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Subsistenzwirtschaft

Die traditionelle Subsistenzwirtschaft der indigenen Völker Alaskas – Fischen, Jagen, Sammeln – wird gesetzlich geschützt und genießt Vorrang gegenüber markt …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Grundidee und Abgrenzung
  2. 2. Kennzeichen und soziale Organisation
  3. 3. Entwicklung und Verbreitung
  4. 4. Selbstversorgung und Semi-Subsistenz messen
  5. 5. Umwelt, Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Bedeutung

Grundidee und Abgrenzung

Subsistenzwirtschaft, auch Selbstversorgungs- oder Bedarfswirtschaft, ist eine vorwiegend landwirtschaftliche Wirtschaftsform. Wirtschaftssubjekte decken ihren Bedarf ganz oder teilweise durch Eigenfertigung oder durch Naturentnahme, also etwa durch Anbau, Fischfang, Jagd oder Sammeln. Sie ist wichtig, weil sie Menschen und Gemeinschaften ein Auskommen ermöglichen kann, das weniger von Geld, Märkten und Importen abhängt.

Reine Subsistenzwirtschaft liegt vor, wenn die gesamte Produktion ausschließlich dem Eigenbedarf dient. Bei erweiterter Subsistenz hat der Eigenbedarf Vorrang, Überschüsse werden aber verkauft. Ausschließliche Subsistenzproduktion ist heute selten, da manche notwendigen Güter nur arbeitsteilig hergestellt und auf lokalen Märkten beschafft werden können.

Die traditionelle Subsistenzstrategie ist nicht marktorientiert, weist keine ausgeprägte Arbeitsteilung und kein Profitstreben auf. In der Marktwirtschaft werden Güter, Dienstleistungen oder Arbeitsleistungen dagegen für den Fremdbedarf verkauft; das Einkommen dient dann zum Kauf anderer Güter und zur Zahlung von Steuern. Auch in Subsistenzwirtschaften können Teile der Erzeugnisse verkauft oder im Tausch gegen nicht selbst herstellbare Güter getauscht werden.

Träger können Privathaushalte, Unternehmen oder der Staat sein. Landwirtschaftliche Haushalte produzieren beispielsweise für den eigenen Bedarf und verkaufen den Rest auf dem Agrarmarkt. Auch Fischerei, Jagd, Forstwirtschaft und heute teilweise die Energiewirtschaft können subsistenzwirtschaftlich betrieben werden. Bis auf den Bergbau kann damit die gesamte Urproduktion Grundlage der Subsistenzwirtschaft sein. In Entwicklungsländern, besonders in Afrika und Lateinamerika, stammen bis zu 50 % der Agrarproduktion aus ihr.

Kennzeichen und soziale Organisation

Subsistenzwirtschaft ist auf Selbstversorgung und die unmittelbare Sicherung des notwendigen Lebensunterhalts ausgerichtet; in Agrarstaaten herrscht sie weiterhin vor. Sie umfasst Wirtschaftsformen, die nicht hauptsächlich für Tausch oder Markt produzieren, sondern für Eigenbedarf, Abgaben und reziproke Transaktionen. Reziprozität bedeutet Gegenseitigkeit: Mittel zum Leben werden wechselseitig bereitgestellt. Dieses Prinzip ist auch ein Leitbild der „moral economy“.

Der Soziologe Niklas Luhmann bezeichnete die Subsistenzwirtschaft 1988 als Gegenbegriff zur Marktwirtschaft: Sie läuft ohne nennenswerte monetäre Vermittlung, also weitgehend ohne Geldmechanismus, ab. Produktion und Konsumtion sind nicht klar getrennt, wenn primär für den Eigenbedarf produziert wird. Subsistenzwirtschaft kann in geschlossenen Systemen oder ökologischen Einheiten stattfinden und muss weder individuell noch familiär organisiert sein; sie kann auch ganze Regionen mit Vernetzung umfassen.

Typische lokale Gemeinschaften sind Wildbeuter, Feldbauern und, weniger ausgeprägt, Hirtennomaden. Bei ihnen überwiegt häufig weiterhin eine autarke, traditionelle Produktion. Reine Subsistenz erfordert laut Artikel weniger Anstrengung als eine auf Überschüsse ausgerichtete Wirtschaftsweise.

Entwicklung und Verbreitung

Die Subsistenzwirtschaft steht am Anfang des Wirtschaftens: Bauern produzierten früh für den eigenen Bedarf, Jäger und Sammler sicherten den Bedarf ihrer Sippen. Jagen, Fischen und Sammeln sind die älteste traditionelle Wirtschaftsform der Menschheit. Diese aneignende oder extraktive Lebensweise beeinflusst die Reproduktion natürlicher Ressourcen nicht gezielt und bewusst; dennoch konnten Jäger und Sammler über lange Zeiträume relevante Auswirkungen auf die Ökosysteme ihres Lebensraums haben.

In Mitteleuropa erfolgte von der Altsteinzeit bis 6000 vor Christus durch Brandrodung der Wälder der Wechsel zur bäuerlichen Wirtschaftsweise. In Palästina, dem Ostjordanland und angrenzenden Steppen betrieben nomadische Bevölkerungen Subsistenz-Ackerbau und Viehzucht; Überschüsse wurden auf lokalen Märkten getauscht.

Ein Beispiel ist das eisenzeitliche Dorf Izbet-Sartah bei Rosch haAjin in Israel um 1200 v. Chr. Etwa 100 Einwohner machten 320 Hektar Land urbar, davon 180 Hektar Ackerfläche und den Rest Weideland. Das Klima konnte jährlich bis zu 53 Tonnen Weizen und 21 Tonnen Gerste ermöglichen. Als Hinweis auf Subsistenzwirtschaft gelten die Lage abseits regionaler Handelsstraßen und fehlende Kontakte zu anderen Gemeinden. Im 10. Jahrhundert v. Chr. veränderte sich das Wirtschaftshandeln der Landbevölkerung dort hin zu einer auf die Bedürfnisse des Staates ausgerichteten Marktwirtschaft.

In der Antike und noch lange danach lebten 90 % der Bevölkerung von Subsistenzwirtschaft. Um 1500 nach Christus war ungefähr die Hälfte der bewohnbaren Landfläche der Erde von Jägern und Sammlern besiedelt. Mit der Urbanisierung brauchten Stadtbewohner Agrarprodukte der Bauern. Dadurch entstand Überschussproduktion, während Handwerker Güter und Dienste für Bauern bereitstellten. In überregional bedeutsamen Zentralorten wurde gezielt für den Handel produziert.

In Deutschland prägte die „erweiterte Subsistenzwirtschaft“ das Wirtschaftsleben noch bis in die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts. Max Weber stellte 1922 die Bedarfswirtschaft der Erwerbswirtschaft gegenüber und nannte Familien, gemeinnützige Stiftungen und Forstgemeinschaften als Beispiele. Reine und erweiterte Subsistenz dominieren weiterhin weitgehend die zweite, Dritte und Vierte Welt; zu Beginn des 21. Jahrhunderts lebten mehr als 40 % der Weltbevölkerung, besonders in Entwicklungsländern, subsistenzorientiert.

Selbstversorgung und Semi-Subsistenz messen

Auf der Makroebene wird die erweiterte Subsistenzwirtschaft eines Staates mit dem Selbstversorgungsgrad Sv gemessen. Er zeigt, ob die heimische Produktion Pw ausreicht, die inländische Nachfrage beziehungsweise den Verbrauch V zu decken:

Sv = (Pw / V) · 100 %.

Verbrauch bedeutet den Verzehr von Gütern und Dienstleistungen zur direkten oder indirekten Bedürfnisbefriedigung. Ein Selbstversorgungsgrad von 100 % bedeutet vollständige Autarkie. Unter 100 % sind Importe erforderlich, über 100 % führen zu Export oder Lagerung. Importabhängigkeit kann politische oder wirtschaftliche Abhängigkeit sowie ein Zahlungsbilanzdefizit bewirken. Bei Waren, die ein Land nicht selbst herstellen kann, etwa Tropenfrüchten in Industriestaaten, beträgt der Selbstversorgungsgrad 0 %.

Semi-Subsistenz bezeichnet besonders in Osteuropa kleine landwirtschaftliche Familienbetriebe, die lokale Vermarktung mit Eigenbedarfsproduktion verbinden. Ihr Verhalten ist eher bedarfs- als wettbewerbsorientiert. Zur Abgrenzung dienen physische Maßzahlen, wirtschaftliche Größe und Marktbeteiligung. Häufig gilt eine Nutzfläche von unter fünf Hektar als Maßzahl. Nach Eurostat liegt reine Subsistenz bei einem jährlichen Produktionswert unter 1200 Euro (= 1 EGE), kleine Semi-Subsistenz bei 1200 bis 9600 Euro (= 8 EGE). Wissenschaftliche Studien nehmen oft an, dass weniger als 50 % der Produktion verkauft werden.

Die Zahl solcher Betriebe hängt deshalb von den national verwendeten Definitionen ab. 2007 waren in Lettland, Litauen, der Slowakei, Ungarn, Bulgarien und Rumänien mindestens 95 % aller landwirtschaftlichen Betriebe kleiner als 8 EGE. Von 2005 bis 2007 produzierten in der Slowakei, Ungarn, Rumänien, Lettland, Bulgarien, Slowenien, Litauen und Estland mindestens die Hälfte der Betriebe über 1 EGE überwiegend für den Eigenbedarf. In Kroatien bewirtschafteten beim EU-Beitritt im Juli 2013 knapp 70 % der Betriebe weniger als 5 ha; mehr als die Hälfte produzierte nur für den Eigenbedarf. Semi-Subsistenz ist außerdem am Südrand der EU in Griechenland, Portugal, Spanien und besonders Italien häufig.

Diese Betriebe wirken als Puffer gegen Armut, fördern landwirtschaftliche Vielfalt und bieten ökologische sowie andere nicht-gewerbliche Vorteile. Ihre Pufferfunktion ist besonders in neuen EU-Mitgliedstaaten und bei relativ armen landwirtschaftlichen Haushalten ausgeprägt. Sie werden zunehmend auch wegen nachhaltiger Entwicklung, kultureller Vielfalt, traditioneller Anbaumethoden, Lebensmittelspezialitäten und ländlichem Tourismus positiv bewertet.

Umwelt, Nachhaltigkeit und wirtschaftliche Bedeutung

Traditionell subsistenzwirtschaftende Gemeinschaften sind laut Biodiversitätskonvention der UNO auf intakte Ökosysteme angewiesen, denen sie das Lebensnotwendige entnehmen. Die Konvention erkennt ihre Lebensweisen als in besonderem Maße nachhaltig an und hält fest, dass sie die biologische Vielfalt nicht verringern. Weil diese Gemeinschaften unmittelbar auf ein bestimmtes Gebiet angewiesen sind, haben sie ein direktes Interesse an dessen Schutz und an der Stabilität des Ökosystems.

In Nachhaltigkeitsdebatten der Industriestaaten, besonders in wachstumskritischen Diskussionen über eine Postwachstumsökonomie, gilt eine teilweise Rückkehr zur Subsistenzwirtschaft als mögliche Maßnahme gegen soziale und ökologische Probleme. Gemeinschaftsgärten und urbane Landwirtschaft sollen eigene Ressourcen wie Zeit, Kompetenzen und soziale Interaktion aktivieren. Moderne Subsistenz umfasst dabei eigene Produktion, Gemeinschaftsnutzung und die Verlängerung der Nutzungsdauer von Gütern.

Die Nahrungsmittelproduktion dient vor allem der Versorgung von Privathaushalten, nicht dem Gewinn. Subsistenzwirtschaft geht häufig mit Naturalwirtschaft einher und unterscheidet sich von Verkehrs- oder Marktwirtschaft, in der Güter und Dienstleistungen üblicherweise gegen Geld getauscht werden. Bei Marktanteilen bis zu 25 % des Rohertrages wird im weiteren Sinn noch von Subsistenzwirtschaft gesprochen. Nach dieser Definition beträgt ihr Anteil an der Agrarproduktion in Lateinamerika 30–40 %, in Afrika über 50 %, in Deutschland 11 % und in den USA 3 %.

In Industrie- und Schwellenländern ist sie eine Zusatzsicherung. Obwohl mehr als 40 % der Weltbevölkerung durch Bedarfswirtschaft weitgehend unabhängig und selbstbestimmt leben, sind bis zu 1,2 Milliarden dieser Kleinbauern akut von Hunger und Armut betroffen. Besonders in überbevölkerten oder stark übernutzten Regionen ist Subsistenzwirtschaft keine zukunftssichere Alternative.

Sie kann Verbindlichkeiten und Importabhängigkeit vermindern. Erneuerbare Energien wie Windenergie, Solarenergie und Wasserkraft können im eigenen Land erzeugt werden und gelten daher als moderne Form der Subsistenzwirtschaft. Privathaushalte können Strom für den Eigenbedarf produzieren, Überschüsse nach § 19 EEG ins Stromnetz einspeisen oder nach § 21a EEG direkt vermarkten. Auch Nutz- oder Schrebergärten, Do it yourself, Gefälligkeitsarbeiten und Nachbarschaftshilfe können als urbane Subsistenz zur Eigenversorgung beitragen.

Lernvideos zu Subsistenzwirtschaft

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