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Nord-Süd-Forschungszusammenarbeit

Nord-Süd-Forschungszusammenarbeit beschreibt die Zusammenarbeit zwischen Forschenden aus Ländern aus dem Globalen Norden und dem Globalen Süden.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Ziel
  2. 2. Entwicklung und Forschungsansätze
  3. 3. Gleichberechtigte Partnerschaften
  4. 4. Nachhaltigkeit und Finanzierung
  5. 5. Kritik und Verbesserungen
  6. 6. Programme und Organisationen

Bedeutung und Ziel

Nord-Süd-Forschungszusammenarbeit ist die Zusammenarbeit von Forschenden aus Ländern des Globalen Nordens und des Globalen Südens. Sie soll wirtschaftliche, soziale und kulturelle Grenzen überwinden. Durch verschiedene Perspektiven können Fragen in dynamischen und komplexen Kontexten untersucht werden, auch wenn Ungewissheiten bestehen oder Themen mit unterschiedlichen Werten, Interessen und Machtansprüchen verbunden sind.

Sie kann neue Erkenntnisse für Entwicklungstheorien und den Wandel zu nachhaltiger Entwicklung liefern. Ihr Ziel ist, Lösungen für lokale und globale Probleme zu entwickeln. Dafür werden globale Herausforderungen nicht nur aus Sicht des Globalen Nordens, sondern auch aus Perspektiven von Entwicklungsländern betrachtet.

Entwicklung und Forschungsansätze

Frühe Entdeckungs- und Forschungsreisen dienten vor allem der Erschließung neuer Kolonien und der Erweiterung von Handelsbeziehungen. Mit der Entkolonialisierung entstand Mitte des 20. Jahrhunderts die Entwicklungszusammenarbeit. Für Wissens- und Technologietransfer wurden erste Forschungszentren in Entwicklungsländern aufgebaut.

Seit den 1990er-Jahren weitete sich mit neuen Entwicklungstheorien und der Debatte über nachhaltige Entwicklung der Blick von wirtschaftlicher Entwicklung auf soziale und ökologische Aspekte aus. Forschungswarnungen trugen zu diesem Paradigmenwechsel bei, unter anderem der Brundtland-Bericht. Um globale Probleme umfassend zu verstehen, werden interdisziplinäre und transdisziplinäre Ansätze benötigt: Interdisziplinär bedeutet die Zusammenarbeit mehrerer Wissenschaftsdisziplinen; transdisziplinär verbindet Wissenschaft zusätzlich mit Praxisbereichen. Globale Forschungspartnerschaften und stärkere Forschungsnetzwerke im Globalen Süden sind dafür wichtig. Gleichberechtigte Zusammenarbeit wird auch in Anti- und Dekolonisations-Debatten gefordert und verbindet Forschung mit Entwicklungszusammenarbeit.

Gleichberechtigte Partnerschaften

Nachhaltige Entwicklung erfordert Zusammenarbeit zwischen Forschenden verschiedener Länder und Disziplinen sowie mit Akteuren aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Verwaltung und Politik. Langjährige, vertrauensvolle und gleichberechtigte Partnerschaften machen Forschung effizienter und resilienter, also widerstandsfähiger. Während Krisen wie der COVID-19-Pandemie kann laufende Forschung dadurch besser fortgesetzt werden; neue Vorhaben können auf bestehende Kooperationen aufbauen.

Gleichberechtigung ist auch ethisch notwendig, um „Ethics Dumping“ zu vermeiden. Gemeint ist die Ausbeutung oder Ausnutzung von Forschenden in schwächeren Positionen. Mitsprache, Forschungsrisiken, persönliche Vorteile wie Autorenschaft, Karriereförderung und Löhne sowie der gesellschaftliche Nutzen sollen gerecht verteilt sein. Beim «Acces and Benefit sharing» sollen alle beteiligten Forschenden, Institutionen und Länder Zugang zu erzeugten Daten erhalten und am gesellschaftlichen Nutzen sowie am finanziellen Gewinn daraus teilhaben.

Die Schweizerische Kommission für Forschungspartnerschaften mit Entwicklungsländern (KFPE) hat 11 Prinzipien als Leitfaden für gleichberechtigte Forschungspartnerschaften definiert. Diese Prinzipien haben internationalen Vorbildcharakter.

Nachhaltigkeit und Finanzierung

Für die Entwicklungsziele der 2030 Agenda ist internationale Forschung zu nachhaltiger Entwicklung erforderlich. Nord-Süd-Forschung hilft, Herausforderungen aus verschiedenen Perspektiven zu erfassen und Lösungen an unterschiedliche Bedürfnisse und Prioritäten anzupassen. Sie ist meist angewandte Forschung, also Forschung mit einem konkreten Beitrag zur nachhaltigen Entwicklung. Auch Grundlagenforschung ist möglich, wird aber überwiegend im Globalen Norden betrieben. Forschungsnetzwerke im Globalen Süden werden teilweise von Grundlagenforschung ausgeschlossen.

Finanziert wird die Zusammenarbeit durch staatliche Forschungsförderung, private Stiftungen, Philanthropinnen und Philanthropen sowie Unternehmen. Die Finanzierung ist schwierig, weil sich die Forschung zwischen den Bereichen Forschung und Entwicklungszusammenarbeit bewegt, deren Projektanforderungen unterschiedlich sein können. Transdisziplinäre Vorhaben passen zudem oft nicht in die Förderung einer einzelnen Disziplin. Angewandte Forschung im Globalen Süden wird teilweise gegenüber Grundlagenforschung an renommierten Institutionen des Globalen Nordens als weniger hochwertig bewertet und entsprechend weniger gefördert.

Kurzfristige Projekte, Mandate und der Druck auf schnelle, kostengünstige Ergebnisse erschweren langfristige Partnerschaften sowie nachhaltige Kompetenzen und Strukturen vor Ort. Deshalb werden zusätzlich langfristige Förderinstrumente benötigt. In der Schweiz sind der Schweizerische Nationalfonds, das Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation sowie die Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit wichtige Geldgeber.

Kritik und Verbesserungen

Ein Kritikpunkt lautet, Nord-Süd-Forschung erreiche nicht die Qualität, Unabhängigkeit oder Publikationsleistung disziplinärer Grundlagenforschung an renommierten Einrichtungen des Globalen Nordens. Sie sei zu anwendungsorientiert. Dem wird entgegengehalten, dass wissenschaftliche Leistung nicht nur am Impact Factor von Publikationen, sondern auch am gesellschaftlichen Nutzen gemessen werden sollte.

Umgekehrt gilt Nord-Süd-Forschung Praxisakteuren teilweise als zu theoretisch und nicht unmittelbar anwendbar. Das verdeutlicht ein Dilemma angewandter Forschung: Für die Wissenschaft kann sie als nicht exzellent genug, für die Praxis als zu theoretisch erscheinen. Bei gut umgesetzten Projekten kann die Praxis jedoch von wissenschaftlichen Erkenntnissen profitieren, während die Forschung durch aktuelle Entwicklungsprobleme neue Anregungen erhält.

Weitere Kritik betrifft die geringe Berücksichtigung traditionellen Wissens, lokaler kultureller Vorstellungen, unterschiedlicher Denksysteme und Glaubensvorstellungen in westlich geprägter Forschung. Dies könne wichtiges Wissen ausblenden und eine Form des Neokolonialismus darstellen. Zunehmend gibt es Ansätze, solche Perspektiven einzubeziehen.

Auch die Einteilung in Nord und Süd wird als vereinfachende Dichotomie kritisiert: Unterschiede zwischen Ländern verlaufen graduell und mehrdimensional, etwa bei Finanzkraft, technologischem Standard und Forschungskapazitäten. Dennoch sollen bestehende Unterschiede in der Forschung benannt werden. Paternalistische Vorstellungen und eine überwiegend nördliche Finanzierung können Gleichberechtigung zusätzlich gefährden. Der KFPE-Leitfaden soll partnerschaftliche Zusammenarbeit, gegenseitiges Lernen und Wissenszirkulation statt einseitigen Wissenstransfers stärken. Vereinbarungen zu «Acces und benefit sharing» und Maßnahmen gegen Ethics Dumping sollen außerdem verhindern, dass lokale oder junge Forschende vor allem riskante Feldarbeit leisten, aber kaum an Publikationen und prestigeträchtigen Auftritten beteiligt werden.

Programme und Organisationen

In der Schweiz fördern mehrere Programme globale Forschungszusammenarbeit. SPIRIT unterstützt grenzüberschreitende, teamorientierte Forschung mit Ländern des Globalen Südens und orientiert sich am KFPE-Leitfaden. Die 2008 gestarteten bilateralen Kooperationsprogramme sollen die globale Forschungs- und Innovationszusammenarbeit der Schweiz vertiefen.

SUDAC (2017–2024) unterstützte Schweizer Hochschultypen und Partner im Globalen Süden bei Bildung, Forschung und Innovation zu globalen Herausforderungen. TRANSFORM (2020–2030) fördert durch die DEZA angewandte inter- und transdisziplinäre Forschung von Forschenden aus der Schweiz und dem Globalen Süden gemeinsam mit Praktikern wie NGOs, Ministerien, Stiftungen und Privatsektorpartnern. Ziel sind nachhaltige Entwicklung und Armutsreduktion.

SOR4D (2022–2026) ist ein Programm von DEZA und SNF für lösungsorientierte Ansätze unter Beteiligung von Forschung, Praxis und Politik. R4D (2012–2022) finanzierte 57 Forschungsprojekte zur nachhaltigen Entwicklung zwischen Forschenden aus der Schweiz sowie Afrika, Asien und Lateinamerika. Frühere Programme waren der Nationale Forschungsschwerpunkt Nord-Süd (2001–2013) sowie Echanges Universitaires und Jeunes Chercheurs (2001–2011).

International wirken unter anderem TWAS, die African Academy of Sciences, das Institute of Development Studies, COHRED, GDN, IDRC und der International Science Council. Schweizer Organisationen und Institutionen sind beispielsweise die KFPE, SUDAC, das Centre for Development and Environment der Universität Bern, SwissTPH, ETH4D und das Zentrum für Afrikastudien der Universität Basel.

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