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Der Steppenwolf

Der Steppenwolf ist ein 1927 erschienener Roman von Hermann Hesse. Die Erzählung schildert die Erlebnisse der Hauptfigur Harry Haller, eines Alter Egos des …

Inhalt6 Abschnitte
  1. 1. Kern des Romans
  2. 2. Entstehung und Hintergrund
  3. 3. Handlung
  4. 4. Form und Deutung
  5. 5. Wirkung und Ausgaben
  6. 6. Adaptionen und Namenswirkung

Kern des Romans

Der Steppenwolf ist ein 1927 erschienener Roman von Hermann Hesse. Im Mittelpunkt steht Harry Haller, ein „Mann von annähernd fünfzig Jahren“ und Alter Ego des Autors. Der Roman verbindet Gesellschaftskritik mit Persönlichkeitsanalyse: Er zeigt einen Menschen, der an sich selbst und an der modernen bürgerlichen Welt leidet.

Hallers Hauptproblem ist die Zerrissenheit seiner Persönlichkeit. Er erlebt sich als Doppelwesen: Die menschliche Seite ist gebildet, bürgerlich angepasst, an Dichtung, Musik und Philosophie interessiert und mit Kultur, Kompromissen und geordnetem Leben verbunden. Die „steppenwölfische“ Seite ist einsam, sozial- und kulturkritisch, zweifelt an der bürgerlichen Gesellschaft und hält sich für einen Außenseiter und politischen Revolutionär. Diese beiden Seiten bekämpfen sich und blockieren seine künstlerische Entwicklung.

Der Weg zur Heilung besteht nicht darin, eine Seite zu zerstören, sondern beide Seiten zu versöhnen. Entscheidend ist der Humor: Haller soll lernen, über sich selbst, über seine Eifersucht und über das Ungenügen von Kultur und Gesellschaft zu lachen. Erst dadurch werden weitere Schritte zu menschlicher und künstlerischer Vollendung möglich, die der Roman selbst nicht mehr ausführlich erzählt.

Der Roman hatte großen Anteil am Welterfolg Hesses und wird mit der Verleihung des Nobelpreises für Literatur an ihn im Jahr 1946 in Verbindung gebracht. In den 1960er Jahren löste das Werk eine internationale Hesse-Renaissance aus.

Entstehung und Hintergrund

Hesse schrieb Der Steppenwolf in einer schweren persönlichen und geistigen Krise. Er litt unter den Auswirkungen einer technisch-rationalisierten Welt und einer Zivilisation, durch die er Geist und Seele der Menschen gefährdet sah. Außerdem fühlte er sich von kommenden Katastrophen und neuen Kriegen bedroht.

Auch privat befand sich Hesse in einer tiefen Krise. In seinem Tagebuch schrieb er als fast Fünfzigjähriger: „Ich schmeiße alles hin, mein Leben, […] ich alternder Mann.“ Wie Hesse selbst denkt auch Harry Haller im Roman an Suizid. Im Tractat vom Steppenwolf legt Haller seinen 50. Geburtstag als möglichen Tag fest, an dem er sich das Recht geben will, sich aufzuhängen.

Der Roman ist damit ein literarischer Ausdruck von Hesses seelischer Krise. Parallel zur Arbeit am Buch nahm Hesse therapeutische Sitzungen bei J. B. Lang, einem Psychoanalytiker aus der Schule C. G. Jungs. Einflüsse der Psychologie Jungs sind im Roman erkennbar. Das Werk wurde mehrheitlich im Hotel Krafft in Basel geschrieben. Eine von Burckhard Mangold gemalte Hausfassade am Spalenberg 22 in Basel mit einem Wolf als Zeichen soll Hesse angeblich zum Titel inspiriert haben.

Handlung

Harry Haller lässt sich für zehn Monate in einer größeren Stadt nieder, die er schon 25 Jahre zuvor besucht hat. Zu Beginn ist er beruflos, familienlos, heimatlos und tief deprimiert. Er hat früher mit Dichtung, Musik und Philosophie gearbeitet, Bücher geschrieben und gilt als Kenner Mozarts und Goethes. Seine pazifistischen Ansichten sind öffentlich bekannt. Mehrere Schicksalsschläge haben ihn getroffen: Er verlor Ruf und Vermögen, seine Frau verlor den Verstand und verließ ihn, und später verlor auch seine berufliche Arbeit für ihn ihren Sinn.

Haller sehnt sich nach seltenen Augenblicken höchster Erhebung durch Dichtung oder Musik. Solche Momente erlebt er als Spur einer göttlichen Welt. Zugleich sieht er diese Spur durch die bürgerliche Ordnung verdeckt und zerstört. Er hasst die bürgerliche Welt wegen Langeweile, Korruption und Kriegshetze, fühlt sich aber gleichzeitig von ihrer Ruhe, Sauberkeit und Ordnung angezogen.

In einem Tanzcafé begegnet Haller Hermine. Sie ist jung, verständnisvoll, androgyn beschrieben und lebt unter anderem als Gelegenheitsprostituierte. Für Haller wird sie zur Führerin in ein neues Leben. Sie bringt ihm Tanzen, Lachen und Leben bei und erklärt ihm, dass er sein Glück selbst in die Hand nehmen müsse: „Wie kannst du sagen, du habest dir mit dem Leben Mühe gegeben, wenn du nicht einmal tanzen willst?“ Hermine kündigt ihm außerdem an, dass er sie eines Tages töten müsse.

Hermine führt Haller auch zu Maria, mit der er erstmals körperliche Liebe und sinnliche Freude erlebt. Trotzdem bleibt Haller nicht bei dieser Zufriedenheit stehen. Er spürt, dass er weitergehen muss. Später besucht er einen Maskenball und gelangt in das „Magische Theater“, in dem es „nur Bilder, keine Wirklichkeit“ gibt. Dort erlebt er innere Bilder, Verwandlungen und symbolische Szenen, die ihn das Lachen lehren sollen.

In einer Szene findet Haller Pablo und Hermine nackt am Boden liegend. Aus Eifersucht stößt er ein Messer in ein Mal unter Hermines linker Brust; sie scheint zu verbluten. Danach erscheint Mozart und macht Haller klar, dass er Humor lernen müsse. Für sein Vergehen wird Haller zur Strafe des ewigen Lebens und des einmaligen Ausgelachtwerdens verurteilt. Am Ende bleibt Haller optimistisch, dieses „Spiel“ beim nächsten Mal besser spielen zu können.

Form und Deutung

Der Roman ist besonders aufgebaut. Im ersten Teil sprechen drei Erzähler oder Perspektiven: das Vorwort eines „Herausgebers“, der Neffe von Hallers Hauswirtin ist; Harry Hallers eigene Aufzeichnungen; und das Traktat vom Steppenwolf. Dieses Traktat analysiert Haller scheinbar objektiv von außen und wirkt wie eine „innere Biographie“ oder Psychoanalyse. In den ersten Ausgaben ließ Hesse das Traktat sogar als separate gelbe Broschüre einheften.

Diese drei Perspektiven zeigen Hallers Problem von außen, von innen und aus einer übergeordneten Sicht. Danach folgen zwei weitere Teile: Im zweiten Teil wird Hallers bisheriges Leben durch die neuen Figuren Hermine, Maria und Pablo herausgefordert. Sie können als Verkörperungen innerweltlicher Sehnsüchte oder Schicksale Hallers gelesen werden. Besonders Hermine ist ein weibliches Alter Ego Hallers beziehungsweise Hesses, weil sie Hallers Seelenspiegel ist und später als „Hermann“ erscheint.

Im dritten Teil, dem Magischen Theater, lösen sich die festen Bilder der Hauptfigur auf. Dort treten symbolische Tode und Verwandlungen auf: Haller zerstört Spiegelbilder, tötet Hermine symbolisch und erlebt Kämpfe gegen die Ordnung der Automobile. Gleichzeitig gibt es optimistische Gegenbilder, etwa die kleinen Schachfiguren, der souveräne Umgang von Wolf und Mensch miteinander sowie neue Möglichkeiten von Liebe und sexueller Erfüllung.

Zentral ist die Idee, dass der Mensch nicht nur eine einheitliche Seele hat. Das Traktat erklärt, dass in jedem Menschen unzählige verschiedene Formen existieren, nicht nur Hallers Gegensatz von „Mensch“ und „Steppenwolf“. Diese Vorstellung einer vielgliedrigen Seele hängt im Artikel mit Denkern und Strömungen wie Friedrich Nietzsches Unterscheidung von „Apollinischem und Dionysischem“, Sigmund Freuds Untersuchungen des Triebhaften und Unbewussten sowie C. G. Jungs Psychologie zusammen.

Außerdem wird der Roman mit Hesses Beschäftigung mit fernöstlichen Lehren verbunden. Der Weg zur Erleuchtung führt demnach nicht über extreme Askese oder Ausschweifung, sondern über die Kunst, Gegensätze zu verbinden. Im Steppenwolf entspricht dem die Integration der beiden Seiten Hallers. Humor erscheint dabei als Form der Transzendenz: Er zeigt die Lächerlichkeit menschlicher Wünsche und Ängste „sub specie aeternitatis“, also aus dem Blickwinkel der Ewigkeit.

Wirkung und Ausgaben

Der Steppenwolf wurde nach seinem Erscheinen sehr unterschiedlich aufgenommen. Das antibürgerliche und psychoanalytische Werk fand einerseits scharfe Ablehnung, andererseits begeisterte Zustimmung, besonders in literarischen Kreisen. In den 1960er Jahren wurde es zum Kultbuch einer Generation, vor allem bei jungen Lesern und in der Hippie-Bewegung, die in Harry Haller einen Seelenverwandten sahen.

In der NS-Zeit war der Roman trotz seiner pazifistischen Haltung nicht verboten, erhielt aber auch keine neuen Auflagen. In den USA wurde er in den 1960er Jahren mehrfach als unmoralisch aus Bibliotheken entfernt; in Colorado warf man ihm vor, Drogenmissbrauch und sexuelle Perversionen zu propagieren. Solche Konflikte trugen zur erneuten Hesse-Rezeption in den 1960er und 1970er Jahren in Amerika und Deutschland bei.

Der Roman wurde in die ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher aufgenommen. Das Manuskript ist im Literaturmuseum der Moderne in Marbach in der Dauerausstellung zu sehen; der Großteil von Hesses Nachlass liegt im Deutschen Literaturarchiv Marbach.

Wichtige Stationen der Veröffentlichung sind: Im November 1926 erschien in der Neuen Rundschau Der Steppenwolf. Ein Stück Tagebuch in Versen, im Mai 1927 ein Vorabdruck des Tractat vom Steppenwolf. Im Juni 1927 brachte der S. Fischer Verlag das Buch heraus. 1946 erschien es als 12. Band der Reihe „Manesse Bibliothek der Weltliteratur“. 1963 folgte die erste Taschenbuch-Ausgabe beim Deutschen Taschenbuch Verlag, 1969 eine Ausgabe in der Bibliothek Suhrkamp.

Adaptionen und Namenswirkung

Der Steppenwolf wurde mehrfach adaptiert. 1974 entstand der Film Der Steppenwolf unter der Regie von Fred Haines mit Max von Sydow in der Hauptrolle. 2002 veröffentlichte Der Hörverlag ein Hörspiel mit der Regie von Christiane Ohaus und Sprechern wie Manfred Zapatka, Anna Thalbach und Dieter Mann; es hat eine Länge von 200 Minuten.

Auch für die Bühne wurde der Roman bearbeitet. 2005 wurde Joachim Lux’ Theaterstück Der Steppenwolf am Burgtheater Wien uraufgeführt. Weitere Theaterfassungen wurden unter anderem 2017 am Schauspielhaus Bochum, 2019 am Theater Heilbronn und 2020 am Societätstheater Dresden gezeigt. Im Musiktheater wurde 2016 Der Steppenwolf von Viktor Åslund mit einem Text von Rainer Lewandowski am Mainfranken Theater Würzburg uraufgeführt; 2024 entstand ein Tanzstück von Goyo Montero am Staatstheater Nürnberg.

Der Roman wirkte außerdem auf die Pop- und Rockmusik. Songs von Hawkwind, Peter Maffay, Böhse Onkelz, Primordial und Boney M. beziehen sich auf ihn oder nutzen Motive daraus. Der Name selbst wurde ebenfalls übernommen: Die Hardrockband Steppenwolf benannte sich nach dem Buchtitel und veröffentlichte 1968 ihr Debüt-Album Steppenwolf. In Chicago gründeten Terry Kinney, Jeff Perry und Gary Sinise 1974 die Steppenwolf Theatre Company. Die Band DAAU, gegründet 1992, benannte sich nach dem Magischen Theater.

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