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Morphologie (Linguistik)
Die Morphologie (von altgriechisch μορφή morphé, deutsch ‚Gestalt', ‚Form', und λόγος lógos, deutsch ‚Wort', ‚Lehre', ‚Vernunft'), auch: Morphematik oder …
Inhalt5 Abschnitte
Gegenstand und Aufgaben
Die Morphologie, auch Morphematik oder Morphemik, ist eine Teildisziplin der Linguistik. Sie untersucht das Wort als größte und das Morphem als kleinste Einheit: also den Aufbau von Wörtern und die Regeln, nach denen sie gebildet und verändert werden. Morpheme sind kleinste Einheiten, die Bedeutung tragen oder eine grammatische Funktion haben.
Zur Analyse werden Wörter strukturalistisch segmentiert, substituiert und klassifiziert. Segmentieren bedeutet, ein Wort in Bestandteile zu zerlegen; beim Substituieren werden Bestandteile ausgetauscht; klassifiziert wird nach Bedeutung und danach, ob eine Einheit selbstständig vorkommen kann. In der traditionellen Grammatik heißt dieses Gebiet Formenlehre. Sie behandelt Flexionsformen und Wortarten, umfasst aber auch die Wortbildung.
Wortbildung, Flexion und Grenzbereiche
Morphologie umfasst gewöhnlich Wortbildung und Flexion, wobei umstritten ist, ob beide klar getrennte Bereiche sind oder ineinander übergehen. Die Morphosyntax untersucht den Grenzbereich zwischen Morphologie und Syntax, also die gegenseitige Beeinflussung von Wortstruktur und Satzbau. Die Morphonologie behandelt Abhängigkeiten zwischen morphologischen und phonologischen, also lautlichen, Prozessen.
Wortbildung erzeugt neue Wörter, auch Lexeme genannt. Aus dem Substantiv „Tat“ entsteht durch das Präfix „un-“ beispielsweise „Untat“. Flexion erzeugt dagegen unterschiedliche Formen desselben Wortes und steht mit den grammatischen Regeln des Satzes in Verbindung. In „Die Taten müssen bestraft werden“ zeigt „Taten“ den Plural an. Dieses Merkmal verlangt auch die passende Verbform „müssen“: Zwischen Subjekt und Prädikat besteht eine Kongruenzregel.
Daher sind „Tat“ und „Untat“ zwei verschiedene Wörter, „Tat“ und „Taten“ dagegen Formen desselben Wortes. Ebenso sind „schreiben“ und „beschreiben“ zwei Wörter, während „schreiben“ und „schreibst“ zwei Wortformen sind. Flexionsmerkmale können unterschiedlich bedeutungshaltig sein; der Plural ist relativ bedeutungshaltig. Zweifelsfälle gibt es besonders beim Komparativ und bei der Adverbmorphologie.
Morphe, Allomorphe und Morpheme
Morph, Allomorph und Morphem bezeichnen kleinste bedeutungs- oder funktionstragende Wortbestandteile. Als Morphe gelten zunächst Einheiten, deren Typ noch nicht bestimmt wurde. In „Lehr-er“, „Kind-er“ und „größ-er“ kommen beispielsweise drei Morphe der Form „-er“ vor. Erst ihre Funktion entscheidet über die Zuordnung: „-er“ in „Lehrer“ bildet ein maskulines Nomen Agentis, also eine Personenbezeichnung für jemanden, der etwas tut; „-er“ in „Kinder“ bildet den Plural; „-er“ in „größer“ kennzeichnet den Komparativ.
Allomorphe sind unterschiedlich geformte Morphe mit derselben Funktion. Die Affixe „-er“ in „Kinder“, „-e“ in „Hunde“, „-(e)n“ in „Fragen“, „-s“ in „Autos“ und ein Nullmorphem wie in „der/die Wagen“ kennzeichnen jeweils den Plural. Sie sind deshalb Allomorphe des Pluralmorphems. Haben umgekehrt verschiedene Morpheme dieselbe Form, liegt Synkretismus vor.
Verfahren der Flexion und Wortbildung
Zur Flexion oder Beugung gehören Konjugation und Deklination; viele Autoren rechnen auch die Steigerung, die Komparation, dazu. Im Satz „Ich brauche Trinkwasser“ wird an den Stamm „brauch-“ das Flexionsmorphem „-e“ für 1. Person Singular Präsens Indikativ angehängt. In manchen Theorien gehört Flexion nicht zu einer eigenen Ebene der Morphologie, sondern zur Syntax, weil ihr Auftreten von syntaktischen Regeln abhängt.
Derivation oder Wortableitung verbindet Wortstämme mit Affixen. Suffixe stehen nach dem Stamm, etwa in „Gesund-heit“, „Freund-schaft“, „Mann-schaft“ und „Freundlich-keit“. Das Derivationsmorphem „-heit“ macht aus dem Adjektivstamm „gesund“ ein Substantiv. In „Freundlichkeit“ wird „-keit“ an den schon zusammengesetzten Stamm „freund-lich“ angefügt. Präfixe stehen vor dem Stamm, etwa in „Auf-stand“ und „ver-stehen“.
Komposition oder Wortzusammensetzung bildet Wörter in der Regel aus zwei Wortstämmen, die selbst wieder komplex sein können. Beispiele sind „Sprach-wissenschaft“, „Schiff-fahrt-s-gesellschaft“, „Schul-hof“ und „Rot-verschiebung“. In „Schifffahrtsgesellschaft“ verbindet das Fugenelement „-s-“ die Bestandteile „Schifffahrt“ und „Gesellschaft“. Ein weiteres Fugenelement ist „-e-“ wie in „Schwein-e-braten“; in Österreich ist überwiegend „Schwein-s-braten“ gebräuchlich. Bei „Sprachwissenschaft“ und „Schulhof“ entfällt das Schwa der Erstglieder „Sprache“ und „Schule“.
Bei Kürzungen wird Wortmaterial verkürzt. Eine Abkürzung spricht die Anfangsbuchstaben der einzelnen Morpheme einzeln, etwa „Wintersemester → WS“. Ein Akronym folgt denselben Regeln, bildet aber ein neues phonetisches Wort, etwa „Deutsches Institut für Normung → DIN“. Eine Kürzung im engeren Sinn löscht Wortmaterial, um ein weniger kompliziertes Wort zu schaffen: „Universität → Uni“.
Weitere Wortbildungsformen und formale Beschreibung
Bei der Konversion entsteht ein neues Wort allein durch den Wechsel der Wortart eines vorhandenen Wortes oder Wortstamms. Infinitive können ohne Affix zu Substantiven werden, zum Beispiel „denken → das Denken“ und „laufen → das Laufen“; auch „schlafen → der Schlaf“ gehört zu den deutschen Beispielen. Möglich sind außerdem Konversionen von Substantiven zu Verben sowie von Adjektiven zu Verben, etwa englisch „fish → to fish“, „to kick → a kick“ und „cool → to cool“ sowie französisch „garder → garde“ und „visiter → visite“. Umstritten ist die Analyse: Manche Linguisten sehen Konversion als Derivation mit einem Nullmorphem oder Ø-Morphem und nennen sie Null-Ableitung; andere sehen nur einen Wortklassenwechsel ohne Strukturänderung.
Reduplikation ist die vollständige oder teilweise Verdoppelung von Morphemmaterial. Im Deutschen und verwandten Sprachen ist sie relativ randständig, etwa in „Schickimicki“, „Tam-tam“ oder „Zickzack“. Im Standardchinesischen ist sie stärker in die Morphologie eingebunden: „děng“ ‚warten‘ wird zu „děng deng/děng-yi-děng“ ‚mal warten, kurz warten‘ und drückt eine delimitative Aktionsart aus.
Bei der Kontamination oder dem Blending verschmelzen zwei vorhandene Wörter, sodass die Ausgangswörter nicht mehr vollständig erkennbar sind. „Motor“ und „Hotel“ ergeben „Motel“, „Britain“ und „exit“ ergeben „Brexit“. Das Ergebnis heißt Portmanteau-, Schachtel- oder Kofferwort.
In der Informatik lassen sich viele morphologische Phänomene mit regulären Ausdrücken beschreiben, besonders reine Affigierungen ohne weitere Materialveränderungen. Manche Phänomene, etwa die arabische Derivationsmorphologie, lassen sich jedoch nicht mit regulären Sprachen erfassen.
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