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Postkolonialismus
Postkolonialismus (englisch post-colonialism; auch postkoloniale Theorie (post-colonial theory) oder postkoloniale Studien (post-colonial studies)) ist eine …
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Grundidee und Forschungsfeld
Postkolonialismus, auch postkoloniale Theorie oder postkoloniale Studien, ist eine geistige und politische Strömung. Sie entwickelte sich seit Mitte des 20. Jahrhunderts in der Auseinandersetzung mit europäischem Kolonialismus und Imperialismus und wird dem Poststrukturalismus zugerechnet. Als „dialektisches Konzept“ verbindet sie zwei Perspektiven: die Dekolonialisierung und politische Souveränität ehemaliger Kolonien einerseits sowie das Fortbestehen imperialistischer Strukturen etwa in Politik und Ökonomie andererseits.
Postkoloniale Ansätze erforschen Kultur und Identität von Nationen und Bevölkerungsgruppen, die durch Kolonialisierung geprägt wurden. Sie kommen unter anderem in Geographie, Gender Studies, Geschichts-, Kultur- und Literaturwissenschaft, Politikwissenschaft, Soziologie, Religionswissenschaft und Theologie vor. Ihr emanzipatorisches Ziel ist, kulturelles Wissen kritisch neu zu rekonstruieren. Manche Theoretiker verstehen dies zugleich als Widerstandsform, andere betonen die Transformation postkolonialer und kolonisierender Gesellschaften oder Wiederversöhnung (reconciliation). Einflussreich war die Subaltern Studies Group.
Entstehung und zentrale Annahmen
Erste Denkansätze gab es 1947, als Indien sich vom British Empire trennte und als unabhängiger Staat dem Commonwealth of Nations beitrat. Seit den 1950er Jahren wuchs das Interesse linker Intellektueller an der „Dritten Welt“. Ab Mitte der 1970er Jahre etablierte sich die kritische Untersuchung der zuvor lange positiv bewerteten Kolonialisierungsgeschichte an Universitäten als interdisziplinäre Theorie.
Als wegweisend gilt Edward Saids Orientalism von 1978, obwohl Said darin den Begriff „Postkolonialismus“ nicht verwendet. Seine erste zentrale These lautet: Westliche „Orientexperten“ hätten fremde Kulturen als unterlegenes Anderes konstruiert und damit erst geschaffen. Zweitens sei dieses Wissen genutzt worden, um koloniale Machtstrukturen zu festigen und zu legitimieren, indem es als alternativloser Bildungskanon den kolonisierten Menschen vermittelt wurde. Der Begriff weitete sich seit den 1980er Jahren von der politischen Unabhängigkeit ehemaliger Kolonien auf die Untersuchung aller Formen kolonisierter Kulturen in Geschichte und Gegenwart aus.
Grundannahme ist, dass Kolonien zwar politisch befreit, aber weiter durch eurozentrische Sichtweisen beherrscht seien; dies wird als kolonialer Blick bezeichnet. Kolonisierung wird als gewaltförmiger Kulturkontakt verstanden: Militärische Gewalt, Sprache und Wissen hätten eroberte Kulturen umgeformt oder zerstört. Europäische Wissenschaft habe scheinbar neutral bestimmt, was etwa „orientalisch“, „asiatisch“, „westlich“ und „europäisch“ sei, dabei aber eurozentrische Maßstäbe angelegt.
Fortwirkende Macht und Verflechtung
Die Dominanz der Kolonialmächte wirkte sich besonders durch Jurisdiktion und Religion aus, etwa durch europäisches Recht und Missionierung. Genannt werden die Ermordung schwarzer Schamanen und Voodoo-Houngans im Sklavenhandel sowie die Verbrennung heidnischer Bilder und Schriften durch christliche Missionare in Südamerika. Auch nach der politischen Unabhängigkeit blieben ehemalige Kolonien geistig geprägt; im Kalten Krieg lehnten sie sich etwa an eine der beiden Supermächte an. Als Beispiele für ein postkoloniales Erbe nennt der Text die europäisch-nordamerikanische Prägung von Olympischen Spielen und Weltmeisterschaften sowie Cricket auf den Westindischen Inseln.
Der Rückgriff kolonisierter Menschen auf scheinbar eigene Traditionen gilt deshalb als problematisch: Diese Traditionen können durch westliche Definitionsmacht geprägt, umgeformt oder erst geschaffen worden sein. Ihre Authentizität wird dadurch nicht gemindert, doch ihre Reproduktion kann historische westliche Deutungsmacht festschreiben. Das Präfix post- bedeutet daher nicht einfach „nach“ dem Kolonialismus, sondern verweist auf komplex verschränkte Wechselwirkungen. Die Aneignung des konstruierten Wissens durch Kolonisierte kann nach diesem Ansatz Transformationspotential und Widerstand ermöglichen.
Verflechtungsgeschichte („entangled history“) untersucht zudem, wie Kolonialismus auch die Kolonialmächte formte. Michael Bergunder zufolge hatte der sogenannte Westen wegen seiner Verflechtung mit den Kolonien keine autonome Geschichte; Identitätsbildungen von Kolonisierenden und Kolonisierten waren miteinander verflochten. Seit den 1990er Jahren entwickelten sich in den USA im akademischen Diskurs zudem Critical Whiteness Studies als kritische Perspektive auf Weißsein.
Fragen, Reichweite und Grenzen
Postkoloniale Theorie fragt nach dem Fortleben kolonialistischen Denkens, nach gesellschaftlichen, kulturellen und wirtschaftlichen Folgen der Kolonialzeit sowie nach Unterdrückung, Widerstand, Geschlecht und Migration. Sie untersucht auch, ob neue Nationalismen und Abgrenzungen gegenüber früheren Kolonialstaaten nach gewonnener Autonomie entstanden. Sie richtet sich auf weiterhin bestehende Machtgefüge und das Ideal einer „transnationalen sozialen Gerechtigkeit“.
Der Ansatz ist nicht geographisch begrenzt: Minderheiten weltweit nutzen ihn zur Reflexion von Unterdrückungsstrukturen. Kolonialmächte und Kolonien sollen gleichermaßen als Teil einer globalen Verflechtung verstanden werden. Deshalb werden Gegensatzpaare wie Demokratie–Despotie, zivilisiert–primitiv, fortschrittlich–rückschrittlich und rational–irrational dekonstruiert, also auf ihre vorausgesetzten Hierarchien hin kritisch zerlegt.
Schwierig ist die Anwendung auf zerfallene multiethnische Reiche wie das Osmanische Reich oder das Habsburgerreich. Die daraus entstandenen Staaten sind oft heterogen, teils a-national und vormodern geprägt und durch multiple Identitäten sowie überlappende Machtgefüge gekennzeichnet. 2014 erhielt die Universität Kassel den ersten politikwissenschaftlichen Lehrstuhl Deutschlands für postkoloniale Studien; er ist mit Aram Ziai besetzt. Die Deutung der Besiedlung Palästinas und der Gründung Israels als Kolonialherrschaft, vertreten etwa von Achille Mbembe oder Judith Butler, ist umstritten und wird verbreitet als antisemitisch bezeichnet.
Auseinandersetzung mit dem Marxismus
Marxistische Kritik wirft dem Postkolonialismus vor, kulturelle Probleme zu stark zu betonen und ökonomische Ursachen des Kolonialismus zu vernachlässigen. Um koloniale Abhängigkeiten auch in der Globalisierung zu erklären, seien Imperialismustheorien und ökonomische Erklärungen nötig; neben Kultur spielten Staat und Kapital eine wichtige Rolle. Eine klare Trennung beider Ansätze ist jedoch nicht immer möglich: Stuart Hall vertritt marxistische Standpunkte, während Homi K. Bhabha sich eher auf antiessentialistische Modelle von Laclau und Mouffe bezieht.
Vivek Chibber kritisierte 2013 in Postcolonial Theory and the Specter of Capital, deutsch 2018 als Postkoloniale Theorie und das Gespenst des Kapitals, besonders die Subaltern Studies Group. Er hält ihr vor, die Universalisierung des Kapitals falsch erfasst zu haben, selbst Orient-Klischees zu reproduzieren und westlichen Liberalismus sowie Kapitalismus geschichtlich unzutreffend darzustellen. Zugleich erkennt er ihre Arbeiten zur Kolonialgeschichte Indiens an. Sein Gegenargument lautet, Kapitalismus könne sich mit unterschiedlichen Kulturen und Handlungsweisen arrangieren, ohne Gesellschaften vollständig zu vereinheitlichen.
Postkoloniale Kritiker wie Dipesh Chakrabarty bezeichnen den universalistischen Marxismus dagegen als eurozentrisch, weil er eine weltweit einheitliche Entwicklung des Kapitalismus annehme. Sie betonen kulturelle Faktoren und lokale Traditionen. Ranajit Guha argumentiert, das indische Bürgertum habe anders als das europäische keine liberalen Werte und keine Rolle als Vorkämpfer der Demokratie übernommen; seine Herrschaft sei von unteren Klassen nicht akzeptiert worden.