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Wilhelm II. (Deutsches Reich)

Nach den Oktoberreformen war der Reichskanzler nicht mehr ihm, sondern dem Reichstag verantwortlich. Im Weltkrieg war der Kaiser von der Obersten Heeresleitung …

Inhalt5 Abschnitte
  1. 1. Der letzte deutsche Kaiser
  2. 2. Jugend und Thronbesteigung
  3. 3. Innenpolitik, Gesellschaft und Weltmachtstreben
  4. 4. Erster Weltkrieg und Ende der Monarchie
  5. 5. Exil, politische Haltung und Persönlichkeit

Der letzte deutsche Kaiser

Wilhelm II., vollständig Friedrich Wilhelm Viktor Albert von Preußen, wurde am 27. Januar 1859 in Berlin geboren und starb am 4. Juni 1941 im niederländischen Doorn. Er stammte aus dem Haus Hohenzollern und war von 1888 bis 1918 der letzte Deutsche Kaiser und König von Preußen. Als Enkel der britischen Königin Victoria war er mit mehreren europäischen Herrscherhäusern verwandt.

Seine dreißigjährige Regierungszeit heißt wilhelminische Epoche. Sie war von wirtschaftlichem, technischem und naturwissenschaftlichem Fortschritt, aber auch von Militarismus, kolonialer Weltpolitik und wachsender internationaler Spannung geprägt. Wilhelm vertrat eine traditionelle Vorstellung von Monarchie und wollte Innen- und Außenpolitik persönlich bestimmen. Für die Regeln einer konstitutionellen Monarchie, in der die Herrschaft durch eine Verfassung begrenzt ist, zeigte er wenig Verständnis. Sein sogenanntes persönliches Regiment blieb jedoch widersprüchlich und war stark von wechselnden Beratern abhängig.

Wilhelm förderte besonders die Aufrüstung der Kaiserlichen Marine und wollte Deutschland als Weltmacht etablieren. Sein häufig undiplomatisches Auftreten, internationale Krisen und die Flottenrüstung belasteten vor allem das Verhältnis zu Großbritannien. Im Ersten Weltkrieg verlor er zunehmend politischen Einfluss an die Oberste Heeresleitung unter Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff. Die Niederlage Deutschlands, die Novemberrevolution und die Ausrufung der Republik beendeten 1918 seine Herrschaft.

Jugend und Thronbesteigung

Wilhelm war der älteste Sohn des späteren Kaisers Friedrich III. und Victorias von Großbritannien und Irland. Bei seiner schwierigen Geburt kam er als Steißgeburt zur Welt. Eine linksseitige Armplexus-Lähmung führte dazu, dass sein linker Arm dauerhaft kürzer und nur eingeschränkt beweglich blieb. Außerdem entwickelte er einen Schiefhals, der später operiert wurde. Ob der Arzt Eduard Arnold Martin Wilhelms Leben rettete oder seine Behinderung verursachte, ist umstritten. Zahlreiche schmerzhafte Behandlungen blieben erfolglos.

Seine Eltern überließen die unmittelbare Erziehung weitgehend dem calvinistischen Lehrer Georg Ernst Hinzpeter. Die sehr strenge Erziehung sollte Wilhelm auf seine zukünftige Herrscherrolle vorbereiten. 1874 kam er an das Lyceum Fridericianum in Kassel und legte dort das Abitur ab. Von 1877 bis 1879 studierte er vier Semester an der Universität Bonn. Parallel durchlief er eine militärische Ausbildung und wurde bis 1888 rasch zum Generalmajor und Kommandeur der 2. Garde-Infanterie-Brigade befördert. Auch mit der zivilen Verwaltung wurde er bekannt gemacht, konnte sich jedoch in keinem Bereich gründlich einarbeiten.

1888 wurde zum Dreikaiserjahr: Nach dem Tod Wilhelms I. am 9. März regierte Wilhelms schwer kranker Vater als Friedrich III. nur 99 Tage. Nach dessen Tod am 15. Juni 1888 wurde der 29-jährige Wilhelm König von Preußen, Deutscher Kaiser und Oberster Kriegsherr. Regierungserfahrung besaß er kaum. Reichskanzler Otto von Bismarck hatte die politische Macht seit 1862 stark in seiner Hand konzentriert und erwartete, auch den jungen Kaiser lenken zu können.

Innenpolitik, Gesellschaft und Weltmachtstreben

Wilhelm setzte zunächst soziale Reformen fort. 1889 weigerte er sich, Soldaten gegen streikende Bergarbeiter im Ruhrgebiet einzusetzen. Er unterstützte Verbesserungen bei Sonntags- und Nachtarbeit sowie bei der Beschäftigung von Frauen und Kindern, staatliche Fabrikinspektionen und Einigungsstellen für Arbeitskämpfe. Außerdem befürwortete er die Aufhebung des Sozialistengesetzes. Grundlegende demokratische Veränderungen lehnte er jedoch ab: Der Kaiser ernannte und entließ weiterhin den Reichskanzler, und in Preußen blieb das ungleiche Dreiklassenwahlrecht bestehen. Die SPD forderte weitergehende Reformen und gewann zunehmend Stimmen; Wilhelms anfänglicher Ausgleichskurs wich deshalb einer schärferen Gegnerschaft.

Zwischen Wilhelm und Bismarck entstanden Konflikte über Sozialpolitik, Katholizismus und Außenpolitik. Am 20. März 1890 entließ Wilhelm den Reichskanzler und ernannte Leo von Caprivi. Damit begann sein persönliches Regiment. Der geheime Rückversicherungsvertrag mit Russland wurde 1890 nicht verlängert; Russland näherte sich daraufhin Frankreich an. Caprivi förderte den Übergang Deutschlands zur industriellen Exportwirtschaft und setzte 1891 eine progressive Einkommensteuer durch, bei der höhere Einkommen stärker belastet wurden.

Wilhelms Integrationspolitik gegenüber den Katholiken war vergleichsweise erfolgreich: Er unterstützte das Ende des Kulturkampfes, also des staatlichen Konflikts mit der katholischen Kirche. Gegenüber der polnischen Minderheit hob er zunächst mehrere Unterdrückungsmaßnahmen auf und erkannte die Polen als eigenes Volk an; später kam es jedoch erneut zu Germanisierungs- und Enteignungsmaßnahmen. Das Reichstagswahlrecht ermöglichte Dänen, Elsass-Lothringern und Polen eigene Fraktionen.

Die wilhelminische Gesellschaft war stark vom Militär geprägt. Militärdienst und Reserveoffiziersrang waren für Ansehen und Karriere oft wichtig. Wilhelm löste 1893 den Reichstag auf, nachdem dieser eine Heeresverstärkung abgelehnt hatte. Besonders unterstützte er die von Alfred von Tirpitz betriebene Flottenrüstung. Deutschland erwarb weitere Kolonialgebiete, ließ den Kaiser-Wilhelm-Kanal und Marinehäfen ausbauen und pachtete Tsingtao für 99 Jahre. Die Flottenpolitik beunruhigte Großbritannien und verschärfte das internationale Wettrüsten.

Unter den Reichskanzlern Chlodwig zu Hohenlohe-Schillingsfürst und Bernhard von Bülow kam es zu mehreren außenpolitischen Krisen. Die Krüger-Depesche von 1896 empörte Großbritannien. Die Marokkokrisen von 1904–1906 und 1911 verschlechterten das Verhältnis zu Frankreich. Ein 1905 mit Zar Nikolaus II. geschlossener Vertrag von Björkö blieb wirkungslos und wurde 1907 von Russland für gegenstandslos erklärt. In der Daily-Telegraph-Affäre von 1908 löste Wilhelm durch ein eigenmächtiges Interview im In- und Ausland Empörung aus und versprach anschließend politische Zurückhaltung. Die Harden-Eulenburg-Affäre von 1906 bis 1909 beschädigte sein Ansehen zusätzlich. 1909 entließ er Bülow und ernannte Theobald von Bethmann Hollweg.

Wilhelm förderte außerdem repräsentative Bauprojekte, darunter die Restaurierung der Hohkönigsburg von 1901 bis 1908, das Residenzschloss Posen, die Marineschule Mürwik und den Cecilienhof in Potsdam. Solche Bauten verbanden monarchische Selbstdarstellung, historisierende Architektur und militärisches Weltmachtstreben.

Erster Weltkrieg und Ende der Monarchie

In der Julikrise 1914 handelte Wilhelm widersprüchlich. Einerseits versuchte er durch Briefe an Zar Nikolaus II. den Frieden zu bewahren, andererseits drängte er zum Vorgehen gegen Serbien. Nach dem Attentat von Sarajevo am 28. Juni 1914 ermächtigte er Reichskanzler Bethmann Hollweg, Österreich-Ungarn eine Blankovollmacht für dessen aggressive Politik zu geben. Nach der russischen Mobilmachung folgte die deutsche Führung dem Schlieffen-Plan: Frankreich sollte in einem Zweifrontenkrieg schnell besiegt werden, bevor man sich Russland zuwandte. Die Entscheidungen überließ Wilhelm weitgehend dem Generalstab und der Obersten Heeresleitung.

Am 4. August 1914 erklärte er vor dem Reichstag im Sinne des politischen „Burgfriedens“: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur noch Deutsche!“ Während des Krieges nahm sein Einfluss stetig ab. Seit 1916 bestimmten Hindenburg und Ludendorff die Politik in einer Militärherrschaft mit diktatorischen Zügen. Wilhelm stimmte 1917 gegen den Rat des Reichskanzlers der Wiederaufnahme des uneingeschränkten U-Boot-Krieges zu. Dies trug im April 1917 zum Kriegseintritt der USA bei. Sein im Mai 1917 vorgelegtes Kriegszielprogramm verlangte große Gebietsgewinne, koloniale Expansion und Reparationen, spielte in der praktischen Politik aber nur eine begrenzte Rolle.

Nach dem Scheitern der deutschen Frühjahrsoffensive und den Erfolgen der Westalliierten verlangte die Oberste Heeresleitung am 28. September 1918 einen Waffenstillstand und eine breiter abgestützte Regierung. US-Präsident Woodrow Wilson machte Verhandlungen indirekt vom Thronverzicht des Kaisers abhängig. Am 30. September stimmte Wilhelm der Parlamentarisierung zu; nach den Oktoberreformen war der Reichskanzler dem Reichstag und nicht mehr dem Kaiser verantwortlich.

Während der Novemberrevolution verlor Wilhelm auch den Rückhalt des Heeres. Am 9. November 1918 verkündete Reichskanzler Max von Baden ohne Wilhelms Zustimmung dessen Abdankung als Kaiser und König. Philipp Scheidemann und Karl Liebknecht riefen in Berlin jeweils die Republik aus. Wilhelm floh am 10. November aus dem Großen Hauptquartier in Spa in die Niederlande. Am 28. November verzichtete er in Amerongen formell auf die preußische Krone und die damit verbundenen Rechte an der deutschen Kaiserkrone. Sein Sohn Wilhelm verzichtete am 1. Dezember auf die Nachfolge.

Exil, politische Haltung und Persönlichkeit

Die niederländische Regierung gewährte Wilhelm Asyl und lehnte am 22. Januar 1920 die von den Siegermächten geforderte Auslieferung ab. Seit 1920 lebte er im Haus Doorn bei Utrecht. Seine erste Frau Auguste Viktoria, mit der er seit 1881 verheiratet war und sieben Kinder hatte, starb 1921. 1922 heiratete er Hermine von Schönaich-Carolath; gemeinsame Kinder hatten sie nicht.

Wilhelm lehnte die Weimarer Republik ab, hoffte auf eine Wiederherstellung der Monarchie und verfasste Memoiren sowie kulturhistorische Schriften. Zeitweise erwartete er, die Nationalsozialisten könnten ihn wieder einsetzen. Nach Hitlers Machtübernahme 1933 erwies sich dies als Illusion, und Wilhelm ging zunehmend auf Distanz. Seine Haltung blieb jedoch widersprüchlich: Nach den Novemberpogromen 1938 bezeichnete er die Gewalt privat als „reines Gangstertum“, kritisierte sie aber nicht öffentlich. Nach dem deutschen Sieg über Frankreich gratulierte er Hitler am 17. Juni 1940 in einem Telegramm.

Auch Wilhelms Verhältnis zum Antisemitismus war widersprüchlich und wandelte sich. Als Kaiser unterhielt er freundschaftliche Beziehungen zu mehreren prominenten Juden und unterließ judenfeindliche Initiativen, unterstützte aber Houston Stewart Chamberlains antisemitisches Werk. Nach 1918 vertrat er einen entschiedenen Antisemitismus, erklärte seinen Sturz mit Verschwörungstheorien und äußerte wiederholt Gewalt- und Vernichtungsfantasien gegen Juden. Im Zweiten Weltkrieg verbreitete er erneut antisemitische Verschwörungstheorien. Unmittelbaren politischen Einfluss auf das NS-Regime hatte er damit nicht, verlieh antisemitischen Vordenkern in konservativ-monarchischen Kreisen aber Ansehen.

Zeitgenossen und Historiker beschrieben Wilhelm als intelligent und technikbegeistert, zugleich impulsiv, unsicher, arrogant, leicht kränkbar und stark auf öffentliche Wirkung bedacht. Die Folgen seiner Behinderung, die strenge Erziehung und die geringe elterliche Zuwendung werden als mögliche Einflüsse auf seine Persönlichkeit genannt. Psychiatrische Diagnosen bleiben umstritten. Seine Reden, zahlreichen Uniformen, Reisen und sein auffälliger Schnurrbart machten ihn zu einem frühen „Medienmonarchen“, führten aber auch zu Spott. Seine anfängliche Popularität als „Arbeiterkaiser“ oder „Friedenskaiser“ nahm durch politische Skandale und Krisen ab. Besonders seine Flucht 1918 wurde von vielen Konservativen als „Fahnenflucht“ bewertet.

In der historischen Beurteilung besteht kein einheitliches Urteil. John C. G. Röhl betont Wilhelms eigenständigen und verhängnisvollen politischen Einfluss; andere Historiker wie Wolfgang J. Mommsen sehen die zivile Reichsleitung und die Machteliten stärker in der Verantwortung. Volker Ullrich erkennt in manchen seiner Einstellungen einen Vorboten des Nationalsozialismus, während Christopher Clark davor warnt, Wilhelm und das Kaiserreich vereinfachend als direkte Vorläufer der NS-Diktatur darzustellen.

Wilhelm starb am 4. Juni 1941 um 12:30 Uhr im Haus Doorn an einer Lungenembolie. Er wurde später in einem nach seinen Entwürfen errichteten Mausoleum im Park von Haus Doorn beigesetzt. Eine Überführung nach Deutschland sollte nach seinem Willen erst nach der Wiederherstellung der Monarchie erfolgen.

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