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Indianer

Indianer ist eine Sammelbezeichnung für die bei weitem größte Gruppe der bereits vor der europäischen Kolonialisierung in Amerika lebenden Menschen.

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Bedeutung und Bezeichnungen
  2. 2. Besiedlung und Kulturen vor der Kolonisierung
  3. 3. Kolonisierung und Bevölkerungsverluste
  4. 4. Bevölkerung, Reservate und aktuelle Gefährdungen
  5. 5. Sprache, Religion und kulturelle Identität
  6. 6. Politik, Wirtschaft und Bildung

Bedeutung und Bezeichnungen

„Indianer“ ist eine Sammelbezeichnung für die bei weitem größte Gruppe der Menschen, die schon vor der europäischen Kolonialisierung in Amerika lebten. Nicht dazu zählen die Ureinwohner der arktischen Regionen, die als Eskimos und Aleuten bezeichnet werden, sowie gemischte Ethnien wie Métis. Der Begriff geht auf Christoph Kolumbus zurück: Er glaubte 1492 bei Hispaniola, in „Indien“, genauer in Champa im Süden Vietnams, angekommen zu sein. Obwohl Amerigo Vespucci diesen Irrtum 1502 aufklärte, blieb die Bezeichnung erhalten.

Die Benennung ist unterschiedlich bewertet. Im Spanischen wird indio heute meist als abwertend empfunden; verbreitet sind indígenas oder pueblos indígenas. Im Englischen kann Indian sowohl Menschen aus Indien als auch Angehörige indigener Völker Amerikas meinen; deshalb wurde seit etwa 1650 American Indian verwendet. Native Americans ist ebenfalls verbreitet. In Kanada wird oft First Nations beziehungsweise Premières Nations gebraucht, wobei diese umfassenderen Begriffe auch Inuit, Unangan und Yupik einschließen können.

Im Deutschen werden „Inder“, „Indianer“ und meist auf Mittel- oder Südamerika bezogen „Indio“ unterschieden. „Indianer“ gilt in der Fachdebatte vielfach als weniger belastet als Indian oder indio, dennoch wird wegen der kulturellen Vielfalt häufig die konkrete Selbstbezeichnung eines Volkes bevorzugt. Manche nordamerikanischen Indigenen verwenden American Indian bewusst als Selbstbezeichnung, etwa bei gemeinsamen politischen Rechten und Protesten. Eine übergreifende Selbstbezeichnung gab es vor der Kolonisierung meist nicht, weil die vielen Gesellschaften sich nicht als ein einheitliches Volk des gesamten Kontinents verstanden.

Besiedlung und Kulturen vor der Kolonisierung

Die Besiedlung Amerikas erfolgte in mehreren Einwanderungswellen über mindestens 16.000 Jahre. Die wichtigste Route führte von Sibirien über die damalige Landbrücke Beringia nach Alaska und weiter nach Süden. Genetische Untersuchungen von 2012 verorten den Ursprung der ältesten Einwanderer im südlichen Altai-Gebirge und datieren die Trennung auf vor 13.400 Jahren. Drei Einwanderungswellen werden angenommen; die erste brachte nahezu alle indianischen Völker hervor.

Die Gesellschaften passten sich sehr unterschiedlichen Lebensräumen an. Es gab nomadische Wildbeuter, Fischer, Jäger und Sammler ebenso wie sesshafte Ackerbauern und städtische Kulturen. Seit etwa 7000 v. Chr. wurden unter anderem Mais, Kürbis und Kartoffeln angebaut. Zu den wichtigen Züchtungs- und Kultivierungserfolgen zählen außerdem Avocado, Tomate, Ananas, Paprika, Tabak, Alpakawolle und das Meerschweinchen. Die Viehzucht beschränkte sich vor allem auf Lama und verwandte Kameloide, Hausmeerschweinchen, Truthahn und Hund. Das Rad wurde nicht als Verkehrsmittel genutzt; Lasten transportierte man zu Fuß, mit Wasserfahrzeugen oder in Nordamerika mit von Hunden gezogenen Travois.

In Nordamerika reichen gesicherte Funde in Alaska 12.000 bis 14.000 Jahre zurück. Die Paisley-Höhlen zeigen, dass die frühesten Bewohner nicht zur lange als älteste geltenden Clovis-Kultur gehörten. Ab etwa 2000 bis 1000 v. Chr. verbreiteten sich Keramik, Ackerbau und unterschiedliche Formen der Sesshaftigkeit. Komplexe Gemeinwesen entstanden etwa im Gebiet von Mississippi und Ohio; im Südwesten bestanden Pueblos mit bis zu 500 Räumen. Um die Großen Seen gab es befestigte Großdörfer, Konföderationen und Fernhandel.

In Mesoamerika ermöglichten Bewässerung und Süßwassergewinnung hohe Bevölkerungsdichten. Bedeutende Zentren waren die Maya-Städte, Teotihuacán und später das aztekische Reich. Teotihuacán war zwischen 100 und 600 n. Chr. kulturelles, wirtschaftliches und politisches Zentrum; zwischen 450 und 650 lebten dort möglicherweise bis zu 200.000 Menschen. Die Sonnenpyramide entstand um 100, misst an der Grundfläche 222 mal 225 Meter und ist rund 65 m hoch. Ende des 14. Jahrhunderts errichteten die Azteken, die sich Mexica nannten, ein tributpflichtiges Großreich mit Tenochtitlan als Hauptstadt.

In Südamerika bestanden früh städtische und landwirtschaftliche Kulturen. Die Pyramide von Sechín Bajo wurde auf 3200 v. Chr. datiert, die Stufenpyramide von Caral auf 2627 v. Chr. Später prägten unter anderem Chavín, Nazca, Mochica, Tiwanaku, Wari und Chimú die Region. Die Inka schufen von etwa 1200 bis 1532 ein Reich, das im 15. Jahrhundert seine größte Ausdehnung erreichte.

Kolonisierung und Bevölkerungsverluste

Ab 1492 nahmen europäische Staaten den Doppelkontinent schrittweise in Besitz. Die Kolonisierung verlief regional verschieden: Spanien eroberte die Großreiche Lateinamerikas innerhalb weniger Jahrzehnte, während im Norden zunächst Handel überwog und dauerhafte Kolonien an der Ostküste erst nach 1600 entstanden. Hernán Cortés zerstörte das Aztekenreich mit etwa 500 Spaniern und zahlreichen indigenen Verbündeten; Francisco Pizarro unterwarf das Inkareich zunächst mit weniger als 200 Spaniern.

Die indigene Bevölkerung brach durch Kriege, Zwangsarbeit, Umsiedlungen, Sklavenjagd und besonders eingeschleppte Krankheiten zusammen. Pocken, Masern und Grippe trafen auf Menschen ohne ausreichende Abwehrkräfte. Schätzungen zur Bevölkerung von 1492 sind stark umstritten: Sie reichen von kaum mehr als 8 Millionen bis über 110 Millionen; jüngere Schätzungen nennen grob 50 Millionen Menschen. Der Tiefpunkt der Bevölkerung wurde erst in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts erreicht. Zahlreiche Völker, Sprachen und Kulturen verschwanden. Die Bezeichnung „amerikanischer Holocaust“ ist wegen einer möglichen Relativierung des Holocausts an den europäischen Juden umstritten.

In den spanischen Kolonien sollten Indigene seit 1503 in Encomiendas zusammengefasst, missioniert und als Arbeitskräfte eingesetzt werden. Die Leyes de Burgos von 1512/13 erklärten sie zwar nicht zu Sklaven, erlaubten aber Arbeitszwang gegen Entlohnung. Das Repartimiento ab 1549 stellte Arbeitskräfte für Landwirtschaft sowie Gold- und Silberminen wie Potosí bereit. In Brasilien jagten bandeirantes Indigene für den Sklavenmarkt. Missionare zerstörten vielfach kulturelle und religiöse Traditionen, dokumentierten aber zugleich indigene Sprachen; dadurch blieb beispielsweise Guaraní erhalten und ist heute Amtssprache in Paraguay.

Auch nach den Unabhängigkeitsbewegungen um 1800 setzte sich die Binnenkolonisation fort. In den USA zwang der Indian Removal Act Völker zur Aufgabe ihres Landes östlich des Mississippi; der Pfad der Tränen steht für diese Vertreibung. Reservate, Zwangsumsiedlungen, die Vernichtung von Bisons und die Trennung von Kindern in Internatsschulen dienten der Assimilierung. Traditionelle Rituale wie Sonnentanz und Potlatch waren bis in die 1950er Jahre verboten; die letzten Internatsschulen wurden erst in den frühen 1980er Jahren geschlossen. 2024 bat US-Präsident Joe Biden wegen der Misshandlungen an von der US-Regierung betriebenen Internaten um Verzeihung.

Widerstand blieb bedeutsam. Die Mapuche bewahrten mit Verbündeten große Teile Patagoniens bis zum späten 19. Jahrhundert vor Kolonisierung. Der Vertrag von Quillín von 1641 erkannte eine unabhängige Mapuche-Nation an und bestimmte den Bío-Bío-Fluss als Grenze. Erst die Kriege von 1860 bis 1881 in Chile und Argentiniens „Wüstenkampagne“ von 1878 bis 1884 gliederten das Gebiet gewaltsam ein.

Bevölkerung, Reservate und aktuelle Gefährdungen

Die indigene Bevölkerung ist ungleich verteilt. In Nordamerika leben rund 3,5 bis 4 Millionen Indianer. In Kanada galten 2006 knapp 700.000 Menschen, 2,1 % der Bevölkerung, als Indianer; 615 Stämme in rund 3000 Reservaten waren anerkannt. In den USA gab es 566 bundesrechtlich anerkannte Stämme, die 0,97 % der Bevölkerung stellten, sowie rund 245 nicht anerkannte Stämme. Etwa 85 % der US-Indianer lebten laut Volkszählung 2000 außerhalb von Reservaten, meist in Städten.

In Lateinamerika leben 65 bis 70 Millionen Indianer, etwa die Hälfte in Mexiko und ein Drittel in den Andenländern. Die Zahlen beruhen teils auf weniger scharfen Abgrenzungen zur übrigen Bevölkerung. Für Mexiko wird der Anteil der indigenen Bevölkerung auf 30 % der über 100 Millionen Einwohner geschätzt; in Bolivien auf 55 %, darunter 30 % Quechua und 25 % Aymara. In Peru sind es 45 %, in Ecuador 25 %. Dagegen liegt der Anteil in Brasilien unter 1 %, in Argentinien unter 3 % und in Uruguay gibt es fast keine Indianer. Reservate gibt es in Mittel- und Südamerika vor allem in Brasilien, Kolumbien, Panama, Paraguay und Venezuela.

Reservate heißen in Kanada reserves und in den USA reservations. Kanadische Reservatsgrenzen wurden zwar nach Befragung der Indigenen, aber ohne deren Beteiligung an der Entscheidung festgelegt. In den USA wurden ab 1830 viele Stämme westlich des Mississippi umgesiedelt und teils mit kulturell weit entfernten Gruppen in ein Reservat gezwungen.

Besonders bedroht sind lokale Gemeinschaften durch Abholzung, Agrarindustrie, Rohstoffabbau, Staudämme und Einschränkungen von Fischerei- und Jagdrechten. In Brasilien werden etwa 67 isolierte Gruppen vermutet; weltweit sollen es rund 100 isolierte indigene Gruppen geben. Sie sollen vor weiterem Kontakt geschützt werden, weil neue Krankheiten für sie lebensgefährlich sein können.

Sprache, Religion und kulturelle Identität

Die indigenen Sprachen Amerikas umfassen Dutzende Sprachfamilien und viele isolierte Sprachen; eine allgemein anerkannte Einteilung in größere Familien gibt es nicht. Na-Dené- sowie eskimo-aleutische Sprachen unterscheiden sich deutlich von anderen Sprachfamilien. Eigene Schriftsysteme entwickelten nur Kulturen Mesoamerikas, besonders Olmeken, Maya, Mixteken, Zapoteken und Azteken. Der Cascajal-Stein mit 62 Zeichen auf 36 mal 21 cm wird in das frühe 1. Jahrtausend v. Chr. datiert und gilt als möglicher Beleg für ein olmekisches Schriftsystem.

Die Kolonialpolitik reichte von Vernachlässigung bis zur Unterdrückung der Sprachen. Missionsorden lernten und dokumentierten einige Sprachen, während in nordamerikanischen Schulen indigene Sprachen lange strikt verboten waren. Die Termination-Politik zur Auflösung der Stammesverbände gab dieses Ziel erst 1958 auf. Heute gibt es Wiederbelebungsversuche. Cree hat in Kanada 60.000 bis 90.000 Sprecher, Navajo im Südwesten der USA rund 150.000. Mexiko erkennt 62 nationale indigene Sprachen an; 2005 nannten mehr als sechs Millionen Bewohner über fünf Jahren eine davon als Muttersprache. In Südamerika existieren von schätzungsweise 1500 vorkolumbianischen Sprachen noch etwa 350; Aymara hat etwa 2,2 Millionen Sprecher. Bolivien, Paraguay, Ecuador und Peru erkennen eine oder mehrere indigene Sprachen zusätzlich zum Spanischen als Amtssprache an.

Die religiösen Traditionen beruhten meist auf Animismus, also der Vorstellung einer Allbeseeltheit von Naturerscheinungen. Natur, Jahreslauf, Tiere, Pflanzen, Himmel und Sterne hatten große Bedeutung. Häufig waren Schöpfungsmythen, gemeinsame Vorfahren aus dem Tierreich und teilweise die Vorstellung einer unpersönlichen Lebensenergie. Religion war orts- und verwandtschaftsbezogen und erhob keinen universellen Anspruch. Hochkulturen entwickelten Priesterherrschaften und große öffentliche Rituale. Missionierung führte vielerorts zu katholischen oder protestantischen Einflüssen und zu synkretistischen Mischreligionen; die Native American Church wird wegen der Verehrung eines Rauschmittels auch Peyotismus genannt.

Kulturelle Identität stützt sich besonders auf Sprache, Rituale und überlieferte Subsistenzstrategien, also Formen der Selbstversorgung. Die Vielfalt wurde durch jahrhundertelange Kolonisierung stark verringert und fragmentiert. Es gibt keine unbeeinflussten Stämme mehr, ausgenommen isolierte Gruppen Südamerikas und einige Gemeinschaften in weitgehend unberührten Amazonasgebieten. Die Lage reicht von weitgehender Assimilation bis zur Pflege oder Wiederbelebung einzelner Traditionen und einer neuen panindianischen Identität. Die häufig als allgemein traditionell dargestellte Mother-Earth-Philosophie gilt zwar vielen als verbindendes Symbol, ist nach dem Artikel aber keine korrekte Darstellung einer ursprünglichen gemeinsamen Vorstellung.

Politik, Wirtschaft und Bildung

In Kanada und den USA vertreten staatliche Behörden und indigene Organisationen die Interessen der Bevölkerung. In Kanada ist die Assembly of First Nations eine Dachorganisation; Stammesräte verwalten Archive und verhandeln Verträge. In den USA besitzen viele Stämme seit den 1930er Jahren Selbstverwaltungsrechte und führen in Reservaten Polizei und Gerichte. Konflikte bestehen besonders um Landrechte, kollektives Eigentum, Rohstoffe und politische Souveränität. Armut, Krankheiten, Alkohol- und Drogenprobleme, Zwangsumsiedlungen und die Gefährdung der Subsistenzwirtschaft belasten viele Gemeinschaften. In den USA liegt die Selbstmordrate laut Artikel 70 % über dem Landesdurchschnitt; bei indianischen Jugendlichen von 15 bis 24 Jahren ist sie dreimal so hoch wie bei amerikanischen Altersgenossen.

Wirtschaftlich bleiben Jagd, Fischerei und Landwirtschaft in manchen Regionen wichtig, sind aber durch sinkende Bestände und wirtschaftliche Nutzung gefährdet. Arbeitsplätze entstehen auch durch Selbstverwaltung, Tourismus, Kunsthandwerk, Energie- und Rohstoffprojekte. In Nordamerika haben Kasinos an Bedeutung gewonnen: 2008 gab es in Kanada 17 Kasinos, in den USA über 400 Indianerkasinos in 27 Bundesstaaten. Sie beschäftigten rund eine halbe Million Menschen und setzten 2005 etwa 20 Milliarden Dollar um. In den USA verpflichteten sich vier Pharmakonzerne nach einer Klage von 400 Stämmen im Januar 2022 zu 590 Millionen US-Dollar für einen Entschädigungsfonds.

Bildung ist wegen großer Entfernungen, ländlicher Lage, bürokratischer Hürden und der Dominanz von Kolonialsprachen oft schwer zugänglich. In Kanada erreichten laut Regierungsbericht nur rund 27 % der 15- bis 44-Jährigen ein post-secondary certificate, diploma oder degree; in der übrigen Bevölkerung waren es 46 %. Nach Auflösung der Internatssysteme seit den 1960er Jahren übernahmen vielfach indigene Gruppen selbst Schulen. Seit 2003 gibt es in Regina in Saskatchewan eine nationale First-Nations-Universität. In Bolivien wird seit 1994 interkulturell und zweisprachig unterrichtet; Anfang 2007 erhielten rund 1,2 Millionen Schüler staatliche Hilfen.

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