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Wilhelm I. (Deutsches Reich)
Im Kampf gegen das Parlament berief Wilhelm 1862 Otto von Bismarck zum Ministerpräsidenten. Mit dessen Unterstützung wurde der Verfassungskonflikt 1866 …
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Person und politische Bedeutung
Wilhelm I. (Wilhelm Friedrich Ludwig von Preußen, *22. März 1797 in Berlin; †9. März 1888 ebenda) stammte aus dem Haus Hohenzollern. Er war von 1861 bis zu seinem Tod König von Preußen und seit der Reichsgründung 1871 der erste Deutsche Kaiser. Als zweitgeborener Sohn Friedrich Wilhelms III. war er zunächst nicht als künftiger Monarch vorgesehen und schlug eine militärische Laufbahn ein.
Wilhelm wurde durch die Niederlage Preußens in den napoleonischen Kriegen, den Dekabristenaufstand von 1825 in Russland und die Julirevolution von 1830 in Frankreich geprägt. Daraus entwickelte er eine starke Revolutionsfurcht und lehnte Zugeständnisse an die Volkssouveränität ab. Den deutschen Nationalismus betrachtete er zunehmend als politisches Mittel zur Stärkung der preußischen Krone. Seine Politik verband konservative Monarchie, militärische Macht und eine begrenzte Anerkennung der konstitutionellen Ordnung.
Vom Prinzen zum Regenten
Wilhelm wurde militärisch erzogen und nahm 1814 an der Schlacht von Bar-sur-Aube teil. Er erhielt dafür den russischen St.-Georgen-Orden und am 10. März 1814 das Eiserne Kreuz. Seit den 1820er Jahren übernahm er diplomatische Aufgaben. 1829 heiratete er Augusta von Sachsen-Weimar-Eisenach, nachdem sein Vater eine Ehe mit Elisa Radziwiłł wegen fehlender Ebenbürtigkeit verboten hatte. Das Paar hatte zwei Kinder: den späteren Kaiser Friedrich III. und die Tochter Luise.
1840 wurde Wilhelm nach dem Regierungsantritt seines Bruders Friedrich Wilhelm IV. zum Prinzen von Preußen und Thronfolger. Er stand konservativen Kreisen nahe, widersetzte sich aber auch der Politik seines Bruders. Wegen seiner militärischen Stellung und seiner Haltung gegenüber Unruhen wurde er in der Öffentlichkeit zunehmend unbeliebt.
Während der Märzrevolution 1848 ist seine genaue Rolle umstritten. Einige Historiker sehen ihn als Befürworter eines harten militärischen Vorgehens, andere betonen, dass sein Bild als Hauptfigur der Reaktion durch Presse- und Propagandakampagnen entstand. Nach den Berliner Barrikadenkämpfen ging Wilhelm ins Exil nach London und kehrte 1848 nach Preußen zurück.
1849 erhielt er den Oberbefehl über die preußischen Truppen gegen die Revolution in der Pfalz und in Baden. Die Revolutionsbewegungen wurden militärisch niedergeschlagen. Deshalb blieb der Schmähname „Kartätschenprinz“ mit ihm verbunden. Von 1850 bis 1858 war Wilhelm Militärgouverneur des Rheinlandes und Westfalens und errichtete in Koblenz einen eigenen Hof. Er befürwortete eine aktive preußische Deutschlandpolitik und kritisierte die preußische Neutralität im Krimkrieg.
Ab 1857 vertrat Wilhelm den erkrankten Friedrich Wilhelm IV. Am 26. Oktober 1858 legte er als Prinzregent den Eid auf die Verfassung ab. Der erwartete liberale Wandel der „Neuen Ära“ blieb begrenzt. Wilhelm entließ zwar hochkonservative Minister, lehnte aber eine parlamentarische Kontrolle des Heeres ab. Der Streit über die Heeresreform führte zum preußischen Verfassungskonflikt.
König, Bismarck und die Einigungskriege
Nach dem Tod Friedrich Wilhelms IV. am 2. Januar 1861 wurde Wilhelm König von Preußen. Am 14. Juli 1861 schoss Oskar Becker in Baden-Baden aus nächster Nähe auf ihn; Wilhelm wurde nur leicht am Hals verletzt. Am 18. Oktober 1861 setzte er sich bei der Krönungsfeier in Königsberg selbst die Krone auf. Dabei betonte er, die Krone komme „nur von Gott“, bekräftigte aber zugleich seine Achtung vor dem Parlament und seinen Eid auf die Verfassung.
1862 eskalierte der Heeres- und Verfassungskonflikt. Das Abgeordnetenhaus lehnte vor allem die von Wilhelm geforderte dreijährige Wehrdienstzeit und die Bewilligung des Militäretats ab. Wilhelm erwog zeitweise eine Abdankung, ernannte aber schließlich Otto von Bismarck zum preußischen Ministerpräsidenten. Mit Bismarcks Unterstützung wurden Steuern ohne parlamentarische Bewilligung eingezogen und oppositionelle Beamte unter Druck gesetzt. Ob Wilhelm tatsächlich ernsthaft abdanken wollte und ob Bismarck bereits eine politische „Blankovollmacht“ erhielt, ist in der Forschung umstritten.
Die Einigungskriege steigerten die Macht Preußens erheblich. Im Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 unterstützte Wilhelm zunächst die Ansprüche der Augustenburger auf Schleswig-Holstein. Nach dem Sieg über Dänemark verlangte er eine preußische Inbesitznahme der Herzogtümer. 1865 wurde Schleswig preußisch und Holstein österreichisch verwaltet.
Im Preußisch-Österreichischen Krieg von 1866 zielte Wilhelm auf eine preußische Vorherrschaft in Deutschland, obwohl sein Verhältnis zum Kriegskurs umstritten bewertet wird. Er ließ Truppen in Sachsen, Hannover und Kurhessen einmarschieren und rechtfertigte die späteren Annexionen mit der Förderung der nationalen Einigung. Nach dem Sieg bei Königgrätz wollte er Österreich härter bestrafen und sogar in Wien einmarschieren; Bismarck, Moltke und der Kronprinz widersetzten sich. Schließlich akzeptierte Wilhelm einen maßvolleren Frieden.
1867 wurde Wilhelm Inhaber des Bundespräsidiums im Norddeutschen Bund. Dieses monarchische Amt umfasste unter anderem die völkerrechtliche Vertretung, die Ernennung des Bundeskanzlers sowie die Einberufung von Reichstag und Bundesrat. Wilhelm sah den Norddeutschen Bund als Vorstufe zu einem deutschen Nationalstaat.
Reichsgründung und Kaisertum
Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 war Wilhelm nominell oberster Befehlshaber. Die militärische Planung überließ er weitgehend Helmuth von Moltke. Nach der Schlacht bei Gravelotte griff er stärker in Befehlsabläufe ein; später leitete er im Hauptquartier von Versailles Kriegsräte und vermittelte zwischen Bismarck und Moltke. Im Januar 1871 setzte er durch, dass Bismarck über militärische Planungen informiert wurde, und unterstützte schließlich Friedensverhandlungen.
Wilhelm und Bismarck bereiteten ab August 1870 die Vereinigung mit den süddeutschen Staaten vor. Wilhelm wollte den Kaisertitel erst annehmen, wenn ihn alle deutschen Fürsten anboten. Den Titel „Kaiser von Deutschland“ lehnte er ab, weil er dadurch einen Herrschaftsanspruch über die einzelnen Staaten bekräftigt hätte und Widerstand in Süddeutschland befürchtete. Am 18. Januar 1871 wurde er im Schloss Versailles bei Paris zum Deutschen Kaiser proklamiert. Das Datum lag genau 170 Jahre nach der Königskrönung Friedrichs I. Die Reichsverfassung machte Wilhelm rechtlich bereits am 1. Januar 1871 zum deutschen Kaiser; er legte jedoch besonderen Wert auf die zeremonielle Ausrufung durch die Fürsten.
Als Kaiser setzte Wilhelm auf militärische Inszenierungen, Paraden, Einzüge und Denkmäler. Er förderte die Berliner Siegessäule sowie ein Armeemuseum und eine Ruhmeshalle im Zeughaus. Solche Darstellungen sollten die Autorität von Monarchie und Militär stärken. Seit den späten 1870er Jahren trat Wilhelm wegen seines Alters weniger in den Amtsgeschäften hervor und wurde durch öffentliche Auftritte zunehmend zu einer nationalen Identifikationsfigur. Die Presse zeigte ihn häufig als disziplinierten, arbeitsamen und respektgebietenden alten Monarchen.
Innen- und Außenpolitik
Innenpolitisch wollte Wilhelm eine weitere Parlamentarisierung des Deutschen Reiches verhindern. Er unterstützte Bismarcks Vorgehen gegen die Sozialdemokratie. Nach den Attentaten von Max Hödel am 11. Mai 1878 und Karl Eduard Nobiling am 2. Juni 1878 befürwortete er ausdrücklich das Sozialistengesetz, das sozialdemokratische Vereine, Versammlungen und Schriften verbot. Das zweite Attentat verletzte ihn durch 30 Schrotkugeln an Armen, Kopf und Rücken. Die Anschläge steigerten seine öffentliche Popularität. Wilhelm übte außerdem Druck aus, die Zusammenarbeit mit den Nationalliberalen zu beenden; dies trug zur „konservativen Wende“ von 1878/1879 bei.
Im Kulturkampf gegen die katholische Kirche war seine Haltung wechselhaft. Er stand einzelnen Repressionen skeptisch gegenüber, sah aber die katholische Geistlichkeit und die Zentrumspartei als mögliche Bedrohung der Krone. 1878/1879 befürwortete er eine Beendigung des Kulturkampfes, ohne seine ablehnende Haltung gegenüber dem Ultramontanismus aufzugeben. Sein Verhältnis zur jüdischen Bevölkerung war ambivalent: Er vertraute dem jüdischen Bankier Moritz von Cohn, stimmte der gesetzlichen Gleichstellung von 1869 zu, entließ aber den antisemitisch agitierenden Hofprediger Adolf Stoecker nicht und äußerte sich im Berliner Antisemitismusstreit nicht öffentlich.
Außenpolitisch vertraute Wilhelm besonders auf dynastische Verbindungen und persönliche Beziehungen. Russland hielt er zunächst für den wichtigsten Verbündeten. 1873 unterstützte er das Dreikaiserabkommen mit Russland und Österreich-Ungarn, das den Frieden sichern und monarchische Herrschaft gegen Revolutionen schützen sollte. Später verschlechterten sich die Beziehungen zu Russland durch die Balkankrise und die Bulgarische Krise. Wilhelm akzeptierte schließlich den Zweibund mit Österreich-Ungarn, obwohl er zunächst eine Einigung mit Russland bevorzugte. Kurz vor seinem Tod erwog er einen möglichen Krieg gegen Russland, ließ aber keine Präventivkriegspläne ausarbeiten. Für deutsche Kolonialpolitik interessierte er sich kaum und warnte 1884 vor zu hohen Kosten der Überseegebiete.
Tod, Nachwirkung und Forschung
Wilhelm I. starb am 9. März 1888. Zwischen dem 12. und 15. März wurde sein Leichnam öffentlich im Berliner Dom aufgebahrt; zeitgenössische Schätzungen nennen 100.000 bis 300.000 Abschiednehmende. Sein Sohn Friedrich III. starb bereits 99 Tage später an Kehlkopfkrebs. Danach bestieg dessen 28-jähriger Sohn Wilhelm II. den Kaiserthron. Das Jahr 1888 wurde deshalb zum Dreikaiserjahr.
Nach 1888 entstanden rund 425 Denkmäler für Wilhelm I.; kein anderes gekröntes Haupt erhielt in Deutschland mehr Denkmäler. Wilhelm II. stellte seinen Großvater als „Reichsgründer“ und teilweise als „Wilhelm den Großen“ dar. Auch die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und zahlreiche Straßen, Plätze, Kirchen und Einrichtungen erinnerten an ihn. In Porträts erschien Wilhelm sowohl als mächtiger Herrscher und Feldherr als auch als bürgerlicher, gütiger „Großvater der Nation“. Ausländische Karikaturen stellten ihn dagegen häufig als Kriegsherrn oder halbautokratischen Despoten dar.
Die Forschung diskutiert besonders Wilhelms Verhältnis zu Bismarck und seine nationale Bedeutung. Eine ältere Sicht sah ihn als politisch schwachen Monarchen, der nach Bismarcks Ernennung vor allem den Reichskanzler im Amt hielt und repräsentative Aufgaben erfüllte. Neuere Historiker wie Jan Markert und Frederik Frank Sterkenburgh betonen dagegen, dass Wilhelm seine monarchischen Vorrechte verteidigte und auch nach 1871 wichtige Entscheidungen beeinflusste. Einigkeit besteht nicht: Christopher Clark und andere sehen Bismarck meist als den stärkeren Akteur, während Wilhelm sich gelegentlich durchsetzen konnte. Ebenso ist umstritten, ob Wilhelm im Kern nur preußischer König blieb oder sich als nationaler Reichsmonarch verstand. Sicher ist, dass er die Entwicklung Preußens zur führenden Macht Deutschlands, die Reichsgründung, die konservative Innenpolitik und die monarchische Selbstdarstellung des Kaiserreichs entscheidend mitprägte.
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