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Deutsches Kaiserreich

Die innen- und außenpolitische Entwicklung des Reichs wurde von 1871 bis 1890 von seinem ersten und am längsten amtierenden Kanzler, Otto von Bismarck, bestimmt …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Entstehung und Grundzüge
  2. 2. Verfassung, Staat und Gesellschaft
  3. 3. Bismarcks Innen- und Außenpolitik
  4. 4. Wilhelminisches Reich und Weltpolitik
  5. 5. Weg in den Krieg und Kriegsjahre
  6. 6. Revolution, Ende und historische Einordnung

Entstehung und Grundzüge

Das Deutsche Kaiserreich ist die nachträgliche Bezeichnung für das Deutsche Reich von 1871 bis zum Ende der Monarchie 1918. Es war der erste deutsche Nationalstaat, eine föderale konstitutionelle Monarchie mit Berlin als Hauptstadt. Staatsoberhaupt war der preußische König mit dem Titel „Deutscher Kaiser“, Regierungschef der Reichskanzler. Das Reich umfasste 540.858 km² und hatte 1910 ohne Kolonien 64.925.993 Einwohner. Amtssprache war Deutsch, Währung die Mark. Eine offizielle Nationalhymne gab es nicht; ersatzweise dienten unter anderem „Heil dir im Siegerkranz“, „Die Wacht am Rhein“ und das „Lied der Deutschen“. Schwarz-Weiß-Rot wurde 1892 zur Nationalflagge bestimmt.

Nach dem Ende des Heiligen Römischen Reiches 1806 entstand 1815 der lockere Deutsche Bund. Die Nationalbewegung forderte entweder eine großdeutsche Lösung unter Einschluss Österreichs oder eine kleindeutsche Lösung unter preußischer Führung. Der Versuch der Frankfurter Nationalversammlung, 1848/49 einen konstitutionellen Nationalstaat zu schaffen, scheiterte an der Ablehnung der Kaiserkrone durch Friedrich Wilhelm IV. Nach dem Deutsch-Dänischen Krieg 1864 verdrängte Preußen Österreich im Deutschen Krieg 1866 aus der deutschen Politik und gründete 1867 den Norddeutschen Bund.

Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 kämpften die süddeutschen Staaten an der Seite Preußens. Bayern, Württemberg, Baden und der südliche Teil Hessen-Darmstadts traten zum 1. Januar 1871 dem erweiterten Bund bei. Wilhelm I. wurde am 18. Januar im Spiegelsaal von Versailles zum Kaiser proklamiert. Die Reichsverfassung wurde am 16. April 1871 verabschiedet. Der Friede von Frankfurt vom 10. Mai beendete den Krieg; Elsaß-Lothringen wurde als Reichsland angegliedert. Bayern und andere süddeutsche Staaten behielten Reservatrechte, etwa eigene Eisenbahnen oder teilweise eigene Militär-, Post- und Außenbeziehungen. Die Mark wurde 1876 einheitliche, auf dem Goldstandard beruhende Währung.

Verfassung, Staat und Gesellschaft

Das Reich bestand ab 1876 aus 25 Bundesstaaten, darunter die republikanischen Stadtstaaten Hamburg, Bremen und Lübeck, sowie dem Reichsland Elsaß-Lothringen. Preußen nahm mit 348.780 km² und 40.165.219 Einwohnern im Jahr 1910 eine beherrschende Stellung ein. Insgesamt war das Reich der Fläche nach hinter Russland und Österreich-Ungarn der drittgrößte Staat Europas.

Die Verfassung verband monarchische, föderale und demokratische Elemente. Das Reich durfte nur in ausdrücklich zugewiesenen Bereichen handeln; sonst blieben die Bundesstaaten zuständig. Der Bundesrat vertrat die Gliedstaaten und wirkte an Gesetzgebung und Regierung mit. Preußen besaß 17 von 58 Stimmen und konnte meist auf die Unterstützung kleiner nord- und mitteldeutscher Staaten rechnen. Der Kaiser ernannte und entließ den Reichskanzler, bestimmte wesentlich die Außenpolitik und führte den Oberbefehl über Heer und Marine. Der Kanzler war nur dem Kaiser verantwortlich; der Reichstag konnte ihn bis Oktober 1918 weder wählen noch stürzen.

Der Reichstag wurde von Männern ab 25 Jahren allgemein und gleich gewählt, grundsätzlich geheim und nach Mehrheitswahlrecht. Er beschloss gemeinsam mit dem Bundesrat Gesetze und den Haushalt, hatte aber nur begrenzten Einfluss auf den Militäretat. Einen Grundrechtskatalog enthielt die Reichsverfassung nicht. Verwaltung, Militär, monarchischer Hof und wirtschaftliche Interessenverbände bildeten zusätzliche Machtzentren. Besonders das Militär war monarchisch, konservativ, antisozialistisch und antiparlamentarisch geprägt; der mindestens zweijährige Wehrdienst galt als „Schule der Nation“.

Bevölkerung und Wirtschaft veränderten sich grundlegend. Die Einwohnerzahl stieg von 41 Millionen 1871 auf fast 65 Millionen 1910. Binnenwanderung und Urbanisierung ließen die Städte wachsen: 1871 lebten 5 % in Großstädten mit mehr als 100.000 Einwohnern, 1910 waren es 21,3 %. Deutschland wandelte sich vom Agrar- zum Industriestaat; Eisenbahn und Schwerindustrie wurden später durch Chemie- und Elektroindustrie ergänzt. 1910 arbeiteten 10,5 Millionen Menschen in der Landwirtschaft, aber 13 Millionen in Industrie, Verkehr und Dienstleistungen. Die städtische Arbeiterschaft und ein neuer Mittelstand aus Angestellten, Technikern und Beamten wuchsen. Frauenbewegung und soziale Reformbewegungen forderten bessere Bildung, politische Rechte und Armutsbekämpfung.

1880 waren 62,63 % der Bevölkerung protestantisch, 35,89 % katholisch und 1,24 % jüdisch. Konfessionelle Milieus blieben lange getrennt. Nationale Minderheiten, besonders Polen, Dänen, Franzosen, Litauer, Kaschuben und Sorben, waren häufig einer Germanisierungspolitik ausgesetzt. Im Jahr 1900 gaben 92,05 % Deutsch als Muttersprache an, 5,48 % Polnisch. Die jüdische Bevölkerung war rechtlich gleichgestellt und in Wissenschaft, Kultur und akademischen Berufen stark vertreten, wurde jedoch gesellschaftlich und beruflich weiterhin diskriminiert. Politische Antisemiten blieben bei Reichstagswahlen zwar unter 5,5 %, doch antisemitische Vorstellungen waren gesellschaftlich weit verbreitet.

Bismarcks Innen- und Außenpolitik

Otto von Bismarck prägte das Reich bis 1890. Bis 1878/79 arbeitete er vor allem mit den Liberalen zusammen. In dieser Phase wurden Gewerbefreiheit, Freizügigkeit, einheitliche Maße, Patentrecht und Währung eingeführt. Die Reichsbank entstand 1875. Das Reichsstrafgesetzbuch von 1871 und die Reichsjustizgesetze von 1877 vereinheitlichten wesentliche Teile des Rechts; das 1896 beschlossene Bürgerliche Gesetzbuch trat am 1. Januar 1900 in Kraft.

Im Kulturkampf versuchten Staat und Liberale, den Einfluss der katholischen Kirche einzuschränken. Zu den Maßnahmen gehörten staatliche Schulaufsicht, Kanzelparagraph, Jesuitenverbot, staatliche Kontrolle der Priesterausbildung, Zivilehe sowie die Auflösung vieler Klöster. Die Repression mobilisierte jedoch die katholische Bevölkerung und stärkte die Zentrumspartei.

Der Gründeraufschwung nach 1871 wurde durch französische Reparationen, Binnenmarkt und Investitionen getragen. Ab 1873 folgte eine langjährige Krise mit sinkenden Preisen, Gewinnen und Löhnen. Landwirtschaft, Montanindustrie, Maschinenbau und Baugewerbe waren besonders betroffen. Bismarck vollzog 1878/79 eine konservative Wende: Schutzzölle ersetzten den Freihandel, und das Sozialistengesetz von 1878 erlaubte Verbote sozialdemokratischer Vereine, Versammlungen und Schriften. Parlamentsarbeit und Kandidaturen blieben möglich. Das Gesetz schwächte die Sozialdemokratie langfristig nicht, sondern förderte ihren inneren Zusammenhalt.

Zur Bekämpfung der sozialen Frage entstanden Krankenversicherung 1883, Unfallversicherung 1884 sowie Invaliditäts- und Altersversicherung 1889. Die öffentlich-rechtlichen Versicherungen wurden überwiegend aus Beiträgen von Arbeitnehmern und Unternehmern finanziert und teilweise selbstverwaltet. Bismarcks Ziel, Arbeiter dadurch von der Sozialdemokratie zu lösen, wurde nicht erreicht.

Außenpolitisch wollte Bismarck Frankreich isolieren und einen Mehrfrontenkrieg verhindern. Auf das Dreikaiserabkommen von 1873 folgten der Zweibund mit Österreich-Ungarn 1879, der Dreikaiserbund 1881 und der Dreibund mit Italien 1882. Nach dem Zerfall des Dreikaiserbundes schloss Deutschland 1887 den Rückversicherungsvertrag mit Russland. Ab 1884 begann der formelle Kolonialerwerb, unter anderem in Südwestafrika, Ostafrika, Kamerun, Togo und im Pazifik. Die Gründe dafür – außenpolitische Taktik, innenpolitische Mobilisierung und wirtschaftlich-soziale Interessen – sind in der Forschung umstritten.

Wilhelminisches Reich und Weltpolitik

1888 folgten drei Kaiser aufeinander: Wilhelm I. starb am 9. März, Friedrich III. regierte wegen seiner Krebserkrankung nur 99 Tage, danach bestieg Wilhelm II. den Thron. Konflikte über persönliche Herrschaft und die Arbeiterpolitik führten am 18. März 1890 zu Bismarcks Entlassung.

Reichskanzler Leo von Caprivi leitete den „Neuen Kurs“ ein. Arbeitsschutz, Sonntagsruhe und Beschränkungen der Frauen- und Kinderarbeit wurden ausgebaut; Handelsverträge senkten jedoch Agrarzölle und provozierten konservativen Widerstand. Der Rückversicherungsvertrag mit Russland wurde nicht verlängert, worauf Russland sich Frankreich näherte. Unter Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst stockten soziale Reformen, während erfolglose Ausnahmegesetze gegen Sozialdemokraten eingebracht wurden.

Unter Bernhard von Bülow setzte die Regierung auf Sammlungspolitik, Flottenbau und Weltpolitik. Alfred von Tirpitz plante eine große Schlachtflotte, die Großbritannien abschrecken sollte. Die Flottengesetze von 1898 und 1900 lösten ein kostspieliges deutsch-britisches Wettrüsten aus. Deutschland strebte einen „Platz an der Sonne“ an, erwarb 1898 Kiautschou und 1899 pazifische Inseln und förderte die Bagdadbahn. Zugleich verschlechterten sprunghaftes Auftreten, Flottenrüstung und Marokkopolitik das Verhältnis zu anderen Mächten. Die Erste Marokkokrise von 1905/06 verstärkte Deutschlands Isolation; Frankreich, Großbritannien und Russland rückten enger zusammen.

Innenpolitisch führte das allgemeine Männerwahlrecht zu einer Massenpolitisierung. Die Wahlbeteiligung stieg von 51 % im Jahr 1871 auf 84,9 % im Jahr 1912. Parteien, Gewerkschaften, Presse und Verbände gewannen an Einfluss. Katholisches, sozialdemokratisches, liberales und konservativ-nationales Lager entwickelten eigene Milieus und Organisationen. Der Nationalismus wurde zunehmend konservativ, militaristisch und teilweise völkisch. Die SPD steigerte ihren Stimmenanteil von etwa 9,1 % 1877 auf 34,8 % 1912.

Der Bülowblock aus Konservativen und Liberalen zerbrach 1909 am Streit über die Reichsfinanzreform. Unter Theobald von Bethmann Hollweg blieben Wahlrechts-, Sozial- und Verfassungsreformen meist begrenzt. Nach der Reichstagswahl 1912 war die SPD stärkste Fraktion; feste Regierungsmehrheiten fehlten. Der Reichstag gewann dennoch Einfluss, etwa mit dem Wehrbeitrag von 1913 und einem Misstrauensvotum während der Zabern-Affäre.

Weg in den Krieg und Kriegsjahre

Die Annexion Bosniens und Herzegowinas durch Österreich-Ungarn 1908 verschärfte den Gegensatz zu Russland. In der zweiten Marokkokrise 1911 entsandte Deutschland das Kanonenboot „Panther“ nach Agadir, musste aber die französische Vorherrschaft in Marokko anerkennen und erhielt Teile Französisch-Äquatorialafrikas als „Neukamerun“. Während der Balkankriege 1912/13 arbeiteten Deutschland und Großbritannien noch an einer Eindämmung des Konflikts; zugleich hielten deutsche Militärs einen europäischen Krieg zunehmend für unvermeidlich.

Nach der Ermordung Franz Ferdinands am 28. Juni 1914 gab Deutschland Österreich-Ungarn den „Blankoscheck“ für ein hartes Vorgehen gegen Serbien. Die deutsche Führung nahm dabei bewusst das Risiko eines großen Krieges in Kauf. Nach der russischen Generalmobilmachung erklärte Deutschland Russland am 1. August und Frankreich am 3. August den Krieg. Der Einmarsch in das neutrale Belgien nach dem Schlieffen-Plan führte zum Kriegseintritt Großbritanniens.

Der schnelle Sieg im Westen misslang 1914 an der Marne; es entstand ein Stellungskrieg und damit ein Mehrfrontenkrieg. Im Osten stoppten deutsche Truppen Russland bei Tannenberg. Die Schlachten von Verdun und an der Somme kosteten 1916 jeweils enorme Opfer, ohne eine Entscheidung zu bringen; allein Verdun forderte über 600.000 Tote und Verwundete beider Seiten. Der unbeschränkte U-Boot-Krieg führte am 6. April 1917 zum Kriegseintritt der USA. Nach der russischen Revolution erzwang Deutschland 1918 im Frieden von Brest-Litowsk große Gebietsabtretungen. Die deutsche Frühjahrsoffensive 1918 scheiterte; ab Sommer war das Heer den alliierten Gegenangriffen nicht mehr gewachsen.

Im Innern wandelte sich die Wirtschaft zur Kriegswirtschaft. Arbeitskräftemangel, Blockade und fehlende Importe verursachten Preissteigerungen, Versorgungsmängel und im „Steckrübenwinter“ 1916/17 Hunger. Der anfängliche „Burgfriede“ stellte politische und gewerkschaftliche Konflikte zurück; auch die SPD bewilligte Kriegskredite. Gegner des Kurses spalteten sich später als USPD ab. Die Oberste Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff gewann seit 1916 beherrschenden Einfluss. Das Hilfsdienstgesetz mobilisierte Arbeitskräfte für die Rüstungsproduktion, führte aber auch Arbeiterausschüsse und paritätische Einigungsämter ein. 1917 verlangte eine Reichstagsmehrheit in der Friedensresolution einen Verständigungsfrieden ohne Annexionen, während die Deutsche Vaterlandspartei weitreichende Kriegsziele vertrat.

Revolution, Ende und historische Einordnung

Als die militärische Niederlage 1918 feststand, forderte die Oberste Heeresleitung eine parlamentarische Regierung und ein Waffenstillstandsangebot. Prinz Max von Baden bildete eine Regierung aus MSPD, Fortschrittlicher Volkspartei und Zentrum. Die Oktoberreformen machten den Reichskanzler vom Vertrauen des Reichstages abhängig und parlamentarisierten das Reich. Sie kamen jedoch zu spät.

Der Flottenbefehl vom 24. Oktober löste einen Matrosenaufstand und anschließend die Novemberrevolution aus. Arbeiter- und Soldatenräte entstanden, in Bayern wurde die Republik ausgerufen. Am 9. November verkündete Max von Baden eigenmächtig die Abdankung Wilhelms II. und übergab das Kanzleramt an Friedrich Ebert. Philipp Scheidemann rief die Deutsche Republik, Karl Liebknecht eine sozialistische Republik aus. Wilhelm II. floh am 10. November in die Niederlande und erklärte am 28. November formell seine Abdankung. 1919 schuf die Nationalversammlung in Weimar eine parlamentarische Demokratie.

Kulturell war das Kaiserreich vom Übergang zur modernen Industriegesellschaft geprägt. Naturalismus, Impressionismus, Symbolismus und Expressionismus entwickelten neue Ausdrucksformen; nach 1900 wurde der Film zu einem neuen Medium. Lebensreform und Wandervogelbewegung veränderten Teile der Alltagskultur.

Die Geschichtsschreibung deutete das Reich schon zu seiner Zeit politisch unterschiedlich. Nationalliberale Historiker wie Heinrich von Sybel und Heinrich von Treitschke stellten die preußisch-kleindeutsche Reichseinigung und Bismarck in den Mittelpunkt. Im Ersten Weltkrieg wurde die Vorstellung eines besonderen deutschen Weges verbreitet, der sich sowohl von westlicher Demokratie und Kapitalismus als auch von russischer Autokratie unterscheiden sollte. Die Alliierten kehrten diese These um und betonten deutschen Militarismus und übersteigerten Nationalismus. Insgesamt verband das Kaiserreich wirtschaftliche und wissenschaftliche Modernisierung, Massenpolitik und soziale Sicherung mit monarchischer Macht, begrenzter parlamentarischer Verantwortung, Militarismus, Nationalismus und imperialistischer Weltpolitik.

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