreichend.
Gesamtkritik an Entwicklungstheorien
Die Gegensätze zwischen den einzelnen Theorieströmungen haben sich abgeschwächt, weil zunehmend alle Entwicklungstheorien als unzureichend gelten. Ihnen wird vorgeworfen, die Realität nicht plausibel und widerspruchsfrei zu erklären, monokausal zu argumentieren und lokal wichtige Bedingungen durch einen globalen Gültigkeitsanspruch auszublenden.
Kritik an Modernisierungstheorien richtet sich insbesondere gegen die Annahme, die westeuropäische Entwicklung sei ein allgemeingültiges Vorbild. Sie könnte vielmehr eine singuläre historische Entwicklung oder nur ein möglicher Entwicklungspfad sein. Außerdem erklärten diese Theorien nicht ausreichend, warum Industrieländer sich schneller entwickelten; ihre kulturelle Innovationsfähigkeit werde oft vorausgesetzt. Bei Stufentheorien seien die Kriterien der einzelnen Stufen nicht genau definiert, und es sei zweifelhaft, ob Zentrum und Peripherie parallel verlaufen.
Insgesamt werden Entwicklungsprobleme heute eher als komplexes Zusammenwirken naturräumlicher, demografischer, sozialer, politischer, religiöser, endogener und exogener Faktoren verstanden. Für eine angemessene Erklärung müsse die historische Betrachtung weiter als nur wenige Jahrhunderte zurückreichen. Das gesamte Konzept der Entwicklungstheorie gilt zudem als grundsätzlich eurozentrisch. Diese Kritik wird auch in der Nord-Süd-Forschungszusammenarbeit zwischen Forschenden des Globalen Nordens und des Globalen Südens aufgegriffen.
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