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Wie modern war das deutsche Kaiserreich? | Terra X

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Das Wichtigste aus dem Video

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  1. Das deutsche Kaiserreich gilt als militaristischer Obrigkeitsstaat. Beherrscht von einer Adelsclique. Das Volk entmündigt.
  2. Doch es gibt auch viel Moderne und Aufbruch im erstmals geeinten Deutschland! Deutschland am Scheideweg: aus unabhängigen Fürstentümern und Städten soll unter preußischer Führung ein Kaiserreich entstehen.
  3. Andere europäische Mächte sind da längst Nationalstaaten. Doch er stellt sich dagegen: König Wilhelm I. von Preußen. Er will nicht „Deutscher Kaiser“ werden, wie es der Plan seines mächtigen Ministerpräsidenten Bismarck vorsieht.
  4. König Wilhelm: Ich mache mir nicht so viel aus dieser Kaiserwürde. Nicht so viel. Respektieren Sie das gefälligst, Bismarck. Sohn des Königs: Aber Papa.
  5. Bismarck: Majestät, mein allergnädigster Herr, alleine mit Ihnen als deutscher Kaiser kann Deutschlands Sehnsucht nach Einheit jetzt Wirklichkeit werden. König Wilhelm: Ohne mich. Dann danke ich lieber ab.
  6. Rückblick: Der Weg zur Einheit führt über Schlachtfelder: Krieg gegen Dänemark, Österreich und Frankreich. Nach dem entscheidenden Sieg bei Sedan ist der deutsche Nationalstaat zum Greifen nah.
  7. Doch auch im Königreich Bayern regt sich Widerstand. Ludwig II. will sich nicht vereinnahmen lassen. König Ludwig II: Was wird aus unserem schönen Bayern werden? Selbst meine Bayern sind ja von dem deutschen Kaiserwahnsinn schon ganz angesteckt.
  8. Hollenstein: Ich denke auch, dass ein Bündnis der deutschen Staaten nicht mehr zu umgehen ist. König Ludwig II: Ist ja großartig, aber ohne mich.
  9. Aber der Monarch hat eine Schwäche – er baut so gerne teure Schlösser. Bismarck macht ihm ein Angebot, das dem bayerischen König die Entscheidung erleichtern soll.
  10. Hollenstein: Er ist bereit ganz diskret in dem Verborgenen, versteht sich, viel Geld zusammen mei, investieren. Schauen Sie, Majestät, das deutsche Reich wird kommen, entweder mit oder ohne Bayern.
  11. Ist es dann nicht besser, wenn dieses Reich seinen Ursprung der hochherzigen Initiative König Ludwigs verdankt? Ich hab da den Entwurf fürn Schreiberbrief. Es wird überhaupt keine Mühe machen.
  12. König Ludwig II: Ja, dann geben Sie ihn halt her, in Gottes Namen. Ludwig bittet Wilhelm Kaiser zu werden. Und kassiert 6 Millionen.
  13. Hollenstein: Ich habe ihn, den Brief. Bismarck: Respekt.
  14. Bismarck ist am Ziel. König Wilhelm kann jetzt nicht mehr ablehnen. Am 18. Januar 1871 wird er in Versailles zum deutschen Kaiser ausgerufen. „Kaiser Wilhelm, er lebe hoch, hoch, hoch“
  15. Das Kaiserreich ist gegründet. Das Volk hat allerdings niemand gefragt. Die Reichsgründung 1871 war eine monarchische Gründung. Das ist völlig klar. Es war aber auf der anderen Seite eine Gründung von unten, wenn man so will.
  16. Denn es gab natürlich eine sehr dynamische und auch sehr sehnsüchtige, könnte man sagen, Einheitsbewegung. Also diese deutsche Einheit war nicht einfach nur ein chauvinistisches Projekt, sondern es war durchaus auch ein modernes Projekt, mit dem man dann viele dieser Aufbrüche ermöglichen konnte.
  17. Es gibt ein Parlament, den Reichstag. Gewählt mit allgemeinem Männerwahlrecht ab 25 Jahren. International gesehen ist das damals fortschrittlich. Frauen sind hier noch nicht vorgesehen. Der Reichstag verabschiedet Haushalt und Gesetze.
  18. Die Regierung allerdings ernennt der Monarch. Ab 1888 ist das Wilhelm II. Den Reichstag betritt er nur einmal, zur Eröffnung 1894!
  19. Das Design findet er „geschmacklos“, die Streitigkeiten im Hohen Haus sind für ihn ohne Belang. „Reichsaffenhaus“
  20. Die Presse aber interessiert sich für die Debatten: Das Parlament wurde immer wichtiger. Der Reichstag wurde die zentrale Instanz der Politik im deutschen Kaiserreich und die Reden, die dort gehalten wurden, sorgten für große Aufmerksamkeit.
  21. Und die Zeitungen haben seitenlang die Reden der Parlamentarier abgedruckt. Das ist unwahrscheinlich beeindruckend. Vor allem die Abgeordneten der Arbeiterpartei, der SPD, spielen eine immer größere Rolle im Reichstag.
  22. 1913 übernimmt Friedrich Ebert den Parteivorsitz. Der gelernte Sattler aus Heidelberg hat sich seit seiner Jugend für die Belange der Arbeiterschaft engagiert.
  23. Unter seiner Führung wird die SPD bis 1914 auf über eine Million Mitglieder anwachsen. Ebert wird den Kaiser 1918 an der Spitze des Reiches ablösen. 1919 wird er erster Reichspräsident der jungen Weimarer Republik.
  24. Das Leben von Arbeitern und Handwerkern ist hart. 16 Stunden täglich, 6 Tage die Woche. Bei kargem Lohn. Am Anfang des Kaiserreichs, haben Unterschichten, sei es auf dem Land, sei es in der Stadt, also seien es Bauern, Landarbeiter, Industriearbeiter,
  25. in ziemlichem Elend gelebt, was seit Jahrhunderten es eigentlich gegeben hatte, mit Hungersnöten, mit Krankheiten, Epidemien und dergleichen. Arbeiterkinder müssen früh mit anpacken. Mütter haben viele Kinder zu versorgen. Die Not ist überall groß.
  26. Schon unter Bismarck entsteht eine staatliche Absicherung für sozial Schwache. Sozialpolitisch ein Novum. Auch gedacht um der sozialistischen Bewegung den Nährboden zu entziehen.
  27. Denn mit zunehmender Industrialisierung wird die Arbeiterschaft selbstbewusster. Arbeiter organisieren sich in Gewerkschaften und in der sozialdemokratischen Partei, die nach Jahren des Verbots 1890 wieder zugelassen ist.
  28. Anfang des 20. Jahrhunderts steigt die Lebenserwartung auf durchschnittlich 47 Jahre. Der 10-Stunden-Arbeitstag wird festgeschrieben, Kinderarbeit unter 14 Jahren verboten. Das ist immer ganz wichtig, dass man sieht, wie stark sich diese Zeit entwickelt hat. Das ist ja überhaupt ein ganz wichtiges Kennzeichen der Zeit, dass es so dynamisch war.
  29. Erstmals verschaffen sich auch Frauen in der Öffentlichkeit Gehör. Sie fordern ein Wahlrecht und gerechte Löhne. 1900 werden erste Schülerinnen zum Abitur zugelassen. Zumindest ein Etappensieg.
  30. Die Frauen haben erkannt, auch die Sozialistinnen, wie wichtig Bildung ist und dass das die Voraussetzung ist, um sich zum Beispiel politisch zu engagieren. Ein neues Selbstbewusstsein – auch für den eigenen Körper. Sport für Frauen galt lange als unsittlich.
  31. Ab Anfang des 20. Jahrhunderts gibt es bezahlten Urlaub, zumindest für Angestellte und Beamte. Urlaub für Arbeiter ist noch die Ausnahme. Sie brauchten keine Zeit zur Regeneration, heißt es.
  32. Der Adel lebt in seiner eigenen Welt. In Schlössern und Palästen. Abgeschottet vom Volk. Eng verbunden mit dem Militär und seiner Führung. De facto war es so, dass der Adel nach wie vor bestimmte Vorrechte hatte.
  33. Der Monarch hat im Wesentlichen zu zentralen Führungspositionen im Militär nur Adelige berufen. Auch die Reichskanzler waren bis 1918 ausschließlich Adelige. Die Privilegien des Adels aber, aus Jahrhunderten erwachsen, werden zunehmend hinterfragt.
  34. Deutschlands Weg in die Moderne: In Städten gibt es elektrisches Licht, erste Autos rumpeln durch die Straßen. Zeppeline und andere Flugobjekte findet auch der Kaiser gut. Wilhelm II. ist ein Technikfreak und ein Förderer der Wissenschaften. Universitäten und Forschungsinstitute sind die modernsten ihrer Zeit.
  35. Wilhelms Interesse an Technik und an allem, was modern war, Flotte und dergleichen: das hat ihn natürlich auch ein Stück weit für Leute, die das das teilten, diese Idee, hat ihn auch attraktiv und interessant gemacht und populär gemacht.
  36. Wobei das sich natürlich massiv biss mit seinen politischen Anschauungen, in politischer Hinsicht war er, extrem konservativ. Der Flottenbau ist des Kaisers Lieblingskind. „Deutschlands Zukunft liegt auf dem Meer“ – heißt es.
  37. Wilhelm will das Deutsche Reich zur Weltmacht führen und riskiert damit internationale Konflikte! Das Kaiserreich beginnt ja Kolonien zu erwerben. Das ist eine Bewegung, die Kolonien will und auch der Auffassung ist, Deutschland brauche Kolonien, um überhaupt weltpolitisch mitspielen zu können.
  38. Diese Bewegung, die ist schon stark. Der Kaiser hofft, dass alle Deutschen stolz sind auf den Machtzuwachs des Reiches in der Welt.
  39. Doch viele Arbeiter halten das Programm des Flottenbaus für eine Ablenkung von inneren Missständen. „Brot und Spiele“ wie im alten Rom, heißt es ihrer Parteizeitung.
  40. Denn an der Ausbeutung der Arbeiterschaft ändert sich im Kaiserreich wenig. Drei Kriege waren notwendig, bis das Deutsche Kaiserreich 1871 gegründet werden konnte.
  41. 1914 führt der Kaiser das Reich in den Ersten Weltkrieg. Anfangs unter Jubel. Doch mit den steigenden Kriegslasten und -Opfern bröckelt die Autorität des Monarchen.
  42. Die Menschen werden selbstbewusster und akzeptieren nicht länger, dass über ihre Köpfe hinweg entschieden wird. Die Frage ist, wie die politische Herrschaft organisiert wird, und das passt eben nicht wirklich zusammen.
  43. Dieser Widerspruch zwischen einer pluralistisch werdenden dynamischen Massengesellschaft einerseits und dem politischen Herrschaftsregime, das ist die Situation, wo dann die Massen auf die Straße strömen, wo in Kiel und Wilhelmshaven die berühmten Matrosen die Befehle verweigern und die Revolution beginnt.
  44. Der Aufstand Anfang November 1918 verbreitet sich schnell über das ganze Land. Die Demonstranten fordern Wilhelms Abdankung und ein Ende des Krieges. Doch der Monarch will davon nichts wissen.
  45. Die Reformunfähigkeit des Kaiserreichs, vor allem dann auch im Ersten Weltkrieg, da, wo die Dinge sich noch einmal zuspitzen, das ist im Grunde das Kernproblem. Und diese Reformunfähigkeit kommt von einer gewissen Starrheit der Herrschaftselite.
  46. Am 9. November verkündet Reichskanzler Max von Baden eigenmächtig die Abdankung Wilhelms II. Nach 47 Jahren ist damit das Kaiserreich Geschichte. Zerbrochen an den gesellschaftlichen Gegensätzen und dem Starrsinn seiner Elite.
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