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Bildungsbürgertum
Das europäische Bildungsbürgertum entstand Mitte des 18. Jahrhunderts vor allem unter evangelischen Pfarrern, Professoren, Ärzten, reichen Kaufleuten und …
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Begriff und gesellschaftliche Rolle
Bildungsbürgertum bezeichnet eine einflussreiche gesellschaftliche Schicht, heute auch Bildungselite genannt. Sie misst humanistischer Bildung, Literatur, Wissenschaft sowie dem Engagement für Staat und Gemeinwesen großen Wert bei und pflegt diese Bereiche. Entstanden ist das europäische Bildungsbürgertum Mitte des 18. Jahrhunderts vor allem unter evangelischen Pfarrern, Professoren, Ärzten, reichen Kaufleuten und leitenden Beamten.
Seine Bedeutung als Deutungselite kultureller Erscheinungen beruhte besonders auf seiner starken Stellung an Universitäten und Schulen sowie bei der Bildung öffentlicher Meinung durch Presse und Literatur. Zugleich schuf die Schicht Bildungs- und Sprachbarrieren, die Ungebildeten den Zugang erschwerten. Pierre Bourdieus Konzept des kulturellen Kapitals, also von Wissen, Fähigkeiten und kulturellen Beziehungen als gesellschaftlichem Vorteil, wird teilweise aus dieser Milieubeschreibung hergeleitet. Bildungsbürger übernahmen andererseits häufig Verantwortung für Erziehung, Kultur und Gemeinschaft. Das Bildungsbürgertum ist keine völlig getrennte Gruppe, sondern überschneidet sich mit beruflichen, wirtschaftlichen und politischen Formen des Bürgertums.
Kultur und Bildungsverständnis
Kennzeichnend war der Umgang mit Kultur, auch im Selbstbild des Bildungsbürgertums. Bildung orientierte sich an bestimmten Kanons, also als wichtig geltenden Werken und Wissensbeständen. Dazu gehörten Literatur, Haus-, Kirchen- und Orchestermusik, Oper, Theater und später Film.
Theater, Opernhäuser, Konzertsäle und Museen waren zugleich Orte des gesellschaftlichen Austauschs, besonders in Großstädten. Ihre Gründung und Finanzierung gingen oft auf Mäzene aus dem Bildungsbürgertum zurück. Im 18. und 19. Jahrhundert förderte diese Schicht Kulturbauten, die häufig klassizistisch und tempelartig gestaltet waren und als erweiterte öffentliche Salons für soziale und politische Begegnungen dienten. Beispiele sind die Museumsinsel in Berlin (1830), die Wiener Staatsoper (1869) und das Städelsche Kunstinstitut in Frankfurt am Main (1833). Auch Privattheater und Stadttheater in kleineren Zentren brachten Opern- und Konzertaufführungen in die Provinzen.
Entstehung und Aufstieg im 18. und 19. Jahrhundert
In Deutschland lagen frühe Ursprünge seit der Reformation besonders im evangelischen Pfarrhaus. Dieses ergänzte und ersetzte teilweise die Klöster als Bildungszentren. Zunächst bildete sich die Schicht um Professoren und die wachsende Zahl von Staatsbeamten. Zu ihr zählten außerdem Pastoren, Lehrer, Apotheker, Ärzte, Rechtsanwälte, Richter, Kaufleute, Musiker, Künstler, Ingenieure und leitende Beamte.
Der spätabsolutistische Verwaltungsstaat benötigte für Reformen viele gut ausgebildete Staatsdiener. Er schuf Bildungsanstalten und sicherte Beamten Loyalität durch Steuerprivilegien, Befreiung vom Kriegsdienst und Bevorzugung vor Gericht. So entstand eine außerständisch-bürgerliche Schicht, die sich administrativ und kulturell, nicht vor allem politisch oder wirtschaftlich definierte. Sie trug zur gesamtdeutschen Nationalidee bei. Als Beispiel gelten die „Hübschen Familien“ aus Kurhannover.
Im 19. Jahrhundert stieg mit Industrialisierung und neuen Staatsstrukturen die Bedeutung wissenschaftlich ausgebildeter Bürger. Universitäten wurden zum zentralen Bezugspunkt; 1810 entstand die heutige Humboldt-Universität zu Berlin, daneben technisch spezialisierte Hochschulen wie die Eidgenössische Technische Hochschule Zürich. Bildungsbürgerliche Familien hatten oft privilegierten Zugang zu Gymnasien und Universitäten.
Wilhelm von Humboldts Bildungsideal zielte auf autonome Individuen und Weltbürger. Universitäre Bildung sollte nicht berufsbezogen sein und unabhängig von wirtschaftlichen Interessen erfolgen. Damit richtete sich das Ideal auf eine „menschliche Gesellschaft der Gleichen“, obwohl sich Teile des Bildungsbürgertums sozial abgrenzten. Nach Klaus Vondung kennzeichneten die Gruppe akademische Ausbildung, ähnlichen Bildungswegen folgendes „In-Group-Verhalten“, hohe Selbstrekrutierung, Vorrang von Prestige vor wirtschaftlichem Erfolg, überwiegend protestantische Konfession, der Anspruch einer kulturellen Elite sowie Berufe, welche bürgerliche Ordnungsentwürfe vermittelten.
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurde das Bildungsbürgertum politisch aktiv; der Liberalismus entsprach seinen Interessen. Die von ihm mitinitiierte Revolution von 1848 scheiterte unter anderem an der Spaltung des Bürgertums in rivalisierende Richtungen. Danach zog es sich zunächst aus der Politik zurück und kehrte erst in den 1860er Jahren stärker ins öffentliche Leben zurück. Kultur wurde auch im Feuilleton großer deutschsprachiger Zeitungen auf eine Stufe mit Politik und Wirtschaft gestellt.
Wandel seit dem 20. Jahrhundert
Weltkriege, Diktaturen, Währungsreformen, die Judenverfolgung im Dritten Reich und die antibürgerliche Ideologie des Kommunismus in der DDR veränderten im 20. Jahrhundert gesellschaftliche Eliten wiederholt. Alte Eliten stiegen ab oder wurden vertrieben, während neue Eliten oft aus kleinbürgerlichen, handwerklichen oder lohnarbeitenden Milieus aufstiegen. Die Gesellschaft wurde unter Begriffen wie „Nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ und „Zwei-Drittel-Gesellschaft“ als breite neue Mittelschicht beschrieben.
Zur traditionellen breiten Bildung gehörten Bibelstudium, altsprachliche, historische, kunsthistorische und literarische Kenntnisse sowie Musik, Kunst und Gesellschaftstanz. Beruflich waren Rechtswissenschaft, Medizin und Handelsgeschäfte wichtig. Seit dem 19. Jahrhundert gewannen Mathematik, Physik, Chemie und Biologie an Bedeutung; im 20. Jahrhundert kamen unter anderem Wirtschafts- und Informationswissenschaft sowie Informatik hinzu. Die zunehmende Spezialisierung des Berufslebens machte die Aneignung eines umfassenden Bildungskanons schwieriger und weniger notwendig. Das Ideal wirtschaftlich verwertbaren Spezialistentums verdrängte nach dem Artikel das humboldtsche Bildungsideal. „Bildungsbürger“ wurde bisweilen abwertend verwendet.
Im 21. Jahrhundert beschreibt David Goodhart einen Gegensatz zwischen „Anywheres“ und „Somewheres“: global tätigen, digital kompetenten und meist progressiv eingestellten neuen „Weltbürgern“ einerseits sowie Menschen mit beruflichen, sozialen oder regionalen Abstiegsängsten andererseits. Diese neuen Weltbürger verfügten jedoch nicht unbedingt über die umfassende Bildung des humboldtschen Ideals. Heinz Bude sieht aus Sorge vor dem Verlust eines „prekären Wohlstands“ „Koalitionen der Angst“ und ein „diffuses Systemmisstrauen“ entstehen, die anti-intellektuellen Populismus begünstigen könnten.
Gustav Seibt zufolge wird humanistisches, oft national geprägtes hochkulturelles Wissen in der digital vernetzten Aufmerksamkeitsökonomie entwertet: Ein Kanon versinke, ohne dass ein neuer sichtbar sei. Cornelia Koppetsch beschreibt mögliche „neue Ressentimentgemeinschaften“ zwischen materiell Deklassierten, den „Wutbürgern“, und kulturell verlusterfahrenden „altmodischen Gebildeten“, den „Kulturpessimisten“.
Stadtviertel des Bildungsbürgertums
Im 19. Jahrhundert entstanden in vielen Städten ganze Quartiere für das aufstrebende Bürgertum. Sie unterschieden sich sowohl von aristokratischen Stadtpalais als auch von einfachen Arbeiterunterkünften, waren meist großzügig von Grünflächen umgeben und repräsentativ gestaltet. Das Musikviertel in Leipzig gilt als Beispiel für solche städtebaulichen Entwürfe der Gründerzeit.
Genannt werden unter anderem Charlottenburg, Dahlem, Lichterfelde, Nikolassee, Schöneberg, Wilmersdorf und das ehemalige Hansa-Viertel in Berlin; der Weiße Hirsch in Dresden; Bockenheim und Westend in Frankfurt am Main; das Paulusviertel in Halle (Saale); Hamburg-Nord und die Elbvororte; Neuenheim und Weststadt in Heidelberg; das Musik-, Bach- und Waldstraßenviertel in Leipzig sowie Neuhausen-Nymphenburg und Schwabing in München. Weitere Beispiele sind Riedenburg in Salzburg, das Cottageviertel in Wien, Bachletten und Ring-Quartier in Basel, Kirchenfeld in Bern sowie Enge und Hottingen in Zürich.