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Diglossie

Die Diglossie (griechisch διγλωσσία diglossía, deutsch ‚Zweisprachigkeit') ist eine besondere Form der Zweisprachigkeit, bei der die Sprachen einen ungleichen …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Definition und Grundprinzip
  2. 2. Diglossie und Dialekt-Standard-Kontinuum
  3. 3. Die Deutschschweiz: Diglossie oder Bilingualismus?
  4. 4. Weitere Sprachgemeinschaften und historische Beispiele
  5. 5. Diglossie in Literatur und Film

Definition und Grundprinzip

Diglossie ist eine besondere Form der Zweisprachigkeit, bei der zwei Sprachvarietäten oder Einzelsprachen einen ungleichen sozialen Status haben. Sie betrifft nicht nur einzelne Personen, sondern die gesamte Sprachgemeinschaft. Die beiden Formen werden funktional aufgeteilt: Eine Varietät wird in bestimmten Lebensbereichen, die andere in anderen Bereichen verwendet. Diese Lebensbereiche heißen Domänen.

Meist handelt es sich um Varietäten derselben Sprache, etwa um einen Dialekt und eine Standardsprache oder um eine gesprochene Volkssprache und eine geschriebene Hochsprache. Die niedrig bewertete Varietät wird mit L bezeichnet, nach englisch „low“, die hoch bewertete mit H, nach „high“. L wird typischerweise in familiären Alltagsgesprächen und in eher unterhaltenden Situationen verwendet. H dient dagegen häufig der Ausbildung, dem Beruf, dem Kontakt mit Behörden, dem öffentlichen Raum und der Schriftsprache. Die Sprecher beherrschen beide Formen, wählen sie aber je nach Situation.

Der Begriff wurde 1885 von Ioannis Psycharis, französisiert Jean Psichari, für die damalige Sprachsituation in Griechenland geprägt. Dort standen Katharevousa als gelehrtere, meist geschriebene Varietät und Dimotiki als muttersprachlich gesprochene Varietät nebeneinander; diese Situation bestand bis in die 1970er-Jahre. William Marçais übertrug den Begriff auf die arabischsprachigen Länder. Charles A. Ferguson bezog ihn 1959 außerdem auf Griechenland, die arabischen Länder, die Deutschschweiz und Haiti. Joshua Fishman erweiterte das Konzept 1967 auf Fälle mit nicht verwandten Sprachen, etwa Hindi und Tamil in Tamil Nadu. Ob solche Fälle als echte Diglossie gelten, ist unter Sprachwissenschaftlern umstritten. 1981 schlug Gottfried Kolde für die Schweiz den Ausdruck „mediale Diglossie“ vor, weil dort das Medium die Wahl der Sprachform stark beeinflusst.

Diglossie und Dialekt-Standard-Kontinuum

Eine echte Diglossie unterscheidet sich von einem Standard-Dialekt-Kontinuum. Bei einem Kontinuum gibt es zwischen Ortsdialekt, Regionalsprache oder Regiolekt und Standardsprache fließende Übergänge. Solche „Graustufen“ können von den Sprechern als korrekte Sprachformen empfunden werden. Außerdem kann die Standardsprache auch in Situationen verwendet werden, in denen früher überwiegend Dialekt gesprochen wurde.

In einer diglossischen Situation sind die beiden Formen dagegen deutlich voneinander getrennt; Misch- und Übergangsformen spielen kaum eine Rolle. Die Sprecher wechseln je nach Situation von L zu H. Als Beispiele für solche Verhältnisse nennt der Artikel die Deutschschweiz, die meisten Regionen Österreichs, viele ländliche Regionen in Altbayern und Luxemburg. In der Bundesrepublik Deutschland dagegen sprechen immer weniger Menschen Dialekt, sodass Standarddeutsch zunehmend alle sozialen Bereiche abdeckt.

Das Verschwinden einer Diglossie wird Entdiglossierung genannt. In Norddeutschland bestand vom 16. bis zum 20. Jahrhundert eine Aufteilung zwischen Standarddeutsch als Schrift- und Amtssprache und Plattdeutsch als allgemeiner Umgangssprache. Seit dem 20. Jahrhundert setzt sich Standarddeutsch dort in allen sozialen Bereichen durch. Für jüngere Generationen ist dieser Prozess weitgehend abgeschlossen, während ältere Menschen teilweise noch diglossisch leben.

Die Deutschschweiz: Diglossie oder Bilingualismus?

In der Deutschschweiz werden lokale Dialekte und Standarddeutsch in vielen Situationen klar getrennt. Im alltäglichen Begleit- und Unterhaltungsprogramm von Fernsehen und Radio wird überwiegend Dialekt gesprochen. Nachrichtensendungen, der Kultursender SRF2, Printmedien und Schulbücher verwenden dagegen Hochdeutsch. An mittleren und höheren Schulen ist Hochdeutsch Unterrichtssprache; an Universitäten kommt daneben Englisch hinzu. Schulisch-administrative Gespräche finden jedoch oft auf Schweizerdeutsch statt. In Kindergärten wird normalerweise Schweizerdeutsch gesprochen, in einzelnen Kantonen ist dies gesetzlich vorgeschrieben.

Umstritten ist, ob diese Situation als Diglossie oder als Bilingualismus, also als gesellschaftliche Zweisprachigkeit mit zwei eigenständigen Sprachen, zu beschreiben ist. Die Vertreter des Diglossie-Modells, unter ihnen Beat Siebenhaar, Alfred Wyler, Peter Sieber, Horst Sitta, Ulrich Ammon und Walter Haas, betrachten die schweizerdeutschen Dialekte als Varietäten der deutschen Sprache. Sie betonen die enge Verwandtschaft, die großen Gemeinsamkeiten in Wortschatz und Syntax sowie die feste Funktion des Standarddeutschen im schriftlichen Bereich. Nach Haas handelt es sich um einen Extremfall der Registervariation: Dialekt und Standardsprache erfüllen vor allem die Grundfunktionen Nähe und Distanz.

Arthur Baur, Roland Ris, Iwar Werlen und Raphael Berthele neigen zum Bilingualismus-Modell. Sie argumentieren, die schweizerdeutschen Dialekte seien vollständig ausgebaut und könnten auch in fachlichen oder amtlichen Situationen verwendet werden. Außerdem bestünden deutliche Unterschiede in Lautung, Grammatik und Wortschatz. Nach Ris spricht der Deutschschweizer über fast jedes Thema in fast jeder Situation Mundart; Hochdeutsch funktioniere im internen Gebrauch daher eher als Zweitsprache. Werlen verwendet den Ausdruck „asymmetrische Zweisprachigkeit“.

Eine Fragebogenerhebung von Scharloth aus dem Jahr 2003 zeigt widersprüchliche Einschätzungen: 79 Prozent der Befragten bezeichneten Standarddeutsch als erste Fremdsprache der Deutschschweizer, nur 6 Prozent fanden, dass in der Schweiz gutes Hochdeutsch gesprochen werde, 76 Prozent bewerteten die mündliche Hochsprachkompetenz als mäßig und 18 Prozent als schlecht. Auf die Frage, ob Hochdeutsch für sie persönlich eine Fremdsprache sei, antworteten jedoch nur 30 Prozent mit Ja. Deshalb bleibt die Einordnung der Deutschschweiz wissenschaftlich und gesellschaftlich umstritten.

Weitere Sprachgemeinschaften und historische Beispiele

Im Arabischen besteht eine besonders deutliche Trennung zwischen Hocharabisch und lokalen Dialekten. Religiöse und profane geschriebene Texte sind größtenteils auf Hocharabisch verfasst, während Muttersprachler im Alltag überwiegend Dialekt sprechen. Auch Spielfilme und Lieder verwenden meist die Umgangssprache. Die Trennung kann aufgehoben werden, wenn ein geschriebener Text rezitiert oder eine anspruchsvolle Rede gehalten wird. Umgekehrt werden Dialekte in Volksdichtung oder in Roman-Dialogen verschriftlicht, um Nähe und Authentizität zu erzeugen. Hocharabisch besitzt eine kompliziertere Grammatik, unter anderem mit stärker verbreiteten Dualformen, und dient wegen der Unterschiede zwischen den Dialekten als gemeinsame, gelehrte Sprache aller Araber.

Im Aramäischen wurde im Gebiet Tur 'Abdîn Kthobonoyo als klassisch-syrische Hochsprache und Kirchensprache verwendet, während Ṭuroyo die gesprochene Muttersprache im Alltag war. Türkisch war für den Kontakt mit dem Staat und Kurdisch für den Kontakt mit der Mehrheitsbevölkerung wichtig. Kthobonoyo wird nicht mehr als Muttersprache gelernt, lebt aber in Wissenschaft und Gottesdienst weiter. Ṭuroyo gilt dagegen als bedroht, weil es in der Diaspora einen geringen Status besitzt, nicht an alle Kinder weitergegeben wird und kaum schulisch vermittelt werden kann.

Friesisch war in den Niederlanden bis zur staatlichen Anerkennung als Reichssprache im Jahr 1956 vor allem Haus- und Familiensprache. In Kirche, Gericht und Schule wurde ausschließlich Niederländisch verwendet. Seit 1956 kann Friesisch unter anderem im Justizsystem, im Unterricht und in der Kommunalpolitik innerhalb Frieslands neben Standardniederländisch benutzt werden.

Weitere zugeschriebene Fälle sind Südtirol, wo Mundart im Alltag und Hochdeutsch vor allem in Schule und Fernsehen verwendet wird, sowie die Kiewer Rus mit Kirchenslawisch als H- und Altostslawisch als L-Varietät. Klassisches Chinesisch diente in China, Korea, Japan und Vietnam lange als gemeinsame Schriftsprache, wahrscheinlich jedoch nicht als gesprochene H-Varietät. In Tschechien unterscheidet sich die gesprochene Umgangssprache deutlich von der vor allem in Medien verwendeten Schriftsprache. Auch viele Einwanderer der zweiten Generation in Westeuropa teilen ihre Kommunikation zwischen einer Landessprache im äußeren Bereich und einer Familiensprache auf; unter Jugendlichen kommt es häufig zu sprachlichen Mischungen.

Die lateinisch-romanische Diglossie des frühen Mittelalters entstand, als Latein zunehmend erlernte Sakral- und Bildungssprache wurde und sich ab dem 8. Jahrhundert romanische Volkssprachen herausbildeten. Die Aussprache der Volkssprachen beeinflusste das liturgische Latein und damit Akzentuierung, Silbenstruktur und Gesang. Dies trug zur Entstehung verschiedener regionaler Neumierungstraditionen bei.

Diglossie in Literatur und Film

Literatur und Film können Diglossie sichtbar und hörbar machen. In Thomas Manns Roman „Buddenbrooks“ sprechen die Männer der Lübecker Kaufmannsfamilie untereinander, in der Familie und im Geschäftsverkehr Hochdeutsch, gegenüber ihren Arbeitern jedoch Plattdeutsch. Auch die Verfilmung von 2008 stellt diese soziale und funktionale Aufteilung dar.

Heinrich Böll verwendet in Werken wie „Ende einer Dienstfahrt“ einen Gegensatz zwischen einer formellen, protokollartigen Standardsprache und lebendigen rheinischen Dialekteinsprengseln. Dadurch werden soziale Unterschiede und die Sprachsituation des Kölner Umlands in den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren erkennbar. Der Dialekt vermittelt dabei lokale Nähe und Genauigkeit, während die formelle Sprache amtliche Distanz ausdrückt.

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