Wikipedia · einfach zusammengefasst · Stand
Dialekt
Im deutschen Sprachgebiet erwirbt ein Dialektsprecher ab seinem Eintritt in die Grundschule eine zusätzliche normierte Standardsprache (Standarddeutsch).
Inhalt6 Abschnitte
Begriff und wissenschaftliche Einordnung
Ein Dialekt oder eine Mundart ist eine lokale oder regionale Sprachvarietät. Er kann sich von anderen Dialekten und von der Standardsprache in allen Sprachbereichen unterscheiden: in der Phonologie (Lautsystem), Morphologie (Formenlehre), Syntax (Satzlehre), Lexik (Wortschatz) und Idiomatik (typischen festen Ausdrucksweisen). Ein Akzent betrifft dagegen nur Aussprache und Betonung.
Die Dialektologie beschreibt und untersucht Dialekte. Auch die Soziolinguistik, die sich mit dem Verhältnis zwischen Sprache und Gesellschaft befasst, beschäftigt sich mit ihnen. Literarische Werke, die in einem Dialekt verfasst sind, werden als Dialektliteratur bezeichnet.
Abgrenzung von Sprache und Dialekt
Dialekte sind örtliche Ausprägungen einer Sprache und bilden häufig ein Dialektkontinuum: Zwischen benachbarten Orten bestehen meist nur kleine Unterschiede, während die Abweichungen mit wachsender Entfernung zunehmen. Eine allgemeingültige, rein wissenschaftliche Grenze zwischen Sprache und Dialekt gibt es jedoch nicht. Die Bezeichnungen können wertend und politisch beeinflusst sein. Im deutschen Alltagsgebrauch gilt „Sprache“ oft als höherwertig als „Dialekt“. Auch „Hochdeutsch“ wird häufig als Qualitätsbegriff verstanden, obwohl die Bezeichnung ursprünglich auf Sprachvarietäten aus geografisch höher gelegenen Gebieten verwies.
Für die Einordnung spielen mehrere Faktoren eine Rolle: das Selbstverständnis der Sprecher, eigene Literatur, gegenseitige Verständlichkeit, der Status als Amtssprache und politische Interessen. Die Anerkennung als eigene Sprache kann etwa für die Legitimation eines Staatsgebiets wichtig sein. Konflikte darüber gab oder gibt es unter anderem beim Korsischen, Valencianischen, Katalanischen und Okzitanischen. Max Weinreich fasste die politische Dimension 1945 in dem Satz zusammen: „Eine Sprache ist ein Dialekt mit einer Armee und einer Marine.“ Jede Varietät muss daher im Einzelfall beurteilt werden.
Dachsprache, Abstand und Ausbau
Eine Standardsprache oder Standardvarietät kann als Dachsprache über den Dialekten eines Sprachraums stehen. Sie ermöglicht die Verständigung zwischen Menschen, deren weit voneinander entfernte Dialekte nur schwer gegenseitig verständlich sind. Ein Dialekt kann sich auch zu einer regionalen Standardsprache entwickeln, wenn er als Verkehrs-, Handels- oder Dachsprache verschiedene Dialektregionen verbindet. Dialekte werden vor allem gesprochen und nur selten geschrieben; die Standardsprache ist dagegen überörtlich und überregional verwendbar.
Heinz Kloss unterscheidet drei wichtige Begriffe. Eine Abstandsprache weicht sprachlich deutlich von anderen Varietäten ab. Das Baskische besitzt beispielsweise großen Abstand zu den benachbarten romanischen Sprachen und Dialekten; auch Sorbisch und Deutsch gelten als Abstandsprachen. Eine objektive Messung dieses Abstands ist wegen der vielen möglichen Kriterien allerdings sehr schwierig.
Eine Ausbausprache ist eine Varietät mit einer eigenständigen, standardisierten Schriftform, die außer in der Belletristik auch beispielsweise in wissenschaftlicher Fachliteratur verwendet wird. Jiddisch und Mazedonisch gelten als Ausbausprachen. Bairisch, Meißenisch und die schweizerdeutschen Dialekte gelten dagegen nicht als solche, weil ihnen eine allgemein anerkannte überregionale Schriftvarietät und ein entsprechend breiter schriftlicher Gebrauch fehlen. Luxemburgisch wird häufig als Ausbausprache angesehen, obwohl es etwa in Verwaltung, Hochschulwesen und Printmedien gegenüber Französisch und Hochdeutsch nur wenig Raum einnimmt.
Ein dachloser Dialekt ist eine Varietät, die sprachlich als eigene Sprache gelten könnte, deren Sprecher aber keine Beziehung mehr zur entsprechenden Standardvarietät haben oder die Standardsprache einer anderen Sprache verwenden. Beim Niederdeutschen sind dies Hochdeutsch in Norddeutschland beziehungsweise Niederländisch in den nordöstlichen Niederlanden. Ob solche Varietäten eigene Sprachen sind, bleibt oft umstritten. Niederdeutsch ist jedoch von den norddeutschen Bundesländern und den Niederlanden als eigenständige Regionalsprache im Sinne der EU-Charta der Minderheitensprachen anerkannt.
Auch gegenseitige Verständlichkeit liefert keine eindeutige Grenze. Sie reicht stufenweise von vollständigem Verstehen bis zur Unverständlichkeit und hängt unter anderem von Fremdsprachenkenntnissen, Erfahrungen und der Bereitschaft zum Verstehen ab. Dänisch und Norwegisch sind besonders schriftlich relativ leicht gegenseitig verständlich, gelten aber als zwei Sprachen. Zudem kann Verständlichkeit einseitig sein: Ein Sprecher des Walliserdeutschen versteht Standarddeutsch meist besser als ein Sprecher des Standarddeutschen ein rein walliserdeutsches Gespräch. Dialektsprecher im deutschen Sprachgebiet erwerben ab der Grundschule zusätzlich Standarddeutsch und sind daher meist mindestens zweisprachig.
Arten und Gliederung der Dialekte
Eugenio Coseriu unterscheidet drei Dialekttypen. Ein primärer Dialekt besteht mindestens so lange wie die vorherrschende Standardsprache; Beispiele sind Asturleonesisch und Kastilisch, wobei sich das Kastilische später zum Standardspanischen entwickelte. Ein sekundärer Dialekt entsteht durch die örtlich begrenzte Entwicklung einer Standardsprache, etwa Andalusisch oder lateinamerikanische Varietäten des Spanischen. Ein tertiärer Dialekt entsteht durch örtliche Einflüsse auf die Standardsprache, beispielsweise Standardspanisch mit andalusischer Färbung.
Im deutschsprachigen Raum werden die Dialekte traditionell in hochdeutsche und niederdeutsche Mundarten unterteilt. Hochdeutsche Dialekte wurden in unterschiedlichem Umfang von der hochdeutschen Lautverschiebung erfasst, niederdeutsche dagegen nicht. Die hochdeutschen Mundarten gliedern sich weiter in mitteldeutsche und oberdeutsche Dialekte.
Gebrauch, Rückgang und Medien
Die gesellschaftliche Stellung von Dialekten unterscheidet sich stark nach Region. Mancherorts wird der Ortsdialekt fast nur noch in der Familie oder mit Menschen desselben Dialekts gesprochen und teilweise als ländlich oder bildungsfern bewertet. In der Deutschschweiz und in manchen Gegenden Ostfrieslands wird Dialekt dagegen unabhängig von Bildungsniveau und sozialem Status in fast allen Alltagssituationen verwendet. Noch in den 1950er Jahren empfanden die meisten Bewohner des deutschen Sprachraums die deutsche Standardsprache eher als fremde Sprache, besonders im niederdeutschen Gebiet. Heute gilt dies möglicherweise noch für viele Deutschschweizer, Süddeutsche, Westösterreicher und Südtiroler.
Die Basisdialekte, also besonders ursprüngliche örtliche Dialektformen, verlieren in der Bundesrepublik Deutschland Sprecher und Bedeutung. Rudolf Post schrieb 1990 in „Pfälzisch“, das Pfälzische verliere mit jeder neuen Generation neun Prozent seines Wortschatzes. Dialekte könnten demnach kaum noch selbstständig neue Wörter gegenüber dem Hochdeutschen bilden und übernähmen meistens den hochdeutschen Ausdruck. Außerhalb Deutschlands gibt es andere Entwicklungen: Luxemburgisch entwickelte sich zu einer eigenständigen Ausbausprache mit einheitlicher, verbindlicher Rechtschreibung. In der Schweiz sprachen 2014 insgesamt 87 % der Deutschschweizer Bevölkerung im Alltag Schweizerdeutsch und nicht Schweizer Hochdeutsch.
Im ARD-Hörfunk wird seit Mitte der 1990er Jahre darüber diskutiert, ob deutlich mundartlich sprechende Personen abgelehnt, als regionale Besonderheit toleriert oder zur Profilbildung und Pflege des Kulturguts gefördert werden sollen. Insgesamt ging der Dialektgebrauch dort zurück. Dialektsendungen sind auch schwierig, weil die Sendegebiete großer Anstalten mehrere Dialekträume umfassen. Im Fernsehen werden regionale Sprechweisen wegen ihrer als unverwechselbar oder kauzig betrachteten Wirkung genutzt; zugunsten breiter Verständlichkeit wird dabei jedoch häufig auf sprachliche Echtheit verzichtet.
Übertragene Verwendung des Begriffs
Auch Varianten von Programmiersprachen werden als Dialekte bezeichnet. Genormte Hochsprachen, beispielsweise nach Vorgaben von ANSI, entsprechen dabei ungefähr einer Standardsprache; konkrete Implementierungen können in Grammatik, Semantik und verfügbaren Programmierkonzepten abweichen. BASIC besitzt besonders viele Dialekte. Historische Entwicklungsstufen sind davon zu unterscheiden: Bei Perl gibt es praktisch keine Dialekte, aber Perl 4 kann als „Alt“-Perl gegenüber dem heute fast ausschließlich verwendeten Perl 5 betrachtet werden.
In der Tierwelt bezeichnet „Dialekt“ regional unterschiedliche Gesänge und Rufe. In der Ornithologie, der Vogelkunde, sind solche Unterschiede bei vielen Singvögeln bekannt. Bei Goldammer, Ortolan und Buchfink können geübte Fachleute sie deutlich hören und geografisch zuordnen; bei anderen Arten werden sie erst in einem Sonagramm, einer grafischen Darstellung von Lauten, sichtbar. Der Ortolangesang gehört in der europäischen Vogelwelt zu den deutlichsten und am besten untersuchten Beispielen. Auch bei Orcas wurden verschiedene Dialekte beobachtet.
Lernvideos zu Dialekt
4:39
Sprachvarietäten des Deutschen - Standarddeutsch, Umgangssprache, Soziolekt, Regiolekt, Dialekt
Die Merkhilfe · 105.737 Aufrufe
12:43
Die Geschichte der deutschen Dialekte
MrWissen2go Geschichte | Terra X · 1,1 Mio. Aufrufe
8:10
Wie schreibe ich eine Erörterung? - Lineare & Dialektische Erörterung
Die Merkhilfe · 630.400 Aufrufe
4:57
Dialekte im Deutschen | STARK erklärt
STARK Verlag · 152.258 Aufrufe